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E_1934_Zeitung_Nr.049

E_1934_Zeitung_Nr.049

BERN, Freitag, 15. Juni 1934 Nummer 20 Cts. 30. Jahrgang - N«»49 ERSTE SCHWEIZERISCHE AUTOMOBIL-ZEITUNG Zentralblatt für die schweizerischen Automobil- und Verkehrsinteressen ABONNEMENTS-PREISE: Erscheint jeden Dienstag nnd Freitag Monatlich „Gelbe IMW Halbjährlich Fr. 5.-, jährlich Fr. 10.-. Im Ausland unter Portoznschfeg, ••fern nicht porUmtlleh bestellt. Zuschlag tür postamtlieh« Bactallunf 30 REDAKTION a. ADMINISTRATION: Brcitenralnstr. 97, Bern Rappen. Postchack-Rtchnnnc II1/414. Telephon 2&222 TviacrainnyAdreSH: A«toc»vue, Ben Krisenbekämpfung und Arbeitsbeschaffung So betitelt sich das eben im Druck erschienene Gutachten (Verlag Francke, Bern), *) das Sich das eidg. Volkswirtschaftsdepartement Von den Herren Rob. Grimm und Dr. Ferd. Rothpletz erstatten lässt. Quintessenz: Der Bund stellt zur Finanzierung der Krisenmassnahmen 500 Millionen FT. zur Verfügung, beschafft die Mittel durch die laufenden Einnahmen und durch Aufnahme von Anleihen und ist befugt zur Ausgabe von Prämienobligationen, eventuell zur Errichtung einer Staatslotterie. Wie die Experten im Vorwort hervorheben, vermeiden sie bewusst die Aufstellung konkreter Bauprojekte für bestimmte Wasser-, Strassenbauten oder Meliorationen und zeigen bloss den Rahmen, der die Verwirklichung solcher Projekte und Vorschläge zu- Jasst. Bevor dieser Rahmen timrissen wird, geben die Experten einen Ueberblick über die bisherigen Massnahmen und Leistungen des Bundes betreffend Arbeitsnachweis, Arbeitslosenversicherung, Krisenunterstützung, Arbeitsbeschaffung, Hilfsaktionen für bedrängte Industrien, zoll- und handelspolitische Massrahmen usw. Sehr konkret und ausführlich präsentieren sich vor allem die Posten für die Bundesbahnen bei den ordentlichen wie ausserordentllchen Aufwendungen des Bundes, aber auch im Abschnitt über neue, direkte Arbeitsbeschaffung durch den Bund. Man möchte wünschen, dass der Rahmen ebenso reich ausgefüllt wäre, wo es sich um das für unsere Volkswirtschaft so wichtige moderne Verkehrsmittel und seine Existenzbedingungen, die Strasse, handelt. Im Abschnitt über systematische Krisenbehandlung wird die Tatsache hervorgehoben, dass sich bei gleichbleibender Einfuhr Unsere Ausfuhr in fünf Jahren um 40 Prozent gesenkt hat. Dass diese Unterbilanz in beträchtlichem Masse durch vermehrten Fremdenverkehr ausgeglichen werden sollte, ist die Tendenz aller Bemühungen, die neu- *) Krisenbekämpfung — Arbeitsbeschaffung. Gutachten, dem Eidg. Volkswirtschaftsdepartement erstattet von Robert Grimm und Ferd. Rothpletz. Verlag: A. Francke, A.-G., Bern, Preis Fr. 2.50. Umfang 132 Seiten. F E U I L L E T O N Die ewige Wahrheit. Roman von Oskar Sonnlechner. (36. Fortsetzung) «Ich wundere mich, dass er noch nicht hier ist.» Unruhig sah sie um sich. «Hören Sie weiter. Ich war bereits drei Monate in Paris, Freund Hannes, ohne Jul ein Lebenszeichen gegeben zu haben. Und doch waren meine Gedanken immer bei ihm. Meine schönen Augenblicke waren die Tage, an denen ich mich wohler fühlte, die in mir die Hoffnung aufdämmern Hessen, in der ich mich wiedersah ... wie ich einst war... an meiner Seite Jul... aus seinen Augen leuchtet seine Liebe zu mir... das Liebkosen seiner Stimme... bis mein Blick auf meine armen Hände fiel .., die er so geliebt.» Sie lächelte schmerzlich. «Bis ich doch eines Tages in meiner Sehnsucht nach ihm, in der düsteren Einsamkeit meines Lebens, schwach wurde. Nur einmal noch Jul wiedersehen! Nur einmal noch! Getragen von der Hoffnung, ich könne ihm vielleicht doch noch die sein, die ich ihm einst war, der er mir so oft gestand, weit über alle Schönheit, die mir Gott gegeben... aber wozu die Erinnerung solcher Gedanken, Freund Hannes?» Sie schwieg. «Ersparen Sie mir, es Ihnen zu schildern, als ich Jul wiedersah. Haben Sie Jul je weinen gesehen, Freund Hannes? Den grossen, starken Jul. Nein? Ich habe es gesehen und habe es gefühlt. Er weinte um mich. Und meine Augen blieben trocken, nur um ihm das Herz nicht noch schwerer zu machen-» lieh wieder am Fremdenverkehrskongress in Bern zum Ausdruck kamen. Uns will scheinen, dass in einer Arbeit über Krisenbekämpfung nicht übergangen werden durfte die Tatsache, dass auf dieser Linie die erfreuliche Entwicklung des schweizerischen Antomobiliremdenverkehrs liegt. Qewiss wird nicht mit Unrecht die Abwanderung des Schweizers nach ausländischen Ferienorten und durch Auslandsreisen auf die Valutasituation zurückgeführt. Eine Besserung der Lage im Hotelgewerbe, heisst es im Gutachten, werde erst eintreten, wenn die schweizerische Wirtschaftslage den neuen Verhältnissen angepasst sei und eine gewisse Stabilisierung durch die zu treffenden staatlichen und privaten Massnahmen erfahren habe. Zu den neuen Verhältnissen gehört die Modernisierung der Gaststätten, vermehrte Rücksichtnahme auf Sport- und Badebetrieb u. a. Gewiss! Hier aber den Automobilfremdenverkehr und dessen Anforderungen nicht an hervorragender Stelle zu nennen, ist eine Verkennung der wirklichen Verhältnisse, die sich in dem einen Satz charakterisieren lassen, dass im Jahre 1933 rund 227,000 Fremdenautomobile (33,000 mehr als im Vorjahre!) etwa 85 Millionen Fr. in unserem Lande zurückgelassen haben. Auf welchem Gebiete, so fragen wir, hat das schweizerische Fremdengewerbe eine in ähnlicher Weise erfreuliche Erscheinung aufzuweisen? Man kann aber auch sagen, dass diese Klasse von Auslandbesuchern nicht in dem Masse zunimmt, wie es der Fall wäre, wenn wir unsern Konkurrenzländern mit einem modernen Netz von Hochstrassen Ebenbürtiges entgegenstellen könnten. Im Jahre 1935 werden nicht nur Hunderttausende von Au- Mit einem schmerzhaften Zucken um den Mund streckte sie mir die abgemagerten Hände hin. «Was dann war? Die Aufregungen dieses Wiedersehens warfen mich nieder. Es war zu viel für mein armes Herz. Ein Fieberan- 'fall überstürzte den anderen. Tage und Nächte sass Jul an meinem Schmerzenslager, er hielt meine fieberheissen Hände umklammert. Nur er durfte meine brennende Stirne kühlen. Mit leise geflüsterten Worten beruhigte er mich. Meine Blicke aber hingen an ihm, den ich in der Finsternis meines Lebens wiedergefunden. So wie ich es nicht 'zu erhoffen wagte, unverändert in seiner Hingabe zu mir, trotz allem, was mich äusserlich betroffen. Ich erholte mich und hing müde an seinem Arm, die ersten Gehversuche wagend. Wir sprachen viel von dem, was einst war, aber nie von dem, was einst sein wird. Wie wenn es aus unserem Denken ausgeschaltet wäre. So vergingen die ersten Wochen. Welche schöne Tage lebten wieder in uns auf. In dem kleinen Garten unseres Häuschens in Passy. Mein Krankenstuhl stand in der wärmenden Sonne unter dem Grün der Baumkronen, durch die das goldene Sonnenlicht flutete, seine besorgten Blicke behüteten mich, und in der Zärtlichkeit seiner Worte erinnerte mich nichts an mein Siechtum, wie die Sorgfalt, mit der er jeden Atemzug von mir belauschte. Stundenlang sass er an meiner Seite und plauderte mit erzwungener Fröhlichkeit, immer meine Hände in den seinen haltend* die ich ihm immer wieder entzog, um sein goldenes Blondhaar zu liebkosen. Immer sprachen wir tomobilisten aus allen möglichen Ländern die von Oesterreich jetzt schon mit grosszügiger Reklame angepriesene Grossglocknerstrasse besuchen, sondern dieses Kontingent wird um Tausende von Schweizern vermehrt werden. Vom Strassenbau als Notstandsarbeit ist in dem Gutachten nur sehr mittelbar oder sagen wir: «rahmenmässig> die Rede. Der Bund, heisst es, ist nicht in der Lage, allgemeine Notstandsarbeiten durchzuführen. Sie sind Sache der Kantone und Gemeinden. Er kann nur mit Subventionen eingreifen und darüber wachen, dass Notstandsarbeiten einem nützlichen und wirtschaftlichen Zweck dienen. — Wenn diese Bedingungen für irgend etwas zutreffen, so ist es sicher für die Strasse. Dass der Bund nicht selber Strassen bauen kann, das hat leider die Verwerfung der von den Politikern sabotierten Strassenverkehrsinitiative im Jahre 1929 — ein Landesunglück — verschuldet. Das Missverhältnis der Aufwendungen des Bundes für die Strasse erhellt aus dem Abschnitt «Ordentliche Leistungen des Bundes 1934». Nennen wir ein paar Zahlen: S.B.B. 112,4 Mill., Post, Telegraph, Telephon 81,9 Mill., eidgenössische Bauten 14,2 Mill., Strassenbauten 10,1 Mill. (Subventionen inkl. Benzinzoll)! Die Zahlen mögen für sich selber sprechen. Bekanntlich will die Alpenstrassenlnitiative alles, was vom Benzinzollertrag über 20 Mill. hinausgeht, der Strasse zuwenden und nicht bloss die weitere Entwicklung des Automobilfremdenverkehrs ermöglichen, sondern damit in grosszügiger Weise einen Weg der produktiven Arbeitslosenfürsorge eröffnen, womit die Forderung des Gutachtens — nützlicher und zugleich wirtschaftlicher Zweck — restlos erfüllt wird. Darum erscheint es merkwürdig, dass in dem Gutachten die seit November 1933 laufende Initiative (deren Erfolg längst abzusehen war) nicht erwähnt wird. Im Abschnitt über das Programm der Krisenbekämpfung und Arbeitsbeschaffung ist dann vom Strassenbau auch die Rede: < Die Anlegung von neuen Durchgangsstrassen würde es dem Touristen erlauben, das Land in kurzer Frist zu durchfahren, ohne die Wirtschaft zu befruchten. In Betracht kommt der Ausbau des bestehenden Strassennetzes und die technisch richtige Instandetellune der Alpenübergänge. » Was ist unter «Durchgangsstrassen> gemeint? Sind es Fernverkehrsstrassen nach den Projekten des Schweizerischen Autostrassenvereins (z. B. Basel-Bern und -Luzern, Bern-Zürich), dann ist die Schlussfolgerung im ersten Satze falsch. Mit den Alpenstrassen müssen auch die Zufahrtsstrassen (die schliesslich durchs ganze Land durchlaufen werden) modernisiert werden, wobei häufig ein neues Trasse notwendig wird. nur von einem. Von all dem Schönen, das wir zusammen geteilt. Aber nie sprachen wir von dem, was uns dann betroffen. Vielleicht gerade in diesen schönen Stunden fühlten wir, ohne es uns zu gestehen, dass das Schicksal zwischen uns trat und jedem seinen Weg wies. Dem einen hier, dem anderen dort. Dass trotz allem die Stunde unerbittlich kommen müsse, die jeden zwingt, allein seinen Lebensweg zu gehen. Man wendet den •Kopf... man sieht sich verschwinden... man winkt sich zu... ein kleiner Punkt am Horizont der Erinnerung... und alles ist vorbei.» Sie sass, den Kopf zurückgelehnt, wie im Halbschlaf sprach sie vor sich- hin. Wie in einem schnellen Erwachen raffte sie sich auf. «So vergingen die ersten Wochen. Ich scherzte scheinbar und nannte. ihn. meinen Krankenwärter. In Wirklichkeit war er es. Ich fühlte das Opfer, das er mir brachte, das ich nicht annehmen durfte. Es kamen Stunden, es kamen Tage, die ihm eine Besserung meines Zustandes vortäuschten, und wenn er mir dann mit zärtlichen Liebkosungen eine hoffnungsvolle Zukunft hinzauberte, lebte ich unter seinen Worten des Trostes auf. Aber wenn ich in meinen Spiegel sah, dann erkannte ich die unerbittliche Wahrheit, dass aus ihm, ohne dass er sich dessen bewusst war, die Liebe des Mitleids, die Liebe des Trostes sprach. Verstehen Sie mich, Freund Hannes?» Sie nippte an dem Glas Wasser neben sich und lehnte ermüdet den Kopf zurück. Ein trockener Husten erschütterte sie. Mit schleppender Stimme fuhr sie fort. «Für mich war es ein schwerer Kampf* INSERTIONS-PREIS: Die aehtgespaltene 2 mm hohe Grundzeile oder deren Raum 45 Cts. für die Schweiz; für Anzeigen aus dem Ausland 60 Cts. Grössere Inserate nach Seitentarif. Inmrat«n»eblnss 4 Tage vor Erscheinen der Nummern Auch hiefür hat die Alpenstrasserainitiative vorgesorgt Wir brauchen nicht hervorzuheben, dass die Alpenstrasseninitiative bei ziemlich der ganzen Bevölkerung ungemein populär ist Leider nicht überall im Bundeshaus, müssen wir beifügen, wo eine prominente Persönlichkeit sich geäussert hat, die Strassen im Schweizerland seien gut genug und die produktive Arbeitslosenfürsorge die teuerste. Es ist auch gesagt worden, Art. 23 und 37 der Bundesverfassung gäben den Bundesbehörden das Recht zu selbständigem Vorgehen im Alpenstrassenbau und der Alpenstrasseninitiative falle eine rechtliche Bedeutung kaum mehr zu — wobei sich dann allerdings die Frage aufdrängt: Warum hat denn der Bundesrat nicht schon lange etwas angeregt und unternommen? Mehr als je auch drängt sich, gerade im Anschluss an das Gutachten Grimm-Rothpletz, die Ueberzeugung auf, dass die Initiative nicht verwässert werden darf, sondern in der Form verwirklicht werden muss, wie sie auf den Unterschriftsbogen gestanden hat. Das war auch die Meinung des Initiativkomitees, das den Mitgliedern der Bundesversammlung einen Bericht über den Verlauf und die Bedeutung der Initiative einreichen wird (oder bereits eingereicht hat) und die Schaffung eines Kampffonds für die Verfechtung in einer allfälligen Volksabstimmung beschloss. Die Aeufnung dieses Fonds wird sich die Schweizerische Verkehrsliga angelegen sein lassen, deren Vorstand ebenfalls einstimmig zum Schluss kam, am Wortlaut der Initiative strikte festzuhalten. Ihr Erfolg in der Abstimmung steht ausser Frage für diejenigen, die sich daran erinnern, dass 1929 die den ganzen Benzinzoll fordernde Initiative, trotz der Bekämpfung durch nahezu die ganze Tagespresse, eine Viertelmil- Hon Jasager aufgebracht hat. Leider aber wird die Initiative in der gegenwärtigen Session nicht mehr behandelt werden, da das Volkswirtschaftsdepartement das Volksbegehren vom Standpunkt der Arbeitsbeschaffung und das Militärdepartement im Hinblick auf die militärische Bedeutung einzelner Strassen zum Gegenstand einer besondern Prüfung machen möchte. Unterdessen wird in unsern Konkurrenzländern weitergebaut und weitergeworben... 0 meine innere Feigheit zu überwinden. Es war für mich nicht leicht, mich selbst zu überzeugen, dass einmal auch er zur Erkenntnis kommen müsse, dass wir nicht mehr zueinander gehören. Den unerbittlichen Gesetzen menschlichen Empfindens muss man sich unterwerfen. Es ist sinnlos, dagegen anzukämpfen. » Sie sah schweigend vor sich hin. Ich fühlte, dass sie mit sich überlegte, dass sie für Gedanken keine Worte fand. Ich wagte es nicht, sie mit einem störenden Wort aufzuschrecken. «Ich will nur eines, Freund Hannes», fuhr sie stockend fort, «nur eines...» «?» «... ich will auf Jul verzichten », mit geschlossenen Augen sprach sie weiter, «ich will auf Jul verzichten ... bevor er auf mich verzichtet ... ich will ... dass kein Schatten auf den Sonnenweg unserer Vergangenheil fällt» «Frau Enid! Sie wollen auf Jul verzichten?» « Man kann verzichten, ohne zu verlieren.» « Aber Sie gestehen selbst, Frau Enid, dass Jul Sie heute noch liebt Unwandelbar, wie .-» « Heute noch.» « Was berechtigt Sie, an ihm zu zweifeln? » Sie Hess den Kopf sinken. « Weil er ein Mann ist... nnd keine Frau.» Ich suchte nach einer Erwiderung. Endlich fand ich den rettenden Gedanken. «Wie können Sie nur daran denken, Jul zu verlassen? » «Ich folge dem Rat eines guten Freundes.» « Eines guten Freundes? » « Mein Spiegel!.»