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E_1934_Zeitung_Nr.048

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10 AUTOMOBIL-REVUE

10 AUTOMOBIL-REVUE 1934 - N° 48 Zeit bis zur Grenze seiner Leistungsfähigkeit ausgefahren werden, wenn man eine lange Lebensdauer von ihm erwarten will. Nicht umsonst schreiben auch die Konstrukteure von Flugmotoren für den Reiseflug eine Drehzahl vor, die etwa 10 % unterhalb der maximalen Drehzahl liegt. Alles in allem stellt eine gute Schmierung das beste Mittel dar, um die Abnützung zu vermeiden. Solange' die Metalloberflächen von Lagern und Zapfen durch einen Oelfilm voneinander getrennt sind, ist ihre Abnützung praktisch ausgeschlossen. Nur erstklassige Oele sind gut genug und der Oelvorrat im Kurbelgehäuse muss innerhalb der vorgeschriebenen Zeitabstände erneuert und der Filter gereinigt werden. Durch Wasser, Säuren, Russ, Strassenstaub und Benzin verliert sonst das Oel immer mehr von seinen II Kolbenringe, die in ihren Nuten übermässiges Spiel besitzen, wirken wie Pumpen, indem sie anormale Oetaengen in den Verbrennungsraum hinauf fördern. Schmiereigenschäften. Um wenigstens die Verschmutzung des Oels mit Strassenstaub zu vermindern, empfiehlt sich in jedem Fall die? Anwendung eines Luftreinigers. Verbraucht ein Motor anscheinend kein OeU so hat man es durchaus nicht mit einer erfreulichen Erscheinung, sondern mit dem Anzeichen irgendeiner Störung zu tun. Möglicherweise treten ständig Benzindämpfe in grösseren Mengen oder Wasser in den Oelvorrat des Kurbelgehäuses über. Ein effektiver Oelverbrauch ist nicht zu vermeiden, solange die Schmierung wirksam arbeitet. Das zur Schmierung der Kolben und Zylinder nötige Oel tritt nach und nach, wenn auch in kleiner Menge, in den Verbrennungsraum, wo es verbrennt. Ist man gewillt, eine genügende Summe für .die Instandhaltung des Motors auszugeben, so lässt sich dessen Lebensdauer unbegrenzt verlängern. Praktisch ist die Lebensdauer nur durch das Verhältnis eines Repäraturkostenaufwandes zum Abschreibungswert des Wagens begrenzt. Bis zum Moment, in dem diese Grenze erreicht ist, gilt für den Wagenbesitzer als wichtigster Faktor die Zuverlässigkeit und Betriebssicherheit des Motors. -y- Praktische ml^e Beim Versagen der Batteriezündung infolge zu geringer Batteriespannung oder defekter Batterie verbinde man vier einander parallel geschaltete Tasehenlampenbatterien einerseits mit der Zündspule und anderseits mit der Masse. Die Zündung wird damit wieder einige Zeit funktionieren. at. Durchbohren einer Glasscheibe. Da man Glas nicht ankernen kann wie Metall, so muss Zuerst eine Bohreinrichtung geschaffen werden, welche den Bohrer am seitlichen Ausweichen verhindert. Der Bohrer selbst ist aus Messing oder weichem Eisen herzustellen, und zwar stets röhrenförmig, wobei die arbeitende Kante leicht, jedoch nicht etwa messerscharf angeschärft wird. Zum Bohren nimmt man mittelfeinen Schmirgel, etwa so, wie er durch ein Teesieb fällt» Durch Zusatz von reichlich Wasser erhält man einen sehr dünnflüssigen Brei, den man unter fortwährendem Rotieren der Messinghülse aufgibt. Nicht der Bohrer schneidet, sondern die dünne Schicht der Schmirgelkristalle. Durch unvermeidliches Unrundlaufen wird das Loch stets etwas grösser als der Bohrer. Es sei besonders betont: Viel Wasser oder Petroleum zugeben. Die erforderliche Umdrehungszahl der Bohrspindel sei etwa 600—1200 pro Minute. M. Z. Das Oelsieb nicht entfernen ! Das Oelauffüllen geht manchen Fahrern nicht schnell genug; sie nehmen deshalb kurzerhand das Sieb heraus. Dabei vergessen sie ganz, dass es eine ausserordentlich wichtige Funktion zu erfüllen hat, nämlich die etwa im Oel be- Mitteilung 9091. Kühlerreini&ung. Im Januar klagte ich Ihnen mein Leid, dass sich mein sonst so braver Sechszylinder schon bei kleinen Bergstrecken sehr stark erhitze und koche. Ich hatte ihn schon zur Behandlung in Garagen gegeben, es hatte alles nichts genutzt. Ich äusserte dann bei Ihnen den Wunsch, noch .: eine Prozedur mit Salzsäure zu probieren, wozu Sie mir eine Anleitung gaben. Heute kann ich Ihnen melden, dass dieses Verfahren voll und ganz zum Ziel geführt hat. Ich habe seither verschiedene Pässe befahren, ohne dass der Wagen je wieder ins Kochen kam. Vielleicht interessieren sich Leser Tim einige Details. Ich verwandte im ganzen 1 Liter Salzsäure, die ich in zwei Hälften abteilte. Nach Einfüllung der ersten Hälfte, in gehöriger Verdünnung mit Wasser, in das Kühlersystem, Hess ich den Motor einige Zeit laufen. Nach kurzer Zeit konstatierte ich, dass die Flüssigkeit nicht mehr sauer war, sich also wirklich duroh Auflösen von Kalk abgestumpft hatte. Ich Hess eine Probe in ein Gefäss heraus und versetzte sie mit starker Sodalösung. Es schied sich ein dicker Brei aus (kohlensaurer Kalk?), der beste Beweis, dass die Salzsäure gewirkt hatte. Nun spülte ich das Kühlersystem (unter Laufenlassen des Motors) solange mit Wasser durch, bis eine entnommene Probe mit Soda keinen Niederschlag mehr •erzeugte. Dann wiederholte ich die ganze Prozedur mit der 2. Hälfte Salzsäure, spülte gehörig mit Wasser durch, gab etwas Sodawasser in den Kühler zur Neutralisation event. noch zurückgebliebener kleiner Säurerestchen. und spülte nochmals gehörig mit reinem Wasser nach. Ich halte es für wichtig, dass man Soda erst in den Kühler gibt, wenn eine entnommene Probe keinen Niederschlag mehr zeigt, der in der Salzsäure aufgelöste Kalk also vollständig herausgespült worden ist: sonst würde sich der Kalk neuerdings festsetzen. W. D. in B. Frage 9092. Bezugsquelle für Auto-Politur «Ex». Können Sie mir die Bezugsquelle der Auto-Politur • Ex» angeben? Ich habe dieselbe früher immer zu meiner besten Zufriedenheit angewandt und möchte sie nun auch weiterhin verwenden. F. L. in Z. Frage 9093. Bezugsquelle für Vorderradbremsen. Ich bitte Sie um Bekanntgabe einer Spezialfirm a, welche Vorderradbremsen für Wagen ältefindlichen Fremdkörper zurückzuhalten. Die rer Jahrgänge herstellt. A. '3. in B. verhältnismässig engen Bohrungen, die das Frage 9094. Reinigung des Motors. Ich habe neulich mit einem Kollegen eine Meinungsverschiedenheit gehabt betreffend das Waschen des Mo- Oel bis zu den Schmierstellen zu passieren hat, werden durch verunreinigtes Oel leicht verstopft, so dass der gesamte Oelumlauf ins Stacken gerät und die Schmierung unterbrochen wird. Uebermässiger Verschleiss und erheblicher Motorenschaden lehren dann den Fahrer, dass die geringe Zeitersparnis beim Oelauffüllen durch die Entfernung des Siebes mehr als wettgemacht wird durch den Zeitverlust, den die Reparaturen vtrur* Sachen — von den Kosten ganz zu schwei- Ken.- • «•. ''.p >-,,r*i Tedi *•» '«»«I* tors. Nun mächte ich fragen, ob es tatsächlich ohne Nachteil für den Motor möglich ist, ihn mit dem Schlauch tüchtig abzuspritzen, natürlich während er läuft. Mein Kollege behauptet dies. Ich habe aber schon sehr oft beobachtet, speziell bei freiliegenden Kerzen, dass dieselben nachher nicht mehr funktionierten. Ich ziehe es vor, den Motor mit Pe,trol und Oel zu reinigen, was allerdings bedeutend mehr Zeit erfordert. Ich ersuche Sie deshalh^um Ihre Meinung. W. H. in Z. A nj ly o r t: Wenn das Abspritzen mit Wasser einem 'müdernen, -weitgehend verschalten Motor auch keinen direkten Schaden zufügt, so ist es doch nicht empfehlenswert. Bei einem solchen Vorgehen kann Wasser, leicht in den Vergaser, i«i den Magneten oder in die empfindlichen Organe der elektrischen Beleuchtungsanlagen eindringen und dann Störungen verursachen, ganz abgesehen davon, dass es sich als Lösungsmittel für den meist mit Oel durchtränkten Schmutz nicht eignet. Richtig geht man vor, indem man als Reinigungsmittel Benzin oder Petrol verwendet. Vorsichtshalber ist dabei jedoch , die Beleuchtungs-Batterie abzuschalten und der Motor nach erfolgter Reinigung nicht sofort in Betrieb zu setzen, da sonst leicht ein zufälliger Funken einen Brand zur Folge haben könnte. Bei der Reinigung mit Petrol oder Benzin ist auch darauf zu achten, dass die Kabel trocken bleiben, weil ihr Isolier-Material nach und nach Schaden leiden könnte. luvist. Si» edis sonst at Anfrage 414. Reparaturkosten. Im Monat Februar musste ich einem entgegenkommenden Auto ausweichen. Nur eine Flucht über das Strassenbord konnte einen Zusammenstoss vermeiden. Wer hat für die beim Ausweichen eingetretenen Schäden aufzukommen? Der Gegenfahrer war damals so freundlich und zuvorkomme ", bedankte sich in aller Form, dass der Zusammenstoss vermieden werden konnte. Er übergab mir seine Karte und erklärte sich zu allem bereit. Damals war er eben an «inem argen Unglück vorbeigekommen. Nun scheint dieser Herr wohl alles vergessen zu haben, oder könnte die Versicherung dahinter stecken? Ich beabsichtige die Sache einem Anwalt zu übergeben. Gegenfrage, wäre es vorher noch zweckmässig Betreibung anzuheben? oder wie ist vorzugehen? H. G. in B. Antwort: Die Tatsach«, dass die beiden Wagen einander nicht berührt haben, schliesslich unseres Erachtens die Haftpflicht des Gegenfahrers nicht aus. Um einen Zusammenstoss zu vermeiden, waren Sie offenbar gezwungen, über den Strassenrand hinaus zu fahren. Der Schaden, der dabei entstanden ist, ist also eine unmittelbare Folge des rechtswidrigen, sohuldhaften Verhaltens des Gegenfahrers, der entgegen der klaren Vorschrift des Art. 26 des Moforfahrzeuggesetzes auf die linke Strassenseite gefahren ist. Wenn also bewiesen werden kann, dass eich der Unfall so ereignete, wie Sie ihn schildern und wenn ferner feststeht, dass der Schaden an Ihrem Wagen wirklich beim Uebcrfahren des Strassenrandes entstanden ist, so muss die Haftpflichtversicherin d«= Gegenfahrers Ihnen denselben ersetzen. Am besten wäre es wohl, wenn Sie oder Ihr Anwalt sich mit der betreffenden Versicherungsgesellschaft in Verbindung setzen würden. Mit Rücksicht auf den geringen Betrag, der hier in Frage kommt, dürfte eine gütliche Einigung ohne weiteres möglich sein. Es ist daher nicht notwendig, dass Sie den Gegenfahrer oder dessen Versichererin betreiben. Sollten die Verhandlungen mit der Versicherungsgesellschaft wider alles Erwarten ergebnislos verlaufen, so können Sie immer noch Klage einreichen. Ihre Forderung verjährt erst im Februar 193ß. * CHRYSLER PLYMOUTH DE SOTO GARAGE ET ATELIERS DES JORDILS S.A. Grands ateliers sp^cialement bien outillis. 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Bern, Dienstag, 12. Juni 1934 III. Blatt der „Automobil-Revue" No. 48 Die Angst vor der Stille Dem im Verlag Rentsch, Erlenbach-Zürich, erschienenen neuen Werk des bekannten Reiseschriftstellers Richard Katz « Die drei Gesichter Luzifers > entnehmen wir den nachfolgenden Abschnitt. Die Reise führt diesmal ins fragwürdige Innere unserer Zivilisation. Liegt ein Wäldchen wo in Ruh" — Gleich singt's Quartett: ,Wer hat dich, du...' » 1. Aus den Schallwellen gezogen, die ihn allseits umspülen, schnappt der zivilisierte Mensch ängstlich nach Luft. So sehr ist ihm Lärm zur Gewohnheit geworden, dass er vor der Stille wie vor etwas Feindseligem zurückbebt. Vor der gesegneten Stille, die alle guten Gedanken geweckt, alle wahrhaft grossen Werke befruchtet hat! Vor der Stille friedlichen Weidelandes, wo Gott aus dem brennenden Dornbusch zu Mose sprach.., vor der Stille des Oelhains, wo der Engel Jesu stärkte... vor der Stille des Waldes, die den gütigsten Menschen — den heiligen Franziskus von Assisi — schirmte... vor der Stille des gestirnten Firmaments, in der Kant der reinen Vernunft nachsann... vor der Stille der Berge, in der Nietzsche schweigende Zwiesprache mit Zarathustra hielt... vor der Stille des Gartenhäuschens, in der Mozart seine «Zauberflöte» komponierte. Sogar vor der Stille des Waldes, die so vielfach belebt ist vom Rauschen der Bäume, vom Zwitschern der Vögel und vom Summen der Insekten — von all jenen natürlichen und angenehmen Melodien, die sich der Stille anschmiegen, ohne sie zu zerreissen —, selbst vor ihr erschauern die Lärmenden. «Grabesstille», «Totenstille», argwöhnen sie und beeilen sich, sie mit Geschwätz und Gesang zu vernichten. Selbst die naturhungrig wandernde Jugend waffnet.sich gegen sie mit Gitarren. Es ist ein sauersüsses Schauspiel — aus Drama gemischt und aus Posse — Ferienreisende, die dem Lärm der Städte zu entfliehen gedenken, Instrumente mit sich führen zu sehen, mit denen sie Lärm erzeugen: Liederbücher, Lauten und Koffer-Grammophone. «Wir suchen die Stille», versichern sie einander, «unsere Nerven sind ja so herunter!» Und dann suchen Sie die Stille: in der schütternden, pfeifenden Eisenbahn; in dünnwandigen Hotelzimmern, in denen korridorweit Wasserhähne orgeln, Türen schlagen und Nachbarn telefonieren; am Badestrand, an dem Kinder mit Grammophonen um die Wette plärren und — sofern es ein mondäner Badestrand ist — dazu noch eine Kurkapelle trompetet. «Nein, so geht es wirklich nicht!» ächzt der Erholungsuchende nach einem Tanzabend, mit dem er solch einen Ferientag zu beschliessen pflegt, «morgen gehe ich in den Wald, wo er am einsamsten ist. Sie kommen doch mit?» Immer kommt einer mit in ihre Einsamkeit. In den Wald und an die See, in die Heide und auf die Berge. F E U I L L E T O N Die ewige Wahrheit. Roman von Oskar Sonnlechner (Fortsetzung aus äem Hauptblatt.) Mit einer müden Bewegung strich sie über die Stirne. «Ich habe heute einen schlechten Tag, Freund Hannes. Sehen Sie, wie mir die Hände zittern.» Sie streckte mir die abgemagerten Hände hin. «Auch wenn ich von einem Fieberanfall frei bin, dieses lähmende Gefühl der Ermattung, die schmerzenden Glieder, die quälenden Kopfschmerzen, vor allem die furchtbaren Herzbeklemmungen, das Gefühl des Frösteins selbst in der wärmenden Sonne. Vor allem die Unmöglichkeit, sich zu schützen. Jeder leichteste Klimawechsel, jede Ortsveränderung beschwört für mich Gefahren herauf.» «Frau Enid! Erzählen Sie mir bitte ein anderes Mal. Bitte, nehmen Sie mit mir den Tee, bis Jul kommt.» Sie schüttelte den Kopf. «Ich denke, Jul muss bald kommen. Sehr bald. In wenigen Minuten bin ich zu Ende. Bis Jul hier ist.» Ihr Blick wanderte im Zimmer hin und her, wie wenn sie etwas suche. Von Richard Katz. Denn wenn es etwas gibt, was sie noch mehr fürchten als die Stille, so ist es die Einsamkeit. * Als sich der Verfasser vor vielen Jahren aus dem Lärm der Grossstadt zurückzog, um sich im stilleren Tessin anzusiedeln, war es die ständige, besorgte Frage seiner Bekannten: «Werden Sie denn dort Gesellschaft finden?» Auch als er zu bedenken gab, dass der Tessin ausreichend besiedelt und zudem von Touristen viel besucht sei, beruhigten sie sich nicht. «Werden Sie auch immer jemand haben, mit dem Sie sprechen können?» forschten sie besorgt. Zum Kuckuck, muss man denn immer sprechen? 2. «Alles Reden ist meist Gered'.».> Christian Morgenstern. Die Angst vor der Stille ist schuld ah der Geschwätzigkeit unserer Zivilisation. Vordem galt gedankenloses Plappern für albern oder ungezogen; heute wird eine Beredsamkeit, die lediglich Schallwellen erzeugt, als Bildungsgut angepriesen. Ausgediente Schauspieler eröffnen Schulen der Beredsamkeit, Institute erteilen Korrespondenzkurse für Reden, und Rezeptbücher für «gute» Reden gibt es schon fast so viele wie Kochbücher. Was es leider nicht gibt, sind Schulen und Bücher und Unterrichtsbriefe für gutes Denken. Und doch ist gutes Denken der notwendige Rohstoff für gutes Reden. Was nützt der rhetorisch bestzubereitete Rede- Pudding, wenn ihm gedanklich faule Eier zugrunde liegen? Wie oft müssen wir uns mit Kalkeiern begnügen und mit dem Kunstfett eines verlogenen Pathos! Je flinker das Mundwerk, desto anrüchtiger ist meist der Teig, den ,.es rührt. Es liegt an der luziferischen Ueberschätzung der Mechanik, dass wir auch in der Rede die Technik überschätzen. Auch hier sucht Quantität über mangelnde Qualität hinwegzutäuschen — Quantität der Rededauer und Quantität des Redelärms. Einst hiess es: «Wer schreit, hat unrecht.* Nun aber beteuern die Schnatternden und Schmetternden: Wer schweigt, hat unrecht! Was wissen denn die! Sprechen können wir mit jedem — schweigen nur mit Vertrauten. Mit sich selbst in der Einsamkeit zu schweigen, bedeutet, sich selbst vertraut werden — sich selbst kennenlernen. «Reden ist Silber, Schweigen ist Gold», sagt alte Volksweisheit. «Beim Schweigen öffnen sich goldene Türen», fasst es Maeterlinck. Es ist leichter, zu sprechen — aber es ist schöner, zu schweigen. Und um vieles würdiger! Ich ergriff ihre, abgemagerten Hände und liebkoste sie. Sie nickte mit einem dankbaren Lächeln. «Wie gesagt, als ich damals meinen Freund, den Spiegel, befragte, war mein einziger Gedanke — Jul. In den langen Wochen meiner Krankheit war es mir unmöglich, Jul ein Lebenszeichen zu geben. Er gab mich wohl verloren. Und als Frau fragte ich mich, ob ich ihm nun ein Lebenszeichen geben dürfe. Mein Herz sagte mir... ja, der Spiegel sagte mir ... nein! Wissen Sie, Freund Hannes, was das für eine Frau heisst? Mit einem Blick zur Erkenntnis zu kommen, auf alles verzichten zu müssen, was ihr das Leben bedeutet, auf die Liebe des Mannes, dem sie sich geschenkt. Vergessen Sie nicht, vier Jahre meines Lebens hielt mich nur der Gedanke an Jul aufrecht, die Hoffnung, ihn wiederzusehen, das Sehnen, wieder mit ihm vereint zu sein, ohne mir darüber Rechenschaft abzulegen, ob es sich je erfüllen werde, und in dem Augenblicke, in dem sich mir die Tore des Paradieses öffneten, rief mir das Schicksal ein gebieterisches Halt zu. Ich selbst war es, die zurückschauerte, denn ich musste mir sagen... dass er mich als eine andere Frau geliebt.» 3. Die Scheu vor der Stille haben wir nur äusserlich mit der Trägheit erklärt, im Lärmen und Umlärmtwerden zu verbleiben. Gewiss, diese Trägheit hält am zähesten von der Stille ab, denn der Lärm ist eine Gewohnheit, die aufzugeben so schwer fällt wie die des Rauchens oder Trinkens. Doch die Scheu vor der Stille hat noch tiefere WuTzeln, als es die Unlust ist, eine Gewohnheit zu ändern. Sie reichen mystisch tief in die Seele, -und ihrer eine ist das Grauen vor dem Tode. Denn der Tod ist still — absolut still. Deshalb schreckt absolute Stille auch die Lärmscheuen. Sie ist ein Extrem wie übermässiger Lärm, und das Glück des Menschen gedeiht nicht an Polen. Die Harmonie angenehm belebter Stille, die einen naturverbundenen Menschen im Walde, im Gebirge oder am Strande des Meeres so zufrieden und anregend stimmt, liegt irgendwo zwischen dem Lärm des Kurfürstendamms und dem seelenlosen Schweigen der Arktis. Die schweigt wie der Tod, und wer sich ihrer Stille anzunähern strebt, indem er etwa in ein Trappistenkloster eintritt, schläft folgerichtig in seinem eigenen Sarge. Jener Schauder vor der absoluten Stille lässt zivilisierte Menschen auch vor der bedingten Stille der belebten Natur zurückbeben. Ihr vom Lärm abgestumpftes Gehör ist nicht mehr imstande, tote von lebender Stille zu unterscheidea Einmal hat der Verfasser das Grauen der Totenstille erlebt. Nicht auf hoher See zwischen Stille und Wasser. Das Meer hat seine eigene stille Melodie von Wind und Wellen. Und liegt es — selten genug — glatt, so atmet es doch die Fülle des Lebens, die es birgt. Auch nicht in der Wüste ist absolute Stille zu erleben; in ihr schärft sich das Ohi* gar bald für das Rieseln des Sandes und- den fernen Schrei hochschwebender Geier. Stille des Todes erfuhr der Verfasser unweit "einer der lärmendsten Städte der Erde: Limas, der Hauptstadt von Peru. Vor ihren geräuschvollen Menschen und brüllenden Hupen hatte er sich an den Hang der Kordillere ins Dorf Chosica zurückgezogen, und als er von dort einsam bergan wanderte, fand er sich in einem Seitental jäh ausserhalb des Lebens; zwischen braunen Felsen ohne jegliche Vegetation, ohne irgendein Tier auf Erden oder in der Luft. Selbst den belebenden Hauch des Windes sehloss das tote Gestein aus. Vergeblich bemüht, ein Zeichen des Lebens zu erlauschen, vernahmen in dieser absoluten Stille die Ohren nur ein unwirkliches Rauschen in sich selbst, als müssten sie selber tönen, um nicht abzusterben. Solch eine Stille ist dem Tode nahe, und sie erfüllt mit Todesgrauen, weil sie, steril^ kein Leben ermöglicht. Nur Menschen, die dem Geist so einseitig ergeben sind, dass ihnen die Materie gleichgültig wurde, suchen absolute Stille — Einsiedler in den Schrunden des Himalaja. Den goldenen Mittelweg auch hier zu finden, bedeutet eine wesentliche Voraussetzung unseres Glücks. Mit erstickter Stimme, mit Tränen kämpfend, stiess sie es hinaus. Ich fühlte, wie sie sich zur Selbstbeherrschung zwang. «In allen diesen furchtbaren Zweifeln mit mir selbst war es ein rettender Gedanke, der wie ein wärmender Sonnenstrahl in mein Herz fiel. Dass Jul nicht wie die anderen." Daran klammerte ich mich verzweifelnd an. Ich dachte an vergangene Zeiten, ich wusste. nicht betäubt durch vergängliche Aeusserlichkeiten hatten wir uns gefunden.. Ich wusste, nie werde sich Jul verleugnen, -der mir so oft gestanden hatte, nur mit der Schönheit ihrer Seele vermöge ihn eine Frau zu fesseln, eine Frau, die ihm dies zu bieten vermöge, werde ihn über alles hinwegtäuschen. Ueber alles! Dieser Gedanke richtete mich immer wieder auf. Und weil ihn dieses Empfinden durch sein Leben trägt, hoffte ich, dass trotz allem, was über mich gekommen, ich für ihn die Frau bleiben werde, die ich ihm war. Und doch, Freund Hannes, kam ich in bitteren Kämpfen mit mir selbst zu dem Entschluss, für Jul verloren zu sein. Es war ein furchtbarer Entschluss, der sich vor mir auftürmte. Durfte ich mich noch in seinen Lebensweg stellen? Eine sieche, krankgealterte Frau, ein Schatten meiner selbst. Dies Neues Erleben Von Hermann Hesse. Wieder seh ich Schleier sinken Und Vertrautestes wird fremd, Neue Sternenräume winken, Seele schreitet ungehemmt. Abermals in neuen Kreisen Ordnet sich um mich die Welt Und ich seh mich eiteln Weisen Als ein Kind hineingestellt. Doch aus früheren Geburten Zuckt entfernte Ahnung her: Sterne starben, Sterne wurden, Und der Raum war niemals leer. Seele beugt sich und erhebt sich, Atmet in Unendlichkeit, Aus zerrissnen Fäden webt sich Neu und schöner Gottes Kleid. 4. Um die Scheu vor der Stille zu erklären, bedarf es schliesslich noch der Aufdeckung einer dritten tief reichenden Wurzel. Sie scheint uns deshalb wichtig, weil sie so recht die satanische Wurzel ist. Ein Hauptgrund, dessentwegen der Zivilisierte vor natürlicher Stille zurückbebt, ist seine Angst vor dem Geist, den er hinter den Käfigstäben materialistischer Gier hungern lässt und den er dennoch als unsterblich ahnt. Nicht ohne Ueberlegung haben wir vorher die Gewöhnung an den Lärm mit der Gewöhnung an Alkohol oder Nikotin verglichen. Auch Lärm ist ein Narkotikum. Auch Lärm betäubt. Stille hingegen bringt Selbstbesinnung, Stille löst dem Geist das Gitter. Der stillen Beschaulichkeit freier Natur hält die Lüge unseres widernatürlichen Materialismus nicht stand. Im forsch lärmenden Wirbel der Grossstadt mögen wir es für wichtig halten, dass unser Auto sich als schnell erweist und unser Geschäft als profitabel. Auf dem Gipfel des Berges aber, den wir einsam erstiegen, liegt unsere Wichtigtuerei so tief unter uns wie die Stadt, in der wir sie betätigten. Ernüchtert und beschämt fragen wir uns dort oben, was uns denn von all dem lärmenden Treiben als Trost fürs Alter, als Erinnerung für die Sterbesstunde verbleiben wird. Erschüttert erkennt dann der lärmend Geschäftstüchtige, wie karg ihm sein berechnender Materialismus die Haben-Seite des Lebens füllte. Wie flüchtig sind die Liebesstunden darin vermerkt! Wie selten die Tage, die er mit Genuss durchwanderte! Wie sehr spärlich gar sind jene kostbaren Augenblicke der Zwiesprache mit sich selbst, jene stillen Feiertagstunden der Seele, deren eine er jetzt durchlebt!... Sich selbst zu erkennen, bedeutet für neun war es, Freund Hannes, vor dem ich zurückschreckte, was mich abhielt, den Weg zu Jul wiederzufinden, neben der zitternden Befürchtung in Juls Standhaftigkeit im Laufe der Zeit vielleicht doch am Ziele der Enttäuschung zu enden. Weil es für mich schwer sein werde, dem schnellen Schritte seinen Jugend auf dem Wege durch das Leben zu folgen. Ich sah ihn vorwärtsstürmen, ich vermag ihm nicht mehr zu folgen, meine Glieder ermatten... er blickt um... er sieht mich nicht mehr an seiner Seite... vielleicht ein leichtes Achselzucken... und ich muss sehen... wie er allein seines Weges weitergeht.» Sie. verbarg das Gesicht in den Händen. «Und darum erwog und bedachte ich, dass ich... dass ich... auf Jul kein Recht mehr besitze.» Sie weinte still in sich hinein. Ich regte mich nicht, ich suchte kein Wort des Trostes. Solche Tränen müssen geweint werden. Bis ich die Hand hob und liebevoll ihren Scheitel berührte. Dieses arme Haar, dieser erblasste Schimmer, erloschen und erstorben mit dem Zauber und dem Liebreiz ihres Wesens. Unter Tränen lächelnd sah sie zu mir auf. «Und Jul, Frau Enid?» (Fortsetzung folgt.)