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E_1934_Zeitung_Nr.044

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BERN, Dienstag, 29. Mai 1934 Nummer 20 Cts. 30. Jahrgang — N° 44 ,m*s ERSTE SCHWEIZERISCHE AUTOMOBIL-ZEITUNG Zentralblatt für die schweizerischen Automobil- und Verkehrsinteressen ABONN EMENTS-PR EISE: Erscheint jeden Dienstag and Freitag Monatlich „Gelbe Liste" Halbjährlich Fr. 5.-, jährlich Fr. 10.—. Im Ausland unter Portoznschlag, sofern nicht postamtlich bestellt. Zuschlag für postamülche Bestellung 30 REDAKTION u. ADMINISTRATION: Brcitenrainstr. 97, Bern Rappen. Postcheck-Rechnung II1/414. Telephon 28.222 Telegramm-Adresse: Autorevue, Bern INSERTIONS-PREIS: Die achtgespaltene 2 mm hohe Grundzeile oder deren Raum 45 Cts. für die Schweiz; tür Anzeigen aus dem Ausland 60 Cts. Grössere Inserate nach Seitentarif, tnseratensehlnss 4 Tage vor Erscheinen der Nummern Nationale Verkehrspolitik Vortrag von Minister Dr. Stucki, gehalten am Schweiz. Verkehrskongress in Bern, 26. Mai 1934. Man kann die Aufgabe, über nationale Verkehrspolitik zu sprechen, verschieden auffassen: vom nationalen Standpunkt im engern Sinn aus, im Hinblick auf die interne, die innerschweizerische Seite. Zahlreich und schwierig genug sind die Probleme, die sich hier dem kritischen Beobachter stellen: Bahn tmd Strasse, Hotellerie und andere Erwerbszweige, Sanierung unserer Verkehrsanstalten, Kompetenzausscheidung zwischen Bund und Kantonen im Strassenwesen, Bekämpfung der Arbeitslosigkeit durch Ausbau der Verkehrswege, insbesondere der Strassen — um nur einige zu nennen. Man kann auch den Begriff «national» in Gegensatz stellen zu «kantonal» und «regional» und hat sich alsdann näher zu befassen mit den Bestrebungen, das Verkehrswesen unseres Landes in allen seinen Zweigen zu zentralisieren, die Zersplitterung der Kräfte zu beseitigen, die lokalen und regionalen Sonderinteressen und -Bestrebungen zu bekämpfen und in einem durchaus nationalen Gesamt-Landesstandpunkt aufgehen zu lassen. Endlich aber kann eine «nationale» Verkehrspolitik untersucht werden von ihrer internationalen Seite aus. Von besonderem Interesse ist alsdann die Frage, welche Bedeutung das Verkehrswesen unseres Landes für dessen Beziehungen zu andern Ländern und damit für seine Stellung, ja vielleicht gar für seine Weiterexistenz im Rahmen der Staatengemeinschaft, hat. Eine nationale Verkehrspolitik von ihrer internationalen Bedeutung aus zu durchdenken, in ihren Richtlinien zu umschreiben und gar durchzuführen, ist heute wohl für kein Land möglich, ohne dass man sich über die wirtschaftliche und finanzielle Lage der Welt und insbesondere Europas im allgemeinen und über die besondere Situation des eigenen Landes innerhalb der Staatengemeinschaft einigermassen Rechenschaft gibt. I. Weltwirtschaft und Weltverkehr Die Blütezeit des wirtschaftlichen Liberalismus, die wir vor dem Krieg gekannt haben, ergab für die verschiedenen Verkehrsarten etwa folgendes Bild: F E U I L L E T O N Die ewige Wahrheit. Roman von Oskar Sonnlechner. (31. Fortsetzung) /. Verkehr der Personen: Wer aus irgendwelchem Grund die Landesgrenze zu überschreiten wünschte, kaufte sich eine Fahrkarte und sorgte für fremdes Geld, dessen Wertbeständigkeit dem unsrigen im allgemeinen gleichkam. Kein Staat kümmerte sich um diese Reisen und Aufenthalte, weder rechtlich noch moralisch. Dass man sich für Russland einen Pass beschaffen musste, erhöhte das piquante Interesse für dieses Land und dieses eigentümliche und seltene Papier. Sie alle wissen, wie sich unter solchen Verhältnissen der schweizerische Fremdenverkehr machtvoll entwickelt hat. 2. Verkehr der Güter: Durch langfristige Handelsverträge waren die Bedingungen für den Versand der Waren von Land zu Land geordnet und weitgehend, über die Meistbegünstigungsklausel, vereinheitlicht. Das einzige zu überwindende Hindernis, der Zoll, blieb in massigen Grenzen, war bekannt und kalkulierbar. Die Währungen unterlagen keinen spürbaren Schwankungen, so dass die zwischenstaatliche Verrechnung reibungslos ermöglicht wurde. 3. Verkehr der Kapitalien: Auch ffier schrankenlose Freiheit ohne staatliche -Eingriffe, der Reiche stellte seine Ueberschüsse dem zur Verfügung, der Kapital nötig hatte; gestützt auf den allgemein anerkannten Wertmesser, das Gold, wurde gerechnet, ausgeglichen und bei Verfall zurückbezahlt. Ein ungeheures und feinnerviges System kommunizierender Röhren, von keiner patschigen Faust des Staates beeinträchtigt oder auch nur bedroht, sorgte ganz von selber für den Ausgleich von Land zu Land, von Verkehrsart zu Verkehrsart. Wer hat sich damals darum gekümmert, ob der Staat A mehr Touristen vom Lande B aufnahm als umgekehrt; ob im Zahlungsverkehr von zwei Staaten der eine oder der andere aktiv war. Ja sogar die Handelsbilanzen beanspruchten geringe Aufmerksamkeit, da selbst grosse Passiva im Verkehr mit bestimmten Ländern durch Ueberschüsse nach andern Staaten oder durch solche anderer Faktoren der Zahlungsbilanz den natürlichen Ausgleich fanden. Für unser Land beispielsweise war das Defizit unseres gesamten Warenverkehrs mit einer halben Milliarde ohne jedes Bedenken, Anfangs hatte der Arzt mit gespannter Aufmerksamkeit zugehört, aber gar bald fühlte er, dass er nur halb bei der Sache war. Zerstreut brach er das Gespräch ab. Morgen werde er fortsetzen und vor allem mit seinen Kollegen von der Leitung der Klinik Rücksprache pflegen. Am besten, er nähme Heckmann gleich nach Batavia mit. Einzig und allein drüben sei man in der Lage, ernste Studien zu machen. Hier fehle es vor allem an Krankenmaterial, geschweige denn an genügend schweren Fällen. Er hatte seinen Hut ergriffen und wandte sich zum Gehen. Er hatte für alles dieses jetzt keinen Kopf. Da fing der andere von seiner Frau zu reden an... Wann der Professor nach Batavia zurückkehre, ob er allein fahre oder die gnädige Frau mitnehme...? Warum er dies frage? Weil es seinerzeit besprochen war, dass er es übernehme, bei seiner Ueberfahrt nach Batavia die gnädige Frau mitzunehmen. Dies sei aber numöglich. Er müsse dem Herrn Professor zu seinem grössten Bedauern mitteilen, dass er seine Berufung nach Holländisch-Indien nicht annehmen könne. Welche Gründe ihn zu diesem unerwarteten Entschluss bringen? fragte er. Da zuckte Heckmann verlegen die Achseln. Eigentlich wären deren mehrere. Der plötzliche Widerstand seitens der Familie seiner Frau und, offen gestanden, er habe den Glauben an einen Erfolg ihrer gemeinschaftlichen wissenschaftlichen Arbeiten und Forschungen verloren. Und endlich und schliesslich habe er das Gefühl, nicht mehr das Vertrauen der gnädigen Frau zu besitzen. Vertrauen? Was das heisse? Was das eine mit dem anderen zu tun habe? Er verstehe nicht. Da zuckte der andere die Achseln und meinte, hin und her stotternd, er habe es bei der Abreise des Herrn Professor übernommen, der gnädigen Frau ein Beschützer zu sein, aber es sei ihm unmöglich gewesen, sein Versprechen einzulösen. Ein anderer, ein Unberufener, habe sich sichtlich in das Vertrauen der gnädigen Frau gedrängt. Ein anderer? Ja! Der Herr, den sie seinerzeit, seines Wissens, in Salzburg kennengelernt... Der Professor erinnerte sich, dass er bei diesen Worten das Gefühl hätte, dass ihm die Knie wankten, dass er unwillkürlich nach einem Halt griff. Hoffentlich hatte es der Arzt nicht bemerkt. Wie in einem Nebel sah er den da es durch die Erträgnisse des Fremdenverkehrs allein nahezu gedeckt war. Die Einkünfte aus den im Ausland angelegten Kapitalien und aus zahlreichen internationalen Dienstleistungen waren demgemäss Nettoüberschüsse und haben die Schweiz von Jahr zu Jahr reicher gemacht. Daraus folgte der wachsende Wohlstand des Volkes und die stark gesteigerten Ansprüche aller Bevölkerungsschichten, was uns heute im internationalen Konkurrenzkampf so grosse und schwer zu überwindende Schwierigkeiten bringt. Dieser geschilderten Zeit, die fast paradiesisch anmutet, steht das heutige Chaos gegenüber. Die kommunizierenden Röhren sind geborsten und der natürliche Ausgleich hat aufgehört. Es liegt in diesem Röhrensystem selber begründet, dass es nur entweder ganz oder überhaupt nicht funktionieren kann; mit andern Worten, dass seine teilweise Ausserbetriebsetzung auch die an sich noch unbeschädigten andern Teile beeinflussen muss. Wenn z. B. die Schweiz 500 Mill. Aktivüberschuss im Warenverkehr mit einer Ländergruppe verliert, so wird sie unmöglich mehr in der Lage sein, 500 Mill. Defizit mit einer andern Gruppe weiter zu tragen. Reduziert man natürlich oder gewaltsam ihre Einnahmen aus dem Fremdenverkehr um hunderte von Millionen, so ist sie ganz einfach gezwungen, d,urch staatliche Eingriffe den Ausgleich anderswo zu suchen. Das führt, so tief bedauerlich und auch gefährlich es ist, ganz natürlich dazu, dass immer mehr die multilaterale, alle gleich behandelnde Konzeption im Weltverkehr der bilateralen weichen muss, dass der internationale Verkehr von Personen, Gütern und Kapitalien in seine bilateralen, zweiseitigen Bestandteile aufgelöst wird und dass anderseits eine staatliche Politik, die nur oder vorwiegend ein Element des Zahlungsverkehrs, den Güteraustausch, berücksichtigt, ohne Personen- und Kapitalverkehr einzubeziehen, für viele Länder schon heute nicht mehr möglich erscheint. Die Welt steht heute mitten in dieser Entwicklung drin. Ihr Verkehr fällt damit, der ungeheuren Entwicklung der Verkehrsmittel zum Trotz, um Jahrzehnte, vielleicht um mehr zurück. Es wird immer wahrscheinlicher, dass die sog. «gute alte Zeit» nie wiederkommt und dass wir wirklich am Wendepunkt eine Epoche stehen. Ein Land und eine Generation, die sich schwächlich scheuen, diesen harten Tatsachen ins Auge zu blicken Assistenzarzt vor sich stehen. Wie aus weiter Ferne hörte er seine Stimme. Mit keinem Wort unterbrach er ihn. ... ein Mensch, der dafür berüchtigt sei, sich an Frauen heranzudrängen. Wiederholt habe er die Frau Professor gewarnt, eines Abends in der Oper, auch wiederholt bei andern Anlässen. Allein immer wieder habe er ihn bei Besuchen angetroffen. Es sei ihm trotzdem bedeutungslos erschienen, bis auf einen Vorfall in allerjüngster Zeit... der ihm bewies... dass dieser Mensch er verstanden hatte ... die Güte der Frau Professor zu missbrauchen und sich in ihr Vertrauen einzuschleichen. Ein Vorfall in allerjüngster Zeit? Eines Abends beim Tee. Er wollte sich eine Zigarette anzünden, und dieser Herr reichte ihm Feuer. Da sah er an dessen Hand ... einen Ring. Absichtlich suchte er nachher mit diesem Herrn ein Kaffeehaus auf, um diesen Ring nochmals zu sehen, um bei seiner Kurzsichtigkeit seiner Sache sicher zu sein. Er habe sich nicht getäuscht. Eines Tages habe der Herr Professor ihm — Dr. Heckmann — in einer Vitrine Sammlerstücke der gnädigen Frau von besonderem Seltenheitswert gezeigt und dazu lachend erklärt, die gnädige Frau hänge so an diesen Nichtigkeiten, dass sie denen sogar die Ehre erwies, sie auf ihrer Europareise zu begleiten. Nie werde sie sich von einem dieser Stücke und tatenlos dem Alten nachtrauern, sind dem Untergang geweiht. Mit neuen Ansichten und mit neuen Mitteln müssen wir, wenn nötig, das Problem zu lösen versuchen, wie wir in der heutigen und kommenden Weltlage unsere vier Millionen Einwohner ernähren und Einnahmen und Ausgaben im internationalen Verkehr im Gleichgewicht behalten können. II. Die besondere Stellung der Schweiz. Vom Standpunkt des internationalen Zahlungsausgleiches aus — dieser berührt in direktester Linie den Schweizerfranken — wird der Staat, seine Ueberlegungen nach Einnahmen und Ausgaben anzustellen haben. Unter Weglassung weniger bedeutender Posten und ohne Berücksichtigung der Kapitalverschiebungen ergeben sich dabei: Einnahmen: 1. Export von Waren; 2. Import von Menschen bzw. deren Ausgaben bei uns; 3. Zinserträgnisse unserer Auslandsguthaben. Ausgaben: 1. Einfuhr fremder Güter; 2. Ausfuhr von Menschen bzw. deren Ausgaben im Ausland. Wie bereits erwähnt, ergab diese Rechnung in normalen Zeiten und sicherlich noch vor wenigen Jahren einen wesentlichen Einnahmenüberschuss. Seit 1931 haben wir aber im Export von Waren fast eine Milliarde, bei den Einnahmen aus dem Fremdenverkehr wohl etwa 300 Mill. und auf den Zinserträgnissen ebenfalls bedeutende Summen verloren. Gleichzeitig zeigten die Ausgaben infolge gewaltigen Andranges fremder Güter auf unserem Markt und infolge grösseren Anreizes für unsere Bevölkerung, die Ferien im Auslande zuzubringen, steigende Tendenz. Einer solchen Entwicklung tatenlos zuzuschauen, wäre für den Staat ein Verbrechen gewesen, hätte sie doch in kürzester Frist zum Ruin führen müssen. Bei der Beurteilung dieser ernsten Lage und dem Suchen nach Abhilfe ging und gehe ich von der Ueberlegung aus, dass volkswirtschaftlich der Nutzen grösser ist, wenn die Einnahmen erhöht, als wenn die Ausgaben gedrosselt werden. Es ist denn auch selbstverständlich, dass das Heilmittel nicht darin bestehen konnte, das Gleichgewicht im Verzicht auf den Verkehr überhaupt, im Verbot der Einfuhr fremder Waren und der Ausreise unserer Touristen und Kapitalien, zu suchen. Die Erdrosselung des zwischenstaatlichen Verkehrs ist für jedes Land ein Uebel, für das unsrige käme sie dem Selbstmord trennen. Darunter war der Ring. Ein altchinesischer Mandarinenring. Bei diesen Worten des Assistenzarztes war ihm, wie wenn alles um ihn jede Form verliere, es schnürte ihm die Kehle zusammen, immer und immer wieder hörte er die Worte: «Nie würde sie sich von einem dieser Stücke trennen.» Es war richtig. Das hatte er gesagt. Endlich würgte er die Antwort hinaus, was Heckmann mit allem dem wolle? Was er damit meine? Er sah das eigentümliche Lächeln, mit dem Dr. Heckmann seine Erwiderung begann. Dass er als Mann von Ehre verpflichtet sei, dem Herrn Professor einen Dienst zu erweisen, ihm einen Wink zu geben in der Gefahr, die seiner Gattin drohe. Ein langer Satz. Ein geschraubter Satz. Ein etwas unverständlicher Satz. Und nun erwiderte er Dr. Heckmann, wenn schon seine Frau diesen Ring, diesen wertlosen Kram, verschenke, vielleicht als Zeichen des Dankes oder dergleichen, er fände nichts dabei. Da kam wieder das eigentümliche Lächeln dieses Menschen, dem er eine unverstandene Bedeutung beimass. Gewiss! Der Herr Professor habe sicherlich recht. Aber durch diesen Vorfall aufmerksam gemacht, habe sich Dr. Heckmann für die Person dieses Herrn mehr interessiert (Fortsetzung im «Autler-Feierabend».)