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E_1934_Zeitung_Nr.047

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BERN, Freitag, 8. Juni 1934 Nummer 20 Cts. 30. Jahrgang — N° 47 ERSTE SCHWEIZERISCHE AUTOMOBIL-ZEITUNG Zentralblatt für die schweizerischen Automobil- und Verkehrsinteressen ABONNEMENTS-PREISE: Erscheint Jeden Dienstag and Freitag Monatlich „Gelbe Liste" Halbjährlich FT. 5.—, jährlich Fr. 10.—. Im Ausland unter Portozuschlag, sofern nicht Dostamtlich bestellt. Zuschlag rur postamtliche Bestellung 30 REDAKTION u. ADMINISTRATION: Breitenrainstr. 97, Bern Rappen. Postcheck-Kechnung 111/414. Telephon 28.222 Telegramm-Adresse: Autorevue, Bern Dem Automobilisten ins Stammbuch Geht man vom Grundsatz aus, dass kein Automobilist sich absichtlich den Schädel einzurennen pflegt, so können die trotzdem immer wieder eintretenden Unfälle immer nur aus Mangel an Vorsicht eintreten. Der eigentliche Sinn des Wortes «Vorsicht» ist dabei freilich vielen Menschen unbekannt. Der Jurist ist geneigt, als «Unvorsichtigkeit» eine Handlung zu betrachten, die irgendwie nicht mit den Vorschriften und Gesetzen übereinstimmt. Für den Kraftmeier hat «Vorsicht» den Beigeschmack der Feigheit. Der Aengstliche ist vorsichtig, «weil» sonst etwas passieren könnte. Vorsicht heisst in Wirklichkeit Vor-Sicht. Die Vorsicht ist deshalb weder eine unterlassene schlechte Handlung, noch eine Angelegenheit des Willens, noch eine gute Tat, sondern eine Gabe des Voraussehens, über die man entweder verfügt oder nicht. Man kann nicht «heute besonders vorsichtig sein» wollen, sondern höchstens seine Handlungen mehr oder weniger im Einklang mit dem bringen, was die instinktive Vor-Sicht erkenntlich gemacht hat. So wenig, wie sich ein nicht dazu begabter Mensch vornehmen könnte, heute oder morgen als Hellseher aufzutreten. Die Vorsicht lässt sich allerdings trainieren. Und hier ist es auch, wo der Wille und die ganze Charakterveranlagung der Person zum Ausdruck kommen. Eine Parallele liefert wieder das Kapitel Hellsehen. Es ist bekannt, dass viele sogenannte Hell seher nichts anderes sind als ausgezeichnete Beobachter, die ausserdem das Beobachtete noch besonders gut zu kombinieren wissen. Genau gleich erkennt der vorsichtige Automobilist rechtzeitig eine Gefahr schon aus kleinen Einzelbeobachtungen und Kombinationen, zu denen sein Kollege vielleicht unfähig wäre. Ungemein trägt zur Entwicklung der Gabe der Vorsicht die Erfahrung bei. Jedes Lebewesen registriert besonders unangenehme Erfahrungen auf lange Zeit hinaus und vermeidet es meist schon instinktiv, sich ihnen ein zweites Mal auszusetzen. Entsprechend lehren Statistiken, dass Automobilisten mit langer Fahrpraxis nur noch selten in Unfälle verwickelt werden. Selbstverständlich geht es aber nicht an, sich nur auf der Lehrmeisterin Erfahrung zu verlassen. Zur Vorsicht gehört nicht weniger, dass sich der Fahrer die Notwendigkeit der Disziplin vor Augen hält. Der Automobilist muss voraussehen, dass überall dort, wo er Erfahrungslücken besitzt, die Gefahr lauert, Die ewige Wahrheit. Roman von Oskar Sonnlechner. (34. Fortsetzung) «Jahre sind dahingegangen, seit wir uns das letztemal sahen», fuhr sie mit leiser Stimme fort, «darf ich, Ihnen erzählen Freund Hannes? Viel Leid, viel Schmerzen für mich — aber auch für Jul. Ich weiss es.» In ihrem Lehnstuhl müde zurückgelehnt sass sie vor mir. «Ich will Ihnen erzählen* was mich hierhergeführt.» Sie schwieg lange, bevor sie fortfuhr. Wie wenn sie in ihren Gedanken ihre Worte sorgfältig zurechtlege und erwäge. Bittend streckte sie die Hand gegen mich. «Parf ich Sie um ein Glas Wasser bitten, Freund Hannes, das Reden ermüdet mich. Aber bringen Sie mir es selbst, ich will keine fremden Menschen sehen.» Als ich wieder in das Zimmer trat, lag sie mit geschlossenen Augen in ihrem Lehnstuhl. «Danke, Freund Hannes. Vielleicht stellen Sie es auf das Tischchen neben mich. Wollen Sie, bitte, die Lampe ablöschen, das Licht blendet mich. Wir zwei dürfen auch im Dunklen plaudern.» und er muss genügend Disziplin aufbringen, um diese Gefahren nicht fahrlässig oder mutwillig herauszufordern. Die Gefahren nehmen zu, je schneller er fährt; denn um so weniger Zeit bleibt ihm, um sie rechtzeitig zu erkennen und zu parieren. Geht ein Fahrer wissentlich ohne zwingenden Grund ein deutliches Risiko ein, so begeht er nicht eine Unvorsichtigkeit, sondern eine Dummheit, eine Disziplinlosigkeit oder ein Verbrechen.' Auch bei diszipliniertem Verhalten wird er sich immer noch mit genügend Gefahrsitutionen auseinanderzusetzen haben, um Erfahrungen sammeln zu können. Die meisten Unfälle entstehen dadurch, dass ein Hindernis erst zu spät sichtbar wird. Es gehört deshalb zur Fahrerdisziplin, immer mit solchen Hindernissen zu rechnen, wo auch nur die Spur einer Möglichkeit dazu besteht. Gleichzeitig hat die Vor-Sicht immer im Geist den Bremsweg oder die Möglichkeit zum Ausweichen zu überblicken. Die meisten Gefahrsituationen treten blitzschnell ein. Sie lassen sich viel rascher parieren, wenn man sie erwartet, als wenn sie einen erst aus der Ruhe schrecken. Sogenannte eiserne Nerven stellen ihrem Besitzer noch lange keinen Freibrief aus, wenn er Automobilist ist. Ein anscheinend «nervöser» Mensch kann ein viel sicherer Fahrer sein als ein ausgesprochener Dickhäuter; denn er wird fast immer in jedem Moment auf eine Gefahr gefasst sein, während sein dickfelliger Kollege nicht selten unversehens in sie hineinrennt und dann auch mit den besten Nerven nichts mehr ausrichten kann. Ständig mit den unmöglichsten Situationen rechnen, aber sich selbst keinen Verstoss gegen die Verkehrsregeln zuschulden kommen lassen — hierin besteht das Geheimnis der sicheren Fahrt. Die hundertprozentige Konzentration auf die Aufgabe der Wagenführung muss allerdings den Genuss am Anblick des Landschaftsbildes oder die Teilnahme an einer Unterhaltung der Mitfahrenden notgedrungen schmälern. Wer sich ihr jedoch nicht hinzugeben vermag, lasse lieber die Hände vom Lenkrad. Die Wagenführung ist keine Nebenbeschäftigung. Mit der Zeit gehen die Vor-Sicht und Disziplin dem guten Fahrer übrigens derart in Fleisch und Blut über, dass er sie unbewusst, instinktiv übt. Der Fahrer hat sich dann gleichsam einen sechsten Sinn, ein unterbewusstes «Verkehrs-Verständnis» erworben. m. Kaum dass ich nun in der Finsternis ihre Gestalt im Trauerkleid noch zu erkennen vermochte. Nur wie ein blasser Schein sah ihr schmales Gesicht zu mir herüber. «Ich will Ihnen nun erzählen.» Langsam, stockend, zögernd begann sie. «Ich war in meinem Gemüte nur ein Schatten meiner selbst, als ich mein geliebtes Haus in Parapatan wieder betrat. Vor allem war es die erzwungene Unaufrichtigkeit meinem Marine gegenüber, die mich seelisch vernichtete, gesteigert durch das Gefühl eines Schuldbewusstseins, das mich quälte und zermürbte, in der unveränderten Güte, mit der mich mein Mann umgab. Trotzdem ich mir innerlich bewusst war, dass er vieles ahne. Vielleicht sogar wisse. Aber trotz alledem habe ich das, was ich tat, nie bereut. Und werde es nie bereuen. Niemals. Es ist vielleicht für einen anderen schwer, diesen inneren Zwiespalt zu begreifen, sich in den Zustand hineinzudenken, sich einer Schuld bewusst zu sein — ohne sie zu bereuen. Und doch ist es so.» Sie nippte an dem Glase Wasser. «Meine Ankunft in Batavia begann mit einem bösen Omen. Am selben Abend brachte man mir Schweizerische Rundschau Das Verkehrsteilungsgesetz vor dem Ständerat. Berichte liefen ein. Alle bestehenden Hilfsmittel erwiesen sich als unzureichend. Die hastig errichteten Notbaracken genügten nicht. Die dort garnisonierte Kolonialkompanie musste zurückgezogen werden. In wenigen Tagen hatte sie die Hälfte ihres Bein zwei langen Sitzungen hat der Ständerat am Dienstag und Mittwoch das « Bundesgesetz über die Regelung der Beförderung von Gütern mit Motorfahrzeugen auf öffentlichen Strassen » (« Verkehrsteilungsgesetz ») durchberaten und am Schlüsse der eingehenden Debatte last einstimmig genehmigt. Der Walliser Vertreter Evequoz, der die Opposition führte, blieb zuletzt allein gegen 25 Stimmen, nachdem bei der Abstimmung über Eintreten die beiden Liberalen Martin (Genf) und de Coulon (Neuenburg), sowie der freisinnige Thurgauer Böhi sich zu ihm gesellt hatten. Die Diskussion war eingehend; sie beschränkte sich jedoch auf einige wenige Redner, wobei in der ersten Sitzung vom Dienstag das zweistündige Referat des Kommissionspräsidenten Keller (Aarau) die Hauptkost bildete, während am Mittwoch der Vorsteher des Post- und Eisenbahndepartements, Bundespräsident Pilet-Golaz, mit seiner nicht minder eingehenden Rede den grössten Teil der Sitzung für sich in Anspruch nahm. Wir sollen Neuland betreten, stellte eingangs der Kommissionsreferent fest, da geziemt es sich zuerst, genau hinzusehen, wo wir stehen und wohin der Weg führt. Der Redner schilderte den Rechtszustand, unter welchem bisher das Eisenbahnfrachtgeschäft und der Automobilverkehr sich abwickelten: ein recht unterschiedlicher Zustand, aus welchem sich naturgemäss verschiedene wirtschaftliche Auswirkungen ergaben. In richtiger Erkenntnis der überragenden Bedeutung der Bahnen für die Wirtschaft hat der Staat von Anfang an den Bau und Betrieb derselben besondern Rechtssätzen unterstellt. Aber erst das zweite Eisenbahngesetz von 1872 übertrug die Eisenbahnhoheit auf den Bund und schuf dadurch die grundlegenden Voraussetzungen für eine kraftvolle eidgenössische Verkehrspolitik. Der Bund erteilte fortan die Konzessionen für den Bau und Betrieb von Eisenbahnen, aber — es ist dies ein für die Begründung des vorliegenden Gesetzes wichtiger Punkt — eine rechtliche Pflicht, die Konzession zu erteilen, besteht nicht. Den allgemeinen Grundsatz der Handels- und Gewerbefreiheit wollte der Gesetzgeber also auf dem ihm zugänglichen Gebiet des Verkehrs nicht anwenden. Die Eisenbahnen wurden somit einer wirtschafts- Tschang-Fu, den Koch, auf einer Bahre ins Haus. In einem schmutzigen Winkel der Altstadt hatte ihn die Polizei aufgeklaubt mit einem Messerstich im Rücken. Die Rechte hielt er zur Faust geballt, und als man ihm die in der Todesstarre verkrampften Finger löste, fiel ein silberner Ohrring zu Boden.» Sie schwieg. Ich hörte, wie ihr der Atem ging. «Die Zeit ging unermüdlich ihren Weg. Wochen, Monate, Jahre. Der Ostpassat wehte, der Westmonsun fegte mit seinen nassen Regenschwaden über das Land, heute war es die feurige Glut der Tropensonne, morgen war es die Sintflut der Regenzeit, die Tage schlichen in der Einsamkeit meines Alltages dahin, abgestumpft durch nichtssagende gesellschaftliche Ereignisse, die mir nie etwas boten. Nur eines blieb mir ewig gleich. Meine Liebe zu Jul. Die Lichtblicke meiner Tage waren die Stunden, in denen ich Juls Briefe las, und die Stunden, in welchen ich mich in meinem Zimmer verschloss, um ihm weit über alle Meere meine Gedanken anzuvertrauen. So war es am ersten Tage, als ich den Boden Batavias betrat, und am letzten Tage, als ich es verliess. Immer war in mir der tiefe Glaube, der mich aufrecht erhielt, der mich nie verliess — Jul einst wiederzusehen. Ich hatte keine Begründung für diesen Glauben, ich suchte diese nicht, INSERTIONS-PREIS: Die achtgespaltene 2 mm hohe Grnndzelle »dt deren Raum 45 Cts. für die Schweiz; für Anzeigen aus dem Ausland 60 CU. Grfissere Inserate nach Seitentarit. Inserntenschluss 4 Tage vor Erscheinen der Nummern machtstellung der Bahn auf dem Gebiete des Transportwesens verloren ging. Welches ist nun die rechtliche Behandlung {Roses neuen Transportmittels? Für den Peraonentransport kennt das geltende Rocht ein« Regelung, die mit derjenigen im Eisenbahntransport eine grosse Aehnliohkeit aufweist. Der Bund hat Ton j&her die Personenbeförderung grundsätzlich eilt Teil des Postregals in Anspruch genommen. Bei dem gewerbsmässigen Gütertransport dagegen ist bis jetzt die in der Bundesverfassung verankerte Gewerbefreiheit voll zur Auswirkung gelangt. Diesem, vom Referenten als « Anarchie der Landstrasse » bezeichneten Zustande, soll nun das Verkehrsteilungsgesetz ein Ende bereiten. Es soll einen Ausgleich bringen in 'dem 'Sinn, dass das Transportgeschäft als Ganzes von der Gesetzgebung erfasst und nach einheitlichen Gesichtspunkten behandelt wird. Die durch den « geradezu revolutionären Siegeszug des Automobils » verloren gegangene einheitliche staatliche Verkohrspolitik soll dadurch wieder hergestellt werden. Das vom Auto verursachte Loch in der Geeetegebung soll geschlossen werden durch Einführung des Konzessionssystems für den gewerbsmäseigen Gütertransport mit Motorlastwngen. Diese grundlegende Neuerung kommt dem Referenten (der nebenbei bemerkt, den Präsidenten der ständigen Bundesbahn - Kommission des Rates durchaus nicht verleugnet) reichlich spät: zu einer Zeit, wo das Auto so stark geworden ist, dass der Staat sich mit ihm verständigen muss, bevor ex ein Gesetz über die Verkehrsteilung wagt! Hierauf folgt eine eingehende Schilderung der alg bekannt vorausgesetzten Bestimmungen dar Vorlage und nach diesem • Blick ins neue Land », eine Erörterung der von der Einführung des Gesetzes zu erwartenden Aenderungen der •wirtschaftlichen Verhältnisse. Das vorgeschlagene Konzesslonssystera wird nur dann zur vollen Auswirkung gelangen, wenn auch der auf dem Grundsätze «Der Eisenbahn der Fernverkehr, dem Automobil der Nahverkehr» aufgebaute Verteilungsplan angewendet wird. Neben der ani wirtschaftlichen Gesichtspunkten äusserst wichtigen Herbeiführung eines Friedenszostandes im Transportwesen wird eine Vervollkommnung der öffentlichen Verkehrsapparate erreicht, um die das Ausland die Schweiz beneiden wird. Es ist die Frage aufgeworfen worden, ob der durch die «Asto» angestrebte Ausbau des schweizerischen Transportapparates nicht ohne Gesetz durch blosse vertragliche Vereinbarungen mit den bereits vorhandenen gewerbsmässigen Unternehmungen erreicht werden könnte. Dies hätte den Nachteil, dass die Aussenseiter nicht ausgeschaltet würden. Die mit der neuen Ordnung anzustrebenden wirtschaftlichen Vorteile wären ohne einen gesetzlichen Rückhalt niemals zu erreichen. Der Wettbewerb wird aber nicht ausgeschlossen, denn man hat darauf verzichtet, den Werkverkehr einzuschränken. Dieser wird aber insofern den Preisregulator spielen, als die Astotarife nicht höher als die bei Werktransporten normalerweise anzuwendenden Kosten sein können. Gerade das politischen Sonderbehandlung unterworfen, deren Entwicklung der Redner ausführlich schilderte, von der Verstaatlichung der Hauptbahnen ausgehend bis zum Zeitpunkt, da mit dem Aufkommen des Automobils die Vor-Interesse der Bahnen möglichst sich Werk- es war mein Evangelium. Die Hoffnung, die mich aufrichtete in allem Leid, das ich trug. Aus Juls Briefen wusste ich, dass der gleiche Gedanke ihn aufrichtete.» «Es scheint mir, Frau Enid, das Sprechen ermüdet Sie, die Erinnerung an...» Sie schüttelte abwehrend den Kopf. «Quälend empfand ich die Liebe meines Mannes, die er mir unverändert, trotz allem, in seiner Art bewies. Mehr denn je umgab er mich mit seiner aufopfernden Güte. Wer dürfte ihm einen Vorwurf machen. Ein Mensch ist nur für das schuldig, was er wissentlich tut. Der Wille, nicht die Tat, ist verdammenswert. Es ist die Schwäche der Menschen, vor Gott sich selbst anzubeten.» Sie seufzte tief auf. «Eines Tages klopfte das Verhängnis an meine Türe. In einem Distrikt im Inneren des Landes, in den versumpften Niederungen des Lalong wütete die Malaria. Erschütternde