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E_1934_Zeitung_Nr.052

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BERN, Dienstag, 26. Juni 1934 Nummer 20 Cts. 30. Jahrgang — N» 52 ERSTE SCHWEIZERISCHE AUTOMOBIL-ZEITUNG Zentralblatt für die schweizerischen Automobil- und Verkehrsinteressen ABONNEMENTS-PREISE: £nchelnt Jeden Dienstag und Freitag Monatlich „Gelbe Liste" Halbjährlich Fr. 5.—, jährlich Fr. 10.—. Im Ausland unter Portozuschteg, sofern nicht postamtlich bestellt. Zuschlag für postamtliche Bestellung 30 REDAKTION a. ADMINISTRATION: Breitenrainstr. 97, Bern Rappen. Postcheck-Rechnung III/414. Telephon 28.222 Telegramm-Adresse: Autorevue, Bern Vom Rennwagen zum Gebrauchswagen Verschiedene Rennveranstaltungen, die ursprünglich auf dem internationalen Sportkalender für das Jahr 1934 standen, mussten abgesagt werden; daraus schliessen zu wollen, dass das Interesse des Publikums an Motorrennveranstaltungen zurückgegangen sei, wäre aber grundfalsch. Mehrere grosse, internationale Veranstaltungen wiesen heuer einen Massenbesuch auf wie noch in keinem Jahre zuvor; und der Grand Prix von Montreux war schon auf den ersten Anhieb ein durchschlagender Erfolg. In Deutschland wurde, seitdem über Veranlassung der nationalsozialistischen Reichsregierung nach vieljähriger Unterbrechung zur Vertretung der deutschen Farben wieder deutsche Rennwagen erbaut worden waren, das Rennwesen geradezu zu einer Angelegenheit der Nation. Das Interesse für die Rennveranstaltungen lässt demnach in unserer Zeit gewiss nichts zu wünschen übrig. Man darf sich aber über die Tatsache nicht hinwegtäuschen: vor allem handelt es sich um ein sportliches Interesse, in nicht geringem Masse auch um das Streben nach Sensationen; die Kreise derer, die sich für die Rennveranstaltungen aus technischen Gründen interessieren, sind überaus eng gezogen. Man könnte die Probe auf diese Behauptung sehr leicht machen, indem man die begeisterten Zuschauer solcher Rennveranstaltungen nach den konstruktiven .Feinheiten der einzelnen Wagen und nach den Unterschieden der Konstruktionsgrundsätze fragen würde. Auch diejenigen, die selbst Motorfahrzeugbesitzer sind, würden nur in den seltensten Fällen über die konstruktionstechnische Seite der Rennveranstaltungen Aufschluss geben können. F E U I L L E T O N Dies ist darauf zurückzuführen, dass die Wichtigkeit der aus den Rennerfahrungen geschöpften Erkenntnisse von jenen vielfach unterschätzt wird, die lediglich an Gebrauchsfahrzeugen interessiert sind. Nicht selten kann man noch die Meinung hören, dass die in Rennen erzielten Höchstgeschwindigkeiten für die Praxis gar keine Bedeutung hätten, weil sie auf den normalen Strassen doch nicht gefahren werden könnten und weil an ein normales Gebrauchsfahrzeug allein schon hinsichtlich der Lebensdauer ganz andere Anforderungen gestellt werden, als sie von einem Fahrzeug, das von vorneherein nur für eine kurze Benützungsdauer berechnet ist, erfüllt werden können. Wer diesen Standpunkt vertritt — und dies ist, zumindest unbewusst, bei der überwiegenden Mehrheit der Fall — verkennt die innigen Wechselbeziehungen, die zwischen den Rennerfahrungen und dem Bau von Gebrauchsfahrzeugen bestehen. Gerade der Benutzer von Gebrauchsfahrzeugen hat das allergrösste Interesse daran, nur solche Fahrzeuge zu erhalten, deren Einzelheiten sich bei den allergrössten Beanspruchungen schon bewährt haben. In vielen Belangen stellen die Rennwagen solche Vorerprobungen dar. Dazu kommt, dass die besonderen Anforderungen, die bei Rennen an die Fahrzeuge gestellt werden, zu neuen konstruktiven Lösungen zwingen, die sich in der Folgezeit dann mittelbar auch für den Gebrauchswagenfoau günstig auswirken. Man denke in dieser Hinsicht beispielsweise an die Vierradbremse. Die bei Rennen gefahrenen Geschwindigkeiten erforderten, besonders bei Strassenrennen, dringendst eine Verbesserung der Bremswirkung; man ging daher schon vor vielen Jahren bei den Rennwagen von. der Zweiradbremse zur Vierradbremse über. Zu jener Zeit hat man für den allgemeinen Gebrauchswagenbau an die Einführung der Vierradbremse gar nicht gedacht; es bestand hiefür in Anbetracht der verhältnismässig niedrigen Geschwindigkeiten keine zwängende Notwendigkeit. Als dann aber auch für den Gebrauchswagenbau eine Verbesserung der Bremsmöglichkeiten zeitgemäss wurde, standen hiefür schon ausgereifte Konstruktionen auf Grund der Erfahrungen aus dem Renn- und Sportwagenbau zur Verfügung. Es haben daher die an den Gebrauchsfahrzeugen angewandten Vierradbremsen von allem Anfange an befriedigt, während vorher beim Rennwagen verschiedene Versuche und Umänderungen sich als notwendig erwiesen haben. — Heute kann man sich auch einen billigen Gebrauchswagen ohne einwandfreie Vierradbremse kaum mehr vorstellen. Ein anderes Beispiel stellt die Erhöhung der Motorkraft dar. Dass es gelungen ist, die Motorleistung gegenüber dem gleichen Hubraum innerhalb von etwa fünf Jahren um die Hälfte und mehr zu erhöhen, ist grösstenteils auf die an" Rennwagen gemachten Unser neuer Roman. Die In verhaltener Resignation ausklinkende Geschichte vom langen Jul und der Frau Enid, -welche die traurige «ewige Wahrheit» für immer trennte, hat, wie schon der erste Roman Sonnlechners von der «schönen Frau Erzsebet», in ungewöhnlichem Masse den Beifall unserer Leserschaft gefunden. Die zahlreichen Anerkennungen haben uns aufs neue in der Gewissheit hestärkt, in der Auswahl unserer Romane auf dem richtigen Wege zu sein. Unser neues Werk führt aus der besinnlichen, romantisch verschwärmten Welt des letzten Romans heraus in lebhaft pulsierendes, brausendes Leben. Hier finden die Menschen keine Zeit mehr, tagelang Berge, Blumen und'Baume zu betrachten und als heimlich Beglückte durch die Wunder der Natur zu gehen. Wir haben mit Absicht einen solchen, völlig anderen Stoff gewählt, um alle Leserkreise befriedigen zu können. Der heute beginnende Roman spielt in einem ganz anderen Milieu, das ebenfalls noch eine verwunschene Romantik unserer Tage pflegt, im Zirkueleben. Bux — das ist einer der bekanntesten Zirkusromane der letzten Jahre, und unsere Leser werden bald erstaunt darnach fragen, woher in aller Welt der Verfasser diese geradezu unheimlich genauen Einblicke in die tiefsten Geheimnisse dieser von Flitter und Glanz umstrahlten, seltsamen Welt nehmen konnte. Zirkus — heimlicher Wunschtraum aller Kinder und tiefer Reiz auch noch für die klugen Erwachsenen, die längst -wissen, dass ein Zirkus auch nur aus dem praktischen Grund existiert, um einer grossen Schar von Menschen Brot zu verschaffen. Nicht irgendein billiger Wanderzirkus, sondern eines der repräsentativsten Unternehmen Europas steht im Mittelpunkte dieser Handlung. Man darf es gewiss verraten, dass der Verfasser sich den seinerzeit auch in der Schweiz aufgetretenen Riesenzirkus «Krone» zum Vorbild nahm, darum auch die freie dichterische Umformung des Namens in Zirkus «Kreno» Die Menschen und Tiere decken sich bestimmt nicht mit dem Original, doch d«r Rahmen ist der Wahrheit genau abgelauscht. Die ganze Zauberwelt des Zirkus ersteht vor den Augen des Lesers: Die glanzvollen Vorstellungen mit dem Prunk und dem Licht in dem Riesenzelt, die unerhörte Arbeit hinter den Kulissen, die Rivalitäten unter den Kollegen, die geheime Furcht vor dem Engagementsverlust, die verschiedenen internationalen Typen der Artisten, die Welt der Raubtierkäfige und der Pferdeställe, die ewige Wanderung von Stadt zu Stadt, von Land zu Land, die Aufregungen eines ungeregelten Lebens und die privaten Geschichten der einzelnen Menschen. Viele Zirkuserzähhmgen erschöpfen sich in einer falschen, billigen Romantik: dieser Roman geht jedoch tiefer und schildert alle die Leiden und Freuden dieser Welt genau so, wie sie sich in Wirklichkeit abspielen. Der Held des Romanes — eine ungemein sympathische, schlichte Figur, die sehr gut gezeichnet ist — dürfte in der Zirkus-Welt eine gewisse Ausnahme bilden. Bux, der berühmte Olown und Tierbändiger, ist gleichzeitig Arzt und Gelehrter, und seltsame Schicksalswege haben ihn aus der Bahn der Konvention herausgeworfen. Um diese Gestalt entfaltet sich die von drängendem Leben erfüllte Handlung, die jeden Augenblick von höchster Spannung ist. Die Erlebnisse mit den Tieren dieses Zirkus gehören zum besten des Werkes, auch die rührende Liebe der kleinen Zirkuswaise. Cilly zu ihrem grossen Bux und schliesslich auch die Erlebnisse dieses Mannes mit einer jungen Frau. Der Verfasser, Hans Possendorf, zählt heute zu den bekanntesten und beliebtesten Unterhaltungsschriftstellern. Verschiedene «einer Romane wie « Klettermaxe» sind auch verfilmt -worden. In «Bux» hat Possendorf dem interessanten Zirkus- Erfahrungen zurückzuführen. Ein praktisches Beispiel in dieser Hinsicht sehen wir jetzt in den Arbeiten des im Deutschen Reich tätigen Schweizer Konstrukteurs Zoller. Dass es ihm gelungen ist, aus einem Motor mit 1500 Kubikzentimeter eine Leistung von 200 PS herauszuholen, mutet fast wie ein Wunder an. Früher war man allenfalls mit 30 PS beim gleichen Hubraum zufrieden. Trotz der günstigen Ergebnisse der Brems- INSERTIONS-PREIS: Die aehtgespaltene 2 nun hohe Grundzeüe oder deren Raum 45 Cts. für die Schweiz; für Anzeigen aus dem Ausland 60 Cts. Grössere Inserate nach Seitentarit. luserntenschluss 4 Tage vor Erscheinen der Nummern prüfungen konnte der Zollerwagen auf den Rennstrecken noch keine Erfolge erzielen. wissen Geschwindigkeitsgrenzen aufwärts Man sieht daraus, welch weiter Weg zwischen dem Konstruktionsbureau und demdie Walkarbeit beansprucht werden; viel- mehr durch die Zentrifugalkraft als durch endgültigen Erfolg in der rauhen Wirklichkeit gelegen ist. Es gehört viel Ausdauer und schleudert. Während einer Uebergangszeit fach wurden die Gleitschutzprofile abge- grosses Selbstvertrauen dazu, sich durch half man sich damit, dass man für hohe Geschwindigkeiten auf Gleitschutzprofile über- die im Anfange eintretenden Misserfolge nicht entmutigen zu lassen. Mag sich der haupt verzichtete, um die Schleuderkräfte Zollerwagen auch bei den bisherigen Rennveranstaltungen noch nicht als ausgereift fuhr man, da es sich nur um kurze Strecken zu verringern. Bei manchen Rekordfahrten erwiesen haben — die Tatsache allein, dass handelte, fast nur auf der Leinwand. Aber es überhaupt möglich ist, aus einem solchen gar bald war es nimmermüder Forschungsarbeit gelungen, Reifen für höchste Motor 130 PS für einen Liter Hubraum her- Ge- auszuholen, wird auch bezüglich des Gebrauchswagenbaues zu einer ausserordentlichen Anspannung des konstruktiven Schöpfergeistes führen. Auch manche dem Laien unscheinbare Kleinigkeit verdanken wir in ihrer heutigen Güte und Zuverlässigkeit den Erfahrungen von Rennfahrten. Dies gilt vor allem von -äsr Zündkerze. Sie genügte zwar seinerzeit in ihrer damaligen Ausführung für den Motor eines Gebrauchsfahrzeuges, am Rennwagen aber, mit seinem hochtourigen, überkomprimierten Motor, war sie der raschen Explosionsfolge, der ungeheuren Erhitzung und den hohen Drücken nicht gewachsen. Der Zwang zu grundlegenden Verbesserungen der Zündkerzen kam daher von der Seite des Rennwagens. Eingehende praktische und wissenschaftliche Erforschungen ergaben, dass die Kerze dem betreffenden Motor genau angepasst sein muss. Man stellte fest, ches, die bekanntlich für die beiden Fahrtrichtungen vollkommen getrennte Fahrbah- dass es nicht einfach angängig sei, die Kerze optimal zu kühlen, weil sie dadurch nen vorsehen — im Gegensatz zu den italienischen Autostraden — und dadurch gün- wieder andere Nachteile, so vor allem die Verölung der zu wenig heissen Elektroden, stige Voraussetzungen für höchste Geschwindigkeiten schaffen, lassen Geschwindigkeiten einstellen. Man stellte Wärmewerttabellen auf und teilte die früher recht willkürlich benannten Zündkerzen nach ihrer Wärmegeschwindigkeiten liegen. Es wäre um den zu, die nur wenig hinter den heutigen Rennableitefähigkeit ein. Als dann die Motoren Zukunftsverkehr sehr, sehr schlimm bestellt, der Gebrauchswagen hinsichtlich Drehzahlen wenn nicht in den Rennveranstaltungen unserer Zeit die Konstrukteure der Fahrzeuge und Verdichtsverhältnis immer näher an die früheren Rennmotoren heranrückten, standen und die Erbauer der Strassen schon jetzt bereits Zündkerzen in erprobter neuer Aus- ausreichende praktische Erfahrungen sam- führung für alle Motorarten zur Verfügung. An diesen Weg der Entwicklung denkt heute fast keiner der Millionen Motorfahrer, wenn er ohne Anstand die Strecke eines halben Erdumfanges mit dem gleichen Satz Zündkerzen zurücklegen kann. Aehnliches gilt gerade im Zeitpunkt der neuen Nur-Auto-Strassen (Autostrada, Autobahnen) von der Bereifung. Die früher nur auf Rennbahnen möglichen Geschwindigkeiten haben ergeben, dass die Reifen von ge- schwindigkeiten herzustellen. Diese Entwicklung ist jedoch noch keineswegs abgeschlossen. Der heurige Grosskampf auf der Avus hat die Wichtigkeit der Reifenfrage wieder in das volle Licht gerückt. Der Sieger dieses grossen Kampfes, Guy Moll, hat bekanntlich die ganze Strecke ohne Reifenwechsel durchfahren; während der letzten Runden sah man bereits den weissen Streifen auf den Laufflächen. Die meisten anderen Fahrer, darunter auch Momberger auf. dem Porsche-Wagen, hatten ihre Reifen gewechselt. Und dabei handelt es sich um eine Strecke von nur ca. 300 km! Man sieht, es gibt bezüglich der Reifen noch viel zu leisten, vorerst für die Rennwagen; bald aber auch für die Gebrauchsfahrzeuge. Wir in Gebirgsländern sind zwar dem Schnellverkehr der Zukunft etwas entrückt, aber die «Autobahnen» des Deutschen Rei- Völklein ein Denkmal gesetzt, und wir sind überzeugt, dass unsere Leser mit grösstem Interesse die glänzenden Schilderungen des Zirkuslebens verfolgen, die in der heutigen Nummer beginnen. Bux. Zirkusroman von Hans Possendorf. Copyright by Verlag Knorr & Hirth, G. m. b. H., München. Erster Teil. I. Der Schnellzug Venedig—(Mailand hielt auf dem Bahnhof Verona bereits 10 Minuten länger, als es der Fahrplan vorschrieb. «Und da redet man von musterhafter Ordnung in Italien!» grollte Herr Major a. D. von Prastelny aus seiner Ecke in einem Abteil erster Klasse. «Frag' doch mal, Fee, was diese Schlamperei bedeuten soll!» Feodora von Prastelny nutzte gern jede Gelegenheit, mit ihren italienischen Sprachkenntnissen zu glänzen, obwohl es damit nicht weit her war. Sie beugte sich aus dem Fenster und fragte den am Waggon lehnenden Schaffner: «Perche non partenza?» Von dem gestenreichen Redeschwall der Antwort verstand Feodora keine Silbe. Sie quittierte mit einem «grazie» und wandte sich wieder dem Vater zu: «Der Schaffner sagt, wir müssten noch auf einen anderen Zug warten.» Zufällig hatte sie richtig geraten, denn wenige Minuten später fuhr der Zug München—Verona ein. «Pass auf, jetzt bekommen wir das ganze Abteil voll von diesem Pöbel!» jammerte der Major, auf die Schar der andrängenden Reisenden deutend. Aber die meisten verteilten sich auf die zweite und dritte Klasse. Nur ein Herr öffnete die Tür des Abteils und liess einen der freien Eckplätze mit seinem Gepäck belegen. Der redselige italienische Gepäckträger verwickelte den Reisenden noch in ein Gespräch, das in schnellstem Tempo geführt wurde. Erst als das Zeichen zur Abfahrt ertönte, stieg der Herr ein, machte eine leichte Verbeugung zu dem iMajor und seiner Tochter hin und 'vertiefte sich dann sofort in ein Buch. Nicht einen Blick warf er mehr auf die hübsche Feodora. Diese Nichtbeachtung ihrer reizenden Person ärgerte Fee von Prastelny um so mehr, als ihr der neue Fahrgast ausnehmend gut gefiel. Seine ganze Erscheinung hatte zugleich etwas Vornehmes und Markantes. Dabei war sein Alter schwer bestimmbar. Er konnte ebenso gut Ende der Zwanzig wie Ende der Dreissig sein. Die nach englischer Mode gekleidete Gestalt machte einen sehr jugendlichen Eindruck, aber das glatt rasierte Gesicht wies ein paar tiefe Falten auf, die von den Nasenflügeln zu den Mundwinkeln liefen, und eän ganzes Netz von kleinen Fältchen lag um die Augenwinkel. Hübsch war dieses vergrübelte und ausdrucksvolle Gesicht kei-