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E_1934_Zeitung_Nr.057

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BERN, Freitag, 13. Juli 1934 Nummer 20 Cts. 30. Jahrgang — N° 57 ERSTE SCHWEIZERISCHE AUTOMOBIL-ZEITUNG Zentralblatt für die schweizerischen Automobil- und Verkehrsinteressen ABONNEMENTS-PREISE: Erscheint jeden Dienstag und Freitag Monatlich „Gelbe Liste" Ausgabe A (ohne Versicherang) halbjährlich Fr. 5.-, jährlich Fr. 10.- REDAKTION u. ADMINISTRATION: Breitenrainstr. 97, Bern Ansgabe B (mit Unfallversicherung) vierteljahrlich Fr. 7.50, jährlich Fr. 30.- Telephon 28.222 Telegramm-Adresse: Autorevue, Bern Wohin in die Ferien? ja auch, dass beispielsweise die Russlandreisenden, denen aus politischen Propagandagründen ein ganz bestimmtes Bild gezeigt Ein Ueberblick über die autotouristischen Möglichkeiten Europas. Das Motorfahrzeug ist ein wahrhaft völkerverbindendes Verkehrsmittel; es hat in-werdenerhalb weniger Jahre die engen Fesseln Inseln gigantischer Aufbauarbeit gebracht soll, mit den Bahnen zu den wenigen staatlicher Grenzen gesprengt. Es sei in dieser Hinsicht nur an die lange vor dem Welt- einseitig interessierte Gelehrte — zu Hause wurden, so dass die Besucher — vielfach krieg durchgeführte Fernfahrt Peking-Paris Lobgesänge über das Gesehene anstimmten, verwiesen, die schon damals unter Beweis während Autoreisende, denen das Gesamtbild nicht verschlossen werden kann, in sol- gestellt hat. dass es möglich ist, auch unter schwierigsten Verhältnissen mit dem Motorfahrzeug ganze Kontinente zu chen Fällen nicht erwünscht sind. — Gerade durchmessen. Seitdem Ist für den Autotourismus in fast allen Ländern ungeheuer viel geschehen. Das Verhältnis zwischen jenen Fremden, die ein Land mit der Eisenbahn betreten, und jenen, die im eigenen Motorfahrzeug oder in den Fernreiseautobussen fahren, hat sich sprunghaft zugunsten der letzteren geändert. Eines aber darf nicht übersehen werden: mit dem Autotourismus ist eine völlig neue Art des Reisens entstanden. Während der Eisenbahnreisende von Stadt zu Stadt fährt und daher sich ganz auf die Städtebesichtigungen konzentriert, in den Städten mit dem Baedecker in der Hand von Kirche zu Kirche, von Museum zu Museum und von Denkmal zu Denkmal wandert und dabei eingehenden kunsthistorischen Studien obliegt, kommt es dem Motorfahrer in fast allen Fällen auf das Geniessen der Landschaft an. Der Automobilist ist kein Freund langer Studien der auf den Eisenbahnreisenden zugeschnittenen Führer; seine Betrachtungen gelten den Landschaftsverhältnissen und den Strassenzügen. Der Aufenthalt in den Städten ist dem Autotouristen meist verhasst; häufig wird dieser nur einer kurzen Rast und der Instandsetzung des Fahrzeuges gewidmet. >j Daraus schliessen zu wollen, dass der Automobilist von seinen Reisen nur ganz oberflächliche Eindrücke mit nach Hause zu bringen vermag —ein häufig gemachter Vorwurf — ist grundfalsch. Das Bild, das sich dem Autotouristen erschliesst, erstreckt sich auf ganz andere Gebiete. Weil er ungebunden durch die Landschaft fährt, vor allem, weil sein Weg ihn auch durch die kleinen Ortschaften führt, die der Eisenbahnreisende nur selten zu Gesicht bekommt, reicht sein Einblick meist tiefer in die Qegenwartsverhältnisse, als dies für einen Bahnreisenden möglich ist. Sicherlich ist das Bild, das ein Autotourist von einem fremden Lande mit nach Hause bringt, viel wahrer und lebensnäher, als das des Eisenbahnbenützers. Man weiss F E U I L L E T O N Bux. Zirkusroman von Hans Possendorf. (3. Fortsetzung) «Ich? Nein, ich habe ihn hier zum erstenmal in meinem Leben gesehen», erwiderte Bux. «Ich verstehe nicht, was Sie meinen, Herr Dirktor.» «Nun, dann hören Sie weiter, Bux. — Ich habe Benson also hierher kommen lassen und ihn zur Rede gestellt. Er gibt zu; der Urheber des Gerüchtes zu sein, will aber keine Behauptung, sondern nur eine Vermutung ausgesprochen haben.» Bux schüttelte verwundert den Kopf. «Ich verstehe kein Wort von allem, was Sie da sagen, Herr Direktor. Was denn nur für ein Gerücht? Etwas in bezug auf mich?» Dem Direktor war die Sache sichtlich peinlich. Bux schien wirklich keine Ahnung zu haben, um was es sich hier handelte. Also musste er deutlicher werden: «Es handelt sich um einen... Mordprozess.» Bux hob mit einem Ruck den Kopf. Dann aber sagte er leichthin: «Oh, wie interescaoii* dieser Sachverhalt erweist deutlich, dass das Reisen im Auto ein Bild der durchfahrenen Länder vermittelt, wie es kein andexes Verkehrsmittel zu bieten vermag. Jedenfalls lässt es das Gesagte auch begreiflich erscheinen, dass für den Autotouristen bei der Zusammenstellung seiner Fahrten ganz andere Gesichtspunkte massgebend sind als für den Bahnreisenden; die landschaftlichen Schönheiten eines Gebietes und die Verkehrsverhältnisse treten meist in den Vordergrund. Die engere Heimat. Das Streben, ferne Länder kennenzulernen, und die Möglichkeit, dieselben mit dem Motorfahrzeug auch in kurzer Zeit leicht erreichen zu können, führt nicht selten zu einer gewissen Vernachlässigung der eigenen Heimat. Und doch ist es durchaus möglich, auch in dieser «Entdeckungsfahrten» zu unternehmen. Zwar kennt fast jeder Schweizer Automobilist, der für den Tourismus Interesse hegt, alle 25 Schweizer Paßstrassen und wahrscheinlich auch alle kleineren und grösseren Seen, über die unser Land in so reicher Pracht verfügt. Wie viele Deutschschweizer aber habeTi sich schon die Mühe genommen, einmal das Juragebiet eingehend zu befahren? Zwar fehlen hochragende Berge, wie sie die Zentralalpen auszeichnen; aber die Schönheiten der RapDenlochschlucht, die Ausblicke von Magglingen, von der Höhenstrasse Orvin-Lamboing-Neuveville auf den Bielersee und das prächtige Berner Oberland, die herrlichen Waldlandschaften der gut gepflegten Jura-Hauptstrassen, die einzigartige Aussicht vom Höhepunkt Vue des Alpes auf die Juraberge und die Alpen, die durch Waldund Felsgebiet und durch Schluchten führende kurvenreiche Strasse Neuchätel-La Tourne - Le Locle und schliesslich die Strassen über die kleinen Jurapässe im südwestlichsten Zipfel der Schweiz mit den Ausblikken auf den Genfersee, die Savoyer Alpen, den Mont Blanc und die Waadtländer und «Benson behauptet», fuhr Direktor Kreno fort, «er habe in einer amerikanischen Zeitung vom vorigen November den Bericht von diesem Prozess gelesen, und ihn noch gut in Erinnerung. Demnach soll in einem Variete-Theater in New Orleans — oder vielmehr im Hofe des Theaters — abends nach der Vorstellung ein Artist mit zerschmettertem Schädel tot aufgefunden worden sein. Neben der Leiche habe man einen Stock mit Eisenknauf gefunden, mit dem der Mord offenbar ausgeführt worden sei. Und diesen Stock habe man als das Eigentum eines— Clowns erkannt, der mit einer grossen Tiernummer in dem gleichen Variete engagiert war. Auch alle andern Umstände hätten darauf hingedeutet, dass dieser Clown der Mörder sei.» — Direktor Kreno machte wieder eine Pause. «Nun — und?» fragte Bux ruhig. «Hat man diesen Clown • also verurteilt und hingerichtet?» «Nein. Wie der Prozessbericht besagt habe, hätten die Beweise für eine Verurteilung nicht hingereicht — um so weniger, als der Stock dann spurlos verschwunden gewesen sei.» «Also ist der Clown freigesprochen worden?» «Ja — so sagt Benson.» Walliser Berge gestalten die Befahrung dieses Gebietes zu einem besonderen Erlebnis. Auch die Befahrung der zwar schmalen und kurvenreichen, landschaftlich aber ganz ausserordentlich schönen Strassen in die Walliser Seitentäler zählen mit ihren Ausblicken auf die Mont Blanc-Gruppe, die Diablerets, das Matterhorn, die Monte Rosa-Gruppe usw. zu den autotouristischen Spezialitäten der Schweiz. Aber auch die Innerschweiz bietet mit ihren einzigartigen Strassen auf den Bürgenstock, nach Seelisberg, über die Ibergeregg u. a. ausserordentliche Anziehungspunkte. Dass man in Graubünden und im Tessin sich immer wieder vor neue landschaftliche Schönheiten gestellt sieht, bedarf keiner besonderen Beweise. — Der Fahrer aber, der seine Heimat wirklich kennt und fremde Lande bereisen will, sei noch auf einzelne Besonderheiten hingewiesen. INSERTIONS-PREIS: Die achtRespaltene 2 mm hohe Grundzeile oder deren Raum 45 Cts. für die Schweiz; für Anzeigen aus dem Ausland 60 Cts. Grössere Inserate nach Seitentarit. Inseratenschluss 4 Tage vor Erseheinen der Nummern man auf finnischem Boden von Haparanda bzw. Oulu (Uleaborg) auf der neuen Lapplandstrasse über Rovaniemi, Sodankylä, Ivalo und Virtaniemi den Ort Petsamo am nördlichen Eismeer erreichen. Beim neu angelegten Tiefseehafen Liinahamari, 8 km nördlich des Ortes Petsamo und zu diesem gehörig, befindet sich ein sehr schönes Unterkunftshaus des finnischen Touristenvereins. Es ist dies der nördlichste Punkt der Erde, der mit dem Motorfahrzeug in zusammenhängender Fahrt per Achse erreicht werden kann. Den Besuchern dieser Gebiete sei noch kurz folgendes gesagt: Von Jütland führen über die dänischen Inseln gute Fährenverbindungen nach Schweden, desgleichen von Warnemünde und Sassnitz. Eine Befahrung des Götakanals ist sehr empfehlenswert; man lässt den Wagen in Göteborg und fährt von Jönköping oder, wenn man die ganze Fahrt unternimmt, von Stockholm mit den Autobussen der Schiffahrtsgesellschaft nach Göteborg zurück. — Die schönsten Hochgebirgsstrecken Norwegens liegen westlich der Strecke Oslo-Lillehammer-Dombas-Andalsnes. Besonders empfehlenswert sind folgende bis an die Gletscher heranführende Routen: Notodden-Röldal-Odda; Eidf jord-Haugastöl- Hallingskeid; Otta (im Gudbrandstal)-Pollfoss-Grotli-Hjelle-Visnes und Grotli-Geirangar. Diese Hochgebirgsfahrten lassen sich mit Die Länder des hohen Nordens. Immer mehr und mehr beweisen die besonderen Reize der nördlichsten Gebiete Europas ihre Anziehungskraft auf den Autotourismus, ganz besonders, seitdem Schweden, Norwegen und Finnland daran gegangen sind, ihr Strassennetz grosszügig auszubauen. In Schweden sind es im Süden die grossen Seen, der interessante Göta-Kanal, die Trollhättanfälle, das tausendfach zerklüftete Schärengebiet Stockholms, im mittleren Teil und imFjordfahrten verbinden, da über die schmalen Norden die majestätischen Weiten der Wälder, die gigantischen Riesenströme, die den Fjorden kurze Strassenstücke vorhanden Fjorde Fährverbindungen und zwischen den Ozeandampfern eine Einfährt bis auf 60 km sind. — Von Trondheim führt eine schöne in das Landesinnere ermöglichen, und dieStrasse nach Mittelschweden, von wo man grossen Wasserfälle, welche einen besonderen Reiz darstellen; in Norwegen das eisbesele-Boden den hohen Norden erreichen kann. von Oestersund über Strömsund-Asele-Lyckdeckte Hochgebirge des südwestlichen Teiles Dieser «Binnenlandweg» ist der Strasse mit seinen guten Hochstrassen, die zahllosen längs der flachen Küste unbedingt vorzuziehen. Empfehlenswert ist ein Abstecher zum Fjorde, die bis zu 100 und mehr Kilometer in das Land reichen und welche gute Strassenverbindungen mit dem Binnenland aufweisen; wo man durch eine Motorbootfahrt von 90 Wasserfall Harspranget und nach Porjus, von der nördlichste Teil Norwegens freilich ist Kilometer die imposanten «Grossen Seefälle» zur Zeit per Achse nicht erreichbar. — Finnlands besonderer Reiz sind die Seen, deren schön, leider sehr wenig bekannt. — Auch ein besuchen kann. Diese Fahrt ist unerhört Zahl amtlich mit 60 000 beziffert wird. Tausende dieser in Wälder und Wiesen eingeruna ist für den technisch Interessierten loh- Besuch der Bergwerksorte Gällivare und Kibetteten Seen hängen durch Wasserarme zusammen, so dass der Betrachter der Karte kann man per Achse oder mittels Motorboot nend. — Von Ivalo an der Lapplandstrasse meint, man könne mit dem Auto überhaupt das Lappendorf Inari, den Hauptort des nicht durchkommen. Ueberall stehen aber gleichnamigen Kirchspiels, besuchen. In Ivalo Tag und Nacht kostenlos Fährboote zur Verfügung, so dass weder Kosten noch beson- Orten an der Lapplandstrasse, ein sehr ge- gibt es übrigens, wie in den meisten anderen dere Zeitverluste entstehen. mütliches Unterkunftshaus des Touristenvereins, ausserdem stehen einzelstehende Holzhäuschen für zwei bis vier Personen miet- Der nördlichste Teil der drei Nordstaaten wird durch Lappland bedeckt, das einen ganz weise zur Verfügung. — Von Petsamo aus einzigartigen Reiz auf den Besucher ausübt; kann man mittels Dampfer die zur Hälfte die Renntiere kommen bis an die Strassen sowjetrussische Fischerhalbinsel sowie den heran; mehrere Lappendörfer sind auf guten norwegischen Erzhafen Kirkenes besuchen. Wegen zu erreichen. Seit einigen Jahren kann «Hm, hm. — Also ist der Fall doch damit erledigt?» sagte Bux mit einem spöttischen Lächeln. «Ja, ja — das schon. Aber nun kommt der Haken.» «Da bin ich neugierig, Herr Direktor.» Direktor Kreno holte tief Atem. Die Sache wurde ihm immer peinlicher. — «Also kurz und gut: Benson behauptet nun — oder spricht vielmehr die Vermutung aus, dass ... dass Sie dieser Clown wären. Und ich möchte Sie deshalb bitten, dass Sie mir gegenüber dieses dumme Gerücht dementieren, damit ich Benson bestrafen und seine Bestrafung am schwarzen Brett bekanntmachen kann.» — So, nun war's endlich heraus! Da aber sagte Bux etwas, was der Direktor nicht vermutet hatte — und er sagte es mit völliger Ruhe. «Sehr liebenswürdig, Herr Direktor — aber das können Sie nicht tun, denn ... ich bin tatsächlich jener Clown.» Direktor Kreno prallte förmlich zurück. Endlich sagte er ganz verstört: «Ja, um Himmels willen, Bux! Ja, was ist denn das für eine tolle Sache?» Bux schwieg beharrlich. «Aber so reden Sie doch! Sie müssen mir doch irgendeine Erklärung geben!» «Ich wüsste nicht, was da noch zu erklären wäre», sagte Bux und zog die Brauen zusammen. «Ich sage Ihnen ja, Herr Direktor, dass ich jener Clown b i n. Und so lange Benson nur behauptet oder gar nur vermutet, ich sei eines Verbrechens freigesprochen, ist dagegen nichts zu sagen. — Aber verzeihen Sie, Herr Direktor», — Bux sah hastig nach der Uhr —, «es ist höchste Zeit, dass ich mich für die Nachmittags-Vorstellung schminke.» 6. Cilly Benkits Eltern, die unter dem Namen Berno und Berna allabendlich ihre verwegenen Radfahrkünste auf dem Drahtseil zeigten, hatten sich vor fünfzehn Jahren in einem Variete in Kopenhagen kennengelernt. Herr Berndt war damals als Drahtseilkünstler engagiert gewesen und sie hatte zu einer Radfahrtruppe gehört. Beide standen sie ganz allein in der Welt. Nach ihrer Hochzeit gründeten sie selbst eine grosse Radfahrtruppe, hatten aber kein rechtes Glück damit, weil sie nicht, wie die meisten dieser grossen Nummern, mit Familienmitgliedern arbeiten konnten, sondern immer auf fremde Leute angewiesen waren. Sobald Frau Berndt, die auf artistischem Gebiet ein pädagogisches Talent ersten Ranges war, üie3e Mitglieder auf die Höhe ihrer Leistungsfähigkeit gebracht hatte, liefen sie da-