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E_1934_Zeitung_Nr.063

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BERN, Freitag, 3. August 1934 Nummer 20 Cts. 30. Jahrgang - N» 63 ERSTE SCHWEIZERISCHE AUTOMOBIL-ZEITUNG Zentralblatt für die schweizerischen Automobil- und Verkehrsinteressen ABONNEMENTS-PREISE: Erscheint jaden DIMMUS und Freltng Monatlich „Gelbe Liste" Ausgabe A (ohne Versicherung) halbjährlich Fr. 5.—, Jährlich Fr. 10.— REDAKTION n. ADMINISTRATION:. Breitenrainstr. 97, Bern Ausgabe B (mit Unfallversicherung) vierteljährlich Fr. 7.50, jährlich Fr. 30.- Telephon 28.223 Telegramm-Adresse: Autorevue, Bern Die Kunst des Tourenfahrens Es wäre eine irrige Meinung, wollte man annehmen, für die erfolgreiche Durchführung einer grossen Automobiltour sei nichts anderes notwendig als ein zuverlässiger Wagen und eine ausreichende Fahrkunst. Auch das weitere Vorhandensein einer wohlüberlegten Ausrüstung und die Beschaffung guter Kartenund Führerwerke bieten noch keine Sicherheit für einen zufriedenstellenden Verlauf der beabsichtigten Tour, wenngleich sie dazu in sehr wesentlichem Masse beitragen. Unbedingt notwendig sind auch die besonderen touristischen Erfahrungen, die Routine des langjährigen Tourenfahrers bezüglich der Anlage und Durchführung der Fahrt. Ueber die zweckmässige technische Vorbereitung einer grossen Fahrt, vor allem über die Prüfung und Instandsetzung des. Fahrzeuges, wurde in Nr. 60 der «Automobil- Revue» unter dem Titel «Vorbereitung des Wagens für die Ferienreise» eingehend geschrieben, während in den Nummern 57 und 58 unter dem Titel «Wohin in die Ferien» ein Ueberblick über die grösseren autotouristischen Möglichkeiten geboten wurde. Im folgenden werden die bei grossen und schweren, sowie bei mittleren Touren gesammelten praktischen Erfahrungen den Lesern zur Verfügung gestellt. F E U I L L E T O N Bux. Zirkusroman von Hans Possendorf. (9. Fortsetzung) Mit seiner Kunst war es nicht weit her, dafür aber hatte er sehr viel Geld; das heisst, er war seit kurzem mit einer jungen adeligen und sehr reichen Florentinerin verheiratet. Es traf sich, dass Herr von Klatte für diesen Abend einige bekannte Herren zu sich geladen hatte. Er würde sich besonders freuen, sagte er, wenn sein lieber Onkel ihm die Ehre schenken wolle, an dieser Herrengesellschaft teilzunehmen. Fee könnte den Abend dann mit seiner Frau in der Oper verbringen. Es spiele zurzeit eine ausgezeichnete Stazione dort, und man habe für 4ie ganze Spielzeit eine Loge abonniert. Als der erste Akt der ,Tosca' zu Ende war, verliess Fee von Prastelny das Theater. Die junge Italienerin zeigte volles Verständnis für das geplante Abenteuer und versprach, dem Major nichts zu verraten. Zum dritten Akt wollte Fee wieder bei Frau Klatte in der Loge sein. Ein Auto brachte Fee zum Zirkus. Sie Hess Mit oder ohne Plan? Man kann es so machen: Es wird kurz eine Uebersichtskarte von Europa konsultiert und der Entschluss gefasst, heuer in dieses oder jenes Gebiet zu reisen. Dann wird losgefahren und nach Lust und Laune des Augenblickes durch die Welt gegondelt, bis die fortschreitende Zeit zur Rückkehr zwingt. Diese vollkommene Freizügigkeit als Auto- Tramp, dieses Freisein von den Fesseln eines genauen Planes hat gewiss einen besonderen Reiz. Für kleinere Fahrten, vielleicht in der Dauer von zwei bis drei Tagen, mag diese Methode hin und wieder recht nett und befriedigend sein. Für grössere Fahrten aber, die dazu bestimmt sind, irgendein bestimmtes Gebiet kennenzulernen, taugt diese Durchführungsart nicht. Da sind gründliche Reisevorbereitungen unbedingt vonnöten. Je besser eine Reise vorbereitet ist, je sorgsamer alles einschlägige Material zusammengetragen wurde, desto grösser ist der Genuss der Fahrt, desto grösser auch die geistige Ausbeute, die man nach Hause bringt. Und dann die Vorfreude! Fast kann sie dem Vergnügen der Fahrt selbst gleich- i. gesetzt werden. Man verfährt am besten folgendermassen: zuerst wird eine Fahrtroute in groben Umrissen festgelegt, so dass einigermassen feststeht, welche Gebiete durchfahren werden sollen. Dann gilt es, sich gute Karten und Führer zu beschaffen. Besonders die letzteren müssen vor der Fahrt und vor der endgültigen Festlegung der Fahrtroute eingehend studiert werden. Hiebei ist danach zu forschen, was für besondere Sehenswürdigkeiten es in dem zu befahrenden Gebiete gibt. Man muss sich im klaren sein, ob das Schwergewicht mehr auf die Besichtigung von Städten, und Kunstdenkmälern verlegt wird oder den landschaftlichen Schönheiten zukommt. Besonders die letzten liegen sehr häufig abseits der grossen Durchgangsstrassen. Ist nun einmal bekannt, was für Besonderheiten es in dem betreffenden Gebiet gibt, so nimmt man die Karte" zur Hand, um zu prüfen, in welcher Weise dieselben erreicht und zu einer zusammenhängenden Fahrt aneinandergereiht werden können. Hiebei wird man sich nochmals eingehend mit den einzelnen Sehenswürdigkeiten beschäftigen müssen, denn nur selten reicht die Zeit dazu, die Gesamtheit dessen, was man gerne sehen möchte, in das endgültige Tourenprogramm wirklich einzubeziehen. Es wird also auf das eine zugunsten des anderen verzichtet werden müssen; hiezu ist es — wenn die Wahl' nicht von vornehereiri durch die örtliche Lage bedingt ist — nötig, die einzelnen Sehenswürdigkeiten nach dem Ausmasse des Interesses, das sie beanspruchen körinen, zu sich einen Platz dicht am Reitereingang geben Ȧls sie das Chapiteau betrat, war gerade die grosse Tigergruppe des Dompteurs Montez bei der Arbeit. Die Tiere machten gehorsam ihre Sprünge, Pyramiden und Balancen. Nur ein besonders grossesTier — Feewusste nicht, dass' es Buxens Judith war — verweigerte hartnäckig die Arbeit. Sobald der Dompteur die Tigerin von ihrem Postament jagen wollte, fauchte und schlug sie nach ihm, dass es höchst beängstigend anzusehen war. Dann zuckte Herr Montez- stets mit den Achseln und Hess Judith in Frieden. Die teuren Plätze waren an diesem Abend schon recht dünn besetzt. In der Loge neben Fee sass ein einzelner älterer Herr, der sie schon seit Minuten lächelnd von der Seite musterte. Er war höchst geckenhaft, fast komisch gekleidet. Der Strohhut war ihm viel zu klein, das Monokel trug er an einem breiten Seidenband, das Schnurrbärtchen war spitz aufgezwirbelt. Er hatte ein viel zu enges blaues Jackett an und weisse Hosen von einem unmöglichen Schnitt. Weil er aber der einzige Zuschauer w # ar, der Fee nahe genug saSs, dass sie sich mit einer Frage an ihn wenden konnte, unterdrückte sie ihren Widerwillen gegen den ältlichen Gecken und erkundigte sich in ihrem reihen; gerade diese Vorarbeit erfordert ein sehr gründliches Beschäftigen mit der zu befahrenden Gegend. Manche schriftliche Rückfrage wird auch im Zusammenhang erforderlich sein. Soweit man über besondere Einzelheiten an Ort und Stelle Auskünfte einholen will, wendet man sich stets am besten an die Automobil- oder Touring-Clubs, an die zuständigen Konsulate oder an die Fremdenverkehrsverbände, die heutzutage fast in allen Ländern bestehen. Durch diese Vorarbeiten werden die Reiseteilnehmer mit dem Gebiet, das sie kennen lernen wollen, immer mehr und mehr vertraut; es entsteht vor dem geistigen Auge ein deutliches Bild, das es bei der Fahrt zu berichtigen und zu ergänzen gilt. Es ist nicht wahr, dass eine derartige Vorarbeit die Freude der Fahrt selbst dadurch beeinträchtige, dass jeder «schon alles wisse». Die Vorfreude zählt mit zu dem Schönsten, was eine Reise zu bieten vermag. Und die sehnsuchtsvolle Erwartung während der Fahrt, dieses und jenes, dessen Vorhandensein die Vorbereitung erkennen Hess, nunmehr in Wirklichkeit kennen zu lernen, macht die Fahrt kurzweilig, zerlegt sie in lauter kleine, immer wieder spännende Teile und steigert den Genuss der Reise ausserordentlich. Dazu kommt, dass es sich bei einer mangelhaft Vorbereiteten Fahrt niemals vermeiden lässt, dass der Autotourist an den wichtigsten Sehenswürdigkeiten ahnungslos vorbeifährt. Wird dann zu Hause von den Reiseerlebnissen erzählt, und in dem Zuhörerkreis befindet sich jemand, der das Gebiet bereits kennt, so ' folgt bestimmt die Frage: «da haben Sie sicherlich auch dies und jenes besucht, denn es zählt zum Schönsten des Landes» — und man muss dann unwissend verneinen! Wem von den Anfängern des Tourismus wäre es nicht oftmals so ergangen, bis die erforderlichen Erfahrungen für die Reisevorbereitungen" gesammelt waren! Geht die Fahrt in ein fremdsprachiges Gebiet, so gehört es zu den unbedingt erforderlichen Reisevorbereitungen, zumindest die richtige- Aussprache und Betonung der Ortsnamen zu erlernen. Zwar wird der Genuss einer Reise ausserordentlich gesteigert, wenn der Reisende die Sprache des betreffenden Landes beherrscht, doch lässt sich dies nicht immer- erreichen. Es geht beispielsweise nicht an, Albanisch zu iernen, nur weil eine Reise nach Albanien vorgesehen ist! Unbedingt nötig aber ist es,4ie Ortsnamen richtig auszusprechen, um wenigstens nach dem Weg fragen zu können» Falsch ausgesprochene und unrichtig betonte Ortsnamen kann oftmals selbst der Einheimische beim besten Willen nicht verstehen. Auch mit kleinen Eigenarten der Bevölkerung soll - man sich rechtzeitig vertraut machen. So schütteln beispielsweise die Bewohner des Balkans den Kopf, wenn sie bejahen, und sie nicken, wenn sie eine Frage verneinen. Wenn man nun, wie dies ja häufig der Fall ist, nur durch Aussprache des Reisezieles nach der richtigen Strasse fragt, und wenn man die Antwort aus den Mienen der Gefragten ablesen will, so kann man während der ersten Tage auf dem Balkan durch diese seltsame Eigenart vielfach irre fahren. Der Start. Die Abfahrt zu einer grossen Ferienfahrt ist natürlich immer mit einigen Aufregungen — der Reisenden und der Zurückbleibenden — verbunden. Das ist auch bei der besten Vorbereitung einfach nicht zu vermeiden. Zwar trägt der Fahrtleiter schon einige Zeit schlechten Italienisch, ob die Tigernummer von dem Clown Bux schon an der Reihe gewesen sei. «Nein, Fräulein von Prastelny; aber sie kommt gleich», gab der Herr auf deutsch zurück. Feodora starrte , ihn ganz verblüfft an. Dann aber rief sie: «Mein Gott! Sie sind es, Herr Doktor Buchsbaum! Aber was machen Sie denn in dieser scheusslichen Verkleidung im Publikum? > «Pst, — nicht so .laut!» mahnte Bux. «Was ich machen werde, das sollen Sie schon sehen. Aber sagen Sie bloss, wie Sie hierherkommen! Sind Sie schon auf der Rückreise?» Fee erzählte ihm, auf welch abenteuerliche Art sie allein in den Zirkus gekommen war, und dass sie ihn unbedingt habe sehen wollen, — seine Tigernummer meine sie natürlich. Und sie schloss: «Ich muss aber gleich nach Ihrer Nummer wieder in die Oper zurück.» «Oh, wie schade!» entfuhr es Bux. «Und morgen sind wir nicht mehr hier. Gleich nach der Vorstellung brechen wir unsere Zelte ab und reisen noch in der Nacht nach Rom.» «Kann ich Sie nicht heute nacht noch sprechen?» fragte Fee. Und zugleich dachte sie bei sich: .Wenn er jetzt wieder nein sagt, INSERTIONS-PREIS: Die achtgespaltene 2 mm hohe Grundzeit oder deren Raum 45 Cts. für die Schweiz; für Anzeigen aus dem Ausland 60 Cts. Grössere Inserate nach SeitentarK. Inseratenschluss 4 Tage vor Erscheinen der Nummern dann ist es endgültig aus mit meiner Geduld; dann ist er für mich erledigt!' «Ja, das geht natürlich. Ich bin mindestens bis zwei Uhr auf dem Platz. Meine Wagen werden wahrscheinlich mit Zug zwei befördert, der kurz nach vier Uhr morgens den Güterbahnhof verlässt.» «Gut, dann komme ich so gegen... gegen ein Uhr etwa hierher, — an Ihren Wohnwagen, nicht wahr?» «Was wird aber Ihr Herr Vater dazu sagen?» «Ach, seien Sie doch nicht immer so ein furchtbarer Spiessbürger!» gab Fee fast heftig zurück. «Für einen Künstler ist das ja...» «Jetzt passen Sie gut auf!» unterbrach sie Bux und wies nach dem Zentralkäfig. Die Tiger hatten ihre Arbeit beendet. Der Dompteur verbeugte sich unter dem Beifall des Publikums. Dann trieb er die Tiere nacheinander in den Laufkäfig, der, einem langen Gittertunnel vergleichbar, vom Zentralkäfig durch den Reitergang und den Aufsitzraum ins Freie und bis zu den Käfigwagen führte. Schliesslich war nur noch Judith allein im Zentralkäfig. Montez versuchte vergeblich, sie von ihrem Postament herunterzujagen. Sie brüllte ihn so fürchterlich an, dass das Publikum schon unruhig wurde. «So, jetzt kommt der Herr aus dem Publivorher ein Notizheft bei sich (das natürlich auch des Nachts auf dem Nachttischchen mit einem Bleistift bereitliegen muss!), in das alles, auch die kleinsten Kleinigkeiten, sofort eingetragen wird, um nichts von dem zu vergessen, was mitgenommen werden soll; aber im letzten Augenblick gibt es dann doch noch immer viel zu tun. Sitzt dann endlich alles — meist mit einer mehrstündigen Verspätung — im Wagen, um zum Städtchen hinauszufahren, so sind die Insassen oftmals schon abgehetzt und todmüde. So etwas ist kein guter Anfang. Vor allem sind die psychologischen Nachteile sehr ungünstig: Müdigkeit macht missmutig. Vielleicht gelingt es nicht, das Etappenziel des ersten Tages zu erreichen. Das Programm gerät daher schon am ersten Tag in Unordnung. Das Vertrauen zu sich selbst, das Programm einhalten zu können, gerät ins Wanken, und der Fahrer wird auch in den folgenden Tagen sich nicht mehr genau an die vorbestimmte Einteilung halten, und so kommt es dann, dass für die Erreichung des weitgesteckten Fahrtenzieles die erforderlichen Möglichkeiten und Energien nicht mehr vorhanden sind. Die Durchführung einer grossen Tour ist immer in erster Linie eine Energiefrage. Wo ein Wille ist, ist auch ein Weg. Um den geschilderten Gefahren zu begegnen, gibt es ein sehr einfaches Mittel: der Start wird auf den Nachmittag angesetzt, wobei für diesen ersten Fahrtag (Vierteltag) nur eine Strecke von vielleicht 50 oder 80 km vorgesehen ist. Vor allem hat man dadurch das grosse Plus, dass nicht gehetzt werden muss. Man weiss, dass der naheliegende erste Nächtigungspunkt auch dann noch in aller Bequemlichkeit und Ruhe erreicht wird, wenn man erst abends zum Losfahren kommt. Gewiss, man kommt müde in dem nahen Etappenort an, aber es bleibt immer noch Zeit zur ausreichenden Nachtruhe. Und am nächsten Tag geht es in voller Frische und ohne Verspätung weiter: mit dem Gepäck ist wenig mehr zu tun, weil nur die wenigen Uebernachtungssachen in die Handtasche zu geben sind, und die Zeitverluste des Abschiednehmens und des Erteilens letzter Weisungen fallen dahin. — Diese Lösung des Startproblems, durch die der ganzen Fahrt ein entscheidender Elan erteilt und die sonst unvermeidliche Anfangsmüdigkeit vermieden wird, hat sich stets sehr bewährt. Für den Anfänger hat diese Methode einen unschätzbaren Vorteil: ist wirklich etwas vergessen worden — was aber bei einer guten Vorbereitung sich unbedingt vermeiden lässt! —, so kann noch nach Hause telephoniert und das Fehlende nachgeliefert werden. (Fortsetzung folgt.)