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E_1934_Zeitung_Nr.064

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BERN. Dienstag, 7. August 1934 Nummer 20 Cts. 30. Jahrgang - N» 64 ERSTE SCHWEIZERISCHE AUTOMOBIL-ZEITUNG Zentralblatt für die schweizerischen Automobil- und Verkehrsinteressen ABONNEMENTS-PREISE: Encheint Jeden Dtcnstm und Frclta« Monatlieb „CMhe LMe" Ausgab« A (ohne Versicherung) halbjährlich Fr. 5.-, JthrKch Fr. tO.- REDAKTION n. ADMINISTRATION? Breitenrainstr. »7, Bern Ausg.be B (mit Unfallversicherung) viertel]Uirlieh Fr. 7.50, jährlich Fr. 30.- Telephon 28.222 Telegramm-Adresse: Autoreva«, B*ra INSERTIONS-PREIS: THe aehtgeipaltene 2 mm hohe Grnndzetle oder d*r*n Raum 45 GU. für die Schweiz; für Anzeigen am dem Ausland 60 CU. Gröseere Inserat« nach Seitentarif. laMtatanseblaes 4 Tage vor Eneheinen der Nummern X. Internationales Klausen - Rennen Starkes Regenwetter In den Vortagen beeinträchtigt den Klausen-Besuch am Sonntag. — Caracclola gewinnt auf Mercedes-Benz mit neuer Rekordzelt das JubHSumsrennen. — Balestrero triumphiert bei den Sportwagen. — Vier neue Klassenrekorde. — H. Ruesch bester Schweizer Fahrer. — Tadellose organisatorische Leistung. Die Vortage. Linthal, 4. Aneust TTeber die ersten Probeläufe am Donnerstag nnd Freitag morgen konnten wir noch in der letzten Ausgabe berichten. Nachdem am Freitag früh mit Ausnahme einiger italienischer Fahrer, die erst am Abend spät in Linthal eintrafen, die meisten Konkurrenten eine erste Trainingsfahrt hinter sich gebracht hatten, flaute der Betrieb zufolge des zunehmenden Regens rasch ab und nurmehr wenige Unentwegte, und vorab Motorradfahrer, trotzten weiterhin den Elementen. Es bedurfte wirklich allerhand Zuversicht und Selbstvertrauen, um bei diesem garstigen Wetter das Training fortzusetzen, . das den Fahrern trotz allen Schutzschildern und ^sonstigen kunstgerechten Hilfs- und Abwehrmassnahmen die Sicht sehr erheblich verringerte. Wenn die Maschinen mit ihrer ungestümen Kraft vom Start wegzogen, so stoben nach allen Seiten ganze Wasserfontänen, und weit hinauf sah man noch die Wassergarben, die von den Rädern in die Höhe geschleudert wurden. Trotzdem wurden von den verschiedenen Beobachtungsposten aut, allwo sich « Freund und Feind > im erträglichen Schütze von Schirmen, Oelmänteln und richtigen Südwestern zur Zeitkontrolle eingefunden hatten, übereinstimmend sehr gute Zeiten gemeldet, die für die -.beiden Favoriten Stuck und Gartwciola nhter 16 Min. lagenl Von den acht gemeldeten Schweizern waren mit Ausnahme von J. Kessler und Schneider alle auf dem Plan und, hinterliessen durchwegs einen recht günstigen Eindruck. Stuber und .Rampinelli erwiesen eich als sehr schnell in der Klasse der Sportwagen, nnd man geht wohl nicht fehl, wenn sie als zu den aussichtsreichsten in der Kategorie gezählt werden, sofern wenigstens bei Stuber die Maschine von ihren Tücken lässt, die sich im Training ab und zu wieder zeigten. Kaum waren die Fahrer, die in eindrucksvoller Kolonne wieder talwärts kamen, im Dorfe unten angelangt, so sachte alles ein schützendes Dach auf. Die Maschinen wurden in all den wirklichen und " «um grössten Teil provisorisch eingerichteten Ga- 'ragen und Boxen verstaut. Nurmehr wenige im Freien stehende Lastwagen nnd anderes Rennzubehör, geschäftig hin und her eilende Hilfskräfte Ferner bestätigt sich nun das Fernbleiben der von dem in Deutschland lebenden schweizerischen Konstrukteur Zoller gemeldeten beiden Maschinen. Eine nähere Begründung hierfür ist unseres Wisennnerten daran, dass Linthal ein automobilistisches Heerlager beherbergte. Und während die Dorfstrassen einen fast alltäglichen Eindruck machten, wurde hinter geschlossenen Türen emsig von geschickten Mechanikern gearbeitet. Jetzt erst begann ihr eigentliches und verantwortungsvolles Tagewerk, das weder Ruh noch Rast kennt und erst dann wieder eine Atempause erlaubt, wenn die Maschine wieder fix und fertig bereit steht, um unter der kundigen Hand ihres Lenkers erneut den Berg hinan zu stürmen. Ab und zu aufheulende Motoren gaben Kunde davon, dass man im Dorf nicht nur dem normalen Tagewerk nachging, sondern zahlreiche Hände damit beschäftigt waren, Waffen für den bevorstehenden sportlichen Grosskampftag zu schmieden. Da und dort flitzte gegen Mittag ein Renner aus seinem sicheren Stall, brummte durch die Gassen und war, kaum dass man es sich versah, hinter den ersten Kehren der Paßstrasse verschwunden: Das inoffizielle Training hatte eingesetzt, und wenn auch jeder Fahrer Stein und Bein schwor, er bummle nur ein wenig den Berg hinan, so wusste jedermann Bescheid, dass die Spazierfahrt doch nicht so harmlos war. Inzwischen erfuhr man nun auf dem Rennsekre- twiat, das sich in einen -wahren Bienenstock mit ständigem Aus und Ein verwandelt zu haben schien, von den ersten Forfaits. Es war leider zur Gewissheit geworden, dass die Scuderia Ferrari überhaupt nicht am diesjährigen Klausen vertreten sein werde. Wie schon gemeldet, musste Chiron wegen seiner Knieverletzung auf den Start verzichten, und nachdem damit Ferrari seinen Haupttrumpf aus dem Spiel verlor, hielt er es wohl zu wenig interessant und ausrichtsreich, Tadini als Alleingänger zum Klausen abzuordnen Da zudem die übrigen Fahrer seiner Rennorganisation seit Wochen fast Sonntag für Sonntag bei irgendwelchen Grossveranstaltungen engagiert gewesen waren, musste ihnen einmal wenigstens eine kurze Ruhezeit gegönnt werden. Die Mehrzahl der Maschinen bedurfte einer gründlichen Revision und so drängte sich der für den Klausen an und für sich recht bedauerliche Entscheid fast auf. Bekanntlich stehen die Coppa Acerbo und der Grosse Preis der Schweiz unmittelbar bevor und dort will Ferrari mit grösstem Einsatz mit von der Partie sein. Im weiteren wird auch die bereits am letzten Ceneri-Rennen in der Schweiz bekannt gewordene italienische Rennfahrerin aus Como, die allgemein unter ihrem Spitznamen «Marocchina» genannt wird, wegen Krankheit keine Möglichkeit haben, den ihr ziemlich sicher winkenden Damenpreis zu holen. Von den gemeldeten französischen und italienischen Eihzelfahreito sind auch noch einige ausstellend, doch kann, da keinerlei Nachrichten von ihnen eingegangen sind, immer noch mit ihrer verspäteten Ankunft, gerechnet werden. Höchstleistungen werden sie allerdings nicht zu zeigen ia der Lage sein, denn ein Rennen ohne Vorbereitung ist und bleibt immer nur eine halbe Sache. Das gilt in erhöhtem Masse vom Klausen, der genau studiert sein will und nur gründlichen Kennern seiner vielen Eigenheiten Aussicht auf Erfolg gewährt. Dagegen sind mit den Fahrern der Scuderia Subalpina, Strazza und einige andere Konkurrenten von ennet dem Gotthard nach recht beschwerlicher Fahrt nnd reichlicher Verspätung doch noch glücklich in hier gelandet Der Held des Klausens, Rudolf Caracciola, mit seinem neuen Mercedes-Benz in voller Fahrt. sens den Organisatoren bis zur Stunde noch nicht zugegangen. Die Wagen erwiesen sich bekanntlich bei ihren ersten etwas übereilten Rennbeteiligungen als noch nicht allen Anforderungen entsprechend. Möglicherweise gelang es nun nicht mehr, die damals festgestellten Mängel restlos und innert nützlicher Frist zu beheben, so dass eine spätere und günstigere Gelegenheit abgewartet werden will, um diese Neukonstruktion in überzeugender Weise der Oeffentlichkeit vorführen zu können. Die Fabrikvertretung der spanischen Pescara-Werke, die der erfolgreichste Fahrer dieser Marke J. Zanelli übernehmen sollte, fällt auch noch dahin, während sich die Beteiligung der Unternehmung Maserati auf den Start von Tufanelli reduziert, indem Zehender ebenfalls nicht am Klausen zu sehen sein wird. Dadurch hat die Nennliste von ihrer ausserordentlichen Vielseitigkeit nicht unerheblich eingebüsst Gerade durch den Ausfall von zwei Fabrikvertretungen und des führenden europäischen Rennstalles verliert der Klausen nicht unbeträchtlich an Kampfmomenten. Zudem bleibt der Ausgang des Rennens in Bezug auf verschiedene Klassensiege nicht mehr so offen, wie es anfänglich den Anschein hatte, und die Siegeraussichten einzelner Unterbruch, indem vor dem Urnerboden einige recht schwere Blöcke auf die Strasse niedergegangen waren, die dann von den Organen des Streknfng «m Start. Kaum fst die Zelt herangerückt, so beginnt der reinste HöUensabbat beim Chronometerhäuschen, in dem jedes gesprochene Wort rettungslos untergeht Eine infernalische Musik losgelassener Motoren erfüllt die Luft, und es braucht für den StaYter samt seinem Hilfspersonal allerhand Nerven, tim diesem akustischen Generalangriff standzuhalten und in das Gewimmel an Motorrädern und Wagen die richtige Ordnung 1 und Reihenfolge zu bringen. Da es rasch eindunkelt, muss im Interesse der Sicherheit das Training abgekürzt wenden. Es mag auch den meisten mit einem Probegalopp durchaus genügt haben, denn die Wettermisere dauert an und.setzt den Fahrern arg zu. Man muss jeden einzelnen' bewundern, der es mit seiner Aufgäbe so ernst nimmt und auch vor keiner Unannehmlichkeit zurückschreckt, um für den Sonntag wirklich Yorbereitet und fit zu sein. Die uns ron allen Seiten zukommenden Mitteilungen über gestoppte Zeiten ändern nichts am Gesamtbild. Sie verdichten vielmehr nur den Eindruck, dass einzelne Rekorde fallen und Stuck, Caracciola, Straight und -von den Schweizern Stuber, Ruesch und Maag das Rennen auf den vordersten Plätzen siegreich beenden werden. Zu einer Voraussage über den Tagessieger wagen wir uns nicht zu versteigen, denn Trainingszeiten lassen bekanntlich nie einen letzten Schluss auf die endgültigen Rennresultate zu. Sicher werden sich die beiden deutschen Fabriken in die Ehre teilen und die Chancen der beiden Meister Stuck und «Carratsch> werden hüben und drüben als ziemlich gleichwertig beurteilt. Auf alle Fälle werden nur Sekundenbruchteile oder doch nur ganz knappe Sekundenunterschiede die beiden voneinander distanzieren. Die Fahrer äussern »ich durchwegs anerkennend über den Ausbau der Kurven und die seit 1932 vorgenommenen übrigen Verbesserungen. Auch die Oberflächenbehandlung, dank welcher der Pass auf der Glarnerseite vollständig staubfrei gemächt wurde, wird geschätzt und die Anstrengungen der glarnerischen Strassenbehörden finden vielsprachige Worte des Lobes. Dagegen wird mit der Kritik über den Zustand des Urnerbodens nicht zurückgehalten und man bedauert es allgemein, dass die an nnd für sich so interessante Zwischenstrecke es in ihrer heutigen Verfassung nicht erlaubt, die Maschinen auf Höchstleistung laufen zu lassen. Unser Vertrauen in den hier hinten viel zu Rate gezogenen hundertjährigen Kalender, der tarnt Konknrrenten, verdichten sich dadurch recht wesentlich. Am Freitag Abend sammelt sich bereits lange vor dem Start und allem Regen »um Trotz eine stattliche Menge interessierter Zuschauer, die im Nu jeden neu ankommenden Rennwagen umringt und von Fahrer und Maschine unbedingt einen Blick erhaschen will. Kommt gar ein ganz cGrosser», so geht ein respektvolles Raunen durch die Reihen und jeder, der sich dazu berufen fühlt, flüstert seinem neugierigen Nachbarn irgendwelche fachmännischen Neuigkeiten über den Star in die Ohren, so dass bald die sensationellsten «Informationen« die Runde machen. Was an Fahrern bereits in Linthal oder Umgebung Quartier bezogen hat — und das gilt für die grosse Mehrzahl der Gemeldetea —, ist diesen Abend zum zweitletzten Traiamtlicher Wettervoraussage langsame Aufheiterung auf Sonntag verspricht, schwand am Samstag morgen sehr bedenklich, als uns die garstige Eintönigkeit eines niedergehenden Dauerregens aus dem besten Schlafe weckte. Der erste Lauf um 5 Uhr morgens sah wenig Volk am Start und auch von den Konkurrenten war nur ein kleiner Trupp erschienen, unter welchem sich Stuck befand, der wie übrigens Caracciola einem äusserst strengen und regelmässigen Training obliegt. Für den zweiten Lauf, der zugleich die letzte offizielle Probefahrt gab, war mit wenigen Ausnahmen alles versammelt, das am Sonntag zum entscheidenden Start antreten will. Allerdings erfuhr das Training einen Hans Stuck beendete mit seinem P-Wagen der Auto-Union das Rennen als Zweitbester des Tages. kenkomftees in kürzester Zeit beiseite geschafft wurden. Auch diese Probe ihrer Bereitschaft bestand der Nachrichtendienst, wie überhaupt die ganze Streckenorganisation, vorzüglich. Es konnte nicht überraschen, das im allgemeinen vorsichtiger gefahren wurde, so dass fast nirgends die Zeiten des Vortages zu beobachten waren. Immerhin scheinen wenigstens die Nachzügler selbst zur Ueberzeugung gekommen zu sein, dass das Rennen am Klausen einen hundertprozentigen Einsatz verlangt, denn seit die Strasse für den allgemeinen Verkehr freigegeben wurde, herrscht auf dem Pass ein Hochbetrieb, wie an den schönsten Ausflugstagen und ständig liegen eine Anzahl Wagen auf der Strecke, um die Strasse noch zu rekognoszieren, soweit dies bei der Rücksicht auf den übrigen Verkehr überhaupt noch möglich ist. Derweilen hämmert der Regen hartnäckig weiter auf Dächer und Giebel nieder und die schweren Wolken wollen allen Kalendern und Wetterkünstlern zum Trotz einfach nicht weichen. Ob sich bis zum Sonntag noch das Wunder vollzieht und die Gegend sich im besseren Gewände all unseren in- nad ausländischen Gästen und treuen Anhängern des Klausens präsentieren wird, beginnen auch die unentwegtesten Optimisten allmählich zu bezweifeln. Die gesamte Organisation und die Kunst der Piloten wird morgen auf eine gewaltige und harte Probe gestellt werden. Wir haben immerhin die eine tröstliche Gewissheit, dass sich hier alles zum Guten wendet und sich in dieser Hinsicht das zehnte Klausenrennen wenigstens Jubiläumshaft präsentiert! b. Klausen-Stlmmmung. Klausenpasshöhe, 5. Aug. Im Anfang war — der Regen. Und zwar ein Regen von niederträchtiger Heftigkeit und Ausdauer, gegen den auch mit den raffiniertesten Hilfsmitteln nicht mehr aufzukommen war. Das ganze Training hatte schon unter dem Zeichen eines grau in grau verhängten Himmels gestanden, dessen Wolken sich an den steilragenden Felsen des Glarnerlandes festkrallten, und stundenlange dichte Güsse niederschütteten. Wer am Samstag mittag glarnerlandeinwärts fuhr, konnte sich schon ein ungefähres Bild von den Ausmassen des üblen Streiches machen, den (Fortsetzung auf Seite 3.)