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E_1934_Zeitung_Nr.065

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10 AUTOMOBIL-REVUE

10 AUTOMOBIL-REVUE 1934 — N° 65 aber — wohlgemerkt! — nur eine provisorische Hilfe: in der nächsten Werkstatt muss das Benzinrohr sachgemäss gelötet werden. cpr» echn. S|»BHC&C1» Frage 9148. Zündungseinstellung. Wie geht, man vor, um einen Zündungsmagneten einzustellen? B. F. ia B. Antwort: Um einen Zündungsmagneten einzustellen, entfernt man den TJnterbrecherdeckel und die Verteilerscheibe. Nunmehr dreht nian den Magnetanker bis zu der Lage der Vert&ilerkohle, in der diese mit Segment der Kabelklemme 1 der Verteilerscheiben Kontakt erhält. Diese Einstellung ist bei den neueren Zün-dkrn am Verteilerzahnrad und am Gehäuse markiert. Man hat bei rechtslaufenden Zündungsmagneten die mit R, bei linkslatffenden die mit L bezeichnete Striehmarke mit einer festen Marke am Gehäuse zur Deckung zu bringen. Nun stellt man den Nockenring auf maximale Frühzündung und dreht den Anker am Antriebszapfen so lange in seiner Laufrichtung, die durch «inen Pfeil auf der Antriebsseite des Gehäuses gekennzeichnet ist, bis das Fiberstück i m Unterbrecherhebe} auf den ITnterbrechernocfcen aufläuft, bis sich also mit anderen Worten die Unterbrecherkontakte ehen. zu öffnen hegiimeo. Jetzt dreht man die Schwungscheibe so lange, bis der Kolben im Zylinder t im Verdichtungshub so viele Grade oder Millimeter vor dem oberen Totpunkt steht, als der maximalen Frühzündung entspricht Bei dieser maximalen Frühzündung gibt der Motor im allgemeinen die beste Leistung. Die zulässige maximale Frühzündung ist heute fast stets an der Schwungsch«ibe vermerkt. Andernfalls ist sie dem Handbuch der betreffenden Fabrik zu entnehmen. Welcher Hub eines Kolbens der Verdichtungshub ist, lässt sich leicht dadurch feststellen, dass man einen Zischhahn öffnet oder die Kerze herausnimmt und die Oeffnung mit dem Finger zuhält. Man verspürt dann beim Drehen der Kurbelwelle den Verdichtungsdruck. Hat man den Zündungsnmgneten und die Schwungscheibe auf diese Art eingestellt, so haben Motor und Zünder die richtige Stellung zueinander und müssen nun gekuppelt werden. Dies kann durch die Einstellung von Antriebszahnrädern bewerkstelligt werden oder durch eine Kupplung. Letztere ist einstellbar und gestattet eine Nachregulierung, was um so notwendiger ist, als sich die richtige Stellung des Magnetankers beim Ankuppeln leicht etwas verändert. Bei der Batteriezündung und den Lichtmaschinen erfolgt die Einstellung ganz ähnlich, Markierungen und Fixierstifte erleichtern also heute die ganze Einstellarbeit ungemein: und diese lässt sich infolgedessen viel leichter ausführen, sis '3s vielleicht nach obigen Ausführungen erscheinen mag. Frage 9149. Anschluss des Oefdruckmanomefers. Wie ist das Oeldrucfonanometer bei Automobilmotoren an die Schmieranlage angeschlossen? Zeid es den Druck an, der vor den Lagerstellen in der Leitung herrscht, oder gibt es an, dass Oel wirklich durch die Lager fliesst? G. H. in S. Antwort: Aus konstruktiven Gründen kann nur die erstgenannte Anordnung in Frage kommen Wollte man den Druck messen, den das Oel rTESial beim Austritt aus den verschiedenen Lagerstellen noch hat, so müsste man nicht nur die Lager bedeutend komplizierter ausführen, sondern auch noch, um die gewünschte grössere Sicherheit zu erhalten, ebenso manches Manometer anwenden wie der Motor Lagerstellen hat Praktisch wäre das natürlich viel zu umständlich. Durch Messung des Druckes, den die Oelpumpe erzeugt, hat man übrigen« schon eine weitgehende Kontrollmöglichkeit für die Wirksamkeit der Schmierung. Die beiden obigen Skizzen geben Ihnen zwei Beispiele für den Manometeranschluss. Die beiden Ausführungen unterscheiden sich voneinander nur durch die Zahl und Anordnung der Oelfilter. Frage 9150. Vertilsteuerung. Oeffnen und schliessen sich die Ventile genau in den Totpunktslagen des Kolbens? F.D. in P. Antwort. Das Auslassventil öffnet sich, damit die Gase im Zylinder im unteren Kolbentotpunkt bereits entspannt sind, schon wesentlich vor dem unteren Kolbentotpunkt, und zwar etwa 45 bis 55 Grad (gemessen auf dem Schwungscheibenumfang) vorher. Das Einlassventil lässt man entweder genau im oberen Totpunkt oder vor und auch nach diesem öffnen. Das Oeffnen vor dem Totpunkt bezweckt, das Ventil bereits etwas offen zu haben, wenn der Saughub beginnt. Oeffnet sich dagegen das Einlassventil nach dem oberen Totpunkt, so ist im Verbrennungsraum dem Oeffnen bereits ein gewisser Druckabfall eingetreten, das Gemisch strömt daher mit grosser Geschwindigkeit ein, wodurch eine erwünschte lebhafte Wirbelung eintritt. Das Einlassventil schliesst erst nach dem untern Totpunkt. Man bezweckt damit eine bessere Füllung des Zylinders durch, die Strömungsenergie; bei niedriger Drehzahl darf man aber das Einlassventil nicht zu spät schliessen. Bei Schnelläufern lässt man dagegen das Einlassventil erst 35 bis 45° nach dem unteren Totpunkt schliessen. Die Steuerungszeiten der verschiedenen Motoren weichen erheblich voneinander ab, zumal die eine oder die andere Methode sich nicht für jeden Motor gleich gut eignet. «•» al Anfrage 433. Enjschädigungspflicht. Am 23. Juni verkaufte ich einem Garagisten einen Occasionswagen « wie besichtigt und probiert >, zum .Preise von Fr. 750.— Statt, wie vereinbart, den Betrag innerhalb der nächsten 8 Tage auszuzahlen, vergingen seither mehr wie drei Wochen, trotzdem der Wagen am 1. Juli weiterverkauft wurde. Heute weigert sich der Garagist zur Auszahlung des Betrages. Erst jetzt, nach 3 Wochen, wird mir mitgeteilt, dass der Wagen zu viel Oel brauche und man verlangt von mir Gratisersatz der Kolbenringe, eventuell Einbau neuer Kolben. Kann ich vom Garagisten nicht zuerst die Zahlung des Kaufpreises verlangen, bevor ich mir neue Kosten mache? Falls sich der Garagist weigert, zu bezahlen und ich gezwungen bin, den Wagen zurückzunehmen, kann ich nicht eine angemessene Tagesmiete für die 4 Wochen berechnen, während welchen der Wagen von mir nicht gebraucht werden konnte? Welchen Betrag finden Sie als angemessen, da der Wagen in den Händen eines Geschäftsreisenden täglich auf der Strasse ist? Wer hat für den Schaden aufzukommen, der dem heutigen Besitzer entsteht, falls mein Verkauf rückgängig gemacht wird und auch der heutige Besitzer zur Rückgabe des Wagens veranlasst werden kann? G. H. in B. Antwort: Die Klausel « Wie besichtigt und probiert» bedeutet in der Regel, dass der Verkäufer sich jeder Nachwehrschaft entschlagen will, und dass der Verkäufer verpflichtet ist, vorgängig des Kaufabschlusses die Ware eingehend auf irgend welche Mängel zu prüfen. Der Verkäufer haftet in der Regel nur noch für solche Mängel, die er gekannt hat, die er aber dem Käufer absichtlich verschwiegen bzw abgeleugnet hat. Wenn bei dem Wagen tatsächlich ein starker Oelkonsum vorhanden ist, so hätte dies ziemlich sicher zufolge der mangelnden Kompression dem Käufer erkennbar sein können. Auf alle Fälle handelt es sich nicht um einen absichtlich verschwiegenen Mangel, und demzufolge, wenn Sie überhaupt Garantie leisten müssten, wäre der Käufer verpflichtet gewesen, sofort nach Feststellung dieses Mangels eine Mängelrüge bei Ihnen zu erheben, andernfalls er wegen verspäteter Erhebung der Mängelrüge mit irgendwelchen Ersatzansprüchen ausgeschlossen ist. Ich glaube deshalb nicht, dass Sie irgendwie verpflichtet werden können, den Wagen wieder zurückzunehmen. Ich empfehle Ihnen deshalb Betreibung auf Zahlung des ganzen Kaufpreises einzuleiten, event. bei Erhebung von Rechtsvorschlag klageweise gegen den Käufer vorzugehen. Etwas schwieriger zu beantworten ist die Frage, ob denn bei einer Rückgängigmachung eines Kaufes vom Käufer eine angemessene Tagesmiete verlangt werden könne. Art. 208 0. R. bestimmt allerdings, dass der Käufer die Sache nebst dem inzwischen ?gezogenen -Nutzen dem Verkäufer zurückzugeben hat Wie hoch nun dieser Nutzen zu berechnen ist, bietet jedoch Schwierigkeit, denn man kann meines Erachtens nicht ohne weiteres auf den üblichen Mietpreis eines solchen Fahrzeuges abstellen, sondern nur auf den Amortisatiqnsbe-trag, der sich pro Tag ergibt. Die Lebensdauer des Wagens würde ich auf maximal 2 Jahre berechnen, so dass sich also pro Tag eine Amortisation von zirka Fr. 1.— ergeben würde. Immerhin glaube ich, dass pro -Tag ein Betrag von Fr. 2.— beansprucht werden kann. Was noch die letzte Frage anbetrifft, so hätten Sie im Falle der Rückgängigmachung des Kaufvertrages für denjenigen Schaden aufzukommen, der dem heutigen Besitzer entsteht, jedoch selbstverständlich nur unter der Bedingung, dass tatsächlich auch der neue Besitzer die Wandelung verlangt. Aus Ihrem Schreiben glaube ich aber entnehmen zu können, dass der heutige Besitzer die Wandelung gar nicht verlangt, sondern nur Ihr Käufer, und zwar wohl einzig nur aus dem Grunde, um den Kaufpreis zu drücken. O Anfrage 434. Schadenersatz. Am 2. Juni d. J. habe ich meinen alten Wagen gejten einen neuen eingetauscht. Nachdem ich den Wagen sorgfältig eingefahren hatte, wollte ich über den Gotthard ins Tessin, da ich dort geschäftlich zu tun hatte. Ich war jedoch gezwungen, oberhalb Göschenen umzukehren, da der Kühler mächtig zu kochen anfing. Ich fuhr dann nach Altdorf zurück und gab den Wagen in die dortige Reparaturwerkstätte, die aber den Schaden nicht beheben konnten, so dass ich also wieder zurück nach Basel fahren musste. Die hiesige Vertretung gab zu, dass sie diesen Uebelstand bereits an den anderen Wagen gleichen Modells konstatiert habe und versicherte mir, den Kühler gratis abändern zu wollen. Es interessiert mich nun zu erfahren, ob dia betr. Autofirma nicht auch für die daraus enstandenen Spesen im Betrage von Fr. 37.85 aufkommen muss. Ferner hatte ich für den ganzen Tag, den ich in Altdorf versäumt hatte, einen Verdienstausfall _ von mindestens Fr. 60.—. Kann ich dies auch m' Anrechnung bringen? Muss die Firma nicht auch für das Benzin und Oel, welches ich für die Retourreise von Altdorf nach Basel benötigte, aufkommen? E. St. in B. Antwort: Gemäss Art. 197 0. R. haftet der Verkäufer dem Käufer sowohl für die zugesicherten Eigenschaften als auch dafür, dass die Sache nicht körperliche oder rechtliche Mängel habe, die ihren Wert oder ihre Tauglichkeit zu dem vorausgesetzten Gebrauche aufheben oder erheblich mindern, und zwar haftet er auch dann, wenn er die Mängel nicht gekannt hat. Diese Bestimmungen finden auch auf den Tausch und die gemischten Kauf-Tausch-Verträge Anwendung. Nach gehörig erfolgter Mängelrüge kann der Käufer nach seiner Wahl entweder mit der Wandelungsklage den Kauf rückgängig machen oder mit der Minderungsklage Ersatz des Minderwertes verlangen. Wenn Sie sich mit einer blossen Nachbesserung des Wagens einverstanden erklärt haben, so schliesst dies unseres Erachtens die Haftung der Autofirma für die unmittelbar mit dem Mangel des Wagens im Zusammenhang stehenden Verwendungen nicht aus. Ob Sie indessen auch den Verdienstausfall ersetzt erhalten würden, scheint uns fraglieh. Versuchen Sie es immerhin, durch Zusendung Threr Rechnung an die Firma. * AUTOS zu verkaufen 1 Cabriolet HILLMAN Mod. 1932, 6 Zyl., 14 HP, 4/5plätzig, mit Schweizer Karosserie, so gut wie neuy mit schriftl. Garantie, zum Preise von Fr. 54O&— (Neupreis war Fr. 13 800.—). -*• Ferner ein FIAT 524 Mod. 1932, 6' Zyl., 13 HP, 6/7plätzige Limousine, mit Separation, erst 22,000 km gefahren, so gut wie neu, mit schriftl. Garantie, zum Preis v. Fr. 5500.— (Neupreis war Fr. 12400.—). — Ferner ein HOTCHKISS Mod. 1931, 6 Zyl., 15 HP, 4/5plätzige Limousine, m. frossera Koffer uad schriftl Garantie, zum Preise Ton Fr. 3500.—. Sehr gute Reise- und Strapazierwagen. 64400 Offerten an: Case posiale 84, Neuchätel. AUTO- KÖHLER- Fabrikation und Auto-Spenglerei AUTOKOFFER Alte Reparaturen Fritz Wahl, Zürich 4 Tet. 72.408 Hohlstrasse 86 Privat 62.271 VAUXHALL Limousine, 4 PL, neuestes Modell, m. 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Bern, Freitag, 10. August 1934 III. Blatt der „Automobil-Revue" No. 65 Das Ziel in den Wolken Blitzlichter vom Klausen-Rennen. Auf der Klausenpasshöhe, wo sonst nur die einsamen Winde von den Felsbastionen herabgestürzt kommen, nahm am Sonntag wieder für Stunden grosstädtischer Massenbetrieb von den stillen Halden und Felsen Besitz. Der Lärm der pfeilschnell aus der Tiefe heraufschiessenden Wagen, das hohle Grollen der Lautsprecherstimme, das von Station zu Station anschwellende dumpfe Hupen der Boschhörner, Wortfetzen der um das Zielund Pressehäuschen sich stauenden Menge — das stieg in wilden Wogen bis zu den obersten Felswänden hinan, über die noch die letzten dünnen Wasser-Rinnsale in die Tiefe stürzten. Schon in der ersten Morgenfrühe wurde die ernste Stille von nervösem Rennen und Hasten der Menschen abgelöst, und die Vorbereitungen der Funktionäre durften sich von dem aus grauen Morgennebeln niederrauschenden Regen nicht behindern lassen. Die Wolken strichen tief über den Pass hin, und die Fahnen der vielen Nationen klatschten feucht und schwer gegen die Stangenj Im Pressehaus tropfte es eintönig durch das leckgewordene Dach auf Tisch und Stühle, und wo in einigen Stunden die Feder über das ausgebreitete Papier hingleiten sollte, dehnten sich kleine Seen aus. Mit dem steigenden Tag, der sich mühsam aus der von unendlichen Wasserströmen durchrauschten Nacht gelöst hatte, begann . ein gewaltiges Ringen in den Lüften. Die ' -^obersten Spitzen der Berge stiessen kühn in das Gewoge von rauchigem Nebel, der da und dort eine erste Blösse erhielt, durch die sich eine dünne Sonnenhelle stahl. Der frischgefallene Schnee auf den Clariden und dem Märcherstöckli wurde für Augenblicke sichtbar. Doch schon nach wenigen Minuten versank wieder alles im Treiben der dichten Nebelschleier. Allmählich aber wurde die Kraft der Sonnenlanzen, die immer und immer wieder durch die Wolkenwände stiessen, so gewaltig, dass die Schleier in Fetzen auseinanderrissen. Blauer Himmel warf blendendes Licht auf den Pass nieder, strahlend flutete die Helle von den Schneehängen, und nun hob sich auch die in unendlichen Windungen verlaufende Strasse schärfer von dem verwaschenen, feuchten Grün der Alpweiden und der schwarzen Nässe der Felsen ab. Das aus Städtern und Einheimischen bunt gemischte Publikum beim Ziel in 2000 Meter frlöhe hatte sich für eine Grönlandreise vorgesehen und fand sich angenehm enttäuscht, als Pelzmäntel, Shawls und Ueberschuhe sich mit einem Male als beinahe überflüssiger, wenn auch vorsichtig mitgeführter Ballast erwiesen. Die meisten hatten den Berg in aller Frühe mit motorischer Hilfskraft erstiegen und sich dabei der Grossartigkeit einer der schönsten Alpenpässe gefreut, andere jedoch anvertrauten sich eigener Ausdauer und ruhten sich nun nach stundenlangem Gange aus, umgeben von allen erdenklichen Requisiten wie Rucksack, Wolldecke, Kochgeschirr, Esswaren und Trinkbechern. Die Grosstadt war in einem merkwürdigen Extrakt in diese Höhe hinauf verpflanzt. Der F E U I L L E T O N Bux. Zirkusroman von Hans Possendorf. (Fortsetzung aus dem Hauptblatt) Benson war zurückgewichen und wollte soeben in seiner Wut nach der zweiten Pistole greifen. Da geschah etwas Unvermutetes: Brahma, der den Auftritt mit sichtlicher Erregung verfolgt und wohl begriffen hatte, dass Benson seinem Herrn zu Leibe gehen wollte, schnellte plötzlich seinen langen Rüssel gegen den Amerikaner, um ihn zu packen. Dhakjee konnte sich noch eben dazwischenwerfen. Hätte der Inder nicht zufällig auf der gleichen Seite des Elefanten gestanden wie Benson, so wäre es diesem übel ergangen; er wäre wohl in hohem Bogen in irgendeine Ecke zwischen die Requisiten geflogen. Bensons Wut war auch durch dieses Intermezzo noch nicht abgekühlt. Er wollte eben seinen Angriff gegen Bux zum drittenmal versuchen. Doch plötzlich blieben sie alle wie erstarrt stehen: Bux, Benson, Valenzini, Tom und Dhakjee. Ein entsetzlicher Ton drang von der Arena heimatlich schön klingende Glarner Dialekt ging im Gehaste schriftdeutscher, englischer, italienischer und französischer Unterhaltung unter, und neben den eingesessenen Journalisten, die mit heimlichem Liebesblick das Auge über die Heimat — ihre Heimat — schweifen Hessen, sassen fröstelnd grosse Zeitungsleute aus Deutschland und Frankreich. Alle hatte dieses eine grosse Ereignis zusammengebracht, und wenn sie sonst in allen Beziehungen tausend Kilometer weit voneinander entfernt lebten, so einte sie nun die Spannung, die Erwartung, die Hoffnung und Bangnis. Prominente Persönlichkeiten aus'der Welt des Automobilismus, der sich heute als eine gewaltige Macht des zwanzigsten Jahrhunderts durchsetzt, traten mit dem kleinen Bauernbuben von der nächsten Alp, der ausser der praktischen Viehkunde nur noch etwas von Bugatti und .Maserati und dem Stuck und dem «Ggaratschiola» weiss, im gleichen aufgeweichten Kot längs der Rennstrecke herum und waren nicht weniger froh, endlich ein saftiges Schinkenbrot unter die Zähne zu bekommen. Automobile aus allen Kantonen, riesige Abschleppwagen, Fahrzeuge mit ausländischer Nummer, Krankenwagen, Motorräder — das staute sich auf engem Platze, bewacht und besorgt von den Organen der Zürcher Stadtpolizei, die ihre Arbeit diesmal statt zwischen hohen Hauswänden zwischen starrenden Felswänden^ auszuüben hatte. «Programm — Programm» — schallte der Ruf des frierenden Verkäufers über den wimmelnden Platz, und schon ist das alles wieder längst vorbei, und über der Kurzlebigkeit und dem Rasen der modernen Menschheit bewahrt sich nur die Majestät und Ruhe der Bergnatur. Bei grossen Anlässen, die allein schon durch ihre organisatorische Ausdehnung das Interesse in Anspruch nehmen müssen, wird nicht selten die Hauptsache überhaupt ganz vergessen. Und es gab nicht wenige Klausen- Besucher, welche die Wagen, die sie von Anfang an erwartet, über die letzten Kurven hinauf mit stets grösser werdender Aufregung verfolgt und dann die rasende Vorbeifahrt miterlebt hatten, an ihren Händen abzählen konnten. Nebenbei wurde der ganze Alltag in 2000 Meter Höhe hinaufgetragen und darin gekramt, bis das Rennen vorüber war. Da diese Gattung glücklicherweise immer noch etwas in der Minderzahl bleibt, bebte eine grosse Menge während einiger Stunden in den Aufregungen des Rennens der europäischen Elite. Das Signal der Boschhorne war gleichsam der Trompetenstoss, der zur Wachsamkeit aufrief, denn nur noch Sekunden dauerte es, und dann schoss hinter dem Felsvorsprung weiter unten eine kleine Winzigkeit hervor, warf einen kurzen, heulenden Ton auf den Pass hinauf, schwieg wieder, drehte säuberlich die Kurve, um dann mit, aufdringlichem Gejaule über die nächste Gerade dahin und der neuen Kurve direkt inden Rachen zu jagen. Noch eine Minute, und dann nahte die in der letzten Anstrengung liegende Maschine, wuchs riesenschnell zum grossen her in den Aufsitzraum: ein einziger langer Schreckensschrei, zugleich aus Tausenden von Kehlen hervorbrechend. Bux rannte dem Reitergang zu. Zwei, oder drei Artisten stürmten an ihm vorbei: «Die Tragbahre! Schnell, schnell! — Berno und Berna sind abgestürzt!» Bux wollte in die Arena laufen, um zu helfen, aber der Oberregisseur Ruperti warf sich ihm im Reitergang entgegen. «Wo wollen Sie denn hin, Mensch? Sie können doch vor Ihrer Nummer nicht so in die Manege laufen!» Bux wollte sich von Ruperti freimachen, aber da kam Friedenthal dem Oberregisseur zu Hilfe. Er packte Bux am andern Arm : «Wart doch, Bux! Es sind schon zwei Aerzte aus dem Publikum in der Manege! Du kannst sie ja dann hier untersuchen — im Aufsitzraum!» Im Laufschritt kamen jetzt zwei Männer mit der leeren Bahre vorbei. «Machen Sie doch keine Geschichten!» mahnte Ruperti und versuchte von neuem, Bux zurückzudrängen. «Sie sind doch hier als Clown und nicht als Arzt engagiert. Gehen Sie zu Ihren Tieren! Ihre Nummer ist ja an der Reihe!» Wagen aus und sauste pfeifend vorbei, über die Gesichter der gespannt blickenden Besucher einen scharfen Luftzug dahinziehend. Weiter oben, etwa 200 Meter nach dem Ziel, kam der fliegende Renner zum Stehen, und mit einem tiefen Aufatmen legte sich der Fahrer zurück. Geschafft! Glücklich oben, vorbei an den vielen unheimlichen Kurven, hinweg über die gefährlichen Geraden, aus das Wagnis! Zitternd versuchten sie den Sturzhelm oder die Schutzbrille zu lösen, aber der Krampf in den Händen, die sich um den Volant geballt hatten, war zu stark, und mühsam wie Greise lösten sie sich aus den schützenden Hüllen. Die meisten hatten nur ein Interesse: die Zeit! Mit steifen Beinen gingen sie den kurzen Weg zurück, andächtig bestaunt von den Rennbesuchern. Schon von weitem empfingen sie die Rufe ihrer Getreuen, die ihnen ihre Zeit verkündeten. War es ein Sieg, dann löste sich die Starrheit des halb gefrorenen Gesichts in einem Lächeln auf, war es eine Niederlage, dann verzog sich keine Miene, und schweigend fügten sie sich ins Unvermeidliche. Immer hatten sie so gut als möglich gearbeitet, und das war einer eigenen inneren Anerkennung wert! Die Motorräder, die sich mühsam durch die aufgeweichten Strassen aufwärtsgeschafft hatten, und die Sportwagen, bei denen die Italiener sich erstaunlich gut durchsetzten, bereiteten mit ihren wechselvollen Kämpfen auf die grosse Auseinandersetzung bei den Rennwagen vor. Den Rennwagen — diesem Inbegriff der Schnelligkeit —, ihnen kam die Hauptbedeutung zu, und dieser Lauf vertrieb auch die Langeweile, die sogar hier oben nach jeder kurzen Pause einzutreten drohte. Hamilton, der fliegende Engländer mit seinem stromlinienförmigen M.G. Magnette, die Deutschen Burggaller und Steinweg, der Tscheche Sojka, der Italiener Palmieri, sie donnerten mit stets grösser werdenden Schnelligkeiten vorüber, erste Vorläufer der grossen Hauptschlacht. " Die Stimme des Lautsprecher-Ansagers bekam einen zitternden Klang, die Pressemänner drängten sich aus ihrem behaglichen Haus hinaus, wo sie manchmal den Leckereien der Klausen-Bar mehr Beachtung als dem Gange des Rennens geschenkt hatten, steckten gemeinsam die Köpfe zusammen und notierten einhellig in ihre verknitterten Notizbücher «Höchste Spannung bei- den Rennwagen!!!». Whitney Straight und Hans Ruesch bannten die Nervosität ihrer wuchtigen, schnellen Maseratiwagen mit Händen voll jugendlicher Kraft und fegten gleich Schatten den Berg hinan. Dann wurde Caracciola fällig, der diesmal die Sympathie der Klausenbesucher in ganz besonderm Masse besass. Ihm wünschte man nach vielen bitteren Niederlagen, die ihm ein schweres Geschick bereitet hatte, wieder einmal einen jener Siege, der den Namen des Fahrers über ganz Europa dahinträgt. Schon von weitem verkündete der singende Motor die Ankunft des grossen Favoriten, und wie das klagende Heulen eines Kindes stieg der Ton in die Höhe. Kurve um Kurve wurde mit Eleganz erledigt, und noch einmal heulte der Motor auf der letzten Ge- Ferne Von Otto Michel. Das köstliche Geiäss des Morgens hält einen reichen Schatz: die Rubine der Berge und das Smaragd des Flusses; oben an der goldnen Ampel schwebt der Opal des Himmels. Aber dann zerfliesst alles im Tiegel des werdenden Tages. Der Mensch erwacht. Die Sense fliegt durch die Aehren, der Fischer wirft sein Netz aus, und im Weinberg betreut man die Reben. Nicht weniger feierlich und heiter ist die Werktagsheiligkeit als die selbstgefällige Sonntagsfreude. Denn Landschaft und Mensch bindet immer ein Gemeinsames. Am Innigsten erfährt es der Wanderer. Die Landstrasse ist ihm ein lustiges Bilderbuch, und der Wald sein Dom. Ein Ahnen blitzt auf von Geheimnissen, er atmet zugleich mit der freieren Luft den Hauch der Wäldseele. Wie er durchs lichte Gezweig blickt, dessen Oeffnung eine Ruine oder eine ferne Höhe mit Wiesen und Rindern, deren Fell in der Sonne glänzt, sehen lässt, erfüllt sich sein Herz mit Freude. Glockenklang schallt herüber, und das Lied der Heimat schwingt zwischen Wolken und Bäumen. Waldeinwärts schauend, gewahrt er das leise Bächlein und das Gewisper der Gräser. Ersteigt er einen Gipfel und schaut hinab, dann hat er rauschende Wogen von Grün unter sich und weiter hinaus die blinkenden Hügel und das im Hintergrund verschwebende Tal. Man dringt mit dem Auge nur bis zu dieser Grenze, denn dort hat es keine deutlichen Eindrücke mehr. Es fängt nur noch ein flutendes Wunder von Farbe ein, das überirdisch anmutet. Der seltene Reiz der Ferne weckt in der Menschenbrust ein ähnliches Gefühl des Staunens wie das Aufschauen zum Sternenmeer in schweigsamer Sommernacht. Das Grenzenlose des Alls macht ihn demütig und stimmt ihn doch froh. Nicht mehr das sichere Gesetz der Erfahrung umgibt ihn dann, alle Gestalten und Erscheinungen verständlich und fassbar zeigend. Ein unnennbarer Zauber schafft in seinem Innern Schauer der Wonne, ein höheres Leben tut sich in ihm auf, das er unter Bäumen nur schwach vernahm. Er löst sich schwerelos von der Erde und schwebt ins Reich des Unendlichen. Ein sphärischer Rausch lässt ihn die Vermählung mit dem Geiste feiern, dessen Grosse und Macht ihm nun erst ganz sich offenbart. — Denn das Irdische ist das Tor, aus dem wir schreiten, aber zum Himmel erheben wir uns, die Nähe ist uns vertraut, aber zur Ferne wallt unsere sehnende Seele. raden gequält auf. Wie ein Hauch war die Maschine vorübergeweht und der Wind zerrte an den Gesichtern — das war Caracciola gewesen! Und noch einmal das gleiche atemraubende Schauspiel: Stucks P-Wagen, im Tone bedeutend bescheidener, schwang sich den Berg hinan und wie ein Blitz stürzte die silberhelle Maschine vorüber. Dann ein wildes Geraune, rote Köpfe im Zielrichterhäuschen: und eine Stimme: 15.22,2! Staunendes Rufen, Zweifel und Unglaube. Bis dann an der Zeittafel die grossen Zahlen die Es wurde Ruperti nicht leicht, so zu verfahren. Aber als Oberregisseur hatte er die Pflicht, unter allen Umständen für die glatte Abwicklung des Programms zu sorgen. Und ob auch hundert Artisten abstürzten, ob Blitz und Donner tobten, ob der Sturm das ganze Zelt hochhob, ob ein Wolkenbruch die Arena überschwemmte, ob Löwen den Dompteur in Stücke rissen, ob Elefanten und Pferde durchgingen: die Vorstellung musste weitergehen, denn ein Stocken konnte das Zeichen zu einer Panik geben und Tausende in Gefahr bringen. Man war ja kein «Privater», sondern im Zirkus engagiert. Und im Zirkus war es wie im Krieg: Vorwärts, marsch, marsch! Wer fiel, der fiel. — Mit einem Ruck hatte sich Bux endlich befreit. Doch da kamen sie schon an: Auf der Bahre lag regungslos Frau Berndt. Daneben schritt, hinkend und von einem Requisiteur gestützt, ihr Gatte; ein schreckliches Schluchzen, das wie ein Rasseln tönte, drang aus seiner nach Atem ringenden Brust. Auf der anderen Seite wankte, bleich wieder Tod, Cilly; kein Laut kam von ihren Lippen. Dann folgten zwei Zivilpersonen; es waren die beiden Aerzte. Man setzte die Bahre hin, Bux kniete daneben nieder, um die Verunglückte zu untersuchen. Im gleichen Augenblick schlug Frau Berndt die Augen auf, blickte eine Sekunde verwirrt um sich und war dann sofort wieder bei klarem Bewusstsein. Aus der Arena drang fortgesetzt ein dumpfes Brausen, das erregte Stimmengewirr des Publikums. Dazwischen mischten sich hysterische Schreie von entsetzten Frauen. «Schnell, helft mir doch! Wir müssen das Publikum beruhigen!» rief Frau Berndt, hob mühsam den Oberkörper und stiess Buxens Hand, der sie hindern wollte, ungeduldig beiseite. — Nun stand sie aufrecht mit Hilfe zweier Zirkusdiener — auf einem Bein; mit dem anderen konnte sie nicht auftreten, es war mehrmals gebrochen. «Vorwärts! Stützt mich gut! Raus! Vorwärts!» Auch Berndts Kräfte versagten fast; er konnte sich, obwohl er keine Verletzung davongetragen, infolge der Erregung kaum mehr auf den Beinen halten und war einer Ohnmacht nahe. Auch er wurde von zwei Mann gestützt, und, sich dicht hinter seiner Frau herschleppend, folgte er ihr in die Arena. (Fortsetzung folgt.)