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E_1934_Zeitung_Nr.070

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BERN, Dienstag, 28. August 1934 Nummer 20 Cts. 30. Jahrgang - N° 70 ERSTE SCHWEIZERISCHE AUTOMOBIL-ZEITUNG Zentralblatt für die schweizerischen Automobil- und Verkehrsinteressen ABONNEMENTS-PREISE: Erscheint jeden Dienstag und Freitag Monatlich „Gelbe Liste" Ausgabe A (ohne Versicherung) halbjährlich Fr. 5.—, Jährlich Fr. 10.— REDAKTION u. ADMINISTRATION: Breitenrainstr. 97, Bern Ausgabe B (mit Unfallversicherung) vierteljährlich Fr. 7.50, jährlich Fr. 30.— Telephon 28.222 Telegramm-Adresse: Autorevue, Bern INSERTIONS-PREIS: Die achtgespaltene 2 mm hohe Grundzeile oder deren Raum 45 Cts. für die Schweiz; für Anzeigen aus dem Ausland 60 Cts. Grössere Inserate nach Seitentarif. Inseratenschluss 4 Tage vor Erseheinen der Nummern Der erste Grosse Preis der Schweiz Ein glänzender Sieg der Auto-Union mit Stuck als Gewinner des Grand Prix und Momberger als Zweitem und Inhaber des Rundenrekordes. — Der Engländer Seaman auf M.G. Magnette Sieger bei den Kleinwagen.— Ein überwältigender sportlicher und organisatorischer Erfolg. — 55 000 Zuschauer. — Der Engländer Hamilton verunglückt in der letzten Runde tödlich. Unerwarteter Grand-Prix-Auftakt. Bern, Sonntag, 26. August. Als uns noch ein Wetterkundiger einige Tage vor dem Grand Prix beiläufig erwähnte, am Sonntag werde es bestimmt regnen, glaubten wir uns mit Recht für klüger halten zu dürfen. Und noch am Samstag gegen die Abendstunden triumphierte man in Bern: der Grand Prix macht die feuchte Klausen-Schlappe gut! Und wie zur Strafe für diese Voreiligkeit sprühten plötzlich, wie wir abends durch das festlich erleuchtete ' Bern fuhren, aus einem dunklen Nachthimmel Regentropfen gegen die Windschutzscheibe. Ungläubig streckten wir den Kopf zum Fenster hinaus — wirklich, gewitterdunkel hingen die Wolken über der Stadt, und gerade als die Offiziellen und Fahrer sich zum Empfang im Kursaal Schänzli einzufinden hatten, rauschte ein dichter Regen nieder. Das war nichts weniger als angenehme Musik in den Ohren der Veranstalter, und ihre heimlichen Sorgen schwanden erst wieder, als sie am späteren Abend durch milchiges Weiss den Mond schimmern sahen. Der unerwartete Witterungsumschlag vertrieb die vielen Samstag-Besucher aus allen Landesteilen in die verschiedenen Vergnügungsetablissemente der Stadt, so dass am Samstagabend die Bundesstadt schon überall im Zeichen des Grand- Prix-Betriebes stand. Jeder zweite Wagen, dem man begegnete, kam aus Zürich, Basel, Genf, auch das Thurgau, die Waadt und die Innerschweiz waren stark vertreten. Selbst die öffentlichen Gebäude strahlten zu Ehren des Grand Prix, seiner Besucher und nicht zuletzt auch der Fahrer, in elektrischer Flutbeleuchtung, aber die Konkurrenten werden es wohl viel mehr vorgezogen haben, an diesem Abend die Decke möglichst frühzeitig über die Ohren zu ziehen. Ein grauer, wenig versprechender nebliger Morgen empfing die Frühaufsteher am Sonntag, und Hess aufs Neue die Hoffnungen sinken. Mit allem, nur nicht mit einem verregneten Grand Prix hatte man gerechnet! Dass die Sportsfreudigen helle Optimisten sind, das bewies der ungeheure, einfach alle Vorstellungen überschreitende Massenzustrom von den ersten Morgenstunden an. Die Anwohner der Berner Einfallstrassen werden schon in aller Frühe auf ihre Weise die Nähe des Grand Prix bemerkt haben, und gar die Stadt selbst war schon zu einer Zeit, in der sie sonst noch im friedlichem Morgenschlummer liegt, unruhig und lebhaft. Wagen um Wagen, Motorrad um Motorrad reihte sich aneinander, die Züge schleppten Massen herbei, von den Aussenquartieren kam die Neugier in Omnibussen, Trams und zu Fuss angerückt — und alles zog vom Bahnhof aus stadtauswärts, dem Grand Prix entgegen. Lebhafte Erinnerungen an das Klausen-Rennen wurden wach — ein ganzer Stadtteil verwandelte sich in eine einzige riesige Auto-, Motorrad- und Velogarage, und jene Klugen, die ihren Boden als Parkplätze zu vermieten wussten, haben bestimmt kein schlechtes Geschäft gemacht. Dennoch richtete sich der Hauptstrom der Wagen auf die sieben weiten Parkplätze rings um die Strecke, die sich in beängstigender Weise mit Fahrzeugen füllten. Es gab Plätze, bei denen man über Hundert und Aberhundert von Wagendächer sah! Ein Bild von amerikanischen Ausmassen! In das Hupen der Wagen mischte sich das Klingeln der Trams, das Rufen der Verkäufer, die ordnenden Befehle der Verkehrspolizei — der Kopf schwang nur noch dumpf von dem Getriebe, das einem schon weit von der eigentlichen Rundstrecke weg empfing. Um wieviel phantastischer war das Leben längs der Bahn, wo sich Tausende und Zehntausende für Stunden heimisch zu machen gedachten, sich auf mitgeschleppte Stühlchen, Kisten, Balken niederliessen, Zäune und Hütten erkletterten, auf die Bäume stiegen und selbstverständlich auch alle Tribünen längs der Strecke im Nu voll besetzten. Einen pittoresken Anblick boten vor allem die vielen Eisenbahnwagen mit den gestaffelten Sitzplätzen und der schützenden Papierwand im Hintergrund, es wirkte wie das Rund in einem kleinen Amphittheater. Die Ehrentribüne selbst war nur mit Mühe zu erreichen, alle Eingänge drohten sich mit Menschen zu verstopfen, und die Neugierigen schonten auch des Nachbars Hühneraugen nicht, um besser über das Meer von Köpfen Der Engländer R. J. B. Seaman wurde bei den Kleinwagen Erster. hinweg zu den Boxen hinübersehen zu können. Hunger und Durst brauchte man nicht zu leiden, die Biere, Würste, Schinkenbrote und Früchte wurden einem von dienstwilligen Verkäufern fast in den Mund hineingereicht. Auch das Extrablatt der «Automobil-Revue» mit den Trainingsresultaten und der definitiven Startreihenfolge ging im Fluge ab. Ueber diesem ganzen gewaltigen Massenbetrieb, der Zehntausende mobilisiert hatte, hing während der ganzen Zeit ein sehr trüber Himmel, und just als der Zustrom die stärksten Umfange erreichte, öffneten sich die himmlischen Schleusen in einer ganz undiskutablen Form. Die Organisatoren, obwohl auch gegen diese Eventualität gefeit, bekamen es nun doch mit der heimlichen Wut zu tun, und sahen kopfschüttelnd nach oben, dass ihnen das freigebige Nass nur um so munterer übers Gesicht sprühte. Klausen revidius — nur dass diesmal die Leute schon da waren, und sich frierend unter Mäntel, Schirme, Hausdächer, Bäume verzogen und sehnsüchtig auf den ersten helleren Schein warteten. Dem Himmel sei's gedankt, dass sich dieser dann doch in Form einer dünnen Helle zeigte, die über den Bremgartenwald ein bleiches Morgenlicht ausbreitete. Das munter plätschernde Nass bildete kleine infame Bäche, die an vielen Stellen sich zu Seelein stauten, welche zu wahren Verkehrshindernissen wurden. Galante Ehemänner und dienstfertige Junggesellen jiahmen ihre Begleiterinnen kurzerhand auf die Arme, und trugen sie über das Wasser, wie weiland der Heilige Christophorus. Andere wieder Hessen ihre Schuhe hübsch braun überspülen, so dass der Grand Prix-Besucher bis hoch die beschmutzten Hosenbeine hinauf kenntlich wurde. Hans Stuck, der Sieger tfes Grossen Preises der Schweiz, wird nach seiner Ankunft von allen Seiten beglückwünscht. Vor dem Start. Während den Trainingszeiten herrscht bei den Boxen immer eine freundliche, fast gemütliche Atmosphäre, und Freund und! Feind sind gleichermassen interessiert und schliessen sich nicht streng voneinander ab. Das wird jedoch ganz anders, wenn es wirklich ernst gilt, und wenn der bedeutsame Moment de s Startes heranrückt. Eine gespannte, nervenzerrende Stimmung lag auch am Sonntag über der ganzen prächtigen Rennanlage beim Ziel, als die ersten Kleinwagen brummend an die Boxen gefahren kamen. Das Wetter hatte Rennfahrern und Organisatoren den gleichen üblen Streich gespielt; der über Nacht eingetretene Witterungswechsel zwang zur Montierung neuer Pneus, und auch die Vergaser mussten neu eingestellt werden. Den Mechanikern blieb in den letzten Augenblicken vor dem Start noch viel Arbeit zu tun übrig, und das Publikum kam damit zu einem willkommenen Blick hinter die Kulissen. Die Fahnen der teilnehmenden Nationen flatterten im Regenwind und über die Boxen spannten sich breite Reklameschriften mit allen erdenklichen Anpreisungen. Von den hohen Waldbäumen tropfte es trübselig zu Boden, die Bahn glänzte nass und wenig vielversprechend. Manche Fahrer benützten die letzte Viertelstunde, um die nasse Strecke noch schnell rekognoszieren zu können. Mit gedrosseltem Motor surrten sie die Strassen ab, und wenn die Mechaniker mit der Maschine noch zu tun hatten, unternahmen sie die Visite kurzerhand mit ihrem Privatwagen. Doch Polizei und Feuerwehr waren nicht umsonst so nungen fügen. Blauer Dunst zog in Schwaden durch die Luft: Rennatmosphäre! Wie der Regen immer stärker wurde, und auf den Tribünen überall triefend nasse Gestalten stark vertreten: rasch merkten sie die verbotenen Absichten der Fahrer, und als auch Earl Howe mit seinem Delage rasch noch einen Bummel um den Bremgartenwald unternehmen wollte, stellte sich ihm entschlossen ein Polizist in den Weg. Alles Erklären und Disputieren nützte nichts: Earl Howe musste es erfahren, dass die Berner einen harten Kopf haben! Graf Castelbarco schob sich möglichst unbemerkt an der kleinen Gruppe vorbei, aber auch er wurde zurückgepfiffen, und wohl oder übel mussten sich die beiden adeligen Rennfahrer den Anordauftauchten, wurde plötzlich auch Earl Howes klassischer Regenschirm sichtbar. Mit stoischem Gleichmut sass der bereits 57jährige Fahrer unter seinem riesigen blauen Regendach. Langsam wurden nun die Wagen zum Startplatz geschoben, der sich neben dem Zeitmesserhaus befand. Mit Decken und Schirmen wurden die Motoren überdeckt, um sie vor dem Regen zu schützen. Die Mechaniker sahen zum letzten Male alle Maschinenteile nach, und gaben ihrem Fahrer einen freundschaftlichen Klaps auf den Rücken. Diese erkundigten sich noch einmal bei den anwesenden Rennkommissären und der Rennleitung nach den letzten Details. Der Startwagen mit der roten Fahne verkündete den Beginn der Rennens, das Zehntausende in atemloser Spannung erwarteten, und dann brüllte ein erster Motor auf, dem ein zweiter mit dumpfen Knurren antwortete. Eine Wolke blauen Rauches wirbelte auf, als das Rudel auf das Zeichen des Startbeginnes hin in den Kampf schoss. Schon hatte sich das prachtvolle Bild des aufgestellten Startfeldes verschoben; deutlich bemerkte man die kühnen Fahrer, die energisch nach vorn stiessen. Und dann begann das tolle Karussel, Runde um Runde brausten die Maschinen brüllend vorbei, von einer hingerissenen Menschenmenge mit höchster Spannung verfolgt. Rund um das Rennen. Beinahe so interessant wie das Rennen selbst war der Hochbetrieb in den anderthalb Stunden Pause, die nach dem Rennen der Kleinwagen eingeschaltet wurde. Der Magen meldete sich nun zum Recht, und man hatte um so mehr Bedürfnis nach einer leiblichen Stärkung, als die Temperatur nichts weniger als hochsommerlich war. Das riesige Tribünenrestaurant war im Nu gefüllt, und immer noch drängten unabsehbare Massen durch alle Türen und Tore herein. Die Verpflegung ging nach militärischer Disziplin vor sich, die Bedienungsmannschaften wurden mit Hornstössen im Riesenraum befehligt. Viele Tischbesatzungen halfen sich allein und schöpften Freund und Unbekannt die Teller voll. Bier und Mineralwasser flössen in wahren Strömen, Würste und Schinkenbrote gingen reissend ab. Längs der Strecke boten sich die köstlichsten Bilder. Aus mitgebrachten Rucksäcken kamen alle möglichen und unmöglichen Dinge ans Tageslicht, und auf Stühlen, Brettern, ja womöglich auf dem Rücken des anderen wurde das Essen geschnitten, zerteilt und vorbereitet. Das Wetter hatte sich wieder etwas zum Guten gewendet, so dass die anderthalb Stunden gleichzeitig zu