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Neue Szene 2018-03

Stadtmagazin für Augsburg (Bayern)

24 ZOOM Die Straßen von

24 ZOOM Die Straßen von Augsburg Die Maximilianstraße. Eine ziemlich gute Stube. In unserer neuen Serie „Die Straßen von Augsburg“ widmen wir uns den markantesten Straßen der Stadt.

ZOOM 25 Ja, das muss man wohl empfinden, wenn man die Maxstraße betritt. Glaube ich. Oder sagen wir, es ist tief in meine Augsburg-istschön-DNA eingepflanzt, dass ich diese Straße mit voller Überzeugung und zärtlich als die gute Stube der Stadt betrachte. Oder auch E.hrfurcht. als das Wohnzimmer, oder nein, gute Stube ist besser. Ziemlich gute Stube, denn hört, hört, historisch gibt es zwischen dem schnöden Wohnzimmer und der guten Stube nämlich einen großen Unterschied. Das Wohnzimmer der Gegenwart ist recht banal. Wir lümmeln auf dem Sofa, schauen fern, haben hoffentlich ein gut bestücktes Bücherregal und keinen röhrenden Hirsch an der Wand und empfangen dann und wann Besuch darin. Die gute Stube dagegen war in früheren Zeiten weit mehr. Im bürgerlichen Haushalt stellte sie ein repräsentatives Empfangs- und Gastzimmer dar, mit den besten Möbelstücken der Familie gefüllt, und überhaupt nur zu besonderen Anlässen wie zu Weihnachten, an Geburtstagen oder der Bar Mizwa benutzt. Lärmende Kinder und der Schmutz des Alltags hatten hier nichts zu suchen, Gemütlichkeit wurde eher in der Wohnküche gelebt. Steht man dagegen heute vor dem Rathaus und lässt seinen Blick in Richtung Rathausplatz schweifen, stellt man sich natürlich unweigerlich die Frage, welche Bezeichnung auf die Maximilianstrasse nun mehr zutrifft. Wohnzimmer „ oder gute Stube. Die Straße ist auch ein Spiegelbild der Gesellschaft. Und die ist, sagen wir es freundlich: vielfältiger geworden. „ Wahrscheinlich beides. Das Rathaus wäre, um im Bild zu bleiben, das Prunkstück der guten Stube, eine sehr alte Chaiselongue, ererbt vom Ur-Ur-Ur- Ur-Großvater, mit goldenen Verzierungen versehen und mit feinstem Stoff bespannt. Hier sollen sich die Ehrengäste niederlassen und behaglich über die Feinheit und den Reichtum des Hausherren staunen. Wäre die Maxstrasse dagegen zum Wohnzimmer geworden, wäre der Rathausplatz das alte Ledersofa, das zwar bequem ist, auf dem sich aber immer wieder die ungeladenen Gäste niederlassen, Saufen, Rülpsen und Brüllen und wenig für das übrig haben, was sie umgibt. Die Straße ist folglich immer ein Spiegelbild der Gesellschaft. Und die ist, sagen wir es freundlich: vielfältiger geworden. Die soziale Kontrolle ist natürlich schwächer als in ordentlicheren bzw. spießigen Zeiten. Heute kann man sich auf den Rathausplatz legen und grölen und denen, die an die gute Stube glauben, damit bewusst oder unbewusst den Mittelfinger zeigen, ohne dass man deswegen aufs Rad gespannt, verprügelt oder gar ins KZ gewünscht wird, letzteres zumindest nicht mehr öffentlich. Und auf eine eigenwillige Art ist es ja auch eine Liebeserklärung an die Straße, wenn man sie für das, was man gerne tut, aussucht. Will heißen: auch der schlichteste Partygänger, der sich am Wochenende besaufen will, um mit viel Glück jemanden für einen One-Night-Stand zu finden, auch der schätzt die Maxstraße. Wenn auch aus ganz anderen Gründen als der Kunstliebhaber im Lodenmantel, der andächtig betrachtet, wie Herkules auf dem gleichnamigen Brunnen seit nun schon mehr als 400 Jahren die Hydra erschlägt. Was allerdings aus politisch korrekter Sicht auch schon wieder gewaltverherrlichend ist. Ebenso wie das Turamichele, wie die Augsburger den Erzengel Michael, der am Perlachturm unermüdlich den Teufel ersticht, verharmlosend nennen. In einem brillanten Essay hat ein Augsburger Autor unlängst herausgearbeitet, dass eben diese Szene ein Relikt bestialischer Brutalität wäre, die einer sogenannten Friedensstadt nicht eben gut zu Gesicht stünde. Aber wahrscheinlich wird das Turamichele die nächsten paar hundert Jahre bleiben wo es ist, der Name klingt einfach zu harmlos. Wer will als ernster Krieger der politischen Korrektheit schon einen ausdauernden Kreuzzug gegen einen Gegner beginnen und durchhalten, der Turamichele genannt wird? Anders sieht es da schon beim Namen Drei Mohren aus. Darf man heute noch Mohren sagen? Das ist nicht nur bei den Mohrenköpfen eine vieldiskutierte Frage, sondern auch beim lokalen Hotel. Der Teufel, der vom Turamichele getötet wird, mag aus diversen Gründen keine starke Lobby haben, aber die Mohren, die von einem Hotel benutzt werden, sind, so monieren die Kritiker, gewissermaßen Sklaven der rassistisch grundierten und kolonialistisch praktizierten kapitalistischen Ausbeutungslogik – bis heute. (Davon mal abgesehen – bin ich der Einzige, dem seit Jahren auffällt, dass hinter den wenigsten Fenstern des Hotels Licht schimmert?) Aber was soll man da machen? Das o durch ein ö ersetzen? Hotel Drei Möhren. Nein, das wäre zu lächerlich. Oder Hotel Drei M. Das wäre kryptisch, aber keine Lösung, denn dauernd würde ja die Frage gestellt werden, wofür denn das M stünde und was soll man da schon sagen? Hotel Drei Makedonen vielleicht, Hotel drei Meliaden, das wären immerhin Nymphen aus der Antike, aber das wäre sexistisch und man stünde wieder am Anfang. Das Problem wird, wie das mit dem Turamichele, wahrscheinlich virulent bleiben. Ein anderes virulentes Problem ist, wenn man in der Maximilianstraße mal aufs Klo muss. Das einzige öffentliche (hervorragend ausgestattete und kostenpflichtige) Klo befindet sich am Rathausplatz. Wer sich gen Ulrichskirche bewegt, für den gibt es hier einen kleinen Geheimtipp. Ich bin lange Zeit immer auf die Toilette der Musikhochschule gegangen. Es gab keine Toilette, auf der man so schöne Musik hören konnte, man musste nur dem Hausmeister aus dem Weg gehen, der wie alle Hausmeister ein untrügliches Gespür für Personen hat, die in „seinem Haus“ nichts verloren haben. Jetzt werden manche unken, dass ich durch das Ausplaudern dieses Geheimtipps die Musikhochschule sozusagen an den Pöbel verrate, der in Zukunft nicht mehr ins Kaffeegässchen zum Pinkeln gehen wird, sondern ins Leopold-Mozart-Haus. Aber gemach, gemach. Die schlichteren Gemüter wissen ohnehin nicht, wo sich die Musikhochschule befindet oder dass es sie überhaupt gibt und selbst wenn sie es zufällig mitkriegen, finden sie klassische Musik sowieso so öde, dass sie lieber weiter in den Busch gehen. Das klingt elitär, aber das ist es ja auch. Wen das nicht abschreckt: Leider wurde die Toilette in der Musikhochschule in den letzten Jahren Opfer eines fortwährenden Niedergangs. Was Anfang der 2000er Jahre noch nostalgisch charmant war, hat sich in den letzten Jahren zu einem Klo entwickelt, auf dem es so furchtbar streng riecht, dass weder Mozart noch Beethoven imstande sind, diesen Sinneseindruck vergessen zu machen. Das ist keine Beschwerde, schließlich schlich ich mich ja wie ein Dieb ein und darf überhaupt keine Forderungen stellen, aber man wundert sich schon, dass man einer solchen Institution kein neues Klo spendiert. Wahrscheinlich ist die Musikhochschule eher dem Wohnzimmer als der guten Stube zuzuordnen. Aber das nur ganz am Rande. Wo wir gerade bei Randbemerkungen sind: falls der geneigte Leser irgendwann, zum Beispiel wegen eines überraschenden Atomwaffenangriffs auf Augsburg, in die Verlegenheit gerät, rasch Zuflucht in der Maxstraße zu suchen: im Keller des Standesamts gibt es einen ganz hervorragenden Bunker. Ob er atomwaffensicher ist, weiß ich nicht, man müsste es wahrscheinlich testen oder bei der zuständigen Stelle anrufen. Wem das zu martialisch ist, der könnte das etwaige Ende aller Tage (aber auch der weniger spektakulären Tage) im schönsten Lokal der Maxstrasse begehen. Dem Kaffeehaus Dichtl. Dort ist man zwar vergleichsweise wenig geschützt, aber das Ambiente ist herrlich, der Kaffee großartig, die Kuchen nicht zu verachten und schon nach kurzer Zeit blickt man, ob Wohnzimmer oder gute Stube, sehr versöhnlich auf die Welt da draußen. Von Marcus Ertle

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