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E_1934_Zeitung_Nr.077

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BERN, Freitag, 21. September 1934 Nummer 20 Cts. 30. Jahrgang - N» 77 ERSTE SCHWEIZERISCHE AUTOMOBIL-ZEITUNG Zentralblatt für die schweizerischen Automobil- und Verkehrsinteressen ABONNEMENTS-PREISE: Erscheint jeden Dienstag und Freitag Monatlich „Gelbe Liste" Ausgabe A (ohne Versicherung) halbjährlich Fr. 5.—, Jährlich Fr. 10.— REDAKTION u. ADMINISTRATION: Breltenrainstr. 97, Bern Ausgab« B (mit Unfallversicherung) vierteljährlich Fr. 7.50, jährlich Fr. 30.- Telephon 28.222 Telegramm-Adresse: Autorevue, Bern „Autler-Latein" Etwas Ober den Geschwindigkeitsbegriff. Die Freude an Uebertreibungen liegt vielen Menschen sozusagen im Blut; beim Sonntagsjäger sind es die Jagdabenteuer und die Zahl des geschossenen Wildes, die das «Jägerlatein» ausmachen; beim Automobilisten ist es nicht selten die Schilderung von der gefahrenen Geschwindigkeit, die etwas von der Wirklichkeit abweicht. Unsere Zeit neigt überhaupt zum Zahlenrausch; dazu kommt, dass sich weite Kreise unter den Geschwindigkeitsangaben nichts Konkretes vorstellen können. Das hat zu Ueberschätzungen der wirklich gefahrenen Geschwindigkeiten geführt. Soweit es sich nur um die Schilderungen in gelegentlichen Erzählungen handelt, sind unrichtige Geschwindigkeitsangaben und -Schätzungen gewiss nicht von Belang; aber die Angelegenheit hat auch eine Kehrseite: bei Unfällen spielt die Frage nach der gefah- .renen Geschwindigkeit stets eine entscheidende Rolle, und da sich unter den Geschwindigkeitsangaben nicht selten verschiedene Menschen etwas Verschiedenes vorstellen — besonders wenn es sich um Angeklagten und Richter handelt —, so kann es oftmals zu verwunderlichen Resultaten kommen. Jeder Autofahrer weiss, dass es vor einigen Jahren der unbedingte Ehrgeiz des Motorfahrers war, dass sein Fahrzeug die Hun- F E U I L L E T O N Bux. Zirkusroman von Hans Possendorf. (23. Fortsetzung) Der Diener machte keinerlei Umstände, denn hier herrschte keine so strenge Hausordnung wie im Zirkus Kreno. Er winkte Herrn von Kroidt ihm zu folgen und führte ihn geradewegs zum Stallzelt von Bux. Gleich beim Eintritt sah er Fee vor sich. Sie stand von ihm abgewendet und sprach mit einem hübschen, dunkeläugigen Burschen, der ihren Rappen noch am Zügel hielt. Kroidt legte seine Hand auf Fees Schulter In der Meinung, es sei ihr Gatte, wandte sie ihm ruhig das Gesicht zu. «Ach, Otto, du!» rief sie dann erfreut. «Wie eigentümlich, sich hier in Südamerika wiederzusehen, — nicht wahr?» Sie schüttelte ihm kameradschaftlich die Hand. «Sehr erstaunt scheinst du aber nicht zu sein?» «Erstaunt? Nein. — Ich hatte dir doch geschrieben. Oder hast du meinen Brief nicht...» «Doch, natürlich. Aber ich hatte eigentlich die Absicht, dich nicht zu sehen.» «Ach, du bist ja verrückt!» sagte Fee lachend. Dann wendete sie sich dem jungen dertergrenze überschreitet. Man erinnert sich, dass Motorfahrzeuge, die nicht 100 Stundenkilometer liefen, als nicht zeitgemäss angesehen wurden. Dass dabei in den gelegentlichen Schilderungen dem Manko der Wirklichkeit etwas nachgeholfen wurde, ist dabei menschlich nur allzu verständlich. In diese Kategorie gehören die Schilderungen derer, die «mit 70 durch die Kurve» fegen. Diesen hohen Anforderungen der Motorfahrer an die Geschwindigkeiten der Fahrzeuge haben sich die Fahrzeug- und noch mehr die Tachometerfabriken angepasst. Es ist nicht übertrieben, wenn man behauptet, dass es heute kein fabrikneues Motorfahrzeug gibt, dessen Tachometerangaben mit der wirklich gefahrenen Geschwindigkeit übereinstimmen. Das ist eine bedauerliche Tatsache. Der Grund dafür liegt darin, dass die meisten Käufer Geschwindigkeiten fordern, von deren Ausserordentlichkeit sie sich keinen Begriff machen können. «Ehrliche» 100 Kilometer in der Stunde sind tatsächlich selbst auf guten, ebenen und geraden Strassen eine ausserordentliche Geschwindigkeit. Es erfordert schon eine besonders gute Strassenlage des Fahrzeuges und eine besondere Fahrkunst, um das Fahrzeug bei dieser Geschwindigkeit auf einer gewöhnlichen Verkehrsstrasse zu meistern. Die falsche Einschätzung der hohen Geschwindigkeiten ist wohl darauf zurückzuführen, dass die meisten Fahrer in Verkennung der wirklichen Verhältnisse der Ansicht sind, das Geschwindigkeitsgefühl und die Fahrschwierigkeiten würden direkt proportional mit der Fahrgeschwindigkeit steigen. In dieser Annahme liegt aber der grosse Trugschluss, auf dem das ganze Gebäude der unrichtigen Geschwindigkeitsangaben aufgebaut ist. Nun ist allerdings eine Steigerung der Geschwindigkeit von 30 Stundenkilometer auf deren 45, also um 50 Prozent, nicht sonderlich ins Gewicht fallend. Die Steigerung über die genannten Zahlen hinaus schon unangenehm bemerkbar. Auch dieser Umstand führt dazu, dass man, wenn die Geschwindigkeit um 5 Stundenkilometer gesteigert wurde, dem Gefühl nach dies für eine Steigerung von vielleicht 20 Stundenkilometer hält. Viele Motorfahrer halten daher die Angaben ihrer Geschwindigkeitsmesser in den höheren Geschwindigkeiten für unrichtig, für zu gering. Gar mancher, der in seinen Erzählungen Angaben macht, die die Tachometerangaben um ein gutes Stück übersteigen, ist dabei im besten Glauben von der Richtigkeit seiner persönlichen Angaben überzeugt. Und doch darf man nicht an der Tatsache vorbeigehen, dass die Fabriken fast durchwegs schon ihrerseits die Tachometer so einstellen, dass sie um 15 bis 20 Prozent mehr anzeigen, als der Wirklichkeit entspricht. Dadurch wurden die Geschwindigkeitsbegriffe um ein weiteres verwirrt. Im Hinblick auf diese Verhältnisse ist es tatsächlich dringlich geworden, zu einer richtigen Einschätzung der Geschwindigkeiten Burschen zu: «Führ' Orizaba in ihren Stand! Absatteln kannst du nachher.» Der junge Mexikaner warf einen neugierigen Blick auf Herrn von Kroidt.. Das hatte er noch nicht erlebt, dass ein Fremder seine Herrin so vertraulich begrüsste. «Hörst du nicht, Lorenzo!» drängte Fee. Der Bursche führte das Pferd in seinen Stand und verliess dann das Zelt. «Wir müssen uns einmal gründlich ausplaudern, Otto», fuhr Fee gutgelaunt fort. «Wir haben uns sicher sehr, sehr viel zu erzählen.» «Versteht der Schwarze da deutsch?» Kroidt deutete mit einer Kopfbewegung nach Tom hin, der unbeweglich auf einem Schemel vor einem der Käfige hockte. Fee nickte warnend. «Dann lass uns doch lieber an das andere Ende vom Zelt gehen. Ich hab dich doch vieles zu fragen, was...» «Nein», sagte Fee. «Dort steht Brahma, der Elefant.» «Nanu, ist denn der so gefährlich?» «Im allgemeinen nicht; aber mich kann er nicht leiden. Ich muss mich in acht nehmen.» — Sie wandte sich dem Neger zu: «Tom, du kannst mal verschwinden!» Tom drehte sich schwerfällig um. «No, madam, excuse me! Ich muss bleiben bei die arme Moritz.» Er wies auf den Käfig. «Was ist denn los? Ist ein Tier krank?» fragte Kroidt und schaute in den Käfig. Auf dem Stroh lag der Wolf, die Beine von sich gestreckt. Ein unaufhörliches Zittern lief durch seinen Körper. Neben dem Strohlager stand ein Feldbett. «Ja, unserm Wolf ist die Reise über die Anden anscheinend schlecht bekommen», sagte Fee. «Ich fürchte fast, er wird eingehen.» «Was soll denn das Bett da drin? Schläft der Schwarze etwa mit im Käfig?» «Nein, mein Mann.» Fee errötete, als hätte sie sich dessen zu schämen. «Er will das Tier in der Nacht nicht allein lassen, oder er behandelt es wohl auch nachts noch. Was weiss ich!» Sie traten ein paar Schritte von Tom weg. «Sag mir vor allem eins, Fee: Bist du glücklich?» flüsterte Kroidt in sichtlicher Erregung. «Glücklich? Wie meinst du das?» «Liebst du deinen... Mann?» Es wurde Otto von Kroidt offenbar schwer, das Wort auszusprechen. «Natürlich liebe ich ihn. Er ist doch sehr gut zu mir, — tut mir alles an, was er mir nur an den Augen absehen kann.» Sie beobachtete scharf die Wirkung ihrer Worte. «So, so? — Und die Romantik des Zirkuslebens befriedigt dich auch vollkommen?» «Romantik? — Ach so! Na, damit ist es nicht so weit her.» «Und verkehrst du nun auch mit den andern Artistenfrauen?» Kroidt lächelte kaum wahrnehmbar. INSERTIONS-PREIS: Die acht gespaltene 2 mm hohe Grundzeile oder deren Raum 45 Cts. für die Schweiz;'für Anzeigen aus dem Ausland 60 CU. Grössere Inserate nach Seitentarif. inseratensehluM 4 Tage vo* Erscheinen der Nummern zurückzukehren. Der einzelne Fahrer wird der Geschwindigkeit aber von 60 auf 70dies in der Weise beginnen, dass er die Angaben des Tachometers seines Wagens mit Stundenkilometer ist so deutlich fühlbar, dass man der Meinung sein könnte, man habe die der an Hand einer Stoppuhr festgestellten Geschwindigkeit vergleicht. Hierzu wählt man Geschwindigkeit ebenfalls um 50 Prozent oder um noch mehr gesteigert. Wer mit einem richtig anzeigenden Tachometer Beob- Kilometer lang und möglichst geradlinig ist, sich am besten eine Strecke, die genau einen achtungen über die Steigerung der Geschwindigkeit über 60 Stundenkilometer anstellt, gleichmässigen Geschwindigkeit über die so dass das Einhalten einer vollkommen wird erstaunt sein, wie zäh der Kampf um ganze Strecke möglich wird. Auch mit einer jeden einzelnen Kilometer Mehrleistung ist gewöhnlichen Uhr kann man eine annähernde und wie ausserordentlich fühlbar in diesen Prüfung vornehmen, wenn hierfür eine zweite höheren Geschwindigkeiten auch die kleinste Person im Wagen zur Verfügung steht. Für Geschwindigkeitszunahme für die menschlichen Sinnesorgane ist. dengeschwindigkeit von 30 Kilometer 2 Mi- einen Kilometer benötigt man bei einer Stun- Dieser merkwürdige Sachverhalt ist vor nuten, bei 60 Stundenkilometer 1 Minute und allem darauf zurückzuführen, dass die zur bei 90 Stundenkilometer 40 Sekunden. Ueberwindung des Luftwiderstandes erforderliche Kraft, die unseren Sinnen durch das vor allem erkennen, welch ausserordentliche Wer diese Prüfung vorgenommen hat, wird Vibrieren des Wagens und durch das Rauschen der Luft wahrnehmbar ist, mit der meter sind, besonders dann, wenn sie auf ei- Geschwindigkeit «ehrliche» 90 Stundenkilo- dritten Potenz im Verhältnis zur Geschwindigkeitszunahme ansteigt. Weiters treten sollen. Wer mit einem mittleren Wagen ner längeren Strecke durchgehalten werden mit der Zunahme der Geschwindigkeit gewisse Schwierigkeiten bezüglich des Lenkens weiss, dass bei solchen Fahrzeugen eine wei- wirklich 90 Stundenkilometer gefahren ist, des Fahrzeuges ein. Mag das Fahrzeug auch tere Geschwindigkeitssteigerung für den normalen Strassenverkehr gar nicht erstrebt noch so gut auf der Strasse liegen, mag die Federung noch so ausgeglichen sein — die werden muss, weil die Ausnützungsmöglichkeit für höhere Geschwindigkeiten auf dem kleinen, wellenförmigen Bodenunebenheiten, die leider auch die derzeit besten Strassen gewöhnlichen Strassennetz nur an sehr wenigen Stellen gegeben ist. noch immer aufweisen und die man bei Geschwindigkeit bis zu etwa 60 oder 70 Stundenkilometer überhaupt nicht spürt, werden nes guten Reisedurchschnittes wertvoller ist Viel wichtiger und für die Erreichung ei- mit jeder Steigerung der Geschwindigkeit ein gutes Anzugsvermögen, um nach den gerade in Alpengebieten besonders zahlreichen Stellen, an welchen eine Geschwindigkeitsverminderung unbedingt nötig ist, rasch wieder beschleunigen zu können. Die Endgeschwindigkeit spielt gegenüber dem Anzugsvermögen hinsichtlich des Reisedurchschnittes nur eine ganz untergeordnete Rolle. Hingegen aber ist es eine unbestrittene Tatsache, dass mit der Steigerung der Geschwindigkeit über etwa 70 Stundenkilometer hinaus das Gefahrenmoment — wie in der «Automobil-Revue» schon öfters eingehend dargelegt wurde — eine ganz unverhältnismässige Vergrösserung erfährt; dies ist zum Grossteil auf technische Schwierigkeiten, die ausserhalb der Fahrereigenschaften gelegen sind, zurückzuführen: auf den vergrösserten Bremsweg, auf die steigende Unruhe in der Lenkung usw. Einzelne Automobilfabriken haben auch ihrerseits bereits Schritte unternommen, um die Rückkehr zu ehrlichen Geschwindigkeitsangaben zu ermöglichen; allerdings ist dies für die Fabriken aus Konkurrenzgründen nicht ganz leicht. Ein Teil des Käuferpublikums urteilt noch immer nach den Geschwindigkeitsangaben des Prospektes und des Tachometers bei der Probefahrt. Gibt nun ein Prospekt als Höchstgeschwindigkeit ehrlich die richtige Zahl von 90 Stundenkilometer, der Prospekt der Konkurrenzfirma aber die Zahl von 105 an, so neigen — das ist eine unbestrittene Tatsache — zahlreiche Interessenten bloss auf Grund dieser Angabe dem zweiten Fabrikat zu. Man findet daher in zahlreichen Prospekten zweierlei Geschwindigkeitsangaben vor: eine mit dem ausdrücklichen Zusatz «Höchstgeschwindigkeit nach üblichen Angaben» und eine mit dem Vermerk «Höchstgeschwindigkeit nach der Stoppuhr». Dies mutet an und für sich geradezu grotesk an; es ist aber doch der erste Schritt zur Rückkehr zur ehrlichen Geschwindigkeitsangabe. Die Differenz zwischen diesen beiden Angaben beträgt im allgemeinen 15—20 Prozent! Dieser Sachverhalt erklärt auch, wieso es möglich ist, dass in Fachblättern über ein und dasselbe Fabrikat verschiedene Angaben gemacht werden. Der eine Berichterstatter hält sich an die «üblichen Angaben», der andere an die «gestoppten Geschwindigkeiten». (Die in den technischen Spalten der «A.-R.» publizierten Prüfungsberichte über die Fahreigenschaften von Wagen, welche von der technischen Redaktion selbst gefahren wurden, enthalten durchwegs die tatsächlichen Angaben in bezug auf Geschwindigkeiten, Bremsstrecken, Anzugsvermögen etc., da die «Frag' nicht so dumm! Wir haben überhaupt keine Zeit für Verkehr.» «Du kannst dir denken, Fee, wie paff ich war, deine reiterischen Leistungen zu sehen! Wirklich fabelhaft!» «So, das freut mich.» «Aber weshalb reitest du im Damensitz? Du warst doch früher eine geschworene Feindin davon?» «Ich finde es eleganter», sagte Fee leichthin. — Die Wahrheit war aber anders: Vielmehr war es Bux, der, als geborener Zirkusmann, den Damensitz für eleganter hielt und besonders bei einer schwächeren Reiterin für unerlässlich, um die Aufmerksamkeit des Publikums von den Leistungen auf das Aeussere der Erscheinung abzulenken. — Nun musste Fee von ihrem Ergehen berichten, und Otto von Kroidt erfuhr dieses: Gleich nach der Hochzeit hatte Bux für seine Frau ein Schulpferd gekauft und mit ihrer Ausbildung begonnen. Während der Tournee in Deutschland im Sommer 1926 war sie aber noch nicht öffentlich aufgetreten. Im Herbst hatte Bux dann auf ihr Drängen — sie fühlte sich aus allen möglichen Gründen im Zirkus Kreno nicht wohl — ein Engagement nach Mexiko angenommen. Dort kaufte er ihr das Springpferd. In Mexiko hatte man auch Lorenzo engagiert. «Ein sehr schlauer und brauchbarer Bursche, der für mich durchs Feuer geht», fügte Fee hinzu.