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E_1934_Zeitung_Nr.078

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BERN, Dienstag, 25. September 1934 Nummer 20 Cts. 30. Jahrgang — N° 78 ERSTE SCHWEIZERISCHE AUTOMOBIL-ZEITUNG Zentralblatt für die schweizerischen Automobil- und Verkehrsinteressen ABONNEMENTS-PREISE: Erscheint Jeden Dienstag und Freitag Monatlich „Gelbe Liste" Ausgabe A (ohne Versicherung) halbjahrlich Fr. 5.-, jahrlich Flr. 10.— REDAKTION n. ADMINISTRATION: Breitenrainstr. 97, Bern Ausgabe B (mit Unfallversicherung) vierteljährlich Fr. 7.50, jährlich Fr. 30.- Telephon 28.222 Telegramm-Adresse: Autorevue, Bern Auto und Arzt. Lebensgestaltung ist Sache des persönlichen Niveaus und Geschmacks, auch das Autofahren. Dem einen wird es ein Mittel sein, seiner Zeit mehr an Arbeitsertrag. Lebensfreude, Geselligkeit abzugewinnen, dem andern, um leere Stunden zu vertrödeln. Dem einen erschliesst sein Wagen die Schönheiten der Natur, den andern stumpfen gleichgültige Kreuz- und Querfahrten vollends dagegen ab. Der eine wird zum Sklaven seines Vehikels, verlernt beinahe das Gehen, der andere treibt nach wie vor Sport, wandert und läuft Ski. Die Frage zu untersuchen, welche Sorte Fahrer überwiegt, überlasse ich gern den Moralphilosophen. Als Arzt habe ich den einzelnen zu beraten, und der fragt selten, ob ich für oder gegen das Autofahren an sich bin. Gott sei Dank! — ich weiss es wirklich nicht zu sagen; es kommt doch ganz auf den Fall an. Man hört gewöhnlich konkrete Fragen. Am häufigsten: «Darf die Frau während der Schwangerschaft autofahren ?» Schon da sollte man wissen, wie der Wagen federt, wie die Strasse beschaffen ist, auf der gefahren werden soll. Starke Erschütterungen haben schon Fehlgeburten hervorgerufen, besonders in den ersten Monaten oder gegen Ende der Schwangerschaft. Die Empfindlichkeit gegen Rütteln und Stossen während des Unwohlseins ist individuell recht verschieden; die weitaus meisten Frauen erleiden dabei durch eine Autofahrt keinerlei Schaden. Der Hautreiz bei Fahrt im offenen Wagen ist in jüngeren Lebensjahren unbedingt gesund, wenn Auge und Ohr geschützt sind und der Mund geschlossen bleibt. Bei älteren Personen dagegen hat die Elastizität der Blutgefässe nachgelassen; darum spricht ihre Haut auf den frischen Luftzug nicht mehr mit der wohltuenden erhöhten Durchblutung an. Sie sollten daiurn lieber nicht mehr im offenen Wagen fahren, der für jüngere Jahrgänge die beste Gelegenheit zur Abhärtung der Haut und damit zum Schutz vor Halsentzündung und Rachenkatarrh bietet. Patienten, die innere Blutungen, vor allem Lungen- oder Magenblutungen, überstanden haben, muss der Arzt noch einige Monate nach ihrer Heilung vom Autofahren fernhalten. Wer unter Gallen-, Nieren- oder Blasensteinen leidet, gehört nicht ins Auto. Fieber und Entzündungen verschlimmern sich durch Vom Tage Erschütterung^ bei den alten Krankenwagen kam es weit öfter vor, dass eine Blinddarmeiterung in die Bauchhöhle durchbrach. Zuckerkranken scheint Autofahren in der Regel gar nicht schlecht zu bekommen, besonders, wenn zur passiven Muskelbewegung noch aktive durch Spaziergänge usw. hinzukommt. An den Beinen Gelähmte gewinnen oft durch das Auto die ersehnte Bewegungsfreiheit wieder, als Selbstfahrer, wenn ihr Leiden es zulässt, oder als Mitfahrer. Es gibt für sie heute besondere Autorollstühle. Man hat auch beobachtet, dass Knochenbrüche im Auto rascher ausheilten, wohl infolge der leichten Vibration. Wer an der Blase oder sonst am Unterleib leidet oder zu Durchfall neigt, für den ist der Schutz gegen Kälte von den Füssen her (Berühren kalter Teile, z. B. der Pedale, und Eindringen kalter Luft) sehr wichtig. Damit streifen wir schon Fragen des Wagenbaus. «Worauf habe ich beim Kauf eines Wagens besonders zu achten?» wird man häufig von vorsichtigen Patienten gefragt. Eine heikle Frage, denn sie berührt den Geldbeutel. Der erste Rat, den man dem Laien zu geben hat, lautet nämlich: Kaufen Sie keinen gebrauchten Wagen, wenn Sie guter Federung und vollkommenen Schutzes vor Zugluft sicher sein wollen; und der zweite: Kaufen Sie einen hochzylindrigen Wagen, wenn Sie mit möglichst schwacher Erschütterung fahren wollen. Bei Nervösen wird man noch hinzufügen: Ein teurerer Wagen nimmt heute die meisten Steigungen im direkten Gang, erspart Ihnen also das häufige Umschalten, diese Quelle Ihres Missvergnügens und Ihrer Aufregung! Die Sitzgelegenheiten wird der Arzt beim Kauf eines Wagens besonders kritisch prüfen. Bekennen wir doch, dass die niedrige Bauart der Wagen in dieser Hinsicht zunächst schwere gesundheitliche Nachteile gebracht hat; jetzt ist man daran, sie auszugleichen. Die Sitzhöhe soll für einen Insassen mittlerer Grosse allermindestens 40 cm erreichen. Neuerdings werden verstellbare Sitze gebaut; das ist zu begrüssen, nur dürfen sie nicht falsch benützt werden, vom Lenker vor allem nicht zum «bequem» Zurücklehnen, für das auch viele feste Sitze gedacht sind. Halb liegend hantiert der Fahrer schlecht, ermüdet leicht, federt Stösse des Wagens weniger gut durch den Körper ab, wejl eben die Stütze fehlt, die er bei aufrechtem Sitzen hat. Die Rückenpolster dürfen nicht zu steif sein, sondern müssen etwas nachgeben. Der Führersitz sollte glatt bezogen sein, um dem Körper die Bewegung zu erleichtern. Sehr wichtig sind auch die Abdichtungen. Zunächst an den Röhren und am Vergaser, damit die schädlichen Abgase nicht in den Wagen dringen. Aber auch Handbremse und Hebel müssen gut abgedichtet sein, Bremsund Gaspedale durch Düsen gleiten und die Trittflächen überzogen sein, damit der kalten Aussenluft und der Eisenkälte gewehrt wird: Ischiasgefahr! Die Technik nimmt neuerdings auf ärztliche Winke und Wünsche weitgehend Rücksicht. Dagegen wäre zu wünschen, dass der Einfluss des Arztes auf die Gesetzgebung und auf die Erteilung der Fahrbewilligung verstärkt würde. Dr. med. R. P. Von der Karosseriemode. Die Darstellungsart des Karosseriearchitekten hat mit den übrigen bildnerischen Künsten das gemeinsam, dass sie durch gleichzeitiges Nebeneinanderstellen ihrer Formen, Empfindungen oder Andeutungen das Gesamtwerk komponiert. Im übrigen bleibt die Phantasieentfaltung des Karosseriearchitekten gehemmt durch die starren Proportionen, in welche sich sein Gebilde fügen muss. Das Publikum, die Kundschaft oder der Auftraggeber sehen nicht hinter die Kulissen, wo die .Karosseriebauer als Fachmänner innerhalb enger Grenzen, welche die Wirtschaft und die Technik ziehen, ihre Phantasie auswirken lassen. Beim ersten kritischen Eindruck ist es bezeichnend, dass Verstösse gegen die althergebrachten Proportionen am Schattenriss des Autos gerne dann bezweifelt werden, wenn sie von der Mode, d. h. von der hohen Schule der Karosseriekunst ausgehen — nie aber, wenn sie technische Hintergründe zu haben scheinen... Woher kommen nun diese dreidimensionalen Masse am Auto: Länge, Breite, Höhe, welche den zu gestaltenden Körper bilden? Die Herleitung hängt, naturgemäss, mit der Entwicklung des Automobiles selbst zusammen. Zu einer Zeit, da man dem Motorwagen seine Abstammung vom Landauer noch in allen Details ansah, interessierte in erster Linie die Kraft — und nicht die Geschwindigkeitf Logischerweise konzentrierten sich die Pioniere auf die Ausbildung des maschinellen Teiles, der ja das Neue war. Die grundsätzlichen Proportionen hat der «Wagen», I1VSERTIONS-PREIS: Die achtgespaltene 2 mm hohe Grundzeile oder deren Raum 43 Cts. für die Schweiz; (Ur Anzeigen aus dem Ausland 60 Cts. Grössere Inserate nach Seitentarif. Inseratcmchluss 4 Tage vor Erseheinen der Nummern als älteste technisch-physikalische Erfindung zur Umwandlung des Reibwiderstandes in Rollwiderstand beim Transportmittel, dem Automobil erhalten. Mit zunehmendem Interesse an der Geschwindigkeit tauchten dann Kräfte auf, welche aus Masse und Beschleunigung resultieren. Die technische Entwicklung breitete sich dann von der Motor- und Antriebsvervollkommnung auch auf den Wagen aus und schuf hier die Wechselbeziehungen zwischen Radstand und Spurweite. Man erkannte die Begriffe Schwerpunktlage, Strassenlage, Kurvenstabilität, Rollwiderstand und Luftwiderstand als Funktionen der Geschwindigkeit. Diese Entwicklung ist heute noch nicht abgeschlossen, doch kennt man die idealen Werte so genau, dass ihre Erreichung nur noch von Fahrzeugtyp und Art abhängt. Die Herleitung der Normen geht parallel mit der technischen Entwicklung, doch das Interessante ist, dass stets die Karosserie, also das Künstlerische am Aufo, die äussere Ausdrucksform der einzelnen Etappen war — und bleibt. Es entsteht aber ein unvermeidliches Unglück, wenn der Karosseriearchitekt den Wert, die Leistungsgrenze und den Wirkungskreis des zu umbauenden Chassis nicht richtig einschätzen kann! Solche Genies sind selten, die trotz nüchternem technischem Scharfblick auch eine zaubernde Hand haben und ihre Werke eine inspirierte, originelle Sprache reden lassen. Was geschieht aber, wenn das Näherliegende vorkommt, wenn der Karosserieschöpfer eben ein grosser Künstler ist und seine Kreationen abstrakte Formgebilde sind? Dann entstehen fahrende Trugbilder, die scheinbar den zwangsläufigen technischen Entwicklungsgesetzen vorausgeeilt scheinen und auf keinen Fall den Grundsatz der Wahrheit in der Kunst wahren. In dieser Beziehung wären oft die Urteile der «Schönheitskonkurrenzen» anfechtbar... Seit jenem Zeitpunkte, da sich die einheitliche Motorform, der mehrzylindrige Reihenmotor, allmählich herauskristallisierte, wurde die Motorhaubenlänge ein trügerischer Massstab der Zylinderzahl — bald unwahrscheinlich lang, bald kürzer — je nach der Wirtschaftslage! Heute noch besteht neben dem richtigen Bestreben, durch die Karosseriekonstruktion selbst den Schwerpunkt abzusenken, auch noch das formale Bedürfnis, den Wagen niedrig scheinen zu lassen. Fahrzeuge, besonders SDe/ialkarossierte, die in stilisierter Form das Phantom der Geschwindigkeit darstei'en — in der Tat aber von der Szenerie erdrückt werden und nur als Man- U I L L E T O N Bux. Zirkusrotnan von Hans Possendorl. (24. Fortsetzung) Frau Hemsterhuis sah das Mädel nochmals prüfend an: «Na, beim Theater sind Sie doch bestimmt nicht?» «Nein. — Aber ich muss es Ihnen schon selbst sagen, denn raten werden Sie das doch niemals. — Ich bin Dompteuse.» «Was sind Sie?» Hemsterhuis legte die Hand ans Ohr, als höre er nicht recht. «Ich bin... Tigerbändigerin, wenn man es so nennen will.» Ein kurzes Schweigen entstand. Dann sagte Frau Hemsterhuis ein wenig gekränkt: «Sie machen sich wohl lustig über uns?» «Aber, gnädige Frau, was denken Sie!» Cilly machte ein ganz erschrockenes Gesicht. «Ich bin hier im Cirque d'Hiver engagiert mit meiner Gruppe von zwölf Tigern. Wenn es Ihnen Spass macht, können Sie sich mit eigenen Augen davon überzeugen.» Cornelius Hemsterhuis schlug sich vor Vergnügen aufs Knie: «Ja, ist denn so was möglich! Wie alt sind Sie denn, wenn man fragen darf?» «Ich werde im April siebzehn.» «Und die Tiger, die Sie da bändigen, — die gehören Ihnen?» «Nicht alle; nur drei davon gehören mir. Die andern neun gehören dem deutschen Zirkus Kreno.» Und nun erzählte Cilly ganz treuherzig, wie sie so allein mit den zwölf Tigern nach Paris gekommen. Die Sache lag so: Als Zirkus Kreno im Oktober — zu derselben Zeit, als Bux und Fee in Buenos Aires eintrafen — von der Sommertournee in sein Winterquartier nach M. zurückgekehrt war, kam die Anfrage aus Paris, ob er nicht die in Zirkuskreisen bereits bekannte Nummer ,Cilly Berndt, die jüngste Dompteuse der Welt mit ihren zwölf Tigern', zu einer sehr hohen Gage den Winter über dem Cirque d'Hiver überlassen wolle. Cilly wurde gerufen und erklärte sich sofort bereit, nach Paris zu gehen. Als Frau Direktor Kreno die Frage aufwarf, wen man zu ihrer Begleitung mitschicken könne, war Cilly fast beleidigt gewesen, weil sie es für Misstrauen in ihre Zuverlässigkeit hielt, während das Ehepaar Kreno doch nur an einen persönlichen Schutz für Cilly dachte. Schliesslich aber sahen der Direktor und seine Frau selbst ein, dass eine weitere Person die Sache nur unnötig verteuern würde. Cilly war ja auch so brav und vernünftig, dass man nichts zu befürchten hatte. Und rein geschäftlich würde sie mit der Direktion in Paris nichts zu tun haben. Sie erhielt ihre persönliche Gage als Dompteuse nebst einem Zuschuss für ihre drei eigenen Tiere ja vom Zirkus Kreno, der wiederum über die ganze Nummer mit Paris direkt abrechnete. So reiste Cilly also am 30. Oktober 1927 mit ihren zwölf Tigern, zwei Wärtern und mit dem Geschäftsführer, Herrn Schmoller, nach Paris ab. Schmoller brachte sie dort in der kleinen Pension unter. Wenn es da auch etwas teuer war, so schien Cilly doch in dem feinen, ruhigen Hause gut aufgehoben. Nach dreitägigem Aufenthalt in Paris, und nachdem er sich überzeugt hatte, dass die Nummer den gewünschten Erfolg hatte, und auch sonst alles in Ordnung ging, reiste Herr Schmoller nach M. zurück. So war Cilly Berndt bereits zwei und einen halben Monat in Paris; denn es war jetzt schon Mitte Januar 1928. — «Aber sind die Tiger denn nicht furchtbar böse und gefährlich?» fragte Frau Hemsterhuis, als Cilly ihren Bericht beendet, und musterte kopfschüttelnd das zierliche Persönchen. «Böse sind sie nicht», sagte Cilly: «bis auf einen, den Butan. Der muss durch schlechte Behandlung schon verdorben worden sein, bevor wir ihn bekamen.» «Und kann Sie dieser Tiger nicht einmal anfallen?» «Ja, natürlich. Er versucht es auch manchmal, aber da muss man eben aufpassen.» «Und die andern sind ganz ungefährlich?» Obgleich sich Cilly von diesen schon tausendmal an sie gestellten Fragen höchst gelangweilt fühlte, antwortete sie der alten Dame doch mit liebenswürdiger Sachlichkeit: «Gefährlich sind sie natürlich alle, aber nicht aus Bosheit. Sie müssen bedenken, gnädige Frau, dass es Katzen sind. «Also falsche Biester!» «Nein, gerade das Gegenteil! Sie sind offen und tapfer. Wenn sie sich ärgern, kneifen sie nicht den Schwanz ein, sondern fauchen einen an und schlagen auch mal mit der Tatze. Das meinen sie nicht so böse, aber wenn sie einen treffen, dann tut das nicht wohl. — Auch beim Spielen gibt's manchmal einen Kratzer. Aber das ist alles nicht so schlimm. Wirklich übel wird die Sache nur, wenn sie sich gegenseitig in die Wolle geraten. Lässt man sie gewähren, dann beissen sie sich kaputt, geht man dazwischen, bekommt man im Eifer des Gefechts selbst was ab.» «Also kann es dann wirklich lebensgefährlich werden? fragte Herr Hemsterhuis gespannt. «Natürlich. In der Aufregung kommt doch die ganze Wildheit zum Vorschein, sozusagen gegen den eigenen Willen der Tiere. Das Schlimmste ist, wenn man in einer solchen Situation umgerissen wird und hinfällt. Dann ist man meist so gut wie verloren.»