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E_1934_Zeitung_Nr.081

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BERN, Freitag, 5. Oktober 1934 Nummer 20 Cts.* 30. Jahrgang - N° 81 ERSTE SCHWEIZERISCHE AUTOMOBIL-ZEITUNG Zentralblatt für die schweizerischen Automobil- und Verkehrsinteressen ABONNEMENTS-PREISE: Erscheint jeden Dienstag und Freitag Monatlich „Gelb* Liste" Ausgabe A (ohne Versicherung) halbjahrlich Fr. 5.—, Jährlich Fr. 10.— REDAKTION u. ADMINISTRATION: Breitenrainstr. 97, Bern Ausgabe B (mit Unfallversicherung) vierteljährlich Fr. 7.50. jährlich Fr. 30.— Telephon 28.222 Telegramm-Adresse: Autorevue, Bern Im Zeichen des Pariser Salons Technische Betrachtungen Traditionsgemäss bringt der Pariser Salon als erste der grossen internationalen Automobilausstellungen die Modelle des kommenden Jahres. Alle grossen Konstrukteure des europäischen Festlandes machen es sich zur Pflicht, hier mit ihren Neuschöpfungen zu debütieren, und auch die Engländer und Amerikaner trachten je länger je mehr danach, gleichzeitig mit ihren Modellen 1935 herauszukommen. Wenn ein abschliessendes Urteil über den Stand und die Fortschritte der Autotechnik auch erst nach den Ausstellungen von London und Neuyork möglich ist, so gibt doch der Pariser Salon schon einen guten Ueberblick über die jeweiligen technischen Tendenzen. Dass die Schau im Grand Palais der Champs Elysees auch sonst denkbar geeignet ist, um die Interessen der ganzen Welt auf sich zu ziehen, bedarf wohl keiner weiteren Ausführungen. Und selbst dem Besucher ohne ausgesprochene geschäftliche und technische Interessen bietet er mit seinem Drum und Dran ungezählte Attraktionen. Der diesjährige Salon ist besonders sehenswert, umfasst er doch ausser der modernen 'ersonenwagen-, Lastwagen- und Zubehörproduktion eine Schau historischer Fahrzeuge, wie sie kaum in gleichem Ausmass bisher jemals gezeigt wurde. Deutlicher als sonst kommt so die gewaltige Entwicklung zur Geltung, welche die Automobiltechnik in einem Drittelsjahrhundert zu verzeichnen hatte. Mit der Gegenüberstellung ältester und moderner Konstruktionen hat die Ausstellungsleitung zweifellos einen der geschicktesten Griffe getan. Gerade im gegenwärtigen Moment ist es ungemein reizvoll, Vergleiche zu ziehen und den ursprünglichen Einflüssen und Gedankengängen nachzugehen. , Gewollt oder unbeabsichtigt ist allerdings dieses Nebeneinander auch ein Symbol: Ein F E U I L L E T O N Bux. Zlrkusrotnan von Hans Possendorl. (27. Fortsetzung) Auch bei Cillys Nummer gibt es für die Familie Hemsterhuis eine grosse Aufregung. Während in Paris keines ihrer Tiere den Gehorsam verweigerte, ist diesmal ein riesiger Tiger dabei, der fortwährend nach Cilly faucht und schlägt und alsolut nicht von seinem Postament gehen und mitarbeiten will. Pieter steht Angstqualen aus; besonders als die andern Tiger nach Schluss der Nummer schon den Käfig verlassen und Cilly sich nun scheinbar vergeblich und unter Lebensgefahr abmüht, die wütende Riesenbestie aus dem Käfig zu jagen. Doch da erscheint Bux in seinem Geckenkostüm auf der Bildfläche, und die grausig-komische Szene mit Judith beginnt. — Denn Bux und Judith machen jetzt, da Montez nicht mehr da ist, ihre gewohnte Szene in Verbindung und im Anschluss an Cillys Tigernummer. — Am andern Vormittag gegen elf Uhr, als Bux eben zum Bureauwagen gehen will, trifft er auf Pieter Hemsterhuis. Abschied auf immer. In kurzem wird die Autotechnik ihre Abstammungsmerkmale verloren haben. Gerade gegenwärtig ruft in ihr alles nach Evolution. Wenn der Fortschritt bis jetzt hauptsächlich dadurch gekennzeichnet war, dass man die primitiven Fahrmaschinen der Jahrhundertwende immer mehr verfeinerte und vervollkommnete, so zeigt sich nun deutlicher als je die Tendenz, auf Grund der gesammelten Erfahrungen ein ganz neues, homogenes Gebilde zu schaffen. Das Automobil ist gleichsam volljährig geworden, löst sich von seinen Eltern los und schreitet in seine eigene unbegrenzte Zukunft hinein. Ein einziger aufmerksamer Blick über die Ausstellung lässt diese Wandlung klar erken- Eine starke Verminderung des Luftwiderstandes lässt sich allein schon dadurch erreichen, dass die Wagenunterseite glatt verschalt wird. Im. obigen Beispiel lässt die Behandlung der Unterseite noch stark zu wünschen übrig. nen. Noch vor kurzem war das Ausstellungsbild durch Einzelverbesserungen an den konventionellen Konstruktionen gekennzeichnet. Die « Sensationen » waren noch stark in der Minderzahl, obschon natürlich durchaus niemand abgeneigt war, durch aussergewöhn- Iiche Neuheiten Aufsehen zu erregen. Heute Die Veränderung des Wagengesichtes in den letzten Jahren. «Outen Morgen, Herr Doktor!» ruft ihm der junge Holländer vergnügt entgegen. «Ich komme, um mir die Tierschau anzusehen. Fräulein Berndt wollte so gut sein, die Führerin zu machen. Wissen Sie vielleicht, wo ich sie finden kann?» Es ist elf Uhr. Da wird sie ihre Tiger füttern. Sie können sie also gleich mal in voller Tätigkeit bewundern— hinter den Kulissen. — Kommen Sie!» Und während Bux an Pieters Seite weiterschreitet, denkt er: ,Was er nun wohl für ein Gesicht machen wird, wenn er Cilly so sieht?' Sie nähern sich der langen Reihe von Käfigwagen, die alle von Tigern besetzt sind. Die meisten haben schon ihr Stück Fleisch zwischen den Vorderpfoten und kauen und reissen gierig daran herum. Nur ein paar Tiere toben noch in Erwartung ihrer Mahlzeit hinter den Gittern. «Da ist sie ja!» sagte Bux. «Wo denn?» fragt Pieter und lässt seinen Blick suchend umhergleiten. «Na, dort! Gerade vor Ihnen!» Bux zeigt auf eine Gestalt, die sich über ein hölzernes Traggestell gebeugt hat und ihnen den Rücken zukehrt. Da richtet sich Cilly auf und wendet sich Selbst verhältniemässig kleine, einzelstehende Ausrüstungsteilq, können den Luftwiderstand merklich erhöhen. So verursacht z. B. der Scheinwerf»r in der obigen Anordnung gleich viel Luftwiderstand wie «ine Kreisfläche von um % grösserem Durchmesser, die auf dem Kühler aufgesetzt wäre. dagegen sind die Wagen und die Chassis klassischer Bauform schon an den Fingern abzuzählen. Fast jeder Konstrukteur hat irgendwie Neuland betreten, und der Skeptizismus, der früher mancher Neuerung entgegengebracht wurde, ist einem grossen Wundern gewichen. Tatsächlich ist das Orakeln heute schwerer als je. Die bisherigen Maßstäbe haben ihre Behauptung vielfach verloren, und die Parole heisst « Abwarten » oder «Versuchen ». Was will man? Endziel der Autotechnik wird immer sein, ein Fahrzeug zu bauen, das eine möglichst grosse Nutzlast möglichst bil- Bei Wagen mit unabhängiger Vorderradfederung begegnet man der Tendenz zum stärkeren Auswärtshängen der Karosserie beim Kurvenfahren vielfach durch Anwendung von Stabilisatoren an der Hinterachse. Hg, möglichst rasch, möglichst sicher und möglichst komfortabel von einem Ort zum andern zu befördern imstande ist. Welchem der vier Kriterien dabei der Vorrang eingeräumt wird, hängt von der Wirtschaftslage und anderen Umständen ab und braucht uns hier vorläufig nicht zu beschäftigen. Immerhin steht ausser Frage, dass in jedem Punkt noch grosse Verbesserungen möglich sind. Riesige Anstrengungen konzentrieren sich bis jetzt einzig darauf, dass das um. Sie trägt einen weissen Arbeitsmantel, der von oben bis unten mit dunkelroten Flekken bedeckt ist. Die Aermel sind bis über die Ellenbogen hochgekrempelt, die weissen Arme mit Blut besudelt. In der linken Hand hält sie einen mächtigen triefenden Fleischfetzen, den sie eben aus dem Restvorrat herausgesucht hat, — in der Rechten eine lange Eisengabel. Auf dem Kopf trägt sie eine blaue, gestrickte Zipfelmütze, die ihr Haar völlig verdeckt. «Guten Morgen, Miinheer Hemsterhuis!» ruft sie ohne die geringste Verlegenheit und streckt dem Holländer die Spitze des kleinen Fingers hin. «Appetitlich, was?» Pieter scheint an ihrem Aeussern durchaus keinen Anstoss zu nehmen. Er strahlt über das ganze Gesicht und scheint so entzückt von Cilly, als ob sie in der schönsten Abendtoilette vor ihm stünde. — Bux verabschiedet sich und Cilly fährt mit der Fütterung fort. In ein paar Minuten hat sie auch noch die letzten Tiger versorgt. Dann wischt sie sich die Hände am Mantel ab und sagt: «So, nun will ich Ihnen die ganze Tierschau und alle Ställe zeigen. Sie werden staunen!» Der Rundgang, der eine gute Stunde in Anspruch nimmt, endet im Stallzelt von Bux. INSERTIONS-PREIS: Die achtgespaltene 2 mm hohe Grundzelle oder deren Baum 45 Cts. für die Schweiz; für Anzeigen aus dem Ausland 60 CU. Grösaere Inserate nach Seitentarit. i Iiueratensehluss 4 Tage vor Erscheinen der Nummern Automobil ging, und zuverlässig ging. Mit seinem unbedingt zuverlässigen Funktionieren war aber erst die Ausgangsbedingung für den weiteren Ausbau geschaffen. Bis zu einem gewissen Grad hatte also das bisherige Auto nur den Charakter einer Versuchsapparatur. Jedes seiner wichtigeren Organe war meistens ein Ding für sich, von Spezialisten geschaffen und nicht selten von auswärts bezogen. Irgendwie mehr oder weniger geschickt mit einem gemeinsamen Rahmen, dem Chassisrahmen verbunden, ergaben diese Organe zusammen das Automobil. Wie primitiv aber im Grund genommen eine derartige Zusammenstellung als Maschine ist, wurde zum erstenmal deutlich durch den modernen Renn- In deutlichem Aufkommen begriffen ist die erstmalig am letzten Pariser Salon gezeigte Porsche-Federung, bei welcher auf Torsion beanspruchte Stahlstäbe aJ« Federelemente dienen. wagenbau offenbart. Mit aller Klarheit hat das Beispiel der Union- und Mercedes-Rennwagen gelehrt, dass die Weiterentwicklung nur auf dem Weg einer organischen Gesamtentwicklung vor sich gehen kann. Aus einem «zusammengestellten» Automobil wird ein Fahrzeug « aus einem Guss » entstehen, bei dem jedes Organ genau auf das andere abgestimmt ist und das man sich so wenig teilbar denken kann, wie den Organismus eines Lebewesens. Es müsste ungemein reizvoll sein, den bisherigen Entwicklungsgang des Autos in einem ununterbrochenen Filmbild vor sich abrollen zu sehen. Man stelle sich vor: Ein Auto, Modell 1905, mit grossen Kutschenrädern, hohen Sitzen, einem Kistchen am Vorderteil als Der Vorderradantrieb gestattet u. a. eine sehr praktische Anordnung des Schalthebels am Instrumentenbrett. Als sie vor Judiths Käfig treten, faucht die Tigerin den Fremden furchtbar an. «Mein Gott!», sagt Pieter Hemsterhuis. «Dieses Tier ist wirklich zum Fürchten.» «Haben Sie in Indien mal einen Tiger in Freiheit gesehen?» fragt Cilly neugierig. «Ja, einmal. Aber sie sind in der Wildnis meist sehr scheu und laufen weg, wenn sie einen Menschen erblicken.» — Pieter betrachtet noch immer voller Bewunderung den herrlichen Kopf der Tigerin. «Sagen Sie, was würde wohl geschehen, wenn ich jetzt einfach da hineinginge?» «Wahrscheinlich würde Judith Sie ebenso einfach in Stücke reissen.» «Ich habe schrecklich Angst, dass die Tigerin Ihnen auch noch mal was tut, Fräulein Cilly, wenn Sie abends diese Geschichten mit ihr machen. Die ist sicher falsch.» «Pfui!» ruft Cilly ganz beleidigt. «Judith falsch? So was dürfen Sie nicht wieder sagen. — Bei Judith könnte ich ruhig nachts im Käfig schlafen. — Passen Sie mal auf!» Und zum Entsetzen von Pieter Hemsterhuis lässt sie sich von Tom den. Käfig aufschliessen, steigt hinein zu Judith und klopft und streichelt die vor Freude schnurrende Tigerin wie einen Hund. (Fortsetzung folgt.)