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E_1934_Zeitung_Nr.082

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BERN, Dienstag, 9. Oktober 1934 Nummer 20 Cts. 30. Jahrgang - N° 82 ERSTE SCHWEIZERISCHE AUTOMOBIL-ZEITUNG Zentralblatt für die schweizerischen Automobil- und Verkehrsinteressen ABONNEMENTS-PREISE: Erscheint jeden Dienstag und Freitag Monatlich „Gelbe Liste" Ausgabe A (ohne Versicherung) halbjährlich Fr. 5.-, Jährlieh Fr. 10.- REDAKTION u. ADMINISTRATION: Breit«nrainstr. 97, Bern Ausgabe B (mit Unfallversicherung) vierteljährlich Fr. 7.50, jährlich Fr. 30.— Telephon 2S.222 Telegramm-Adresse: Autorevue, Bern Zur Frage der Wiedereinführung der Höchstgeschwindigkeitsvorschriften Gcmäss Artikel 35 und 36 des Konkordates über ein einheitliche Verordnung betreffend den Verkehr mit Motorfahrzeugen und Fahrrädern vom Jahre 1914 (Konkordat) hatte bekanntlich jeder Lenker eines Motorfahrzeuges die Pflicht, die Geschwindigkeit seines Fahrzeuges so zu gestalten, dass dieselbe in keinem Falle 18 km/St, innerorts und 40 km/St, ausserorts überschritt. Dies hatte zur Folge, dass selbst geringfügige Ueberschreitungen dieser Geschwindigkeiten gebüsst werden mussten, und zwar unabhängig davon, ob durch sie eine Person oder Sache gefährdet, geschweige denn, dass jemand verletzt oder Sachschaden verursacht wurde. Diese Vorschriften waren daher nicht nur den Motorfahrzeuglenkern ein Aerger, sie wurden vielfach auch von den mit der Anwendung beauftragten Amtsstellen als sachlich nicht gerechtfertigt empfunden. Die Ausmerzung dieser starren Bestimmungen war demzufolge auch neben anderen Begehren ein bedeutender Kampfpunkt beim Erlass des Bundesgesetzes über den Motorfahrzeug- und Fahrradverkehr vom 15. März 1932 (MFG), in Kraft getreten am 1. Januar 1933. Obwohl das MFG die nach Stundenkilometer begrenzten Höchstgeschwindigkeiten nicht für alle Motorfahrzeugkategorien fallen Hess, hat es sich doch, praktisch gesprochen, darauf beschränkt, den, Bundesrat anzuweisen, für schwere Motorwagen solche Vorschriften auf dem Verordnungswege festzusetzen (Art. 25/3 MFG). Daneben hat das MFG dem Bundesrat die Befugnis eingeräumt, auch für andere Motorfahrzeuge analoge Vorschriften durch Verordnung zu erlassen (Art. 25/3 MFG), wobei es vollständig dem Ermessen des Bundesrates anheimgestellt ist, zu bestimmen, ob, wann lind in welcher Weise er solche erlassen will. Für alle Motorfahrzeuglenker (wie auch für Radfahrer) besteht aber daneben die allgemeine Verpflichtung, «das Fahrzeug ständig zu beherrschen und die Geschwindigkeit den gegebenen Strassen- und Verkehrsverhältnissen anzupassen » (Art. 25 MFG). F E U I L L E T O N Bux. Zirkusroman von Hans Possendorf. (28. Fortsetzung | Pieter atmet auf, als Ciüy endlich wieder draussen ist.— Zu Füssen von Brahma hockt auf dem Holzpodium der alte Dhakjee und schreibt in ein dickes Buch mit vergilbtem Papier sonderbare Zeichen. Er tut, als sähe er den fremden Herrn überhaupt nicht, bis ihn Pieter auf Hindustanisch etwas fragt. Aber auch das bringt Dhakjee nicht aus seiner Ruhe. Er hebt nur für einen Augenblick den Kopf und sagt: «Athattar». — «Sie können Indisch?» fragt Cilly neugierig, als sie gleich darauf mit Pieter das Zelt verlässt. «Ein wenig.» «Was haben Sie ihn gefragt?» «Wie alt er ist. Er sagt achtundsiebzig. Kann das wirklich sein?» «Ja, das stimmt. Und Brahma muss ungefähr hundertsieben Jahr alt sein.» «Ja, ja, die Elefanten können uralt werden», meint Pieter. «Wissen Sie, was der alte Dhakjee da schreibt? — Ein Journal über Brahma — eine Art Elefantenchronik. Die führt er schon, Seit Inkrafttreten des MFG ist nun schon bereits wiederholt von den verschiedensten Seiten die Wiedereinführung von zahlenmässig begrenzten Höchstgeschwindigkeiten für alle Motorfahrzeugkategorien verlangt worden. Hierüber muss man sich auch gar nicht wundern, wenn man die steigende Zahl der schweren und leichten Verkehrsunfälle betrachtet und hört, dass im ganzen Gebiete der Schweiz seit Inkrafttreten des MFG bereits rund 1200 Motorfahrzeuglenkern der Führerausweis (Fahrbewilligung) entzogen werden musste, wobei natürlich die Frage einstweilen offen bleibt, ob solche Vorschriften besser geeignet wären, Unfälle zu verhüten, als dies auf Grund der geltenden Vorschriften möglich ist. Auch muss festgestellt werden, dass nur ein Teil der Unfälle und Führerausweisentzüge in übersetzten Geschwindigkeiten begründet liegt, indem nämlich der Entzug auch angeordnet werden kann, wenn (andere) Verkehrsvorschriften in verkehrsgefährdender Weise schwer verletzt oder wiederholt übertreten werden (Art. 13/2 MFG). Ausserdem muss der Führerausweis entzogen werden, wenn jemand ein Fahrzeug in angetrunkenem Zustande geführt hat (Art. 13/2 MFG). Da aber auch die Unfälle vielfach durch Betrunkenheit oder allgemein unkorrektes Fahren verursacht werden, kann weder die Zahl der Unfälle noch der Führerausweisentzüge als entscheidendes Kriterium zur Beantwortung der Frage benützt werden, ob und in welchem Umfange das Fallenlassen der Höchstgeschwindigkeitsvorschriften des Konkordates mit dem Anwachsen der Unfälle im Zusammenhang steht. Obwohl das Begehren der übrigen Strassenbenützer auf Wiedereinführung von Höchstgeschwindigkeiten begreiflich ist, wird eine solche Massnahme, wenn sie kommen sollte, die gegenwärtigen Verhältnisse kaum merklich bessern, und zwar einfach deshalb nicht, weil sie nicht zweckmässig ist. Welche Geschwindigkeit hätte der Bundesrat als höchst zulässige zu erklären? Bei Beantwortung dieser Frage müsste sich in erster Linie wiederum die andere aufdrängen, ob analog den Art. 35 und 36 des Konkordates zwischen Innerorts- und Ausserortsgeschwindigkeit unterschieden werden müsste. Möglicherweise würden die Geschwindigkeitsgrenzen noch nach andern Gesichtspunkten abgestuft, z. B. je nachdem es sich um Fahren bei Tag oder bei Nacht, bei nasser oder trockener Strasse, bei guter oder schlechter Sicht etc. handeln würde. Je differenzierter diese Unterscheidungen nun aber getroffen würden, um so unpraktischer und schwieriger würde die seit er bei Brahma ist, sagt Onkel Bux, — über fünfzig Jahre lang!» Pieter Hemsterhuis findet das gar nicht so verwunderlich. «Ja, diese alten Elefantenwärter hängen furchtbar an ihren Tieren; da kann ich ganz gut verstehen, dass der Alte eine Art Elefantentagebuch führt. — Schade, dass man den Inhalt nicht versteht!» «Ich glaube nicht, dass der Inhalt so sehr interessant ist,» meint Cilly. «Viel schreibt er nicht rein. Meist nur ein paar Zeilen am Tag. Ich glaube nur, wo Brahma an jedem Tag war, -und ob er gesund war — und wenn er mal was aussefressen hat. So wie zum Beispiel vor ein paar Jahren in Mailand, als er Onkel Bux seiner Frau — sie waren damals noch nicht verheiratet — den Arm aus der Kugel geschlagen hat.» «Was! So gefährlich ist der alte Bursche?» «Nein, im allgemeinen nicht. Nur, wenn er Leute nicht leiden kann. Aber die müssen sich dann furchtbar in acht nehmen!» 6. Drei Wochen lang hat man Amsterdam ,halten' können. Aber nun beginnt Jer Besuch des Zirkus doch nachzulassen, und in macht würden, um so schematischer müsste die Handhabung der Bestimmungen durch die Behörden werden. Hand in Hand damit wäre nicht zu vermeiden, dass Ueberschreitungen dieser Vorschriften verzeigt und gebüsst werden müssten, auch ohne dass durch an sich vorschriftswidrig schnelles Fahren eine Gefährdung oder gar ein Unfall verursacht worden wäre. Daran ändert auch nichts, dass die Höchstgeschwindigkeiten gegenüber denjenigen des Konkordates aller Wahrscheinlichkeit nach heraufgesetzt, wobei auch nicht von entscheidender Bedeutung wäre, ob diese Unterschiede etwas grösser oder kleiner gemacht würden. Solche Vorschriften sind unnötig, wo die als zulässig vorgeschriebene Geschwindigkeit angemessen ist, ungerechtfertigt, wo eine höhere Geschwindigkeit keine Gefahr bedeutet, und endlich sind Höchstgeschwindigkeiten immer noch zu hoch, wo besondere Verhältnisse vorliegen, wobei nicht zu vergessen ist, dass solche Vorschriften in letzterem Falle geradezu gefährlich sind, weil in den Köpfen der Fahrzeuglenker sehr oft Höchstgeschwindigkeit und im konkreten Fall zulässige Geschwindigkeit verwechselt werden. Man bedenke zum Beispiel nur, dass selbst der beste Fahrzeuglenker, der einen modernen Wagen mit Vierradbremse auf ebener, aber nasser Strasse steuert, bei einer blossen Geschwindigkeit von 18 km/St, eine Gesamtbremsstrecke (inklusive Reaktionsstrecke) von 6 m benötigt, um das Fahrzeug anzuhalten, eine Strecke, welche z. B. innerorts, bei einer unübersichtlichen Strassenkreuzung und bei engen Strassenverhältnissen, bestimmt zu klein ist, um unter allen Umständen eine Kollision mit einem von der Seite kommenden Fahrzeug zu verhindern. Wieviel ungünstiger werden aber die Verhältnisse, wenn es sich um weniger geübte Führer, um Fahrzeuge mit Zweiradbremsen, um eine Fahrbahn mit Gefälle und wenig Adhäsion handelt etc. Es gäbe daher schon unter INSERTIONS-PREIS: Die achtgespaltene 2 mm hohe Grundzeile oder deren Raum 45 Cts. für die Schweiz; für Anzeigen aus dem Ausland 60 Cts. Grössere Inserate nach Seitentarif. Inseratenschluss 4 Tage vor Erscheinen der Nummern korrekte Handhabung der Vorschriften durch die Motorfahrzeuglenker werden, je einfacher aber anderseits die Unterscheidungen gekeitsvorschriften mehr, braucht man sich weder ob der Zahl der Unfälle noch dem Begehren um Erlass der erwähnten Vorschriften zu wundern. Es sollte jedem Fahrzeuglenker, der so etwas behauptet, der Führerausweis für einige Zeit entzogen und jeder Prüfungskandidat unerbittlich für einige Monate von der Führerprüfung zurückgewiesen werden. Wohl bestehen keine zahlenmässig umschriebenen Höchstgeschwindigkeiten (für leichte Motorwagen), dagegen bestand schon im Konkordat und besteht auch im MFG wiederum der Grundsatz, dass die Geschwindigkeit nie höher sein darf, als dass der Fahrer nach Massgabe seiner Fähigkeiten (Erfahrung, Fahrpraxis, Wahrnehmungsfähigkeit etc.) und der objektiven Verumständungen (Verkehrs-, Witterungsverhältnisse, Beschaffenheit der Fahrbahn etc.) jederzeit in der Lage ist, sein Fahrzeug nötigenfalls rechtzeitig und gänzlich in dem ihm zukommenden Fahrbahnteil anzuhalten (Art. 25 MFG). Es kann also gar keine Rede davon sein, dass ein Fahrzeuglenker so fahren darf, wie er will. Genau das Gegenteil ist der Fall. Eine genauere Vorschrift als der in Art. 25 MFG enthaltene Grundsatz kann man sich nicht denken, und eine Besserung ist von der Aufstellung schematisch, zahlenmässig begrenzter Geschwindigkeiten nicht zu erwarten. Wohl aber liegt es in der Hand der anständigen Fahrer und der Behörden, auf Grund der geltenden Bestimmungen ein wesentliches zur Verkehrssanierung beizutragen. Beide müssen sich zur unbedingten Pflicht machen, verkehrsgefährliche Fahrer zur Rechenschaft zu ziehen, wobei lediglich der Vollständigkeit halber festzustellen ist, dass nicht nur das schnelle Fahren, und letzteres nicht einmal in erster Linie, verkehrsgefährdend sein muss, sondern vor allem auch das Vorfahren in Kurven, Kreuzungen, auf unübersichtlichen Strecken und bei zu kurzem der Herrschaft des Konkordates Fälle, bei IUeberholungsweg, ferner das Kurvenschneiden und Linksfahren auf unübersichtlicher welchen 18 km/St, innerorts immer noch zu viel waren, und es wird analoge Fälle auch Strecke. Besonders gefährlich aber wird die im Falle der Wiedereinführung von Höchstgeschwindigkeiten geben. Das Vorhandensein tuationen noch übersetzte Schnelligkeiten hin- Situation dann, wenn zu den erwähnten Si- einer Höchstgeschwindigkeitsvorschrift heisst zukommen. Man darf sich keinen Illusionen noch lange nicht, dass der Fahrzeuglenker hingeben und muss damit rechnen, dass diese Geschwindigkeit in einem gegebenen I löchstgeschwindigkeits - Vorschriften analog Falle auch fahren darf, denn neben und über denjenigen des Konkordates kommen werden, dieser Vorschrift steht die erwähnte allgemeine, in Art. 25 MFG enthaltene. wenn es nicht gelingt, die unvernünftigen auch wenn sie nicht zweckmässig erscheinen, Fahrer zur Vernunft zu bringen oder aus dem Wenn man anderseits aber immer und immer wieder von Fahrzeuglenkern hören muss, Weise müsste dann versucht werden, die Verkehr auszuschalten; denn auf irgendeine jeder könne heute fahren, wie es ihm beliebe, übrigen Strassenbenützer wenigstens zu beruhigen (wenn auch der damit es bestünden überhaupt keine Geschwindig- beabsichtigte zwei Tagen will man die Zelte. )rechen. Es ist am Nachmittag. Bux ist allein in seinem Wohnwagen. Er sitzt an der Schreibmaschine und arbeitet. Da "klopft es an seine Wagentür, und Pieter Hemsterhuis erscheint. Er überbringt eine Einladung zu einem Abschiedsessen, denn man ist in den drei Wochen oft beisammen gewesen. Es scheint aber, dass Pieter noch etwas anderes auf dem Herzen hat. Endlich fasst er Mut und beginnt: «Herr Doktor, Sie sind doch Fräulein Cillys Vormund, und da... da muss ich Ihnen etwas sagen. Ich möchte... ich habe die Absicht...» Bux weiss schon, was kommen wird. Er hat es lange erwartet. Aber er hilft dem jungen Manne nicht, sondern wartet ruhig, bis Pieter Hemsterhuis mit rotem Kopf heranspoltert: «Ich möchte Cilly heiraten.» «So — hm.» Bux räuspert sich. «Und will Cilly Sie auch heiraten?» Nichts von seiner inneren Hochspannung ist Bux anzumerken, als er das scheinbar so ruhig fragt. «Ich weiss nicht. Ich habe noch nicht mit ihr darüber gesprochen. Ich habe es für richtig gehalten, erst mit Ihnen zu sprechen. — Nein, ich will ganz offen sein. Ich traue mich nHht, Cilly zu fragen. Ich wollte Sie bitten, Herr Doktor, dass Sie... Sie erst einmal mit ihr reden würden, — ob sie mich überhaupt will.» 0 Wieder räuspert sich Bux, setzt zum Reden an, schweigt dann aber. — Er soll also bei Cilly den Brautwerber machen, — soll selbst noch dazu helfen, dass sie für immer von ihm getrennt wird! — Aber er muss ja dem jungen Mann antworten. «Sind Ihre Eltern mit Ihrem Plan einverstanden?» «Durchaus.» «Dann kann ich... meine Einwilligung natürlich auch nicht versagen. Sie müssen aber auch noch mit Herrn Direktor Kreno spre- | chen, als Cillys anderem Vormund, und mit Cilly selbst. Aber wenn Sie so grosse Angst haben...» Bux lächelte den langen, starken Burschen etwas spöttisch an. «Gut, dann will ich's also tun. — Am besten jetzt gleich, während Sie mit Herrn Direktor reden. Sie treffen ihn um diese Zeit sicher im Bureauwagen.» — Nun hat Bux also mit Cilly gesprochen, hat ihr gesagt, Pieter Hemsterhuis wolle sie heiraten. Cilly hat laut losgelacht, so unerwartet und so komisch ist ihr diese Eröffnung vorgekommen. Nie hat sie auch nur geahnt, dass der gute Pieter sich mit solchen Absichten trägt. Aber Bux hat ihr klargemacht, dass das eine sehr ernste Angelegenheit sei und absolut nichts zum Lachen. Und dann hat Bux gewissermassen auf seinem eigenen Herzen herumgetrampelt: Er hat Cilly vorgestellt, was für ein guter, anständiger Mensch der Pieter Hemsterhuis sei — und so reich, dass sie wie eine kleine Prinzessin würde leben können, was sie für reizende Schwiegereltern bekommen würde. Und Cilly müsse auch an die Zukunft denken. Einmal werde sie ja doch heiraten, — oder ob sie etwa später einmal das Elend