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E_1934_Zeitung_Nr.084

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10 AUTOMOBIL-REVTm

10 AUTOMOBIL-REVTm 1934 - N« 84 Kardanwelle gebracht hat, besteht auch keine Gefahr einer Beschädigung des Freilaufs durch eventuelle'zeitlich unrichtige Manipulationen. • -s. S|»ped8« Frage 9206. Stossdämpfer Gabriel. Wer vertritt die Stossdämpfermarke « Gabriel» in der tor nicht regelmässig drehen. Dass sich diese Hül- Stande zu, dass sich die Stössel bei laufendem Mo- Schweiz oder wo könnte Nachfüllflüssigkeit für sen mit der Kipphebelstange drehen, trifft nur bei diesen hydraulischen Dämpfer bezogen werden ? 2 Ventilen zu. Die Regulierschrauben sind festgezogen. G. L. in B. W. in L. Frage 9207. Verfetteter Kühler. Bei meinem Antwort: Wenn die Notwendigkeit zum häufigen Nachstellen der Ventile wirklich von dem un- Wagen, den ich als Occasion kaufte, zeigt sich im Innern des Kühlerstutzens eine starke Fettschicht. terschiedlichen Verhalten der Ventilstössel herrührt, so müssten an den Ventilstösseln Abnützungserscheinungen festzustellen sein. Es wird sich des- Woher kommt dieses Fett und wie kann es beseitigt werden? A. L. in H. halb lohnen, vorerst einmal die Stössel herauszunehmen und besonders an den Flächen, die auf der Antwort: Eine Fettablagerung im Kühlsystem entsteht dann, wenn man die Schmierbüchse Nocke laufen, auf ungleiche Abnützung hin zu un- an der Wasserpumpe lange Zeit zu stark oder zu häufig anzieht. Der Fettbelag an den Wandungen des Kühlsystems ist aber leicht zu entfernen, indem man anstatt Wasser eine heisse Sodalösung in den Kühler einfüllt und den Motor damit einige Minuten laufen lässt. Schliesslich muss das ganze Kühlsystem gut mit frischem Wasser ausgespült werden, damit keine Sodareste zurückbleiben, -at- Frage 9208. Schwärzen eines Kühlers. Ich möchte das Kühlernetz meines Wagens neu schwärzen, weiss.aber nicht, welche Farbe man dazu verwenden muss, damit die Wärmeabgabe des Kühlers nicht verschlechtert wird. Ein Emaillack käme doch sicher wegen seiner wärmeisolierenden Eigenschaften nicht in Frage. E. H. in K. Antwort: Das Anstrichmittel muss möglichst dünnflüssig sein, matt eintrocknen, und darf durch die Erhitzung nicht leiden. Ein solches Anstrichmittel kann man sich selbst herstellen, indem man Lampenruss, der in jeder Drogerie erhältlich ist, mit Petrol zu einem gut flüssigen Brei zusammenmischt und dann dem Gemisch noch etwas Vergolderfirnis beigibt. Der Vergolderfirnis hat nur den Zweck, dem Anstrich genügende Haftfähigkeit zu erteilen. Das so zubereitete Anstrichmittel eignet sich auch sehr gut zum Schwärzen von Auspuffleitungen, da es gegen Hitze fast unempfindlich ist. -at- Frage 9209. Einbau von SynchronlsJerungs-Vorrichfungen. Ist es möglich, bei einem amerikanischen Automobil, Jahrgang 1927, das Wechselgetriebe zu synchronisieren, ohne auf allzu grosse Schwierigkeiten und Kosten zu stossen? Der Wagen hat drei Vorwärtsgänge. Könnte eventuell zur Vermeidung allzu hoher Kosten die Synchronisierung auf den zweiten Gang beschränkt werden? W T. in H. Antwort: Der nachträgliche Einbau von Synehronisierungs-Vorrichtungen in ein Getriebe ist in den seltensten Fällen möglich. Beim Getriebe ohne Synchronisierungs-Vorrichtung werden die Uebersetzungen meist durch Verschieben von Zahnrädern geschaltet, beim Getriebe mit Synchronisierungs-Vorrichtung dagegen durch Verschieben von Klauenmuffen, während die Zahnräder ständig miteinander im Eingriff bleiben. Das zweite Getriebesystem erfordert gewöhnlich eine grössere Baulänge. Im günstigsten Fall niüssten Sie wohl die kompletten Wellen- und Zahnradsätze auswechseln. Dabei ist es aber immer noch fraglich, ob die neuen Wellen- und Zahnradsätze in den alten Getriebekasten hineinpassen. -at- Frage 9210. Ventilsteuerung. Bei einem Wagen mit obengesteuerten Ventilen müssen die Ventile nach, kurzer Zeit, d. h. nach ungefähr 1000 km, neu reguliert werden, weil sie entweder klopfen oder aufsitzen. Ich schreibe diese Ursache dem Um-' tersuchen. Stärkere Abnützung ist hier allerdings sonst nur nach sehr langem Betrieb oder Verwendung von schlechtem Oel festzustellen, wenn nicht etwa die Flächen einen Härtungsfehler aufweisen. Eine langsame Drehung der Stössel ist bei Ihrem Motor im übrigen erwünscht, da dadurch die Abrützungsflächen vergrössert und die Abnützung verringert wird. Die Notwendigkeit zum häufigen Nachstellen der Ventile kann jedoch auch auf eine anormal rasche Abnützung an anderer Stelle hinweisen, z B. an den Stoßstangen-Köpfen, an der Kipphebellagerung, an den Ventiltellern oder Ventilsitzen. Das Stösselspiol verändert sich auch anormal rasch, wenn es anfänglich zu gross eingestellt wird. Dis Ventilsitze und Ventilteller sind in diesem Fall ständig starken Schlägen ausgesetzt, denen das Material noch um so leichter nachgibt, je höher die durchschnittlichen Motortemperaturen sind, -at- die Luft im Tauchrohr und in der Leitung nach und nach mit Brennstoff sättigen,, und der Brennstoff würde im Tauchrohr aufsteigen, was eine Fehlanzeige zur Folge hätte. An Stelle des einfachen Tauchrohres wird deshalb, in Wirklichkeit das" ziemlich komplizierte Gebilde benutzt, das Skizze 2 darstelllt. Es dient dazu, um da» Tauph- 1 röhr ständig mit Luft gefüllt zu halten. In verschiedener Höhe sind um das Tauchrohr T herum eine Anzahl Näpfchen befestigt. Von jedem der Näpfchen führt ein dünnes Abzugsrohr A nach unten, das in einer Art Glocke G am unteren Ende des Tauchrohres mündet. Beim Fahren des Wagens gerät der im Behälter befindliche Brennstoff ins Schaukeln und Schwabbeln. Das eine oder das andere der Näpfchen fängt deshalb immer etwas Brennstoff auf, und der von den Näpfchen durch die dünnen Rohrleitungen abfliessende Brennstoff reisst immer einige Luftblasen mit sich. Die Luftblasen sammeln sich unten in der Glocke und zeigen das Bestreben, das Tauchrohr ständig von neuem mit Luft aufzufüllen, sofern es nicht bereits mit Luft gefüllt ist. Andernfalls kann die überschüssige Luft durch das Ventilationsrohr V entweichen. Skizze 3 zeigt das Anzeigegerät am Instrumentenbrett in annähernd der wirklichen Ausführungsform. Anstatt aus einem einfachen U-förmig gebogenen Rohr besteht es aus dem sichtbaren Glasröhrchen a, einem hinter dem Instrumentenbrett unsichtbar angeordneten Messingrohr b, das den Frage 9211. Benzinstandsanzeiger. Auf welchem Prinzip beruht der Benzinstandsanzeiger mit Zeigerskala am Instrumentenbrett (Benzintank hinten Abb. 1, gelagert)? E. O. inR. Antwort: Zahlreiche verschiedene Systeme zweiten Schenkel des U bildet, und einem Kupfer- von Benzinstandsanzeigern stehen heute im Ge-röhrchenbrauch. Am häufigsten ist jedoch, besonders bei säule zu dämpfen, eine nur geringe lichte Weite das, um Pendelungen der Flüssigkeits- Amerikanerwagen, das nachfolgend beschriebene hat. Die Verbindungsleitung zum Tauchrohr im System mit pneumatischer Fernübertragung anzutreffen: Die Apparatur besteht aus dem am Instrutuelle im Messingrohr befindliche lose Drahtstück- Brennstoffbehälter ist bei c angeschlossen. Evenmentenbmü sichtbar angeordneten U-Rohr, einer chen dienen zum Abstimmen des Gerätes, dürfen Verbindungsleitung und dem im Benzirabehälter eingebauten Tauchrohr. Das U-Rohr ist mit einer rot- Drahtstücke von anderer, Dicke oder Länge ersetzt also nicht etwa herausgenommen oder durch gefärbten Flüssigkeit von geheimer Zusammensetzung teilweise aufgefüllt. In der Verbindungslei- zu verdunsten, das Glasrohr nicht zu beschmutzen werden Die Anzeige-Flüssigkeit e muss, um nicht tung und im Tauchrohr befindet sich Luft. Füllt und das richtige spezifische Gewicht zu haben, man nun den Brennstoffbehälter auf, so trachtet der eine ganz bestimmte Zusammensetzung aufweisen, Brennstoff im Tauchrohr ebenfalls hochzusteigen. die, wie bereits erwähnt, das Geheimnis der Fabrikanten solcher Brennstoffstandsanzeiger darstellt. Er wird daran jedoch durch die eingeschlossene Luft verhindert und setzt diese deshalb unter Druck. Eine andere, ebenfalls mit pneumatischer Fernübertragung arbeitende Benzinstandsanzeigevor- Im Tauchrohr und in der Verbindungsleitung steigt der Druck, umsomehr Brennstoff in den Behälter richtung, mit der vor allem viele französische Wagen ausgerüstet sind, besteht aus den in Abb. 4 eingefüllt wird. Da sich der Druckanstieg im U- Rohr in einer Verschiebung der roten Flüssigkeit dargestellten Teilen, nämlich einer kleinen Luftpumpe, dem Tauchrohr im Benzintank und einem auswirkt, kann der Füllungsgrad des Brennstoffbehälters am U-Rohr abgelesen werden. hochempfindlichen Luftdruck-Messgerät. Durch Damit der Apparat auch auf die Dauer genau Herausziehen und Wiederloslassen des federbelasteten Pumpenkolbens bewirkt man, dass durch die arbeitet, müssen allerdings noch einige besondere Massnahmen getroffen werden. Bei der. einfachen Fernübertragungs-Rohrleitung Luft in das Tauchrohr geblasen wird. In* der Leitung entsteht Anordnung, wie sie beschrieben wurde, würde sich dabei Links: Abb. 2. Oben: Abb. 3. ein Druck, der verschieden hoch ist, je nach der Höhenlage, die das Benzin im Tauchrohr einnimmt. Bei gefülltem Tank beispielsweise bedarf es eines höheren Luftdruckes, damit die Luft unten am Tauchrahr in Blasenform entweichen kann, als bei fast leerem Tank. Ist der Tank ganz leer, so kann sich andererseits in der Leitung überhaupt kein Druck mehr bilden. Die verschiedenen Druckhohen können nun ohne weiteres als Anhaltspunkte für den Tank-Füllungsgrad dienen, indem man sie mit einem empfindlichen Luftdruckmesser misst. Statt nach Luftdruck-Einheiten ist dann natürlich der Luftdruckmesser nach < Litern» oder Raum-Einheiten geeicht. Abb..*. _• —at~ Sauber geordnet In beliebig einteilbaren Schubladen bewahrt die grossen und kleinen Teile, wie Werkzeuge, Ersatzteile, Schrauben, Muttern Metall-Werkstatt-Schrank Ein unverwüstliches Kombimöbel, das Sie nach Ihrem Bedarf aufbauen und erweitern. UnSerPreis wird Sie überraschen Verlangen Sie Prospekt von; H.Gertsch & Co. 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Bern, Dienstag, 16. Oktober 1934 III. Blatt der„Aatomobil-Revae" No.84 Das kleine Batisttuch Von Hans Natonek. I. Als er zum erstenmal für drei Wochen verreiste, stand sie auf dem Bahnsteig vor dem Coupefenster, in der Hand das kleine, spitzengesäumte Tuch, schon gezückt zum Winken, aber auch in Bereitschaft für eine etwa unaufhaltsame Träne unter Abschiedslächeln. Der Zug glitt langsam zur Halle hinaus. Karin ging neben dem Wagen her mit flatterndem Tüchlein, eine schreitende Wimpel, das Auge angefüllt mit einer Dunkelheit, die sich feuchtete. Mit einem raschen Griff fasste er zu und holte das Batisttuch zum Fenster herein, eine kleine Beute, als nähme er die Winzigkeit an Karins statt auf die Reise mit. Er führte das Tuch mit zärtlichster Gebärde an die Lippen und küsste den wohlvertrauten Duft an Stelle ihres Mundes, der zurückblieb und verschwand. Nun hatte sie nichts zum Winken als ihre Hand, die wie ein weisser Schmetterling in der Luft spielte, in einer stummen Sprache der bewegten Finger, und als sich der letzte Wagen schon verlor, schwebte die Hand einsam und immer noch in der Luft, als beschwöre sie die Geister des Abschieds und Wiedersehens. Aber für die Augen hatte sie nun kein Tuch. II. Nach vierzehn Tagen schrieb der Mann an Karin: Du, ich komme schon zurück. Weisst du, aus dem kleinen Batisttuch, das mich begleitete, ist dein Parfüm verflogen. Bis heute hat es vorgehalten. Nun ist es mir so einsam zu Mute. Ich komme. Ich habe nicht gewusst, dass ich dich so lieb habe. III. Nach sieben Jahren wechselnden Glücks und schwindender Liebe war wieder eine Abreise, aber diesmal ins Ungewisse und auf Ungewisse Dauer. Noch einmal hastete er durch die Zimmer, Abschied nehmend. Auf ihrem Toilettentisch lag, wie für ihn hingelegt, das Batisttuch; ja, es war das gleiche, mit dem zarten Monogramm und dem Spitzenrand. Er blickte sich scheu um und steckte es ein. Niemand winkte am Bahnsteig. Im Abteil berührte er das Tuch flüchtig mit den Lippen. Solange sein Duft anhält, dachte er, bleibe ich dir treu. Es war stärker als damals mit dem Geruch durchtränkt, das gleiche Parfüm, als hätte Karin mit Absicht den Zauber in das Tüchlein gegossen, damit er ihn niemals loslasse. Aber schon nach wenigen Tagen lag das Batisttüchlein vergessen in seiner Tasche und duftete vergebens. IV. ' Und wieder war eine Rückkehr, aber sie war ohne Dauer und Halt, nur ein müder Aufschub war sie, in dem das grosse Scheiden unerbittlich heranreifte. Bux. Zirkusroman von Hans Possendorf. (Fortsetzung aus dem Hauptblatt.) Ehe Fee aber zu ihrem Vater fährt, sucht sie ihren Freund Otto von Kroidt in seinem Redaktionsbureau auf. Kroidt weiss als Pressemann natürlich schon von dem seltsamen Mord, und in einer Stunde wird es ganz Berlin durch die Mittagsblätter erfahren. Am Abend aber wird alle Welt auch schon wissen, welche Rolle Fee selbst in dieser dunklen Affäre gespielt hat. Es hat also keinen Sinn, Otto von Kroidt gegenüber die Wahrheit zu verheimlichen.— «Also doch!» sagt Herr von Kroidt, als Fee, wieder unter ausgiebigen Tränenströmen, ihm alles erzählt hat. Fee fühlt bei seinen Worten, wie sich ein Abgrund trennend zwischen ihr und dem Freund auftut. «Aber du musst das doch verstehen!» ruft sie verzweifelt. «Du bist doch selbst mit die Ursache — durch deinen Plan, meinen Mann nach Berlin...» «Was? Ich die Ursache zu dieser Niederträchtigkeit?» unterbrach sie Kroidt scharf. — Als sie sich endlich trennen, weiss Fee genau, dass auch die Freundschaft mit Otto von Kroidt zu Ende ist. «Ich kann mit dir nicht mehr leben», sagte er eines Tages. «Du hast ein hartes, unversöhnliches Herz, und ich bin ein Mensch, dem man viel verzeihen muss. Ich gehe für immer.» Aber er ging nicht; er riss sich Stück um Stück, Faser um Faser von ihr los. Sein Herz war ganz wund von diesem Zarlebnis, und in ihren Augen glomm eine tiefe Nacht, in die er nicht hineinzublicken wagte. Und wieder lag auf ihrem Toilettentisch das Batisttuch. Er streifte es mit einem Blick und Hess es liegen. Er ging in sein Zimmer, unschlüssig, kam wieder zurück und griff zögernd nach dem kleinen Zaubertuch und liess es in die Brusttasche verschwinden wie ein Dieb. Hoffentlich merkt sie es nicht, dachte er, dass ich das kleine Tuch wieder mitnehme. Sie soll es nicht wissen. Ganz will ich von ihr gelöst sein. Schon im Auto unterwegs zum Bahnhof holte er es hervor; da war es wieder, das zarte Monogramm und der schmale Spitzenrand, und hineingewebt war unsichtbar das Leben so vieler Jahre. Er führte es an die Lippen. Es war fast ohne Duft, Er wohnte in Wirklichkeit viele hundert Meter unterhalb des grossen Gletschers, da, wo die Tannen noch hoch und prächtig stehen. Aber das Glitzern des Eisriesen durchdrang seine Welt und sein Leben so mächtig, dass er, im Hochtal nach seinem Wohnort gefragt, stets zu antworten pflegte: «Unterhalb des grossen Gletschers.» Manche sagten von ihm, er habe unten im Tal, von wo er vor zwei Jahren gekommen war, seinen Verstand verloren. Jedenfalls aber war er glücklich — er versicherte es~ den Wenigen, mit denen er sprach — ja, er war endlich wirklich ganz glücklich, und er lebte still für sich hin als Holzfäller, ohne andere Gesellschaft als die Hels, der grossen Wolfshündin, die er am Tage seiner Ankunft als Neugeborenes aus dem Wildbach gezogen hatte, in dem sie ertränkt werden sollte. Wenn die Sonne über dem Gletscher aufging, trat der Mann aus seiner Hütte, mit gespannten Muskeln und zornigen Augen. Der Gletscher war für ihn Gott, und der Mann rechtete mit ihm. «Wie hart bist du mit mir umgegangen, von Anfang an! Wie klein war die Zahl meiner Freuden, und jede war schon an der Wurzel vergiftet! Kein Elend, das du nicht über mich ausgeschüttet hättest! Aber nun hast du den Bogen überspannt, ja, du hast ihn überspannt, als du den Blitz in das Haus warfst, in dem das Wesen schlief, das ich mehr liebte als die ganze Welt! Jetzt bin Sobald Kroidt abkömmlich ist, fährt er zu Bentheimers, seinem Schwager und seiner Schwester. Er trifft sie in grösster Erregung, denn die Mittagszeitungen sind schon erschienen. Als Kroidt dann erzählt, welche Rolle Fee dabei gespielt hat, sagt RiaBentheimer: «Die arme Fee! Sie ist schwer dafür bestraft. Aber es ist doch übel — gegen den eigenen Mann...» «Uebel? Das ist ein sehr milder Ausdruck!» ruft der sonst so nachsichtige Adolf Bentheimer. «Pfui Deibel! Diese Frau kommt mir nicht mehr ins Haus! — Hast du schon mit Marwitzens telephoniert", Otto?» «Ja, ich habe sie, gleich nachdem Fee bei mir war, angerufen.» «Und was sagen die?» «Grete, als Fees intimste Freundin, sucht natürlich nach Milderungsgründen. Aber Fritz von Marwitz ist wahnsinnig empört. Er sagt dasselbe wie du, Adolf, — dass Fee ihm nicht mehr über die Schwelle darf.» «Mein Gott, der arme Major!» ruft Ria plötzlich. «So ein ehrenhafter Mann! — und nun seine Tochter in so eine schmutzige Sache verstrickt!» — Die Verhöre auf dem Polizeipräsidium gehen unaufhörlich weiter. Am Nachmittag wird Dhakjee aus der Haft entlassen. Er hat behauptet, er sei überhaupt nicht aufgestanden, nachdem ihn Tom geweckt, sondern er sei gleich wieder eingeschlafen. Erst später sei aber durch und durch feucht. Seine Lippen schmeckten Salz, es waren Tränen, es war durchweint, das kleine Tuch. Verfluchter, gesegneter Zauber, der nicht losliess. Am liebsten hätte er das Batisttuch fortgeschleudert. Wie reimt sich das zusammen: ihre Härte und dieses Tränentüchlein, hingelegt, dass er es sehe und schmecke und mitnehme wie eh und je? Als Karin merkte, dass er es mitgenommen hatte, ging der Atem eines leisen Friedens durch ihr zerrissenes Gemüt. Er wird wiederkommen, eines Tages, dachte sie. Er ist nicht ganz weggegangen. Es ist noch eine heimliche Verbindung. Er hat das Tuch. Er schrieb, während es neben ihm lag, an Karin: «Was ist Schuld? Und wo ist sie? Hinter der Ursache ist immer noch eine verborgene und hinter der noch eine und so fort, und die letzte sieht man gar nicht. Es ist wie mit dem Würfel im Zauberkasten, der viele unsichtbare Würfel enthält. Ich kann mit dir nicht leben. Ich kann ohne dich nicht leben. So lebe ich mit dir aus der Ferne. Ich küsse dich im unverwelklichen Tränentuch ...» Der Mann unter dem Gletscher Von Julins Hufschmied. ich dir entronnen, du fängst mich nicht mehr, nein, du fängst mich nie mehr!» Gott, der Gletscher, glänzte und schwieg. Dann nahm der Mann seine Axt und ging zum Holzplatz. Er war ein tüchtiger Arbeiter und guter Kamerad, der oft die Arbeit eines andern mittat. Man behelligte ihn nicht, trotz seines sonderbaren Wesens. Zuweilen besuchte ihn Hei, die Wolfshündin. Sie legte sich eine Weile lang neben seinen Platz und sah ihm zu, dann ging sie wieder heim und bewachte'die kleine Hütte, in der es eigentlich nichts zu bewachen gab. Der Mann sah ihr freundlich nach, ab und zu warf er einen scheuen Blick nach dem Gletscher. Kam der furchtbare Augenblick jetzt — oder jetzt — oder jetzt — Denn an jedem wolkenlosen Tag trat einmal der Augenblick ein, an dem das Licht den Gletscher so traf, dass das Eis aufzuflammen und wie ein wildes Feuer in den Himmel zu lodern schien. Dann liess der Mann die Axt sinken, jedesmal sprang ihn für Sekunden wieder das kalte und fürchterliche Entsetzen an, das er vor zwei Jahren empfunden hatte, als er spät nachts heimkam und sein kleines Haus am Waldrand in Flammen stehen sah, dies nach so tiefen und schlimmen Entbehrungen endlich doch erkämpfte Haus — oh, er sprach von dem Haus? Aber aus diesem Hause trugen dunkle- Gestalten etwas fort, etwas, das noch vor Stunden geatmet und gelacht, ihm nachgewinkt und «Liebster» gerufen hatte, und dies Etwas war verbrannt und schwarz. Je- mand schrie: «Meine Frau» — war er das,, der da schrie? Zwischen diesem- Schrei und einem langen, langen Weg ins Gebirge hinauf, mit tauendem Schnee unter den Füssen und Gott, dem flammenden Gletscher vor sich, gab es nichts als eine tiefe Nacht, die mit ihren Schatten noch vieles zu verdecken schien, was vor diesem Schrei gewesen war. Das ganze Leben, das diesseits der ersten Jugend lag, schien überweht zu sein von schweren Schatten und ungleichmässig erleuchtet von einem prasselnden Flammenvorhang, der im Hintergrund einer riesigen Bühne hing, auf der, verloren im unendlichen Raum, ein verkohltes Etwas aufgebahrt lag, wie der verbrannte Rest seines eigenen schmerzvollen Lebens. Zuweilen freilich klang es ihm merkwürdig in den Ohren, wie ein Ruf — oder war es nur ein unartikulierter Laut? Was für ein Laut? Er lauschte, er grübelte, aber er fand es nicht. Einmal träumte er, er erzähle dem Tannenbaum neben der Hütte die Geschichte seines früheren Lebens. Er schloss: «Aber nun bin ich hier oben und bin sehr glücklich. Ja, ich bin endlich glücklich, Gott zum Trotz!» Der Tannenbaum antwortete mit menschlicher Stimme — war es nicht die Stimme ei' ner Frau, die vor zwei Jahren in einem Haus am Waldrand verbrannt war? «Es ist nicht wahr,» sagte sie, «du betrügst dich. Das ist nicht dein ganzes Leben, du hast etwas vergessen! Und es gibt unten zu tun für dich!» «Nein, nicht für mich!» .sagte der Mann. «Gerade für dich,» erwiderte die Stimme, «denke nach, denke nach!» Der Mann versuchte nachzudenken, aber er fand nichts. Er hörte nur wieder den merkwürdigen Laut, diesmal sehr deutlich, und er hielt den Atem an, um dem Geheimnis auf die Spur zu kommen, aber es gelang ihm nicht. Er erwachte, er trat hinaus. Die Nacht war dunkel, der Gletscher blieb unsichtbar, unsichtbar wie das Geheimnis, das er um sich wehen fühlte. «Es ist gut so,» dachte er, «es ist gut so und soll so bleiben.» Dann pfiff er nach Hei, aber Hei war nicht da. Seit einiger Zeit lief er soviel fort. Ihm fiel ein, dass der Frühling komme, er hörte auf, zu pfeifen, Hei war im Recht. Er ging wieder in die Hütte und legte sich schlafen. Hei kam erst nach Tagen wieder. Es war nicht mehr die Liebe selbst, die sie zurückgehalten hatte; nein, das lag alles schon hin- Teleph. er durch die Polizei aus dem Bett geholt worden. Da erst habe er erfahren, was mit Lorenzo geschehen sei. — Man muss Dhakiee schon glauben, denn niemand hat ihn in der kritischen Nacht irgendwo gesehen. Tom hingegen wird in Haft behalten und, ebenso wie Bux, dauernd verhört, — bald vom Regierungsrat selbst, bald vom Kommissar Roth, bald von dessen Kollegen. — Gerade hat der Regierungsrat Bux wieder zum Verhör bei sich. Er behandelt ihn sehr höflich, redet ihn Herr Doktor an, denn er hat gemerkt, dass mit Anschnauzen bei Bux nichts zu machen ist. Deshalb bekommt auch Kommissar Roth kein Wort aus Bux heraus. Sobald Roths Ton unhöflich wurde, verstummte Bux einfach. — «Nun passen Sie mal auf, Herr Doktor,» beginnt der Regierungsrat sein sechstes Verhör. «Wir müssen doch mal zu einem Ende kommen. Wollen Sie sich nicht zu einem Geständnis bequemen? Es liegt doch so klar auf der Hand, dass Sie den Schieber aufgezogen haben.» «Nein, ich war es nicht.» «Also muss ich Ihnen noch einmal beweisen, dass Sie es waren? Gut, meine Geduld ist unendlich. — Rauchen Sie eine " Zigarette?» Der Regierungsrat hält Bux sein Etui hin. «Ja, gern. — Ich danke sehr.» «Glauben Sie doch nicht, dass wir Sie für einen gemeinen Mörder halten, Herr Doktor,» fährt der Regierungsrat fort. «Ich bin fest überzeugt, dass die Anklage nur auf Totschlag lauten wird. Denn Sie haben ja den Lorenzo Baredez nicht mit Vorbedacht, sondern in Ihrem rasenden Jähzorn dem Tiger preisgegeben.» «Weder mit Vorbedacht, noch im Jähzorn.» «Aber Sie haben ja bereits zugegeben, dass Sie den Haken in den Schieber eingehängt haben und den Fuss angestemmt, wie um den Schieber herauszuziehen.» «Jawohl, das stimmt. Und ich habe auch dabei gesagt: .Wenn du jetzt nicht gestehst, ziehe ich den Schieber auf!' — Aber ich hatte nicht die Absicht, es wirklich zu tun. Ich wollte den Lorenzo Baredez durch diese Drohung nur zum Geständnis bringen.» «Und dann haben Sie es in Ihrem Zorn eben doch getan, — sozusagen gegen Ihren eigenen Willen.» «Nein, Herr Regierungsrat.» «Doch, Herr Doktor! Im Jähzorn haben Sie es dann wirklich getan. — Alle, aber auch alle Zeugen haben zugeben müssen, dass Sie überaus jähzornig sind und sich leicht zu Tätlichkeiten hinreissen lassen, besonders wenn jemand Ihren Tieren etwas zuleide tun will. — Natürlich ist es Ihr gutes Recht, das Recht jedes Beschuldigten, zu leugnen. Aber Sie schaden sich nur, indem Sie sich Ihrer Freiheit um so länger berauben. Je eher Sie gestehen, desto eher kommt es zur Verhandlung.' (Fortsetzung folgt.)