Aufrufe
vor 7 Monaten

E_1934_Zeitung_Nr.083

E_1934_Zeitung_Nr.083

10 AUTOMOBIL-REVUE

10 AUTOMOBIL-REVUE 1934 - N° 8 3 Stromlinienaufbau präsentiert, bei dem die Karosserie vorn über die ganze Breite ausgebaut ist und den Kühler, die Scheinwerfer und die Kotflügel in sich einschliesst. Wieviel Raum sich gerade bei einem Kleinwagen durch diese Formgebung gewinnen lässt, geht hier mit aller Deutlichkekit hervor. Mit seinem Rolldach, der leichten, selbsttragenden Sperrholz-Karosserie und den hochgelagerten Federn, die ein Auswärtshängen des Aufbaues in den Kurven verhindern, erfüllt der Wagen auch sonst viele Wünsche anspruchsvoller Sportfahrer. Bekannt durch seine für einen Kleinwagen ungewöhnlich hohe Leistungsfähigkeit ist auch der daneben ausgestellte Typ «Meisterklasse > mit unabhängiger Radabfederung und Vorderradantrieb. In beiden Fällen dient als Kraftanlage ein Zweitaktmotor, ein Zweizylinder von 684 ccm beim Typ « Meisterklasse » und ein Vierzvlinder-V-Motor von 988 ccm beim Typ « SchwebekLasse ». Die Wanderer-Werke haben ihren 2 Liter- Sechszylinder als viersitziges Cabriolet und als viertürige Limousine mit Rolldach zur Schau gebracht. Der moderne Aufbau dieser Wagen ist durch die unabhängige Radabfederung und den Porsche-Motor mit eingesetzten Stahllaufbüchsen gekennzeichnet. Als weiteren guten Bekannten treffen wir schliesslich, ebenfalls mit 2 Liter-Porsche- Motor, den Vorderradantriebs-Audi als zweitüriges, flaches Sportcabriolet. Die lange Haube mit der schrägen Windschutzscheibe, den eingebauten Winkern und den langgestreckten Kotflügeln erzeugen eine Harmonievon besonderm Reiz, die noch durch die Farbgebung, elfenbein mit braunen Kotflügeln und braunem Leder unterstrichen wird. Humber-Hillman. Auch hier ist die Weiterentwicklung nur auf dem Weg der Einzelverbesserungen vor sich gegangen. Die bisherige Typenreihe bleibt unverändert. Bei den Modellen 16-60 HP, Snipe 80 und Pullman wurden die Rahmen durch Einbau einer Kreuzstrebe aus Kastenprofilen weiter versteift. Auch die Vorderfederhände haben eine Verstärkung erfahren, indem man an ihrem vorderen Ende eine neue Strebe bis zur ersten Rahmentraverse heranführte. Ungewöhnlich solid ist zudem in der neuen Ausführung die Befestigung der hydraulischen Stossdämpfer ausgeführt. Kleinere, aber nicht weniger wichtige Vervollkommnungen betreffen die Gestaltung des Saugrohres, das nun einen rechtwinkligen Schnitt durch das neue Hillmann-Getriebe mit vier synchronisierten Gängen. Querschnitt aufweist, die Verlegung der Brennstoffleitungen, die so weit wie möglich ausserhalb der Motorhaube verlaufen und somit den Hitzeeinwirkungen, die Anlass zu Brennstoffzufuhrstörungen geben können, nicht mehr ausgesetzt sind; die Hinterfedern wurden mit Zusatzfederblättern ausgerüstet, die erst von einer gewissen Durchbiegung des übrigen Federpaketes an in Wirkung treten. Schliesslich verdient als interessante Einzelheit auch das aus einer Magnesiumlegierung hergestellte Kurbelgehäuse des Modells « Snipe 80 » Erwähnung. Die Humber-Sechszylinder haben ein Vierganggetriebe mit zwei geräuschlosen, synchronisierten obersten Stufen, einen Fallstromvergaser mit automatischer Luftdrosselregelung, eine Vorrichtung, welche die sonst thermpstatisch eingestellten Kühlerjalousien automatisch schliesst, wenn der Motor abgestellt wird und deshalb der Oeldruck verschwindet, einen Freilauf, ein Startixrelais zur automatischen Betätigung des Anlassers und einen Spannungsregler für die elektrische Anlage. Von den Hillman-Wagen, die eine ähnliche Weiterentwicklung erfahren haben, versammeln besonders die kleinen offenen Aerominx-Sporttypen einen grossen Kreis von Enthusiasten um sich. Die interessanteste Neuerung stellt bei allen Minxtypendas neue Getriebe mit vier synchronisierten Gängen dar. M.G. Durch ihre glänzenden Rennerfolge hat sich die englische Marke M. G. in wenig Jahren internationalen Ruf erworben. Einesteils verfügen diese Kleinwagen über im Vergleich zu ihren Dimensionen ganz phantastische Höchstgeschwindigkeiten, anderseits begeistern sie jeden Kenner durch unzählige konstruktive Finessen und raffinierte Fahreigenschaften. Die M. G.-Motoren scheinen in hohen Tourenzahlen geradezu zu schwelgen, sind dabei aber so schmiegsam, weich und anpassungsfähig, wie man es sich im Grossstadtverkehr nur wünschen kann. Die Anordnung aller Bedienungsorgane ist mit denkbar grösster Sorgfalt ausgetüftelt, damit einem der Wagen sitzt wie ein gut angemessenes Kleid. So ist z. B. der Schalthebel auf einem besonderen Aluminiumgussausleger des Getriebekastens direkt neben dem Oberschenkel des Fahrers angeordnet, auf einem Ausleger, der ausserdem die Kontrollknöpfe für die Handgas- und Gemischregelung trägt. Neben dem Typ « Midget », der durch seine unzähligen Weltrekorde schon gut bekannt ist und den man auch in unserem Strassenverkehr schon häufig antrifft, wird besonders Ventilsteuarune des M.G.-Typs «Magnette». der für Paris neue 6-Zylindertyp «Magnette» in Paris viel bewundert. Neben der gewöhnlichen ist auf dem Stand auch die 1100-ccm- Rennausführung dieses Sechszylinders zu sehen, mit dem, wie man sich erinnert, kürzlich auch am schweizerischen Grand Prix der Sieg der Kleinwagen herausgefahren wurde. So wie der Wagen vor einem steht, erreicht er eine Geschwindigkeit von über 200 km/St. Hupmobile. Der neue Hupmobile-Achtzylinder zeigt in jeder Hinsicht das Bestreben, hohe Geschwindigkeiten zu ermöglichen und ein Höchstmass an Sicherheit, Komfort und Wirtschaftlichkeit zu bieten. Die schon anfangs dieses Jahres eingeführte «Stromlinienkarosserie » mit flach abfallender Rückwand und teilweise ineinandervefschmolzenen Kotflügel-, Scheinwerfer- und Motorhaubenhälften wurde noch weiter durchentwickelt. Zudem hat man das Leistungs-Qewichtsverhältnis verbessert. Beides kommt darin zur Geltung, dass der Wagen über ein ungewöhnliches Anzugsvermögen und Steigvermögen verfügt. Selbst bei Geschwindigkeiten von 80 km/St, aufwärts nimmt die Beschleunigung nicht wesentlich ab und eine Geschwindigkeit von 100 km/St, wird vom stehenden Start aus in rund 19 Sek. erreicht. Dank des relativ niedrigen Uebersetzungsverhältnisses von 4,45 : 1, dessen Anwendung hauptsächlich durch den Leichtbau ermöglicht wurde, die elastischen Motorlagerungen auf Gummikissen und der sorgfältigen mechanischen Durchbildung überhaupt arbeitet dabei sowohl der Motor wie die Uebertragung auch bei den höchsten Geschwindigkeiten praktisch absolut geräuschlos. Die Lenkung ist auch bei den Höchstfahrgeschwindigkeiten, trotz der neuen Ueberballonpneus vollständig flatterfrei, was wohl nicht zuletzt der leichten Rohrvorderachse aus Leichtmetall-Legierung gutzuschreiben ist. In dieser Hinsicht verdient allerdings auch wieder die ungewöhnlich steife Durchbildung des Rahmens Erwähnung. Durch ein Rohr-Dreieckssystem werden der Kühler, die Spritzwand und die Vorderfederhände zu einer starren Einheit verbunden. Graham. Im Jahre 1931 war Graham Schrittmacher für die seither von allen Marken angestrebte Stromlinienform. Graham schuf den Leichtmetall-Zylinderkopf für Hochverdichtung. Graham ging eigene Wege bei der Konstruktion seines Banjo-Rahmens, der Federung und seiner mathematisch einwandfreien Lenkung. Schliesslich ging er zu Beginn dieses Jahres erneut seiner Zeit voraus mit der Einführung eines Zentrifugalkompressors. Kompressoren waren bisher sonst ausschliesslich das Attribut rennmässiger oder besonders teurer Fahrzeuge. Zum erstenmal findet er sich nun in der Graham-Konstruktion auch bei einem Gebrauchswagen der Auto-Spenglerei JOS. SCHEIWILLER, ZÜRICH Badenerstr. 292 Tel. 56.515 Langjähriger, tüchtiger AUTO-MECHANIKER der auch Chefposten versehen kann, J^"" sucht seine Stelle zu ändern auf 1. November. Perfekte Kenntnisse aller araerik. Typen und guter Umgang mit Kundschaft. — Offerten unt. Chiffre B 37221 Lz. an Publlcltas, Luzcrn. 65042 Gesucht Auto - Spengler mit sämtl. Karosseriearbeiten vertraut. Bewerber, die sich mitbeteiligen könnten, werden bevorzugt. Offerten unter Chiffre 65071 an die Automobil-Revue. Bern. Import-Firma der Auto-Zubehör- Branche sucht gesucht zum Vertrieb eines konkurrenzlosen Winterartikels der Aufobranche im Vorkaufspreise von Fr. 16.—, für die Kantone Solothurn, Aargau und Bern. — Es wollen sich nur Herren mit eigenem Wagen melden. — Off. unt. Chiff. 65082 an die Gesucht tüchtiger, verheirateter Mann (Automechaniker bevorzugt) als TEILHABER mit Bareinlage von Prima Existenz, beste Lage St. Gallens. — Offerten unter Chiffre OF. 5800 St. an Orell Füssli-Annoncen, St. Gallen. 65090 in der französ. Schweiz zwecks Spracherlernung, bei kleinem Lohn " 01! Adr.. A. Rudin, Basel, Utengasse 48. Tel. 49.038 Auto- Mechaniker Auto- Mechaniker in Garage od. als Chauffeur auf Lieferungs- oder Lastwagen. — Offerten an Werner Siegenthaler, Automechaniker, Münslngen. Auto- Mechaniker- Chauffeur findet z. Aushilfe für ca. 1 Monat, event. länger in Garage-Taxi-Betrieb ange- Yevtveternehme Beschäftigung. Nur selbständige, tüchtige Fahrer belieben ihre Offerten zum Besuche der Garagen-Kundschaft. zu richten an: Ernst Heggendorn, Taxi, Langen- Verlangt wird Erste Kraft, grösste Aktivität, bei der Kundschaft gut eingeführt, mit nachweisbaren Verkaufserfolgen. bruck, Baselland. 65052 Geboten wird: Dauerstelle, Fixum, Tagesspesen und Provision. Tüchtig. AUTOMECHA- Offerten von tüchtigen und initiativen Bewerbern NIKER, mit mehrjähriger mit Lebenslauf, Zeugnissen und nähern Angaben Auslandsprax. (spez. amerik. Wagen), sucht Stelle sind zu richten unter Chiffre 14578 an die 11635 Automobil-Revue, Bern. als Automechaniker oder Vertreter Automobil-Revue. Bern. Fr. 10 000.— bis 12 000.— r V W ••^••••••V, • • • ' 19iähng, sucht Stellung Junger, tüchtiger' 507 und Militär-Chauffeur, sucht Stelle Junger, tüchtiger Privatchauffeur. Suchender spricht Deutsch, Französisch, Englisch u. Spanisch. — Offert, unt. Chiffre 65060 an die Automobil-Revue. Bern. xxxxwoooooooooooooooooooooooooo 25jähr., tüchtiger Automechaniker und Chauffeur sucht passende Stelle in arage od. als Chauffeur. Besitzt Fahrbewilligung f. Touren-, Last- und Gesellschaftswagen. 65059 Offerten unter Chiffre Z 3109 an die Automobil- Revue, Bureau Zürich. oooooooooooooooooooooooooooooooo Junger, ganz seriöser Mann, 25 J., ledig, gut versiert in der Automobilbranche, Reparaturen, hat Praxis im Ladenverk. von Autobestandt., kaufm. Bildung, Deutsch, Französ., sucht passende Stellung als Lagerist, Ladenverk., Vertreter d. Chefs etc. Zürich Erhöhte Fahrsicherheif durch die stoßfesten Bilux Type »Ss mit Riffelkolben und schwarzer Kuppe Gesucht intelligenter, stark. Junflhng als 65075 Lehrling in Autoreparatur - Werkstätte. Kost und Logis b. od. Umgebung bevorzugt. Meister. Gehaltsans. frei nach Leiitung. Eintritt sofort od. Z 3116 an die Automobil- Offerten unter Chiffre nach Belieben. Geil. Off. Revue, Bureau Zürich. unt. Chiffre 65068 an die Automobil-Revue, Bern. OSRAM BILUX TYPE-S Beim Abblendlicht: 15-20% mehr Breitenstreuung 20% höhere Beleuchtungsstärke 10% größere Reichweite OPEL 6 Zyl., 10 HP, Limousine, 4türig, letztos Modell, fabrikneu, Fabrikgarantie, umständehalb, zu 4900 Fr. gegen Kassa 10355 zu verkaufen Offerten unter Chiffre 14581 an die Automobil-Revue, Bern.

Bern, Freitag, 12. Oktober 1934 III. Blatt der „Automobil-Revue" No. 83 Die Nebelmorgen haben nun wieder begonnen. In den ersten Tagen waren sie beengend, düster und traurig machend, solange man noch das leuchtende Blau und Rotbraun der Hochsommermorgen frisch im Gedächtnis hatte. Sie schienen kalt, stumpf, freudlos, vorzeitig herbstlich und erweckten jene ersten, halb unbehaglichen, halb sehnsüchtigen Gedanken an Stubenwärme, Lampenlicht, dämmerige Ofenbank, Bratäpfel und Spinnrad, die jedes Jahr allzu früh kommen und die ersten Herbstschauer sind, ehe die fröhlichen und farbigen Wochen der Obst- und Weinlese sie wieder vertreiben und in ein nachdenkliches, erwärmendes Ernte- und Ruhegefühl verwandeln. Nun ist man schon wieder an die Seenebel gewöhnt und nimmt es für selbstverständlich hin, dass man vor Mittag die Sonne nicht zu sehen bekommt. Und wer Augen dafür hat, geniesst diese grauen Vormittage dankbar und aufmerksam mit ihrem feinen, verschleierten Lichterspiel, mit ihren unberechenbaren perspektivischen Täuschungen, die oft wie Wunder und Märchen und fabelhafte Träume wirken. Der See hat kein jenseitiges Ufer mehr, er verschwimmt in meerweite, unwirkliche Silberfernen. Und auch diesseitig sieht man Umrisse und Farben nur auf ganz kleine Entfernungen, weiter hinaus ist alles in Wolke, Schleier, Duft und feuchtes Licht grau aufgelöst. Die ernsten, einzelstehenden, überaus charaktervollen Pappelwipfel schwimmen matt als fahle Schatteninseln in der nebligen Luft, Boote gleiten in unwahrscheinlichen Weiten geisterhaft über den dampfenden Wassern hin, und aus unsichtbaren Dörfern und Gehöften dringen gedämpfte Laute — Glockengeläute, Hahnenrufe, Hundegebell — durch die feuchte Kühle, wie aus unerreichbar fernen Gegenden herüber. Heute früh, da ein leichter Nordostwind ging, steckte ich das hohe, schmale Dreiecksegcl auf meinen kleinen Nachen, stopfte mir eine Pfeife und trieb langsam seeabwärts durch den Nebel. Die Sonne musste schon überm Berg sein, denn das frühmorgendliche Bleigrau des Wasserspiegels verwandelte sich langsam in klares Silber, beinahe so wie bei schwachem Mondlicht. Von den sonst so freundlich nahen, laubigen und schilfbestandenen Ufern war nichts zu sehen, und da ich keinen Kompass besitze, segelte ich wie durch völlig fremde, uferlose Gewässer und Wolkenmeere dahin und konnte nicht einmal über die Geschwindigkeit meiner Fahrt irgendwelche Schätzung aufstellen. Doch untersuchte ich nach einer Weile die Tiefe, und da ich keinen Boden fand, warf ich eine Schwemmschnur mit Hechtlöffel auf 20 Meter Tiefe aus und zog sie gemächlich hinter mir her. So trieb ich vielleicht eine Stunde lang weiter, im Steuersitz zusammengekauert, immer im weissen Nebel. Es* war kühl. Die linke Hand, in der ich die Segelleine führte, war Jaköbeli erzählt Von Hermann Hesse. mir steif und gefühllos geworden, und ich ärgerte mich, dass ich keine Handschuhe mitgenommen hatte. Dann begann ich träumerische Halbgedanken zu spinnen. Ich dachte an einen merkwürdigen Verwandtenmord, der zur Zeit des Konstanzer Konzils im Schlosse meines Dörfchens Gaienhofen geschehen war und mich durch manche Umstände interessierte, und dachte an jene ganze, seltsame, erregte Zeit, in der unser stilles Seeufer ein Mittelpunkt der Welt und Kultur und die Bühne für grosse geschichtliche Einzelschicksale gewesen ist. Es unterhielt und befriedigte mich, die hinter Nebeln verborgenen, wohlbekannten Ufer mit den Bildern jener lang verschwundenen Menschen, ihrer Geschicke und Leidenschaften zu bevölkern. Einer Erbschaft wegen bringt ein Baron seinen Bruder um, Beziehungen zu fernen Ländern spielen ahnungsvoll herein, und von dem mit vornehmen Konzilgästen, Pomp und Luxus überfüllten Konstanz her glänzt verlockend der Reiz einer üppig reichen Kultur... Ein sich überstürzender, schrill schnurrender Laut schreckte mich auf, während noch meine Phantasie bemüht war, sich die Kostüme und Waffen jener süddeutschen Barone und welschen Gäste zu Beginn des 15. Jahrhunderts vorzustellen. Hastig kehrten meine Sinne zum gegenwärtigen Augenblick zurück. In der Erregung des Jagdglücks fasste ich nach dem Haspel, zog vorsichtig an und fühlte einen kräftigen Fisch am Haken, der sich mit verzweifelter Leidenschaft zur Wehr setzte. Langsam ziehend, förderte ich einen schönen Hecht an die Oberfläche und brachte ihn im Hamen ein. Darauf setzte ich die Schnur mit Eifer von neuem aus, während der gefangene Fisch im Kasten wütend schlug und plätscherte. Dabei musste ich das Steuer loslassen, und ein plötzlicher Windstoss schlug mir, da das Boot sich gedreht hatte, die Segelstange und das flatternde Segel kräftig um die Ohren. Der Richtung ungewiss, Hess ich dem Wind das volle Segel und trieb mit zunehmender Schnelligkeit gerade aus, bis der schattenhafte Umriss einer mit alten Nussbäumen bestandenen Landzunge sichtbar wurde. Von den undeutlich auftauchenden, grau verschleierten Rebhügeln krachten da und dort die Flintenschüsse der Weinbergwächter. Ich zog mein Segel ein und ruderte langsam uferwärts, denn die allmählich wärmer werdende Luft roch stark nach nahem Regen. So suchte ich denn die nächste Schifflände, fand sie auch nach kurzer Fahrt, und während ich mein Boot ans Land zog und mich nach dem Namen des kleinen thurgauischen Dorfes erkundigte, begann es erst dünn und gleichsam widerwillig, dann immer kräftiger und ausgiebiger zu regnen. Auch wenn nicht allen Anzeichen na'ch zum Nachmittag helles Wetter zu erwarten gewesen wäre, hätten mich der Regenguss und die kurze Verbannung in ein unbekanntes Dorfwirtshaus durchaus nicht betrübt. Ohnehin gebe ich auf sogenanntes « schönes Wetter » gar nichts, denn jedes Wetter ist schön, wenn man Augen und Seele aufmacht; und dann gehört es für mich zu den bevorzugten kleinen Wanderfreuden, unerwartet vom Wetter in Winkel und zu Menschen getrieben zu werden, die ich sonst wohl nie aufgesucht und gesehen hätte. Es ist immer eigen und sehr oft köstlich, für Augenblicke oder Stunden als ungemeldeter Gast in fremder Stube bei Unbekannten zu sitzen, ein Stück kleines Leben zu sehen und eine Weile in Gesichter zu blicken, die man nie zuvor sah, die einem oft in wenigen Augenblicken vertraut und unvergesslich werden und die man vielleicht nie wieder sieht. Es war kühl in der halbdunklen Schankstube, draussen stürzte der Regen immer heftiger herab und troff in Bächen an den Fensterscheiben nieder. Der Wein, natürlich der unvermeidliche sogenannte Tiroler, war verzweifelt herb und machte mich frösteln. Am grossen tannenen Tisch sass ein einziger Gast, ein struppiger alter Fischer mit verdriesslichem Trinkergesicht, und hatte eine Quinte Schnaps vor sich stehen. Das alles war nicht sehr beglückend. Ich fing schliesslich an, die gestrige Steckborner Zeitung zu lesen: Beratungen des Ausschusses über Vergrösserung der Badeanstalt, Fischmarktbericht, ein Scheunenbrand, Stand der Reben, bevorstehende Erhöhung der Zuckerpreise usw. Und es regnete immer lauter mit einer zähen und erbitterten Leidenschaftlichkeit in oft wechselndem Takte, der etwas ebenso Aufregendes und Trostloses hatte. Ich war nahe daran, meine von zu Hause mitgebrachte und durch den Hechtfang noch erhöhte schöne Morgenfreudigkeit zu verlieren. Da hörte ich, während ich mir die Pfeife frisch stopfte, dass der Wirt den verdriesslichen Alten als Jaköbeli anredete, und beim Klange des Namens fielen mir allerlei Geschichten ein. Vom Jaköbeli hatte ich viel reden hören. Er war ein thurgauischer Fi- ?§cher, den man weit herum im Volke kannte, iein Sonderling' und Trinker, mit einem Stich ins Verrückte und einer merkwürdig glücklichen Hand beim Fischen. Er wisse alle Wetterregeln und Kalendersachen unfehlbar auswendig, hatte ich sagen hören, und vielleicht auch noch manche Künste, die nicht jeder verstehe. Je länger ich nun den Alten betrachtete, desto fester war ich überzeugt, er müsse der Jaköbeli sein. Also warf ich ihm ein paar Bemerkungen übers Wetter hin, über diesen ungewöhnlich heissen Sommer, die frühen Nebel und die Aussichten für den heurigen Wein. Jaköbeli Hess mich eine Weile reden, äugte ernsthaft zu mir herüber und räusperte sich ein paar Mal. Dann machte er plötzlich, indem er sein Gläschen beiseite schob, eine grossmütige, abwinkende und Gehör erbittende Gebärde wie ein alter Prophet und begann zu reden. « Dieser Sommer », sagte er, « jawohl, mein Herr, ist ein besonderer Sommer gewesen, Früher Herbsttag verloren hängt im Himmelsblau Ein Wolkenschiff mit weissem Segel. Im Dorf starb eine junge Frau; Zum Sarg bereit sind Holz und Nägel. Der Sommer hebt zur Wolke sich Empor mit unsichtbarem Flügel. Des Totengräbers Spatenstich Baut bis zum Abend Grab und Hügel. Ein Falter flattert müd und matt, Die Sonne rüstet sich zum Gehen. Es wird des Herbstes erstes Blatt Vielleicht schon morgen niederwehen. J. R. H. und ich sage gar nichts, aber man wird schon sehen, was alsdann kommen wird, mein Herr. Viel Nuss und Haselnuss, das gibt einen strengen Winter, und viel Buchein und Eicheln, das gibt grosse Kälte. Es heisst auch: Ist St. Dominik trocken und heiss, So wird der Winter lange weiss. So ist's wirklich und wahrhaftig. Aber das will ja noch wenig sagen. Aber das nächste Jahr dagegen, wenn man daran denkt, was ich sage, das wird ein Hungerjahr, ein heisses Jahr. Frucht und Obst wird verbrennen und dörren, desgleichen Gras und Kartoffeln, aber viel Kirschen. » «Warum denn? » fragte ich. Er winkte verächtlich ab. « Was ich sage, mein geehrter Herr. Das nächste Jahr wird ein Sonnenjahr heissen, und die Sonne führt ein gutes Regiment, aber zu trocken und heiss. Auch der Winter wird alsdann noch strenger werden. Wie es vor dreihundert Jahren geschehen ist, dass der Rhein Grundeis gehabt hat und Kinder erfroren in der Wiege. » Es folgten noch mehrere Wetterreime, die ich leider vergessen habe. Darauf ein zarter Versuch, mich zum Zahlen eines weiteren Schnapses zu veranlassen; ich überhörte ihn freundlich. Nun klagte er über Nebel und Kühle, schlechten Fischfang und Gliederreissen, nochmals auf die Zuträglichkeit eines wärmenden Schnapses hinweisend, den er sich auch bestellte und den ich schliesslich. seinem flehenden Blick gehorchend, zu bezahlen versprach. Auf das hin wurde er fröhlich, rückte mitteilsam nahe zu mir her und begann fidele Geschichten zu erzählen, meistens von ungeheuerlichen Trinkereien oder fabelhaften Fischzügen. Die beste war folgende: Einmal hatte er in Hörn am Zellersee Fische verkauft und das Geld dafür sofort vertrunken. Als er wieder abfahren wollte, war er so bezecht, dass ihn die Strandzöllner nicht ins Boot steigen lassen wollten, denn er F E U I L L E T O N , Bux. Zirkusroman von Hans Possendorf. (Fortsetzung aus dem HauptblatO «Aber freuen tut mich die Sache mit dem Zoo doch, falls sie überhaupt stimmt 1 » schliesst Bux, während er ein Schlafmittel nimmt. «Willst du nicht versuchen, mal wieder ohne Medikamente zu schafen?» fragt Fee. «Ja, bald. Aber ich bin jetzt noch zu nervös, um ohne Mittel schlafen zu können. Der Tod von Teddy und Mohrchen hat mich doch furchtbar mitgenommen. Besonders mein gutes Mohrchen ... Das werde ich so bald nicht verwinden.» Und Bux seufzte tief auf. Es ist in der Nacht vom 2. zum 3. Oktober — etwa eine Woche nach diesem Gespräch zwjschen Bux und Fee — da wacht Tom, der seit zwei Stunden auf dem Feldbett im Stalle fest geschlafen hat, plötzlich auf. Kein Geräusch hat ihn geweckt, sondern ein jäher unerklärlicher Ruck, der ihm durch d:e Glieder gefahren ist. Noch hat er sich nicht aufgerichtet, aber seine wie im Schreck aufgerissenen grossen schwarzen Negeraugen sehen im Scheine der trüben Stallaterne, wie ein Mann auf nackten Sohlen eben auf Judiths Käfig zuschleicht — in der Hand die eiserne Gabel, daran ein Stück rohes Fleisch. Es ist Lorenzo! Mit einem Satz springt Tom von seinem Lager empor. Lorenzo wendet sich erschreckt um, stösst einen Schrei aus, lässt die Eisengabel fallen und will entfliehen. Aber schon hat ihn Tom erreicht und schmettert ihn mit einem furchtbaren Schlag seiner harten Faust zu Boden. Nun steht Tom tiefaufatmend vor dem Ohnmächtigen. Er scheint nachzudenken, was jetzt zu tun ist. Endlich öffnet er das leere Käfigabteil, in dem Teddy gehaust. Es ist nur durch eine starke Schiebewand von Judiths Abteil getrennt. Tom hebt Lorenzos regungslosen Körper hoch, wirft ihn wie ein Bündel in den leeren Käfig und schliesst diesen ab. Dann rennt er aus dem Zelt, um Bux zu rufen. Bux fährt sofort aus seinem Schlai empor, als an das Fenster über seinem Sofabett geklopft wird: «Ja, was ist? Wer ist da?» «Mister Bux! Come out! Quickly! I caught him, that dirty kind of a murderer!» In wenigen Augenblicken ist Bux schon draussen, und während er neben Tom her dem Stallzelt zueilt, berichtet der Neger mit ein paar Worten, was geschehen ist. Lorenzo ist schon wieder zu sich gekommen und starrt .durch die Gitterstäbe mit angstverzerrtem Gesicht seinem Herrn entgegen. «Nun sag' gleich alles!» keucht Bux. «Du hast Judith vergiften wollen!» «Nein, mein Senor, — ich gut Judith wollen futtern!» «Lüg' nicht! Das Fleisch ist vergiftet! Das werden wir sofort feststellen! Und du hast auch Teddy getötet und Mohrchen! Schurke! Tu den Mund auf oder...» «No, no Senor — ich unschuldig!» Bux zittert am ganzen Leibe. «Die Zunge reiss' ich dir aus dem Hals, wenn du nicht redest!» — Plötzlich kommt ihm ein Einfall: «Gib den Haken her, Tom!» — Und nun fasst er mit dem Eisenhaken, den ihm Tom mit einem wilden Jubellaut gibt, in die Oese an der Schiebewand. Judith ist längst wach. Sie wittert den Mann im Nebenkäfig, der nur durch die starke Holzwand von ihr getrennt ist. Sie weiss auch, dass es Lorenzo ist, mit dem sie nie auf freundschaftlichem Fuss gestanden. Aufgeregt springt sie in ihrem Käfig hin und her. «Wenn du jetzt nicht gestehst, ziehe ich den Schieber auf!» sagt Bux hart. Er scheint zu dieser Wahnsinnstat fest entschlossen. «No, no Senor! Unschuldig!» schreit Lorenzo. Bux fasst den Haken und stemmt den Fuss gegen den Wagen, wie um die schwere Wand nach vorn herauszuziehen. Tom sieht es, und plötzlich brüllt er, jubelt er: «Schieber auf! Schieber auf! Ja, ja! Schieber auf!» Er springt von einem Bein aufs andere. Die ganze Wildheit seiner afrikanischen Ahnen bricht jäh aus ihm hervor. Bux spannt die Muskeln, lehnt sich zurück. Die Wand bewegt sich ein wenig unter dem Druck. Judith stösst ein wildes Gebrüll aus. Da schreit Lorenzo in Todesangst: «Ja, ja, Seflor! Ich hab'getan. Gnade, Senor! Gnade!'» «Schieber auf! Schieber auf!» kreischt Tom in wildem Rachedurst. Er ist selbst zum wilden Tier geworden. Der Geifer läuft ihm von den wulstigen Lippen. Die Augen treten ihm fast aus dem Kopf heraus. Und Judiths Brüllen und Fauchen mischt sich in sein Toben. Doch als er sieht, dass Bux, statt den Schieber aufzuziehen, den Haken wieder loslässt, ergreift er die grosse eiserne Fleischgabel, die noch am Boden liegt, und stösst damit wie ein Rasender durch die Gitterstäbe nach Lorenzo. Der Mexikaner hat sich nach dem ersten Stoss, der seinen Schenkel getroffen, in den hintersten Winkel des Käfigs geflüchtet. Bux reisst dem Neger die Gabel aus der Hand und schreit: «Hinaus mit dir, Tom! Vorwärts!» Und Tom eilt mit tollen Sprüngen und wildem Johlen wie ein Besessener aus dem Zelt, um die Zirkusleute aus dem Schlaf zu wekken und die Freudenbotschaft zu verbreiten, dass der Mörder entdeckt und gefangen ist. (Fortsetzung folgt.)