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E_1934_Zeitung_Nr.091

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BERN, Freitag, o.November 1934 Spezialbeilage : Der Gesellschaftswagen Nummer 20 Cts. 30. Jahrgang - N° 91 ERSTE SCHWEIZERISCHE AUTOMOBIL-ZEITUNG Zentralblatt für die schweizerischen Automobil- und Verkehrsinteressen ABONNEMENTS-PREISE: Erscheint jeden Dienstag und Freitag Monatlich „Gelbe IJste«* Ausgabe A (ohne Versicherung) halbjährlich Fr. 5.—, jährlich Fr. 10.— REDAKTION u. ADMINISTRATION: Breitenrninstr. 97, Bern Ausgabe B (mit Unfallversicherung) vierteljährlich Fr. 7.50, jährlich Fr. 30.— Telephon 28.222 Telegramm-Adresse: Autorevue, Bern Vom GeseUschaftswagen Die Entwicklung des schweizer. Omnibusverkehrs. Im Gegensatz zu der Entwicklung in anderen Ländern erfolgte jene des Omnibus- und Gesellschaftswagenverkehrs in der Schweiz nach bestimmten, gesetzlich festgelegten Richtlinien. Nach unserer Bundesverfassung hat die Post das alleinige Recht, Personen und deren Gepäck mit regelmässigen Fahrten zu befördern. Sie kann dieses Recht an Drittpersonen abtreten, also Konzessionen erteilen. Mit dieser gesetzlichen Regelung war es der einheimischen Initiative von vorneherein verwehrt, in ähnlicher Weise wie etwa in Frankreich oder England nach dem Aufkommen des Automobils Verkehrseinrichtungen nach freier Wahl zu schaffen und mit ihnen bestehende Transportunternehmungen zu konkurrenzieren. Bevor mit der technischen Entwicklung der Fahrzeuge der Gesellschaftswagenverkehr aufkam, konnte es sich also in der Schweiz nur darum handeln, Autobetriebe an der Stelle von Pferdeposten einzurichten und sich dafür von der Postverwaltung eine Konzession zu verschaffen. Heute darf man sich mit Recht fragen, ob sich diese gesetzliche Regelung als vorteilhaft oder nicht erwiesen hat. In mancher Beziehung war dies zweifellos der Fall. Das Aufkommen zahlreicher nicht lebensfähiger Unternehmungen und ein Konkurrenzkampf, wie er sich beim Lastwagenbetrieb, zwischen den Bahnen und den Transportunternehmungen abspielte, konnte verhindert werden. Die Verkehrsentwicklung erfolgte ruhiger und auf wirtschaftlich gesicherterer Grundlage als dies bei völliger Freiheit der Fall gewesen wäre. Anderseits aber wurde durch den Schutz, den die Bahnen genossen, die Lebensdauer mancher unrentablen Bahn künstlich verlängert. Bei freier Konkurrenz wären heute schon eine ganze Reihe von Kleinbahnen, die sich nur mit Hilfe von Subventionen kümmerlich über Wasser halten können, von konkurrenzierenden Autounternehmungen verdrängt worden. Die Streitfrage, ob ein Autobus leistungsfähig genug sei, um eine Nebenbahn zu ersetzen, wäre, wie im Auslande, schon längst entschieden. Trotz der gesetzlichen Bindungen hat sich der Omnibus- und Gesellschaftswagenverkehr in der Schweiz stark entwickelt. Die erste Autobuslinie mit fahrplanmässigem ) Siehe auch die weiteren Artikel und Illustrationen im 2. Blatt. F E U I L L E T O N Die Magd des Jürgen Doskocil. Roman von Ernst Wiechert. Copyright bv Albert Larnjon-Oeorij MÜIIPI- 1 I' ortsetzwiff. «Ist niemand da?» fragt Jürgen. Er nimmt die Laterne und steigt an Land. Er fürchtet sich nicht, aber seine Augen sind schwer wie von einem «Gesichte». Er lieht die Laterne an die Pflugschar. Tau liegt in Perlen auf dem dunklen Rost. Kein Fleck zeigt an, dass eine Hand den Klöppel gegen sie geschlagen hat. Er bleibt noch stehen neben dem grauen Holzgerüst und sieht über das Wasser nach dem Licht, das zu Häupten des Sterbenden steht. .Es könnten die Jungen sein aus dem schwarzen Dorf, denkt er. ,SpurIos sind sie, wie Katzen aus dem Wald...' Und dann atmet er einmal tief auf und fährt zurück. Seine Gedanken verlieren sich in der ziehenden Flut, und er muss den Kahn am Ufer entlansrudern, stromauf, weil die Strömung ihn abgetrieben hat bis zu der Betrieb wurde im Juni 1903 zwischen Porrentruy und Damvant eröffnet. Sie ersetzte eine Pferdepost auf einer Strecke, die damals infolge der regen Geschäftsverbindungen zwischen Porrentruy und den grossen Ortschaften der Franche-Comte einen starken Verkehr aufwies. Eine lange Lebensdauer war der Unternehmung, die als erste in der Schweiz eine Automobilkonzession erworben hatte, nicht beschieden. Infolge der zahlreichen Reparaturen an den damals noch sehr primitiven Fahrzeugen war der Betrieb unrentabel und die Unternehmung stellte ihn bereits im Jahre 1905 wieder ein. Im gleichen Jahre wurde eine Automobillinie von Neuchätel nach dem Chaumont eingerichtet, die sich bis zum Jahre 1910 halten konnte, wo eine Drahtseilbahn an ihre Stelle trat. Noch erinnert man sich in Neuchätel an die vorsintflutlichen Vehikel mit dem über dem Motor gelagerten Führersitz und den grossen eisenbereiften Rädern mit den auf sie wirkenden Blockbremsen. Im Jahre 1904 wurden Automobilbetriebe zwischen Flawil-Degersheim und- Neüchätel- Dombresson eingerichtet. Die erstgenannte Unternehmung verschwand im Jahre 1914 als ein Opfer des Krieges, die andere dagegen ging bereits im Jahre 1907 wieder ein. Kein besseres Schicksal hatten die im Jahre 1905 eröffneten Autobuslinien Eschlikon-Turbenthal und Sirnach-Fischingen. Nach einjähri : ger Betriebsdauer mussten die Unternehr. mungen liquidiert werden. Im gleichen Jahre wurde auch die Autobuslinie Liestal-Reigoldswil eröffnet, die als erste Dauerbestand hatte und heute noch, mit Ausdehnung nach Basel, den Betrieb durchführt. Allerdings hatte auch diese Unternehmung am Anfang schwer mit den Tücken der Fahrzeuge zu kämpfen, und es ist bedauerlich, dass keiner ihrer ersten Wagen, bei denen die Auspuffleitung des Motors zum Wagendach geführt wurde, in einem Museum der Nachwelt blieb. erhalten Von diesem Zeitpunkt an scheint die Automobilindustrie den kritischen Punkt überwunden zu haben, denn fast alle nachher gegründeten Autobusunternehmungen hatten Dauerbestand. Erwähnenswert ist, dass die Postverwaltung den ersten Regiebetrieb im Jahre 1906 auf den Linien Bern-Detligen und Bern- Papiermühle einrichtete. Sie scheint diese Betriebe, die injolge einer übergrossen Organisation verlustbringend waren, als abschreckendes Beispiel beibehalten zu haben, toten Eiche vor dem Fichtenwald. Er tritt leise ein und weiss, was geschehen ist. Das weisse Gesicht ist noch warm, aber unter der Haut steigt langsam die Kälte empor. Unter den Lidern ist ein schmaler Spalt, und man sieht tief hinein in die Brunnen des Todes. Der Zeigefinger der rechten Hand ist noch leise gekrümmt von der letzten Zahl, die er in die Schuldreihe geschrieben hat. Jürgen schliesst die kühlen Lider über dem fremden Tod und glättet die Finger der Hand. Und weiter weiss er nichts zu tun mit diesem Tod. Er sitzt wieder auf dem Schemel, die Schläfen in die Hände gestützt, und starrt in das Dunkel hinter dem Herd. Er sieht nicht in das schweigende Gesicht, denn es gehört nicht zu ihm. Viel Leid hat er von ihm empfangen, fünf Jahre hindurch. Sein Spaten ist ihm vertraut und sein Pflug, sein Ruder und sein Boot. Aber dieses war ihm nicht vertraut, kam in sein Leben herein wie ein fremder Stein, schlug an sein Herz und fiel von ihm ab. Das Kind war fremd, das sie gebar, der Leib, der es trug, der Mund, der mit ihm haderte. Sie hatte ihn genarrt, wie alle ihn narrten. «Hol über!» Aber dann lief es davon, durch die Nacht,- und nichts war er als die Brücke, über die man ging. Um die Morgenzeit wäscht er die Tote, zieht ihr das Sterbehemd an und deckt ein Tuch über das schweigende Gesicht. Erhält die Augen geschlossen, als er den toten Leib entkleidet, denn er gehört ihm nicht an, und auch über dem Tode steht das Gesetz dar Scham. denn es dauerte bis zum Jahre 1918, bis sich die Verwaltung zur Einrichtung weiterer Autolinien entschloss. .Von 1919 an geschah die Entwicklung dann allerdings auf sehr breiter Grundlage, und in diesem Jahre wurden auch die ersten Alpenposten auf den Linien Brig-Gondo und Reichenau-Waldhaus Flims eingerichtet. Der Ruhm, den ersten Stadtomnibus in der Schweiz eingerichtet zu haben, gehört Bern. Im Dezember 1924 wurden dort die Linien nach Bümpliz und Ostermundigen eröffnet. Es folgten dann in rascher Reihenfolge die Autobusbetriebe in Biel, Zürich, Genf usw. Ueber die Verkehrsentwicklung bei den fahrplanmässig betriebenen Autolinien gibt nachstehende Tabelle ein Bild: Dann nagelt er im Netzeschuppen den Sarg. Es sind gehobelte Fichtenbretter, und sie riechen nach Sommer und Wald. Er hat kein Geld zu einem schwarzen Sarg, und die Bretter sind rein. Keine Hand ausser der seinen hat sie berührt zwischen Baum und Sarg. Als die Sonne aufgeht über dem dampfenden Wald, sitzt er auf dem Sägebock vor dem Schuppen, isst sein schwarzes Brot und trinkt den kalten Kaffee vom Herd. ,Die Netze', denkt er, ,und dann zum Pfarrer und zum Amt... ich kann die Fische mitnehmen und verkaufen... der Totengräber bekommt zehn Pfund ... die Träger bekommen fünf... ein Brot muss ich mitbringen ... nachmittags Heini rufen und pflügen... Zeit für die Kartoffeln... Netze in der Schilfbucht auslegen ... bis zuletzt waren die Finger gekrümmt ... Krebsreusen fertigmachen ... morgen ist Markt... bei der Fähre bleiben ... Saatkartoffeln schneiden ... wer wird zu mir kommen in meiner Not?' Das Fjnkenpaar vom letzten Sommer ist wieder da, sjtzt vor seinen Füssen und wartet auf die Krumen aus seiner Hand. Ein tröstliches Band schlingt sich von ihnen wieder zurück. Der Sommer wird kommen, die Gewitter über dem Wald. Die Fische wandern zu reichem Fang, wenn das Wetter leuchtet über dem See. Und junge Tiere wird INSERTIONS-PREIS: Die achtgespaltene 2 nun hohe Grundzelle oder deren Raum 45 Ct». für die Schweiz-, für Anzeigen aus dem Ausland 60 CM. Grössere Inserate nach Seitentarif. Inserntensehluss 4 Tage vor Erscheinen der Nummern Reisendenzahlen Regiepost Autohalter- Konzession. Stadtpost Ueberlandkurse Autobusse 1910 104 IM — ? — 1920 252138 — 883 234 — 1921 537 871 — 1366 882 — 1922 733 848 18 742 1512 694 — 1923 902 669 41 195 1595 732 — 1924 1112227 82 881 1748 259 151760 1925 1336 433 223 966 1715 991 1343 991 1926 1 530 787 523 482 1 701 824 2 101 146 1927 1823 824 1031178 1891081 3 315 204 1928 2 291097 1213 41^ 2 081887 4 519 554 1929 2 562 953 1589 793 2 620 901 5 842 417 1930 2 704 397 1928 171 2 785 348 9 738 521 1931 2 652 746 2 098 014 3 724956 15156 512 1932 2 467158 2114-493 2 987 604 18 307 685 1933 2 573902 2180 675 3 240 713 20091593 Neben den linienmässig betriebenen Unternehmungen hat sich nach dem Kriege das Ausflugsfahr.tgewe.rbe mit GeseUschaftswagen entwickelt. Anfänglich waren es bestehende Fuhrhaltereien, die sich solche Gesellschaftswagen anschafften oder Lastwagen mit Aufbauten für den Personentransport versehen Hessen und mit ihnen Vereine usw. beförderten. Grössere Bedeutung kam diesem Transportzweig zu, als sich an den Fremdenverkehrsplätzen Unternehmungen ansiedelten, die mit Ausflugsfahrten die Gäste zu den schönen Punkten unseres Landes und über die Alpenpässe führten. Um das Jahr 1924 herum gewannen die Gesellschaftswagen sehr stark an Verbreitung, und nicht nur Transportunternehmer und Reisebureaus in den Städten, sondern auch wagemutige Unternehmer auf dem Lande schafften sich solche Fahrzeuge an. Die Bevölkerung gewann Geschmack an den von Fahrplänen unabhängigen und von den Unbequemlichkeiten des Umsteigens freien Fahrten. Aber auch die Postverwaltung und die konzessionierten Linienunternehmungen organisierten Extrafahrten im In- und Ausland. Auf das Drängen der Bahnen hin wurde vom Bundesrat im Jahre 1929 die Konzessionsordnung B erlassen, nach der Unternehmer, die regelmässig Fahrten nach einem bestimmten Ziele ausführen, der Konzessionspflicht unterstellt sind. Trotz dieser Behinderung konnten sich die Ausflugsfahrten entwickeln, einerseits dank der steigenden Ansprüche des Publikums, anderseits infolge der wenig schikanösen Anwendung der neuen Vorschriften durch die Postverwaltung. Eine solche wäre auch nicht angebracht gewesen, nachdem die Verwaltung selbst ihren Ausflugsfahrtendienst immer mehr ausbaut und ganze Kolonnen der gelben Postwagen nicht nur itn eigenen Lande, sondern auch im Ausland zu treffen sind. Die Zahl der dem Ausflugsfahrtenverkehr dienenden Fahrzeuge ist ebensowenig statistisch erhoben worden wie jene der beförderten Reisenden. Man rechnet, dass etwa 300 Gesellschaftswagen im Lande verkehren und die Zahl der von ihnen beförderten Reisenden dürfte sich zwischen 1.5 und 2 Millionen jährlich belaufen. Für den Fremdenverkehr unseres Landes sind diese Gesellschaftswagenunternehmungen von ausserordentlich grosser Bedeutung. Sie ermöglichen den einheimischen und fremden Gästen unserer Kurorte die Schönheiten des Landes mühelos und zu verhältnismässig niedrigen Kosten zu gemessen und tragen damit dazu bei, die Dauer des Aufenthaltes im Lande zu verlängern. Dies wird vom Gasthausgewerbe anerkannt, hindert aber nicht, dass die Bahnen und die ihnen nahestehenden Behörden dem freien Verkehr der Unternehmer immer noch Schwierigkeiten in den Weg legen.