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E_1934_Zeitung_Nr.092

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BERN, Dienstag, 13. November 1934 Nummer 20 Cts. 30. Jahrgang - N° 92 ERSTE SCHWEIZERISCHE AUTOMOBIL-ZEITUNG Zentralblatt für die schweizerischen Automobil- und Verkehrsinteressen ABONNEMENTS-PREISE: Erscheint Jeden Dienstag und Freitag Monatlich „Gelbe Liste" Ausgabe A (ohne Versicherung) halbjährlich Fr. 5.—, jährlich Fr. 10.— REDAKTION n. ADMINISTRATION: Breitenrainstr. 97, Bern Ausgabe B (mit Unfallversicherung) vierteljährlich Fr. 7.50, jahrlich Fr. 30.- Telephon 28.222 Telegramm-Adresse: Autorevue, Bern Kampf um den Ausbau der Alpenstrassen Anlä-sslich der Pressekonferenz in Bern vom 6. November 1934, welche im Anschluß« an die Oltener Konferenz der schweizerischen Verkehrsinteressenten stattfand, hielt Herr Dr. Th. Gubler, Basel, folgendes Referat: Der Inhalt der Alpenstrasseninitiative dürfte bekannt sein : Ausbau der Strassenverbindungen im Alpengebiet sowie deren Zufahrtsstrassen durch den Bund. Zur Beschaffung der Mittel wird der Benzinzoll m der Weise herangezogen, dass 20 Millionen zum vornherein zur freien Verfügung des Bundes verbleiben, während die eine Hälfte des Restes für Strassenaufwendungen an die Kantone fällt und die andere Hälfte vom Bund für die Alpen- und Zufahrtsstrassen verwendet wird. Nach dem gegenwärtigen Benzinzollertrag ständen somit für die Alpen- und Zufahrtsstrassen jährlich etwa 13 Millionen zur Verfügung. Ebenfalls ist bekannt, dass das Volksbegehren mehr als 148,000 Unterschriften vereinigt hat. Nur zweimal ist bisher bei einer eidgenössischen Initiative eine höhere Unterschriftenzahl zusammengekommen. Trotzdem wird vom Departement des Innern die Initiative abgelehnt und ein Gegenvorschlag präsentiert. Den springenden Punkt bildet die Beschaffung der Mittel. Nach dem Gegenvorschlag des Bundes soll der Benzinzoll um 10 Rp., also von 17 auf 27 Rp., erhöht werden. Von dieser Erhöhung 1 sollen vier Fünftel im Schlünde des Bundesfiskus verschwinden und bloss ein Fünftel, also 2 Rp. auf den Liter, für den Ausbau der Alpenstrassen verwendet werden. Bis mit diesem Almosenbeitrag unser Alpen- und Fernverkehrsstrassennetz ausgebaut ist, sind wir im internationalen Automobilfremdenverkehr längst abgefahren. "" Wie gleichfalls bekannt ist, überstieg die "schweizerische Einfuhr von jeher die Ausfuhr. Früher wurde der Ausfall ungefähr gedeckt durch das Geld, das der Fremdenverkehr in die Schweiz brachte. Heute, bei dem katastrophalen Rückgang der Ausfuhr und des Fremdenverkehrs, ist das Defizit der Handelsbilanz auf mehr als eine halbe Milliarde angewachsen. Die Schweiz muss verarmen, wenn es nicht gelingt, durch vermehrten Zuzug ausländischer Gäste die Einnahmen zu steigern. F E U I L L E T O N Die Magd des Jürgen Doskocll. Roman von Ernst Wiechert. Copyright by Albert Langen-Georg Müller, München. (2. Fortsetzung.) Erst als sie zum erstenmal den Plug wenden und vor der neuen Furche aufatmend stehen, sagt er, den Blick zur Hütte zurückgewandt ; «Wie ein kalter Ofen ist der Mensch...» Jürgen muss ihn erst eine Weile ansehen, wobei er seine dunklen Brauen auf eine schmerzliche Weise zusammenzieht, bevor er statt einer Antwort nickt. Sie pflügen bis zur Kaffeepause. Sie atmen beide schwer, und nur wenn sie den Pflug wenden, fällt ab und zu ein Wort, wie ein Stein aus einer müden Hand. « Der Bussard ist da», oder « Sie wollen auch läuten », oder « Zwei Hechte liegen im Kahn für dich ». Erst als sie den kalten Kaffee aus einer blauen Blechkanne trinken und das schwarze Brot mit ihren Händen brechen, gibt es eine Unterhaltung. Sie sitzen auf der warmen .Grasböschung neben dem Pflug und sehen beide auf das Moor hinter dem Wasser. Eine schwere Wolke steht über dem leuchtenden Horizont, und die Sonne liegt auf schrägen blauen Balken über ihrem Rand. < Der Schwarzspecht hat gerufen, vormittags », sagt Heini. «Ja, er ruft auf Regen.» Welche Stellung nimmt nun dabei der Automobilfremdenverkehr ein. Nun konstatierte schon der 1932er Jahresbericht der nationalen Vereinigung zur Förderung des Fremdenverkehrs, dass das einzig erfreuliche Ereignis für das Jahr 1932 der Aufschwung des Autotourismus ist, der zweifellos zur Milderung der Hotelkrise beitrug. Die erste Fassung im Bericht lautete sogar dahin, dass der Automobilfremdenverkehr von 1932 die schweizerische Hotellerie « gerettet» habe. Dieser Wortlaut ist auf Veranlassung von bahnverkehrspoütischen Vertretern in die zuerst zitierte Form gemildert worden. Bei der Gelegenheit sei noch folgendes festgestellt : Im Fremdenverkehr macht das Automobil der Eisenbahn keine Konkurrenz, sondern es handelt sich dabei um die Heranziehung einer Klasse von Fremden, die sonst überhaupt nicht käme. In den drei ersten Quartalen 1934 sind in runder Zahl 235,000 Fremdenautomobile nach der Schweiz eingefahren, was für das ganze Jahr etwa 265,000 erwarten lässt. Die Zahl hat sich in den letzten 11 Jahren versechsundzwanzigfacht, in den letzten fünf Jahren verdoppelt. Vor zwei Jahren war das zweite Hunderttausend noch nicht erreicht. Schon damals haben nach der Berechnung der Hotellerie die fremden Automobilisten 72TMifl. Fr. in unserm Lande zurückgelassen; für das Jahr 1934 dürfte sich die Summe zwischen 90 und 100 Will, bewegen. Der Weiterentwicklung des schweizerischen Automobilfremdenverkehrs droht aber schwere Gefahr in doppelter Hinsicht. Erstens durch die Unzulänglichkeit unserer Alpenstrassen für den neuzeitlichen Verkehr und zweitens durch die Konkurrenz der übrigen Fremdenländer, die uns im Strassenwesen überholt, ihre Gaststätten mit den Ansprüchen der Automobilgäste in Einklang gebracht haben und diese Umstände durch wirksame Reklame auszuwerten wissen. Ein typisches Beispiel zeigt uns der Strassenbau im Grossglocknergebiet. Offiziell finanziert wird das Ganze durch die Grossglocknerstrasse A.G. : 90 % des Kapitals hat die Landesregierung übernommen, den Rest Unternehmer und Gemeinden. Einen pikanten Beigeschmack bekommt die Sache für uns dadurch, dass an dem unsere Alpenstrassen «Was sagtest du.- wie ist es mit der Springwurzel ? » Jürgen blickt einmal zur Seite, nach dem schweigenden Wald, c Er trägt sie am Freitag... bei zunehmendem Mond. > < Man kann es sehen ? > « Manchmal.» «In einen hohlen Baum ? » « Ja. > « Sie gibt alle Schätze ? » « Der Grossvater hat so gesagt.» «Auch... auch dass man wieder gerade wird ? » «Er hat so gesagt.» ' Das Kind faltet die langen Hände der Buckligen um seine Knie und sieht über das Moor. Seine Augen sind weit aufgeschlagen, und die Sonne weckt goldene Punkte in dem sanften Braun seiner Iris. Jürgen seufzt und streckt die Beine aus, weil seine Knie vom Pflügen zittern. «Man muss auskommen», sagt er still. «Wenn sie uns nicht haben, würden sie die Hunde quälen... > Heini nickt. Er lächelt sogar. «Du bist stärker als alle zusammen, sagt er. « Dann ist es nicht so schwer...» Als die Sonne untergeht, sind sie fertig. Jürgen holt die Hechte aus dem Boot. «Danke», sagt er, als er sie dem Jungen reicht. Dann fährt er mit den dreimaschigen Stellnetzen hinaus. Es dunkelt, als er wiederkommt, aber er riecht die Tannen, die der Bucklige auf die Schwelle gelegt hat, einen dick geflochtenen Kranz und einen kleinen Hügel grüner Aeste. Er öffnet die Türen, wobei seine starken konkurrenzierenden Unternehmen zum grossen Teil schweizerisches Kapital beteiligt ist. Man kann sich selber ein Bild darüber machen, wie die Frequenz steigen wird, wenn nächstes Jahr die Strasse durchgehend eröffnet wird und gleichzeitig die französische Route des Alpes im Col de l'Iseran, der höchsten Alpenstrasse Europas, ihren gloriosen Abschluss erhält. Wir in der Schweiz haben seit 33 Jahren keine durchgehende Alpenstrasse mehr gebaut und leben von der Tradition. Dabei kommen auf wichtigen Pässen, wie dem Ofen, auf weite Strecken nicht einmal zwei Personenwagen aneinander vorbei, und die noch nicht modernisierten Trockenmauern haben den Postautomobilen das Vorrecht verschafft, auf gewissen, gerade den frequentiertesten Routen, unter allen Umständen bergwärts auszuweichen, was die Ausländer so unsicher macht, dass sie in ihrer Fachpresse immer wieder warnen: < Nie wieder auf schweizerischen Alpenstrassen »! Dass nur mit Bundeshilfe etwas geschehen kann, daran zweifelt kein Mensch. Viel zu wenig wird aber berücksichtigt, dass der beschleunigte Ausbau ein Stück produktive Arbeitslosenfürsorge bedeutet und die wirklichen Mehraufwendungen sich um den Betrag eingesparter Arbeitslosenunterstützung reduzieren. Nun kommt aber der Kernpunkt: die Beschaffung der Mittel. Im Bundeshaus hält man der Initiative entgegen • «Wie soll ohne die drei Viertel des Benzinzolls der Bundeshaushalt imi Gleichgewicht bleiben ? » Dem gegenüber ist festzustellen, dass in der Schweiz, wo der Bund keine Strassenbaupflichten hat, der Benzinzoll in elf Jahren von 100,000 Fr. auf 46 Mill. Fr. erhöht worden ist. Man hat offenbar in Bern heute vergessen, dass die grosse Benzinzollerhöfoung motiviert wurde mit der Notwendigkeit, den durch die Strassenlasten erdrückten Kantonen beizustehen. Es gibt ein ständerätliches Protokoll, wonach Bundesrat Häberlin am 27. September 1924 gesagt hat: «...es wird allen Kantonen eine Limite gestellt für die Belastung der Automobile, und was darüber aufgelegt wird von seiten des Bundes, das wird zusammen in eine Kasse gelegt, und der hinterste Rappen strömt wieder hinaus in alle Kantone», und als offizieller Vertreter des Bundesrates hat der damalige Bundespräsident Musy am 18. März 1925 in Genf erklärt : « Die Erhebung des Benzinzolles ist Hände zittern, und stellt die beiden Schemel zurecht. Dann zündet er das Licht an und steht wartend mit angehaltenem Atem, bis die Helle das Lager umfasst, die Wände, den Herd. Nichts ist geändert, aber alles ist erstarrt : die Gestalt, die Luft, der Raum. Der Tod füllt sein Haus, und er fühlt sich eingefroren wie ein Schilfhalm im Eis des Sees. Stärkeres gibt es als seine Kraft. Schrecklich ist es, wenn ein Mensch erstarrt. Pflügen kann man und fischen, aber immer wird dies da sein. Niemals geht ein Tod fort. Niemals stirbt ein Mensch für sich allein... Heini könnte da sein oder wenigstens ein Tier... ein ganz kleines, warmes Tier... Dann hebt er den Sarg im Schuppen auf seine Schultern und trägt ihn hinein. Der Sarg ist leichter als der Tod. Bevor er die Leiche hebt, sieht er sich um, aber es ist niemand ausser seinem Schatten da. Als er die Ziege gemolken hat, bleibt er noch ein wenig auf dem Schemel sitzen. Sie dreht den Kopf und sucht mit schnuppernden Lippen nach der Tasche in seinem grauen Rock. Da legt er die Stirn auf den warmen Rücken des Tieres, der nach Gras und Sonne riecht und dem fremden Leben einer fremden Kreatur. Ein später Wagen kommt den Waldweg entlangerollt. Das Echo läuft knatternd und mahlend mit. Der ganze Wald ist laut und geht tönend und mahnend neben dem Wagen her. Jürgen steht schon neben der Fähre, damit das Eisen nicht laut durch den Wald klingt. Es ist jemand von hinter dem Moor. INSERTIONS-PREIS: Die achtsespaltene 2 mm hohe Grundzeile oder deren Raum 45 Cts. für die Schweiz; [ür Anzeigen aus dem Ausland 60 Cti. Grössere Inserate nach Seitentaril. Inseratensehlnsg 4 Tage vor Erscheinen der Nummern nicht eine egoistische fiskalische Massnahme des Bundes.» Und welches sind nun die Zumutungen von heute ? Gewitzigt durch die Erfahrung — man kennt das Sprichwort von den gebrannten Kindern — ist im Text der Initiative für den Bund ein Fixum von 20 Millionen genannt und nicht einen prozentualen Anteil, um zu verhüten, dass durch eine weitere Benzinzollerhöhung unserer Volkswirtschaft schwerer Schaden zugefügt werde. Wir wissen leider alle, dass mit dem Aufhören der rumänischen Dumpingkonjunktur der Benzinpreis mindestens um 5 Rp. steigen wird (jetzt verkaufen ja alle Produktionsgesellschaften in der Schweiz mit Verlust). Nehmen wir dazu die uns in Bern zugedachten 10 Rp., so kommen wir auf einen Benzinpreis von 50 Rp., was ungefähr den italienischen und französischen Ansätzen entspricht, aber weit über den deutschen und österreichischen Preisen liegt. Allen ist bekannt, wie stark dieses Jahr in unserm Automobilfremdenverkehr das Kontingent der Franzosen war, die sagen : Ca ne coüte presque rien de rouier en Suisse ! und darin ein Aequivalent finden für die hohen Preise der sonstigen Lebenshaltung in der Schweiz. Mit einer Benzinzollerhöhung würde die schweizerische Fremdenindustrie ihren letzten Trumof aus der Hand geben und nicht nur die Franzosen und Italiener, sondern auch die Angehörigen anderer Länder vom Besuche unseres Landes abschrecken. Damit wird gleichzeitig der Benzinzollertrag eine Einbusse erleiden, abgesehen davon, dass von den uns noch besuchenden Fremden keiner mehr mit leerem Tank nach der Schweiz ein- und mit vollem Tank ausfährt wie jetzt. Es sei auch daran erinnert, dass von 1931 auf 1932 infolge der Abgabenerhöhung in Deutschland der Benzinzoll von 710,000 auf 460.000 t zurückgegangen ist und trotz den erhöhten Ansätzen erheblich weniger eingebracht hat. Müssen wir wirklich bei dem Versuch, im Benzintank nach Goldfischen zu angeln, dieselben schmerzlichen Erfahrungen machen ? Die frühere Strassenverkehrsinitiative des Jahres 1928. die bloss etwa 50,000 Unterschriften vereinigte und von nahezu der gesamten Tagespresse bekämpft wurde, hat dennoch in der Volksabstimmung eine Viertelmillion Jasager aufgebracht, trotzdem sie den gesamten, ungeschmälerten Benzinzoll auf die Stfasse bringen wollte. Die heutige « Die Frau ist tot ? •» fragt eine Stimme aus dem Dunkel, als das Wasser schon unter der Fähre zieht. « Ja », sagt Jürgen. « Schwer ohne Frau », sagt es nach einer Weile. Und dann rauschen nur wieder die Wirbel unter den Fugen im Holz. Zwei Münzen klingen aneinander, und dann geht' die tönende Nacht wieder fort. Das Licht auf der Fähre erlischt, und die Rolle stöhnt über dem Drahtseil. Wildenten pfeifen unter den Sternen, als Jürgen zum Schuppen geht, um auf den Hobelspänen zu schlafen. Am nächsten Tage ist das Begräbnis. Das grüne Dorf begräbt die Tote, aber auch das schwarze stellt das Gefolge. Der Tod löscht für eine Stunde die Gebärde des Hasses. Der Pfarrer sieht aus, als habe man ihn eben von dem Pfluge geholt und ihm einen Talar umgeworfen. Seine Hände sind braun und schwer, und Jürgen fühlt sich ruhig und zu Hause bei diesen Händen, deren Gebärde über das offene Grab geht wie über ein Saatfeld. Er fühlt, dass dies eine seltsame Predigt ist, die der Pfarrer hält, aber auch in den Worten fühlt er sich zu Hause. Denn der Pfarrer predigt von Simson, dem Knecht des Herrn, und es ist Jürgen in seinem schweren, müden Sinn, als sei da etwas mit einer Frau gewesen und als sei diese Bibelstelle vielleicht etwas hart für die Tote unter dem hellen Fichtenholz. Aber als er seine Augen zu dem Gesicht des Pfarrers aufhebt, weiss er, dass da alles gut und ge-