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E_1934_Zeitung_Nr.095

E_1934_Zeitung_Nr.095

BERN, Freitag, 23.November 1934 Nummer 20 Cts. 30. Jahrgang - N° 95 ERSTE SCHWEIZERISCHE AUTOMOBIL-ZEITUNG Zentralblatt für die schweizerischen Automobil- und Verkehrsinteressen ABONNEMENTS-PREISE: Erscheint Jeden Dienstag und FreHng Monatlich „Gelbe Liste" Ausgabe A (ohne Versicherung) halbjährlich Fr. 5.-, jährlich Fr. 10.— REDAKTION tu ADMINISTRATION: Breitenrainstr. 97, Bern Ausgabe B (mit Unfallversicherung) vierteljährlich Fr. 7.50, Jährlich Fr. 30.- Telephon 28.222 Telegramm-Adresse: Autorevue, Bern vom ersten schweizerischen Verkehrsfilm für Kinder. KürzYwb äusserte eich ein Zürcher Lehrer an Stelle über die Notwendigkeit einer systematischen Verkehrsschulung der Kinder und nannte unter den hiezu geeigneten Mitteln die Vorführung von besonders bearbeiteten Kurzfilmen. Durch die Zusammenarbeit verschiedener Instanzen ist kürzlich in Zürich ein spezieller Lehrfilm für die Schuljugend geschaffen worden, über den im Nachfolgenden Herr Lehrer E. Bühler berichtet, welcher an dessen Herstellung mitgewirkt hat: Sträubt sich auch die Schule meistenorts, den Verkehrsunterricht als besonderes Fach einzuführen, so ergreift sie doch überall mit Freude jede Gelegenheit, um das ihr anvertraute Kind auf die Gefahren der Strasse aufmerksam zu machen und um es zu einem ruhigen, zielbewussten Strassenbenützer zu erziehen, sei es im Unterricht, auf Wanderungen, durch Abgabe von Verkehrsbüchlein oder Verkehrsplänehen, durch Besprechung von regelmässig erscheinenden Polizeibulletins oder durch besondere Verkehrsübungen auf dem Turnplatz oder auf der Strasse. Noch fehlte bis anhin im Kampfe gegen die Verkehrsunfälle das neueste Unterrichtsmittel, der Unterrichtsfilm. Wohl wurden da und dort die Verkehrsfilme für Erwachsene den Schülern vorgeführt. Aber der Erfolg blieb hinter den Erwartungen zurück. Schuld war nicht allein die kinomässige Vorführung, die oft eine Stunde und mehr dauerte — also keine Rücksicht auf die Ermüdung der Schüler nahm — schuld war auch die Meinung, Filme, die für Erwachsene berechnet sind, müssten ganz sicher auch für das Kind recht sein. Am verhängnisvollsten aber war, dass man die Vorführung nicht unterbrechen konnte, dass man auf eine sofortige unterrichtliche Auswertung des Gesehenen verzichten musste. Durch Zusammenwirken einiger schweizerischer Versicherungsgesellschaften, des Schul- und Polizeiamtes der Stadt Zürich (Finanzen) sowie des Schul- und Volkskino, Bern (Aufnahmen) und der Arbeitsgemeinschaft für Lichtbild und Film, Zürich, ist nun ein besonderer Verkehrsfilm für Kinder entstanden, der für den Gebrauch im Unterricht und nicht für stundenlange Massenvorführungen im Kino bestimmt ist. Die letztgenannte Arbeitsgemeinschaft, eine Vereinigung von Zürcher Lehrern, die sich seit Jahren als Ortsgruppe der Schweiz. Arbeitsgemeinschaft für Unterrichtskinematographie (S. A. F. U.) mit der Schaffung und methodischen Auswertung von Unterrichtsfilmen befasst, verfass.te das Drehbuch und darf darum wohl heute als der geistige Urheber des Verkehrserziehung vorliegenden ersten Versuches eines Verkehrsfilmes für Kinder angesprochen werden. Warum kann ein Verkehrsfilm für Erwachsene nicht gebraucht werden? Ein Unterrichtsfilm muss sich, wie jedes andere Lehrmittel (Schulbuch, Schulbild), nach dem Wesen und der geistigen Reife des Kindes richten. Der Erwachsenenfilm aber richtet sich, in richtiger Erkenntnis seiner Aufgabe, ausschliesslich nach dem Erwachsenen. Zudem befassen sich die meisten dieser Filme hauptsächlich mit dem Fahrverkehr. Für die Schüler aber ist der Fussgängerverkehr die Hauptsache. Der vorliegende Kinderfilm ist darum ein reiner Fussgängerfilm. Ob später noch ein kurzer Velofahrerfilm für die radelnden Sekundarschüler gedreht werden soll, bleibt vorderhand eine offene Frage. Der Hauptgrund aber, warum ein besonderer Unterrichtsfilm geschaffen werden musste, war der, dass sich Kinder und Erwachsene auf der Strasse grundverschieden benehmen. Bei dem erwachsenen Fussgänger entstehen die Unfälle oft infolge Aengstlichkeit und Unentschlossenheit. Die meisten Kinder dagegen kennen aber auf der Strasse wenig oder gar keine Hemmungen. Sie springen auf die Strasse hinaus, stehen sorglos still, spielen sogar inmitten des Verkehrs. Eine weitere Gefahr bildet für das Kind seine grosse Ablenkbarkeit, die es nichts ahnend ins Unglück hineinlaufen lässt. Dieses psychologische Moment musste im Kinderfilm besonders berücksichtigt werden. Es war darum gegeben, dass man im Erwachsenenfilm die Fehler des Erwachsenen, im Unterrichtsfilm dagegen die Fehler des Kindes darstellte. Als Träger der Handlung konnten im letztgenannten Fall darum einzig Kinder in Betracht kommen. Der Freche, der Entschlossene, der Mutige, aber auch der Schüchterne, der Schreckhafte, der Unentschlossene mussten im Unterrichtsfilm ihre geeignete Stelle finden. Das Kind muss zuerst zum Betrachten erzogen werden. Je kürzer, einfacher, klarer und kindertümlicher darum im Kinderfilm die Episoden sind, um so lebhafter wird sich das Kind nachher an alle Einzelheiten erinnern. Bildet die Episode gar eine kleine, in sich geschlossene Handlung, so wird sie nachher das Kind nicht nur zur mündlichen, sondern auch zur schriftlichen Wiedergabe anspornen. Aus methodischen Gründen wurden bei den Aufnahmen alle störenden und ablenkenden Nebenerscheinungen und Nebenbewegungen vermieden. Anstatt erklärender Titel (schaue zuerst links, dann rechts) wurden offene Fragen oder das Interesse anregende Phantasietitel (Wer macht es besser? Neueste Sportnachrichten) verwendet. Das Kind ist darum gezwungen, nach dem Ablauf jeder Episode zu der Handlung Stellung zu nehmen. Gerade hierin liegt das Wesentliche, Erzieherische dieses ersten Verkehrsfilms für Kinder. Da das Einschlagen der korrekten Gehrichtung für eine richtige Verkehrsordnung grundlegend ist, so musste alles getan werden, um dem Schüler die Erkennung derselben zu erleichtern. Es wurde darum bei der Filmaufnahme der Apparat hinter den handelnden Knaben und Mädchen aufgestellt. Dadurch wurde erreicht, dass bei der nachherigen Projektion auch auf der Leinwand Linksbewegungen nach links, Rechtsbewegungen nach rechts gehen. Die Klasse muss also, um auf der Leinwand die Gehrichtung der handelnden Personen zu erkennen, keine geistigen Umstellungen vornehmen. Gleichzeitig bekommt sie bei dieser Art der Aufnahme nur das auf dem Bildfeld zu sehen, was die handelnden Kinder im Augenblick der Gefahr vor sich sehen. Im Unterrichtsfilm wurden alle Gefahren nur angedeutet. Von jeder Sensation wurde abgesehen. Der Film soll bei dem jugendlichen Beschauer nicht Angst vor dem Verkehr, sondern Mut und Ueberlegung pflanzen. Auch die Folgen der Verkehrsunfälle wurden nicht gefilmt. In der Besprechung ist dem Lehrer genügend Gelegenheit geboten, auf diese hinzuweisen. Es lässt sich eben vieles sagen, was nicht bildlich dargestellt werden soll, insbesondere nicht filmisch. In dem Unterrichtsfilm handeln alle Fahrzeuglenker richtig. Sie fahren rechts, langsam, in Trottoirnähe usw. Der Film will — wie anfangs betont — nur den Fussgänger,. das Kind, erziehen. Die Erziehung des Autolenkers, des Motor- und Velofahrers überlässt sie dem Erwachsenenfilm. Nur wenn man bei dem Schüler den Glauben an den Fahrzeuglenker schafft, wird er sich nachher ruhig und bewusst als Fussgänger in den Verkehr einordnen. Soll der Schüler überlegt handeln, so muss er auch die wichtigsten Verkehrsregeln der Fahrzeuge kennen. (Rechts fahren, links vorfahren.) Diese wurden an geeigneter Stelle in den Film eingefügt. Der Film ist — wie schon betont — für den Gebrauch in der Schule aufgebaut. Er besteht aus 9 kleinen Rollen von 5—8 Minuten Vorführungsdauer. Eine solche Rolle bietet dem Lehrer Unterrichtsstoff für eine ganze Stunde. (5—8 Min. Vorführungszeit, 20 Min. Besprechung, 20 Min. schriftliche Beschäftigung.) Jede dieser Rollen enthält 5 INSERTIONS-PREIS: Die achtgespalten« 2 mm hohe Grundzeile oder deren Raum 45 Cts. tür die Schweiz; für Anzeigen ans dem Ausland 60 Ott. Griissere Inserate nach Seitentaril. Inseratenschiuss 4 Tage vor Erscheinen der Nummern bis 8 kleine, kindertümliche, ca. einmütige Episoden. Die Titel der Rollen resp. Sachgebiete heissen: 1. Ausweichen auf dem Gehweg. 2. Unarten auf dem Gehweg. 3. Ein Tritt vom Trottoir bringt dich in Gefahr, 4. Unarten auf der Strasse. 5. Die Ueberquerung der Strasse. 6. Noch etwas vom Ueberqueren der Strasse. 7. Das Uebercrueren der Strassenkreuzung. 8. Von den Fussgängerinseln. 9. Klassen auf der Wanderung. Wie gestaltet sich die Auswertung im Unterricht ? In einer Unterrichtsstunde soll nur eine Rolle, nur eine Sachgruppe zur Verwendung kommen. Sie wird dann von dem Lehrer vorgeführt, wenn es der Verlauf des Unterrichts oder ein Verkehrsunfall als wünschbar erscheinen lassen. Auch der Verkehrsfilm will — so wenig wie das Verkehrsbüchlein — das er ergänzt — die Schaffung eines neuen Faches, eines systematischen Verkehrsunterrichtes, sondern nur die Belebung eines Unterrichtszweiges, in diesem Falle der Verkehrsordnung. Der Lehrer wird im Unterricht die 5—8 sachlich verbundenen Episoden einer Filmrolle nicht zusammenhängend, sondern episodenweise vorführen. Die Kinder werden die Filmtitel im Chor lesen. Der Lehrer gibt während der Projektion so wenig Erklärungen als möglich, am besten gar keine. Nach dem Bildablauf einer Episode erzählen die Kinder möglichst frei, satzweise oder zusammenhängend ihre Beobachtungen auf der Leinwand, nehmen dazu Stellung und ergänzen die Filmepisode durch ähnliche,, persönliche Erlebnisse auf der Strasse. Der Lehrer entwirft, so es die Situation verlangt, mit den grössern Schülern eine Planskizze an der Wandtafel. Kleine Kinder schreiben über das Gesehene ein paar lose Sätzchen, ältere Schüler machen, wenn sich, der Bildinhalt dazu eignet, ein regelrechtes Aufsätzchen, in dem sie das Filmerlebnis genau darstellen oder es beliebig erweitern oder auch ein ähnliches, persönliches Erlebnis beschreiben. An das Filmerlebnis kann der Lehrer Verkehrsübungen auf dem Turnplatz und auf der Strasse anschliessen. Der Verkehrsfilm für Kinder ist in Normalform (Filmbreite 35 mm) aufgenommen (Länge : 675 m). Der Film wird auch pro Rolle abgegeben. Normalfilme sind feuergefährlich und dürfen darum nur in amtlich bewilligten Vorführungsräumen und von amtlich geprüften Operateuren vorgeführt werden. Der Verkehrsfilm wird aber von Neujahr an auch in Schmalfilm ( Filmbreite 16 mm) zu haben sein. Da der Film nicht feuergefährlich ist, braucht er zur Vorführung auch keine amtliche Bewilligung, weder für den Vorführungsraum, noch für den Lehrer; das kleine F E U I L L E T O N Die Magd des Jürgen Doskocil. Roman von Ernst Wlechert Copyright by Albert Langen-Georg Müller, München. (5. Fortsetzung.) Sie holte Wasser vom Brunnen, als er mit tlen Netzen zurückkam, und ging an die Fähre hinunter, um ihn zu erwarten. Es war nun alles hell an ihr, und als sie die Hand über die Augen legte, weil das Wasser in der Sonne spiegelte, war es eine freie und schöne Bewegung, die fleckenlos vor der grossen Landschaft stand. Sie hob die Hand nach der Kette, um den Kahn festzumachen, und auch in dieser Gebärde lag die Vertrautheit mit den Dingen, die überall im Raum zu Hause war, den menschliche Ordnung erfüllte. «Kaffee wollte ich dir kochen», sagte sie, «und nun bist du wohl die halbe Nacht schon auf dem Wasser... war es gut mit dem Fang?» «Ja, danke», erwiderte er, «jetzt.ist es eine gute Zeit.» «Du hast wohl die Mühle nicht gefunden», setzte er hinzu, als er ausgestiegen war,» ... und ... ich habe nur gebrannte Gerste...» «Da muss ein Knopf angenäht werden», sagte sie, an seiner Verlegenheit vorbeilächelnd. «Es ist nicht gut, dass sich keiner um dich kümmert.» «Sie ist im Frühjahr gestorben», erwiderte er, «ich dachte, du hättest es vielleicht gehört in eurem Dorf.» Sie schüttelte den Kopf. «Deshalb sagte er das...» «Was sagte er?» «Dass du... lass, er war betrunken... aber du hast ja auch merkwürdige Augen, die durch alles durchsehen... aber ich habe nicht Angst ... schön ist es hier am Wasser, und wir hatten nur Wald um das Dorf, und die Eulen riefen in der Nacht...» Er sah sich einmal um, als sei die Landschaft nun neu geworden durch ihr Lob, und da er nichts dazu zu sagen wusste, trat er an den Kahn zurück und begann den schweren Fischkasten herauszuziehen, an dem ein Brett zu faulen begann. Nein, sie dürfe nicht helfen, dazu sei er viel zu schwer. Es blieb ihm nichts übrig, als bis an den Leib in das Wasser zu treten und den Kasten über den Bootrand auf seine Schultern zu heben. Er schwankte ein wenig in dem moorigen Grund, aber dann stieg er langsam zum Schuppen in die Höhe. Das Wasser floss aus den Löchern des Kastens ab, und das grünliche Holz leuchtete in der Sonne. So sah es dem Mädchen aus, als sei ein starkes Tier zur Nacht an den Strom gestiegen und kehre nun mit einer ungeheuren Beute in die taustillen Wälder zurück. «So hatte er recht», sagte sie. als er schwer atmend neben der abgestellten Last stand, «dass du einen Kahn allein auf deine Schultern heben kannst.» «Er hat immer grosse Worte», wehrte er verlegen ab, «besonders wenn er getrunken hat... aber dich könnte ich wohl über den FIuss tragen... wenn du müde bist wie gestern.» «Bis nach Amerika», sagte sie, und das leise Lachen klang wieder tief in ihrer Kehle. Es dauerte lange, bis Jürgen sich ein Herz gefasst hatte, und der Kätner trug schon sein Bündel zum Kahn herüber, als er mit gänzlich missglückter Gleichgültigkeit fragte, ob sie nicht jemand wisse, der zu ihm in den Dienst kommen möchte... aus ihrem Dorf vielleicht... bei dem Knopf sei es ihm doch wieder eingefallen... Ja, sie wüsste schon jemand. Es klang sehr nachdenklich. Ob dieser Jemand auch mit wenigem zufrieden sein würde? Sie sehe ja, dass er nicht auf Goldstücken schlafe, und mit dem Reden würde es auch nicht allzuweit her sein... höchstens wenn die Leute übergeholt werden wollten, dann gäbe es ein bisschen Unterhaltung... Ja, der, den ich meine, könne sich mit sich selbst ganz gut unterhalten, und ausserdem sei ja die Ziege da... Ja, ob er einmal dorthin gehen und das Mädchen fragen könne? Nein, den Weg könne er sich sparen, da das Mädchen da sei und nicht zu dem Vetter im Walde wolle, weil .er eine geizige Frau habe und weil sie noch etwas schaffen und verdienen wolle, ehe sie hinüber gehe in das fremde Land. Darauf sagte er gar nichts und sah sie nur ohne Verständnis an, als habe Gott einen Engel geschickt und der Engel verkünde ihm, dass er von nun an bei dem Fährmann Jürgen Doskocil bleiben wolle. Und sie lachte eine Weile über sein Gesicht, aber ohne dass es ihm weh tat. «Ja, Bruder», sagte der Kätner und tastete rechts und links von seiner schiefen Nase mit den Wieselaugen über Hausrat und Netze und bewegliche Habe. «Du bist noch ein Irrender und noch nicht erleuchtet, aber es sieht ja aus, als ob du fleissig bist und ordentlich. Nur muss es ein guter Lohn sein