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E_1934_Zeitung_Nr.097

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BERN, Freitag, 30, November 1934 Mit Winter-Spezialbeiiage Nummer 20 Cts. 30. Jahrgang - N° 97 ERSTE SCHWEIZERISCHE AUTOMOBIL-ZEITUNG Zentralblatt für die schweizerischen Automobil- und Verkehrsinteressen ABONNEMENTS-PREISE: Erscheint Jeden Dienstag nnd Freitag Monatlich „Gelbe Liste" AtMgab« A (ohne Versicherung) halbjährlich Kr. 5 , Jährlich Ft. 10.- REDAKTION n. ADMINISTRATION: ßreitenroinstr. 97, Bern Ausgabe B (mit Unfallversicherung) vierteljährlich Fr. 7.50, jährlich Rr. 30.- Telephon 28.222 Telegramm-Adresse: Autorevue, Bern Aufomobilistische Streiflichter Der Staat. Industrie, Handel und Verkehr bilden die Grundpfeiler der modernen Wirtschaft. Wenn im Wirtschaftsstaat das Grundgesetz der Wandels- und Gewerbefreiheit allgemein Recht geworden ist, hat der Staat aus bekannten Gründen die Organisation und z. T. die Besorgung des Verkehrs für sich beansprucht. Bei der raschen Motorisierung des Landverkehrs hat der Staat in vier Richtungen mitgewirkt: er hat finanzielle Vorteile wahrgenommen, hat Strassen gebaut oder den Bau unterstützt, hat in den Verkehr durch regelnde Vorschriften eingegriffen, und schliesslich die Entwicklung hemmenden Massnahmen getroffen, wo Konkurrenz mit bestehenden Staatsbetrieben zu erwarten war. Alle vier Funktionen könnten zum Nutzen der Allgemeinheit und zur Förderung' der Motorisierung ausgeübt werden; es gibt auch Länder, wo dies geschieht. In unseren überorganisierten und verschuldeten •) Fortsetzung aus Nr. 96 der cA.-R.». F £ U I Die Magd des Jürgen Doskocil. Roman von Ernst Wiecbert. Copyright by Albert Langen-Georg Müller. München. (7. Fortsetzung.) Nur die Fischer wanderten nach wie vor, und zweimal in der Woche fuhr Jürgen mit dem grossen Kahn in die Stadt. Wieder stand er in dem Laden und handelte um ein buntes Tuch, aber als er neben dem Herd sass und die Hände vor die Flamme hielt, wagte er nicht, zu seiner Kammer zu gehen und mit dem knisternden Seidenpapier zurückzukehren. ,Sie könnte meinen, dass ich sie bestechen will, zu bleiben', dachte er, und so packte er nur aus, was er für die Wirtschaft gekauft hatte. Dann sassen sie vor dem Feuer, Marte mit ihrem Nähzeug, Jürgen mit seinen Netzen. Der Regen baute eine tönende Wand um das Haus. «Der Hafer», sagte Jürgen manchmal und hob lauschend den Kopf. «Wenn wir Wirtschaftsstaaten jedoch hat sich ein Durcheinander von staatlichen Handlungen ausgebildet, das von einem unverantwortlichen* Mangel an Verständnis für ein neues Zeitalter des Verkehrs beherrscht ist. Die meisten Probleme werden gegenwärtig täglich diskutiert; es „genügt deshalb, an dieser Stelle die Programmpunkte kurz im Zusammenhang grundsätzlich zu behandeln. Wir können an jeder Automobil-Ausstellung ein stets gleiches Schauspiel beobachten: die Verkehrs- oder Wirtschaftsminister sitzen an der Spitze der Bankette, geben ihrer Befriedigung über das in Luxus glänzende Bild einer fortschrittlichen Industrie Ausdruck, und treffen darauf am grünen ihre Dispositionen, von Fachkenntnis ungetrübt, aber diktiert im Interesse des Fiskus, und vom Standpunkt ausgehend, dass das Geld dort zu holen ist, wo scheinbar viel verdient wird. Es ist ein Wunder, wie die Industrie jede neue Belastung stets wieder überlebt; in Tat und Wahrheit zehrt sie sich langsam innerlich auf; lange wird es nicht mehr so weiter gehen. Man liest, dass z. B. der französische Finanzminister jährlich 7 Milliarden Francs aus Motorproduktion- und Verkehr herausholt; auf der andern Seite gibt er jährlich 4 Milliarden Francs für sein anderes Departement, die Staatseisenbahnen, aus. Prohibitivzölle und Kontingentierungsmassnahmen sollen nur vorübergehender Natur sein als Instrumente des Wirtschaftsstaates zum Zweck der Erreichung bestirnter Ziele. Alle Automobil fabrizierenden europäischen Länder sind nun zufällig stark interessierte Exportländer. Deren Automobilfabriken haben unter dem Zollschutz gewisse Erleichterungen gehabt, sehen jedoch die Grenzen ihrer Absatzländer gesperrt und tragen zum Niedergang anderer Industriezweige, die auf Export angewiesen sind, bei. Der Hauptleidtragende ist zweifellos hier der Staat selbst, der sich mit beträchtlich verringerten Abgaben von der Industrie begnügen muss; dafür hat er die Zölle, und dreht sich weiter im Circulus viciosus. Wenn man nur endlich einsehen wollte, dass in der Weltwirtschaft nur derjenige verkaufen kann, der auch Gelegenheit zum Verkaufen gibt, und nur derjenige bezahlen kann, der selbst in der Lage ist zu verkaufen. Wir werden nie aus der Wirtschaftstagnation herauskommen vor einem Abbau der Zollmauern; dies ist das primäre; die Devisenfrage löst sich darauf sekundär von selbst. Es gibt Kolonialländer, wo keine Eisenbahnen mehr, nur noch Strassen gebaut werden. Man sagt, das Eisenbahnzeitalter liege hinter uns Und wird übersprungen. Der Staat kann die Entwicklung des motorisierten Verkehrs nicht aufhalten; das Problem der Koordination von Eisenbahn und Automobil muss richtig angefasst und gelöst werden. Bei einigem Verständnis für die Notwendigkeit eines Transportsystems zum Wohl der Allgemeinheit ist eine Lösung leicht zu finden im Sinne einer Kooperation. Es gibt Länder, wo ein ausgedehnter Zubringerdienst für Waren und Personen in einer Weise organisiert ist, dass der Staat viel besser wegkommt als durch Aufrechterhaltung unrentabler Linien. Das Strassenproblem soll eine nationale Aufgabe sein, finanziert zum allermindesten aus den Einnahmen von den Strassenbenützern. Die Gründe dafür verstehen sich von selbst. Es gibt Länder, die allein durch den Autotourismus schon eine grosse Befruchtung ihrer Wirtschaft erfahren. Wir wollen nicht vergessen, dass der Autotourismus stets der Tourismus der nächsten Zukunft sein wird. U. E. sind tiefe Eingriffe des nicht einsäen können...». «Die Goldene Stadt ist in der Wüste gewachsen», erwiderte sie still. cAuch der Hafer wird wachsen, wenn Er will.» Dann knüpfte er wieder die Maschen im zerrissenen Gewebe, aber seine Augen sahen durch sie hindurch in die Flammen im Herd. Mauern und Türme bauten sich dort auf, funkelnd von Gold. Brücken schwangen sich auf und zerbröckelten hinter flüchtigem Fuss. Paläste brannten auf, von Funken überflammt, Tore stürzten ein, Tempel stiegen empor. Und über allem stand ein fremder, ferner, klagender Ton, der Ton einer andern Welt, in der ein Menschengesicht verschwand. Ende Oktober säte Jürgen den Hafer ein. Zwei Tage ging ein kalter Wind über das spiegelnde Feld, und aus den grauen Häusern kamen die Menschen misstrauisch heraus. Jürgens Acker war wie ein Brunnen, der das Wasser trank, und am zweiten Tage, um die Mittagszeit, konnte er den Hafer auf seinen kleinen Wagen laden und das Sälaken umbinden. Er ging noch einmal hinein, weil er eine Schnur vergessen hatte, und blieb auf der Schwelle stehen. Marte kniete neben dem Herd auf den Dielen und hatte die Stirn auf die gefalteten Hände gelegt. Er erschrak so, dass wider seinen Willen ein wortloser Ton aus seiner Brust kam, aber sie hob ihm ihr ruhiges Antlitz entgegen und sagte leise: «Es ist so bei uns, dass wir beten, wenn etwas in die Erde kommt, ein Mensch oder ein Korn.» «Ja», sagte er, ohne zu denken, und machte die Tür wieder leise zu. Draussen stand er verwirrt neben seinem Wagen, legte den Zuggurt um seine Schulter, vergass aber, dass er auf das Feld wollte. .Fremd ist sie', dachte er, fiin Gesiebt Staates in die ungestüme Entwicklung des Automobilverkehrs gerechtfertigt. Auf Schritt und Tritt stossen wir auf Exzesse, die Unfallkurve steigt verschiedenorts rascher als das Anwachsen des Verkehrs. Zweifellos sind wir heute in einer Uebergangszeit, und suchen Anpassung an neue Probleme. Es ist aber bemühend, mit welcher Umständlichkeit und Kompliziertheit die Verkehrs- und Unfallverhütungs - Vorschriften zurechtgestutzt und durchgeführt werden. Einfachheit und Einsicht für neue Verkehrsbegriffe sollten auch hier Grundsatz sein. Es ist bezeichnend, dass heute nur diktatorisch regierte Staaten uns Beispiele geben, dass bei der staatlichen Stellungnahme zum Automobil das Allgemeinwohl vor dem Staatskassenwohl stehen soll. Das Individuum. Die Amerikaner sagen, die Benutzung des Automobils komme als Lebensnotwendigkeit gleich nach dem Essen und Trinken. Während Essen und Trinken beim Durchschnittsmenschen nach selbstverständlichen Grundsätzen geregelt ist, was wir Kinderstube nennen, ist manchem Autofahrer jede Erziehung fremd. Die falsche Laufbahn des Pseudo-Automobilisten beginnt meist schon beim Kauf. Wie selten bleibt der Autokäufer -in der Preisklasse, die seinem Bedürfnis und seinem Geldbeutel entspricht. Der Durchschnittskäufer benötigt einen kleinen bis mittleren Familienwagen, 4—6 Zylinder, 4—6 Plätze. 'Seine Kaufsverhandlung, angeregt durch den Reklamechef der Fabrik und erleichtert durch das Ratenzahlungssystem, zielt aber auf einen Sportwagen, mit möglichst spezieller Karosserie, und mit Schikanen, die der andere nicht besitzt. Der gleiche Geschäftsmann, der seinen Lastwagen nur nach Zweckmässigrkeitserwägungen anschafft, stellt an den Personenwagen Ansprüche, die seinem normalen Gebrauch in keiner Weise entsprechen. Wir machen uns keinen Begriff, wie diese falsche Taktik und Neuerungssucht die Arbeit der Fabriken erschwert, diese zu ewigen Abänderungen und Neukonstruktionen zwingt, deren Kosten der Käufer am Ende doch selbst bezahlen muss. Der Staat erhält, zudem dadurch ein ganz unrichtiges Bild von der Kaufkraft des Einzelnen. Man kann vom Individuum nicht verlangen, dass es mit einem sechsten Sinn für das Autofahren geboren wird; ebensowenig aber sollte man annehmen, dass a priori jeder gute Wille für Verkehrsdisziplin fehlt. Wir können besonders in Amerika und in den Kolonialländern feststellen, dass sich der Autofahrer aus der goldenen Stadt... Gott könnte mit ihr leben, aber nicht ich... ein Tier bin ich wahrscheinlich vor ihrem Gesicht...' Dann zog er die Last durch die schwere Erde bis an sein Feld. Blaue Flecken erschienen am bewegten Himmel, aber das Herz war ihm schwer. Als er das Laken umgebunden hatte und die Hand in das kühle Korn tauchte, war er einen Augenblick lang versucht, niederzuknien wie das Mädchen, aber Scham erfüllte ihn wie vor einer Lüge, und seine Gedanken gingen verstohlen zu den Unterirdischen und baten um Hilfe für die junge Saat Und dann schritt er den Acker hinauf und hinab und warf das Korn in die schwärzliche Erde. Kraniche zogen über ihn hinweg, und der Hochwald brauste im schweren Wind. Aber er sah nicht auf. Vor seinen INSERTIONS-PREIS: Die achtgespaltene 2 mm hohe Grundzeile oder deren Raum 45 Cts. tür die Schweiz; für Anzeigen aus dem Ausland 60 CU. Grässere Inserate nach Settentarif. Inserfttentehluss 4 Tage vor Erscheinen der Nummern nur als Benutzer der öffentlichen Verkehrswege benimmt; vielleicht am einen Ort aus dem durch den grossen Verkehr ausgeübten Zwang, am andern durch das allgemeine entwickelte Gefühl des Aufeinanderangewiesenseins. In Europa fühlt sich der Fahrer in vielen Fällen nicht nur als Nutzniesser, sondern als Eigentümer der Strasse; je kleiner der Wagen, und je kleiner das Land, desto ausgeprägter die Erscheinung. Man kann in beliebiger Geschwindigkeit die paar tausend km des Federal Highway Number I zwischen Boston-New York-Florida in Amerika durchfahren, und wird nicht so viele Fälle von Disziplinlosigkeit der Fahrer bemerken wie wenn man 1 Stunde in gewissen europäischen Staaten irgendwo spazieren fährt. Solange der Selbstfahrer allein auf der Strasse ist, kann er tun und lassen, was er will; sobald aber andere Wagen oder Hindernisse irgend welcher Art auftauchen, muss er sich unter allen Umständen damit abfinden, dass der Verkehr ohne Berücksichtigung gewisser Regeln gefährlich oder unmöglich ist. Unter dieser Voraussetzung des guten Willens ist die Kunst des guten und richtigen Fahrens in wenigen Worten ausgedrückt. Moderne Strassengesetze prägten mit grossem Verständnis den Grundsatz, dass die Schnelligkeit ein relativer Begriff sei, aber den Verhältnissen angepasst werden müsse, und so gross sein dürfe, dass der Fahrer die Gewalt über seinen Wagen nicht verliert. Jeder Fahrer sollte ganz genau wissen, wie lange dies der Fall ist; durch einfache Beachtung dieser Regel könnten die meisten Unfälle vermieden werden. Die ganze übrige Verkehrswissenschaft resümiert sich in wenigen Grundzügen: 1. Bei jedem Hindernis und jeder Strassenkreuzung muss die Schnelligkeit herabgemin" dert werden; der von der Seitenstrasse einbiegende Wagen hat anzuhalten. 2. Die rechte Strassenseite ist ausschliesslich zu benutzen; die Mitte und die linke Seite sind nur zum Ueberholen da. 3. Die freie Hand ist das einzige zuverlässige Signal für den andern Fahrer; deren Verwendung ist für jedes Manöver des eigenen Wagens notwendig. Der Winker ist ein gutgemeinter Ersatz, der jedoch im praktischen Verkehr nichts taugt, und ebenso wie die Hupe im allgemeinen blosse Entschuldigung für unvorsichtiges Manövrieren darstellt. Wir haben sehr schwere Unfälle gesehen, wo sich zwei Wagen an Kreuzungen gegenseitig gewinkt und angehupt haben, um — nach Erledigung der Händen sah er des Mädchens fernes, fremd verklärtes Gesicht, und mit jedem Schritt fühlte er, wie eine dunkle Wurzel sich tiefer und tiefer in sein Herz senkte, seine Kraft zerspaltend und mit einem bitteren Geschmack es lanzsam erfüllend. Er verbarg es vor sich, aber in der früh fallenden Dämmerung, als er schon die Egge hinter sich her zog, wusste er, dass das Schwere in ihm sass, aus dem heraus seine zweiten Augen sich aufzutun pflegten, um ein Gesicht zu sehen, das nicht da war. Plötzlich sich schüttelnd wie ein Tier, das aus irgendeiner Tiefe taucht, blieb er stehen, hob den Kopf und richtete die Augen in den Schatten des Waldes. Aber nichts war zu sehen als schwankendes Geäst, finstere Stämme und ein zerrissener Himmel, aus dessen Spalte ein gelbliches Licht kalt und böse fiel. Er sah eine Weile hinaus, schüttelte das schwere Haupt und schritt dann ruhig bis an das Ende seiner Arbeit, wobei er, jedesmal wenn er sich wendete, das rötliche Licht aus dem Fenster seines Hauses immer tröstlicher in 'das zunehmende Dunkel wachsen sah. Als er den Wagen in den Schuppen zog, fielen die ersten Tropfen, und er blieb noch vor der Schwelle stehen und sah mit müden Augen den Regen auf die Körner fallen und dachte, dass es gut gewesen sei, zu säen vor der neuen Sintflut. Niemand sass am Herde. «Es wächst», sagte er leise, als er in das Lampenlicht trat. Seine Glieder schmerzten, aber er öffnete immer von neuem die schweren Lider. Dunkel erfüllte die Kammer, und er sass aufrecht auf seinem Lager und blickte in das Gestaltlose hinein. Der Regen rauschte auf das niedrige Dach, und jeder Tropfen, der in die Regentonne fiel, teilte die Zeit mit einem hellen, mechanischen Ton. Es klang wie eine Uhr, deren Zeiger rückte, gleichmütig, aber unerbittlich. Es kam jemand, Jürgen sah ihn nicht, aber er fühlte, dass irgendwo die Nacht sich zerteilte, der Regen sich spal-