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E_1934_Zeitung_Nr.096

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BERN, Dienstag, 27. November 1934 Nummer 20 Cts. 30. Jahrgang - N° 9 ERSTE SCHWEIZERISCHE AUTOMOBIL-ZEITUNG Zentralblatt für die schweizerischen Automobil- und Verkehrsinteressen ABONNEMENTS-PREISE: Erscheint jeden Dlenstna und Freitag Monatlich „Gelbe Liste" Ausgabe A (ohne Versicherung) halbjährlich Kr. 5.—, Jährlich Fr. 10.— REDAKTION u. ADMINISTRATION: Breitcnrainstr. 97, Bern Ausgabe B (mit Unfallversicherung) vierteljährlich Fr. 7.50, jahrlich Fr. 30.— Telephon 28.222 Telegramm-Adresse: Autorevue, Bern Automobilistische Streiflichter Von einem in der ausländischen Automobil- Industrie tätigen Schweizer, der in den letzten Jahren praktisch alle Automobilmärkte der Welt bereist hat, erhalten wir die nachfolgende beachtliche Studie, die manches Problem unter einem neuen Gesichtswinkel erseheinen lässt: Wer heute durch die Welt fährt, kann in jedem Land, an jedem Tag, das Wort der Amerikaner bestätigen, dass das Motorfahrzeug die Welt auf Räder gestellt hat. Man hat oft gesagt, das Auto habe die Zivilisation rascher entwickeln lassen, neue Erdteile erschlossen, die Völker einander näher gebracht; der Lebensstandard der ganzen Welt ist gehoben worden, der Güterumlauf beschleunigt, grosser National reich - tum geschaffen. Wieder einmal stehen wir unter dem Eindruck des Salons und der Olympia, und wir ^lochten feststellen, dass das Ausmass dierser Erscheinungen nach einem kurzen Unterbruch wieder in voller Weiterentwicklung begriffen sei. In unserer Genugtuung über das glänzende Bild einer Industrie, die, aus kaum einem halben Dutzend Länder stammend, verantwortlich ist für diese Entwicklung, fällt es schwer, sich loszulösen, in die Produktionsstätten dieser Maschinenwunder hineinzuleuchten, deren Lebensbedingungen zu untersuchen, und mit einem skeptischen Blick in die Zukunft abzuschliessen. Infolge der unerhörten Entwicklung der letzten 30 Jahre haben wir uns in eine Situation hineingefahren, die weder für das autofahrende Individuum noch für die Industrie noch für den Wirtschaftsstaat gesund sein kann. Für den Durchschnittsmenschen ist heute das praktische Leben unmöglich ohne das Auto: das moderne Staatsbudget -Jst undenkbar ohne die Einnahmequellen, die ^•Vutoproduktion und -Betrieb erschliessen. Zwischen diesen zwei gegensätzlichen Tendenzen der Nachfrage und Prohibitivmassnahmen kämpft aber heute eine Industrie um Probleme, die die natürlichen Folgen der neuen Transportmethoden sind, die jedoch beim Staat gar kein Verständnis gefunden haben, und deren weitere Vernachlässigung den Fortschritt in höchstem Masse gefährden kann. In Tat und Wahrheit ist der Grossteil der Autoindustrie in Europa und Amerika noch alles andere a's über die kritische Situation der letzten Jahre hinweg. Die Ursachen, die für die Zukunft ausschlaggebend sind, liegen nicht in Konjunkturschwankungen, sondern Die Magd des Jürgen Doskocil. Roman von Ernst Wlechert. Copyright by Albert Langen-Georg Müller, München. (6. Fortsetzung.) Er Hess die Hand in der kühlen Tiefe, und er erinnerte sich der Nacht, in der er vor dem Grabe gekniet hatte, um Ring und Tuch für die Tote zu opiern. «Jesus Christus helfe dir mit seinem Blute», sprach er lautlos zur Erde hinab, aber die unmutigen Falten in dem Gesicht der Toten, die vor seinen Augen aufstanden, verwandelten sich in das feine Wurzelgeflecht der Haferhalme, die hier wachsen sollten, und wiewohl seine Gedanken langsame und schwere Wege gingen, war es ihm, als tausche sich durch seine Hand das Blut der Erde mit dem seines Herzens und als verwandle auf diesem Wege der Tod sich in das Leben. Er kam noch einmal mit Marte wieder, als nur noch das Abendrot über dem Moor ein rötliches Licht auf seine neue Erde warf. Er umschritt mit ihr die Lichtung und deutete dann einmal mit der Hand auf den dunklen Boden, über dem schon der Tau lag. «Brot», sagte er. «Unser täglich Brot...» Erst während sie zurückgingen, erzählte in der mangelnden Anpassung aller drei Beteiligten, Autofahrer, Staat, und nicht zuletzt auch Industrie selbst, an diese wunderbarste Entwicklung des modernen Lebens. Es ist eine Existenzbedingung der Industrie, dass diese drei Faktoren endlich zusammengehen, durch Einsicht und Konzessionen eine Lösung der dringendsten Probleme erstreben, statt, wie es bisher auf der ganzen Linie, in den meisten uns naheliegenden Ländern der Fall war, sich gegenseitig zu bekämpfen. Die Automoblllndustrle. Die Automobilindustrie ist infolge und seit dem Weltkrieg sowohl beim Staat wie beim Volk im Vordergrund des Interesses gestanden. Es ist richtig, dass diese Industrie als erste eine derartige Aktivität, Initiative und Freude am Fortschritt entwickelt hat, dass man ihre Leistungen ruhig als Vorläufer besserer Zeiten bezeichnen kann. Das Spiegelbild dieser Popularität geben uns alljährlich eine Anzahl farbenfroher Ausstellungen., die auf grossen Wohlstand beim Produzenten wie beim Konsumenten schliessen lassen könnten. Wenn die vergangenen Jahre der Salon unter dem Zeichen der Oekonomie stand, spricht man dies Jahr wieder von der Abkehr vom Alten, vom Salon des Fortschritts. Fabrizieren und verkaufen sind aber bekanntlich zwei recht verschiedene Dinge, und es scheint, dass trotz des gross^n Interesses in der nächsten Zukunft die Resultate zum mindesten nicht besser wie in der letzten Vergangenheit sein werden. Woher kommt dies ? Es würde uns nicht weiter bringen, im Rahmen einer kurzen Untersuchung diejenigen Fehler, die allgemein bekannt sind, neuerdings aufzuzählen, Was not tut. ist ein Systemwechsel zum Zweck des besseren Verständnisses zwischen Fabrikant. Käufer und Staat, -und dafür haben sich mit schweren Oofern grundsätzliche Leitlinien herauskristallisiert, die ernste Beachtung verlangen. Wir stehen nicht an. als erster Punkt vom Unfug des grossen Salons zu sprechen. Macht sich der Laie einen richtigen Begriff davon, was es für eine Fabrik an Laboratoriumsversuchen, Vorbereitungsmanövern, neue Investitionen und Publizitätskosten bedeutet, jedes Jahr mindestens ein neues Modell herauszubringen ? Wenn auch der Autokäufer bisher von der seit Jahren fortschreitenden Herabsetzung des Preisniveaus zu Ungunsten des Aktionärs profitiert hat, hat I er es der Reihe nach. «Und alles du selbst?» fragte sie sorgenvoll. «Mit deinen Händen?» Er lächelte. «Mit den Schultern», erwiderte er. «Die schmalen für das Glück und die breiten für das Brot.» Von diesem Abend ab erfüllte sich täglich nach Sonnenuntergang die wüste Lichtung mit einem verschwiegenen Leben. Auf dem Findling in «der Mitte, den Jürgen Hegen zu lassen beschlossen hatte, «weil die Unterirdischen des Waldes unter ihnen wohnten», sass der Verwachsene, die langen Arme um die heraufgezogenen Knie gefaltet, und sah zu, wie in dem weisslichen Licht der hohen Nächte die riesige Gestalt des Fischers sich auf die Steine oder die tiefen Fichtenwurzeln warf. Sein Schatten, breit und kurz, war wie der Schatten eines Bären, und nichts war von seiner Arbeit zu vernehmen als der dumpfe Atem seiner Brust und ab und zu der helle Klang, mit der die Brechstange vom Stein glitt, oder das Knirschen, mit dem eine Wurzel sich aus der Erde riss. Zuerst war es so, dass der Verwachsene mit schmerzenden Augen in das Dämmerlicht starrte, ohnmächtig vor dem Bild der Kraft, die vor ihm die Erde aufriss, so sehr ein Zeuge des Werkes, dass seine schwachen Arme bei jeder Bewegung schmerzten, mit der er unter Jürgens Händen den Stein sich heben, den Baumstumpf sich lockern sah. Aber dann begann seine Seele hinter den er doch zu guter Letzt die Kosten dafür zu bezahlen. Was hat der Autobesitzer ferner davon, dass sein Wagen bereits nach einem Jahr veraltet ist? Der Händler, der Grundpfeiler eines gesunden Autogeschäftes, bleibt mit grossen Lagern von Wagen und Ersatzteilen sitzen. Die Industrie selbst zwingt sich gegenseitig, alle von der Konkurrenz erfundenen neuen Tendenzen mitzumachen. In der Tat befindet sich eine Autofabrik 6 Monate finsteren Augen sich doch unaufhaltsam mit dem zu erfüllen, was ausser ihm war: mit den schwarzen Umrisslinien der Wipfel und INSERTIONS-PREIS: nie achtRespaltene 2 mm hohe Grundzeit oder deren Raum 45 Ct». für die Schweiz; für Anzeigen aus dem Ausland tiOCts. Grössere Inserate nach Seitentaril. Insrrntenjcbluss 4 Tage vor Erscheinen der Nummern vom Arbeitsjahr in Umstellung begriffen. Der Salon ist eine Tradition; die Richtung des zukünftigen Geschäftes wird jedoch sein Wegfallen in der heutigen Form nicht beeinflussen. Zweifellos müssen wir an diese Feststellung im Namen der Industrie die Notwendigkeit des technischen Fortschrittes anschliessen. Dies ist wichtig geworden, seit die üblichen Verkaufsargumente und Preisunterbietungen im Konkurrenzkampf nicht mehr ausreichen. Man liest alljährlich, dass das Motorfahrzeug für den praktischen Gebrauch vollkommen ist. Unzählige Neuerungen sorgten für weitere Verbesserungen der Vollkommenheit. Dann kamen die.grossen Probleme von 4-, 6-, 8- oder Multizylinder; ein Jahr lang mussten wir den Freilauf über uns ergehen lassen, alles begleitet von ständiger Erhöhung der Geschwindigkeit. Erst jetzt kommen aber die richtigen Umwälzungen : Chassis und Karosserie taugen nichts mehr; einige Ideale aus der Geschwindigkeitstheorie ringen nach einer Methode der Zusammensetzung zu einem Auto. Die Transmission kommt nach vorn, der Motor nach hinten, d'e Karosserie darf nur aeordynamisch sein Der Passagier darf nur noch konfortabei zwischen den Achsen sitzen; alle menschlichen Bewegunsren müssen durch Automaten ersetzt werden Fortschritt ist die Losung; was das Endprodukt sein wird, werden die Konstrukteure bestimmen. Während die Europäer konstruktiv ausserordentlich fruchtbar arbeiten, zum Teil neue Ideen auf eine einzige Karte setzen sind dte Amerikaner recht ruhig bei Fabrikation und Verkauf tätig; vie'es ist dort bereits ausprobiert und abgelegt worden; die Stromlinienkarosserie konnte man bereits vor zwei Jahren am New Yorker Salon sehen; viel mehr ist seither nicht herauseekommen. Fragen Sie einmal einen Automobilisten, der von einer grossen internationalen Tour zurückkommt, über seine Erfahrungen. Man wird keinen finden, der an mangelnder Schnelligkeit gelitten hat. Hingegen wird er sagen ; das Steigungsvermögen dürfte besser sein, ebenso die Wendefähigkeit: die Maschine hat zu wenig Platz für Gepäck, viel zu wenig Sicht in den neuen Karosserien, schlechte Einsteigmöglichkeit. Verkaufstechnisch am wichtigsten ist schliesslich ein Punkt, den wir als Programmlosigkeit in der Fabrikation bezeichnen möchten. Die Fabriken bewegen sich seit Jahren in einem Circulus viciosus, der eine reelle Preispolitik unmöglicht macht. Der Notwendigkeit der Zeit gehorchend brachte jede Fabrik eines Tages einen kleinen Wagen heraus. Im folgenden Jahr wird der gleiche Wagen, aber verstärkt, vergrössert, verbessert, statt für 2-4 Personen, für 4-6 zu annähernd gleichem Preis geliefert. Mit andern Worten, der Kunde erhält für dasselbe Geld die Grosse und Leistung eines einer höhern Klasse angehörenden Wagens. Die Fabrik eines grossen Wagens verfolgt die umgekehrte Tendenz und nähert sich mit der Marke des teuren Wagens der Klasse des billigen. Die Folge ist die Verwischung der Klassenunterschiede die Konzentration aller Wagen in der mittleren Klasse, und ein offener Preiskrieg; für die Industrie eine Selbsttäuschung und Verdienstlosigkeit. Der grosse Leidtragende ist wiederum der Händler, der absolut desorientiert wird. Grosse Fabriken in Europa und Amerika sind in dieses Fahrwasser geraten und haben mit konsequenter Richtigkeit ihre führende Stellung verloren. Auf der andern Seite ist d'e einzige heute in der Welt in grossem Maßstab Geld verdienende Fabrik dieienige in England, die folgerichtig ihren kleinen « unschönen » Wagen seit Jahren baut und die Preise allein seit 1920 um weitere 68 % erniedrigen konnte. Der Preiskrieg ist das Grundübel des Automobilgeschäftes, und es gibt kein anderes Mittel dagegen, neben Ausschaltung aller schwachen Gesellschaften, als die Organisation der Industrie, formell oder selbstverständlich, in die überlieferten Klassen. Es gibt noch andere Punkte, die für die Industrie ebenso wichtig sind aber die Aussenstehenden weniger interessieren. Was wir von der Industrie wünschen, ist, dass sie die Motorisierung bewusst führt, nicht in einem Kampf um den Absatz ihrer Produkte um jeden Preis, , sondern im Sinne von Zweckmässigkeit praktischen Rücksichten, Erziehung des Publikums. Es ist teilweise noch zu wenig geschehen in der Vereinfachung des Chassis und des Motors, Verringerung des Gewichts zur Brennstoffersparnis. Ermöglichung einer guten Sicht des Chauffeurs, infolge der unvernünftigen Platzverschwendung durch die Dann stand Jürgen in der Höhlung, die er in die Erde gewühlt hatte, auf das Brecheisen gelehnt, und empfing die Töne, als dem roten Schein hinter ihnen, mit demspreche die dunkle, unfruchtbare Erde, die Glanz des Mondes, dessen Scheibe lautlos er aufbrach, mit ersten, verworrenen Lauten über die Wälder stieg, mit dem Klagelaut zu ihm, wie das Wasser zu ihm sprach oder der Vögel, die hoch über dem Wasser nach der Wind. Denn das Leben endete ihm nicht ihresgleichen riefen, mit dem bitteren Duft der Erlen und des Schilfes, deren Blätter im Nachttau atmend sich öffneten. Und dann streckte er die Hand nach der Schalmei von Birkenrinde aus, hob sie an die Lippen und begann eine jener langsam fallenden Weisen aus ihr zu erwecken, mit denen er von den Hügeln über der Herde das Echo zu rufen pflegte, dass es ihn seines Daseins vergewissere und des Widerklanges, den die Menschen ihm versagten. Bald klang es wie ein Vogel im dunkelnden Geäst, bald glich es dem Klageruf eines Kindes in einem einsamen Haus, und bald war es nichts anderes als der Gang des Windes über Schilf und Gras und der Fall von Tropfen im verschleierten Wald. Aber es war dem Zorn wie dem Schmerz gleich weit entglitten und schon wie ein einsames Sprechen vor dem Schlaf, und hob sich nicht wie ein Fremdes unter das Mondlicht, sondern war wie das Tönen des Steins, auf dem er sass, sehr alt und sehr heilig, und kein Tier des Waldes würde erschreckt den Gang angehalten haben vor seinem Lied. mit dem atmenden Menschengesicht, und vor seinen schweren Augen standen nicht nur die Toten auf, sondern da waren Gesichter der Steine und Gesichter der Tiere, und eine sanfte Dämmerung umhüllte alles Geschaffene, weil nur das Ungeschaffene leblos war. Einmal, als sie nach ihrem Werk beieinander sassen, auf dem Stein, der wie der Sitz von alten Göttern war, sahen sie ein dunkles Tier am Rand der Lichtung lautlos stehen. Die Hand des Verwachsenen presste sich um Jürgens Arm, und sie fühlten beide, wie ein kühler Windhauch im Laube aufstand, über sie hinglitt und hinter ihnen erstarb. Eine Wolke schob sich langsam über den Mond, begrub und erstickte ihn und verlöschte das bläuliche, tröstende Licht. Und nachher war der Rand der Lichtung wie ehedem, und das Laub hing regungslos vor dem glühenden Licht. «Ein Wolf? War das ein Wolf?» flüsterte Heini. Aber Jürgen schüttelte den Kopf. «Sie fühlen, dass ich grabe», sagte er. «Die Erde