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E_1935_Zeitung_Nr.002

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BERN, Dienstag, S.Januar 1935 Nummer 20 Rp, 31. Jahrgang - N° 2 ERSTE SCHWEIZERISCHE AUTOMOBIL-ZEITUNG Zentralblatt für die schweizerischen Automobil- und Verkehrsinteressen ABONNEMENTS-PBEISE: Ausgabe A (ohne Versicherung) halbjährlich Fr. 5.-, jährlich Fr. 10.— Ausland mit Portozuscnlag, wenn nicht postamtlich abonniert Ausgabe B (mit gew. Uniallversich.) vierteljährlich Fr. 7.50 Ausgabe C (mit Insassenversicherung) vierteljährlich Fr. 7.50 Ordnung auf der Strasse Zu diesem Thema äussort sich im nachfolgenden Herr J. Frigg, Präsident der Ortsgruppe Chur des T. C. S. Wir überlassen ihm gerne das Wort, ohne vorläufig zu seinen Vorschlägen selbst Stellung zu nehmen: Die am 12./13. Oktober a.c. in Sitten stattgefundene Konferenz der kantonalen Justizund Polizeidirektoren hat mit Bezug auf die Frage der Bekämpfung der Verkehrsunfälle in einer der Presse übergebenen Resolution die Meinung zum Ausdruck gebracht, dass durch eine schärfere Handhabung der Vorschriften zur Gewährleistung der Verkehrssicherheit, durch eine Verstärkung der Strassenpolizei in allen Kantonen, durch vermehrten Entzug des Führerausweises und eventuell durch Wiedereinführung von zahlenmässigen Höchstgeschwindigkeiten eine wesentliche Verminderung der jährlich auf ca. 10,000 sich belaufenden Unfälle im Strassenverkehr (wovon ca. 500 mit tötlichem Ausgang) erreicht werden müsse. Es ist ohne weiteres klar, dass die erschreckend hohe Zahl der Unfälle im Strassenverkehr und das schwere Leid, welches dadurch in die Reihen der Angehörigen der Verunfallten getragen wird, zu einer solchen Willensäusserung der Behörden führen musste und dass kein Mittel beiseite gelassen werden darf, welches geeignet wäre, eine Verminderung der Unfälle herbeizuführen. Die in der Resolution vorgeschlagenen Masstiahmen, ausgenommen die vorgesehene Wiedereinführung der zahlenmässigen Höchstgeschwindigkeiten, würden zweifellos eine wesentliche ' Verminderung der Verkehrsunfälle zur Folge haben. Für die Wiedereinführung der gesetzlich vorgeschriebenen Höchstgeschwindigkeiten scheint m. E. keine Begründung vorzuliegen. Eine Frage an die Resolutionäre : Hat man versucht, die wirklichen Ursachen der grossen Zahl der Unfälle näher zu ergründen ? Man kann leider tagtäglich die Beobachtung machen, dass trotz der vielen seitens der Behörden und Verbände erlassenen Mahnungen und Warnungen, die bestehenden Verkehrsvorschriften von einem grossen Teil der Strassenbenützer einfach nicht beachtet werden. Dieses disziplinlose Verhalten, das übrigens allen Strassenbenützern zur Last gelegt werden muss. ist zum Teil auf Unachtsamkeit, zum grossen Teil aber auf völlige Unkenntnis der einschlägigen Vorschriften zurückzuführen. Es dürfte hinsichtlich der Aufklärung aller Strassenbenützer über F E U I L L E T O N Die Magd des Jürgen Doskocil. Roman von Ernst Wiechert. Copyright by Albert Langen-Georg Müller, München. (16. Fortsetzung.) Es nahm ihm viel von seinem Schlaf, dass sie «Du» gesagt hatte, und wieder begannen seine Gedanken zu wandern, um eine dunkle Gefahr, an der er vorüberwollte, aber die sich immer wendete und in seine Augen sah, wie der Kopf einer Kreuzotter sich immer wendet, auch wenn man ihr in den Nacken zu kommen versucht. Auf den Aeckern um die beiden Dörfer konnte nicht gesät werden. Bis in den Mai hinein sass der Frost im Boden, und darnach versanken die Pferde bis zu den Knien im Acker. Und als sie Ende Mai die Saat auszuwerfen begannen, geschah es unter Gelächter und allerhand Narrenspiel, das von Feld zu Feld und von Gespann zu Gespann ging. Aber das Gelächter war bitter, und inmitten eines Narrenspiels griffen zwei Kätner zum Forkenstiel und mussten beide von ihren Angehörigen vom Felde getragen werden. «Im Herbst kommen die Papiere», sagten sie, wenn sie abends vor ihren Haustüren sassen, Erscheint jeden Dienstag und Freitag INSERTIONS-PREIS: Wöchentliche Beilage „Auller-Felerabend". 6—8 mal jährlich „Gelbe Liste" Die achfgespaltene 2 mm hohe Grundzeile oder deren Raum 45 Rp. REDAKTION u. ADMINISTRATION: Breitcnrainstr. 97, Bern Grössere Inserate nach Spezialtarif. Telephon 28.222 - Postcheck III414 - Telegramm-Adresse: Autorevue, Bern Inseratenschluss 4 Tage TOI Erscheinen der Nummern die Verkehrsvorschriften und über das Verhalten im Strassenverkehr im allgemeinen seitens der massgebenden Behörden entschieden mehr getan werden. Das Gesetz sieht vor, dass sich der Motorfahrzeugführer jederzeit und hauptsächlich bei der Führerprüfung über die Kenntnis der Verkehrsvorschriften ausweisen muss. Der Radfahrer erhält bei der Vorführung seines Fahrrades einen Kontrollschild und einen Ausweis über die bezahlte Taxe, aber eine Orientierung über das Verhalten auf der Strasse und über die auch ihn berührenden Verkehrsvorschriften wird in den meisten Kantonen nicht gegeben. Daher rührt anscheinend die geringe Fahrdisziplin sehr vieler Radfahrer. Aehnlich verhält es sich beim Fuhrmann und beim Fussgänger, bei denen durchwegs die Auffassung vorhanden zu sein scheint, das eidg. Verkehrsgesetz habe nur für die Motorfahrzeugführer Bedeutung. Ein weiterer Grund des jetzigen unhaltbaren Zustandes ist die wenig konsequente Haltung der für die Ordnung auf der Strasse zuständigen Polizei. Warum duldet sie, dasi fahrlässige Motorfahrzeugführer unübersichtliche Kurven schneiden, an Kreuzungen das Tempo nicht massigen, in allen Situationen die Vorfahrt zu erzwingen versuchen, dem von rechts Kommenden nicht Vortritt lassen usw. ? Warum duldet sie, dass disziplinlose Radfahrer freihändig, oder mit allen- mög'-' liehen Utensilien beladen (Leitern, Sensen usw.), oft sogar in Reihen nebeneinander, in vielen Fällen überhaupt ohne Beachtung der Ve'rkehrsvorschriften (Zeichengeben usw.) auf der Strasse verkehren ? Fuhrleute können unbehindert von der Polizei mit ihren Fuhren die Strassenmitte für sich in Anspruch nehmen. Warum beschränken sich die Polizeiorgane darauf, für die Verkehrssicherheit weniger belangreiche Übertretungen der Vorschriften, wie das Fehlen von Ausweispapieren, unrichtiges Parkieren usw. zu ahnden, statt sich in erster Linie mit der eigentlichen Verkehrsregelung und der Hebung der Verkehrssicherheit zu befassen ? Man erhält tatsächlich den Eindruck, dass in manchen Kantonen die Verkehrspolizeiorgane ihre Aufgabe gar nicht richtig erfasst haben oder mangels ungenügender Ausbildung gar nicht in der Lage sind, an Hand der bestehenden Vorschriften für eine richtige Verkehrsregelung zu sorgen. Auf alle Fälle ist neben der postulierten Vermehrung der Strassenpolizei eine, zweckentsprechen- «dann hat das ein Ende hier, dies verfluchte Land.» Wenn Jürgen einen von ihnen mit der Fähre über den Strom setzte, war ein finsteres Schweigen während der ganzen Fahrt, und die Münzen wurden auf den Fährbord gelegt statt in seine Hand. Nur die Jungen waren anders, halfen ihm beim Uebersetzen, fragten nach Strom und Fischfang und blieben am Ufer noch eine Weile stehen, an einem Zweige zupfend oder mit dem Stock in der Erde bohrend, als bedrücke sie noch etwas, ein gemeinsames Geheimnis oder eine gemeinsame Pflicht, aber Jürgen fragte nicht, und so gingen sie mit einem unbeholfenen Wort davon. Mit dem ersten Gras auf den spärlichen Weiden kam Heini zu seinem Hirtenamt zurück, der den Winter über bei Verwandten seiner Mutter in der Stadt gewesen war. Schustersleute, bei denen er Mädchen, Laufjunge, Kinderfrau und der Schemel war, auf den sie abstellten, wozu sie sonst keinen Raum hatten: Last, Zorn, Hohn, Schmutz und Abfälle. Er ist noch verkrümmter geworden, und seine langen, schmalen Hände sehen aus, als hätten sie den Winter über in der Erde gelegen. Er betrachtet Marte misstrauisch, und jedes Wort, das Jürgen an sie richtet, scheucht ihn tief zurück in die Höhle seiner de, einheitliche Ausbildung derselben eine dringende Notwendigkeit. Es sollte dem eidg. Justiz--und Polizeidepartement möglich sein oder ermöglicht werden, mit Hilfe der Kantone und mit Unterstützung seitens der interessierten Verbände während der verkehrsarmen Winterszeit mehrwöchentldche Instruktionskurse resp. eine eidg. Schule für Verkehrspolizisten ins Leben zu rufen, aus welcher tüchtige, allen Aufgaben gewachsene und vor allem einheitlich ausgebildete Funktionäre hervorgehen würden. Funktionäre, die in erster Linie über eine hervorragende Fahrtechnik verfügten und infolgedessen befähigt wären, durch praktische und theoretische Aufklärung den Fahrzeuglenkern vor Augen zu führen, in welch grosser Gefahr sie selbst und die übrigen Strassenbenützer bei vorschriftswidrigem Verhalten ständig schweben. Die genossene Spezialausbildung befähigte sie jederzeit einwandfrei Kontrollen über den betriebssicheren Zustand der im Verkehr stehenden Fahrzeuge auszuüben. Es gebricht an Verkehrsinspektoren und nicht an Bussenpolizei. Zweifellos würde eine Anzahl solcher, nach einheitlichen Grundsätzen geschulter sogenannter Verkehrsinstruktoren, ausgerüstet Mahnutig für jedes unkorrekte Verhalten im Verkehr auf der Strasse seitens der Motorfahrer würde an einer bestimmten Stelle im Führerausweis eingetragen. Wenn nun der nächste Kontrollposten, ungeachtet dessen, ob er im Kanton Bern, Zürich oder Graubünden stationiert ist, wieder ein gleichartiges Vergehen wahrnimmt, dann soll dieses Vergehen mit aller Strenge geahndet werden. Die Eignungskontrolle könnte übrigens bei einem eingetretenen Unfall in der Hinsicht gute Dienste leisten, indem sie über das frühere Verhalten im Strassenverkehr eines am Unfall Beteiligten unter Umständen wertvolle Aufschlüsse geben könnte. Ich bin der Ueberzeugung, die nötige Disziplin auf der Strasse wäre bald hergestellt, sobald alle Strassenbenützer die Gewissheit hätten, dass eine schneidige, gutausgebildete Strassenpolizei nicht nur die Ausweispapiere, sondern auch die Fahrweise zu jeder Zeit, unverhofft und wo es auch sei, kontrolliert. Es braucht dazu bestimmt nur verhältnismässig wenig, aber tüchtige und vor allem für diesen schweren Dienst besonders und einheitlich geschulte Kräfte. Auf einen Punkt ist noch hinzuweisen, der die Sicherheit hauptsächlich des Stadtverkehrs ganz wesentlich fördern würde. Es mit den nötigen Kontrollapparaten und Motorfahrzeugen sicherlich Ordnung in das von Einbahnstrassen und ferner um das handelt sich um die vermehrte Einführung Anbringen von Fussgängersehutzstreifen für das Ueberqueren von Strassen und Plätzen und eventuell auch das Absperren gewisser Stellen des Trottoirs gegen die Fahrbahn mit Ketten. Diese Massnahmen würden wenig Kosten verursachen und ; viel zu einer guten Verkehrsabwicklung beitragen. Selbstverständlich aber nur dann, wenn sich einerseits der Fahrzeuglenker zur Pflicht macht; diese gebührend zu beachten, d.h. dass er z. B. in der Nähe von Fussgängerschutzstreifen das Tempo stark vermindert usw., und anderseits der Fussgänger die Fahrbahn nur an der für ihn besonders bezeichneten Stelle überquert und dass eben die Polizei ein wachsames Auge auf diese Regelung hat und Fehlbare mit aller Schärfe ahndet. Fahrunterricht nur durch staatlich konzessionierte Fahrlehrer. jetzige Chaos auf der Strasse bringen. In den Polizeikorps der .Kantono sind genügend tüeMge^L^u'te vorhanden, die sich sehr gut für. diese Aufgabe eignen würden. Eine wesentliche Verstärkung der Polizeikorps der Kantone könnte unter Umständen wohl vermieden werden. Die Kantone werden angesichts der überall erforderlichen Sparmassnahmen gegenwärtig kaum für die Schaffung weiterer Polizeistellen zu haben sein, dagegen sollte die Finanzierung eines Instruktorenkurses, der Ausrüstung der Kontrollorgane mit Kontrollapparaten und Motorfahrzeugen und eventuell einer besondern Uniformierung, seitens des Bundes, der Kantone und der interessierten Verbände möglich sein. Eine Betätigung der Verbände in dieser Richtung wäre jedenfalls zweckmässiger als eine selbständige Aktion, die infolge Fehlens polizeilicher Befugnisse kaum wirksam werden könnte. Die Einführung einer Kontrolle über die Fahrereignung, d. h. der Vormerk eventueller Vergehen gegen die Vorschriften im Führerausweis usw., wäre in mancher Hinsicht sehr zweckdienlich. Es könnte dabei ungefähr folgendermassen vorgegangen werden : Die erste Krüppeleinsamkeit. Jürgen weiss nichts davon, aber Marte fasst einmal, als der Fischer hinausgeht, mit der Faust in sein Haar, schüttelt seinen Kopf, beugt sich dicht über ihn, und sagt mit strahlenden Augen: «Beide dürfen wir ihn lieb haben, nicht wahr?» Sein gefaltetes Gesicht wird ganz weiss. Zuerst will er seinen Kopf befreien, dann hält er ganz still und dann, als sie losgelassen hat, geht er leise aus der Tür und kommt drei Tage nicht wieder. Und dann ist er demütig und gehorsam und treu wie ein gerettetes Tier. Sie pflügen wieder beide, oder sie fischen zusammen, und an den langen Abenden, wenn er die Herde in das Dorf zurückgetrieben hat, sitzen sie am Strom, sehen die Sterne aufziehen, hören den Reiher über dem Schilf schreien, die Rohrdommel am See, den Regenpfeifer über dem Moor, sprechen wenig und haben Feierabend in ihrer Seele. Manchmal sitzt Marte bei ihnen, die Hände um die Knie geschlungen, manchmal hören sie sie im Hause leise singen, ein schwermütiges Lied, das langsam und tief wie ein dunkler Vogel über die Wiesen geht. Manchmal erzählt Heini von der Stadt und seinem Leben bei den Schustersleuten. «Wie die Bremsen waren sie», sagt er. «Mann, Frau und die Kinder. Aber die Frau war die schlimmste. Er schlug nur oder Es bleibt noch die Frage zu erwähnen, ob seitens des eidg. Justiz- und Polizeidepartementes nicht eine Verordnung erlassen werden könnte, die vorschreiben würde, dass angehenden Motorfahrzeugführern nur durch Fahrlehrer Unterricht erteilt werden darf, die im Besitze eines sogenannten Fahrlehrerpatentes sind. Das Patent könnte nach Absolvierung brüllte oder warf mit Stiefeln. Aber sie stach und Hess den Stachel drin. Die Kinder waren wie die Teufel, und wönn ich mich gewehrt hatte, verklagten sie mich und ich musste abbitten. Das Jüngste war vier Jahre, ein Gesicht wie eine Kellerassel. Vor dem musste ich hinknien und abbitten. Zuerst wollte ich nicht. Da wartete sie, bis er betrunken nach Hause kam. Da band er mich fest und schlug mit dem Riemen.» Jürgen stöhnt vor Leiden. «Weshalb liefst du nicht fort ?» «Wohin ? Zu Hause hätten sie mich verbrüht ... wer nimmt einen Krüppel ? Einmal, ja, da wollte ich sie umbringen, alle zusammen, aber zuerst die Frau...» «Heini !» «Ja, das wollte ich. Ich hatte eine Ahle aus der Werkstatt genommen. Sie ist scharf und reicht bis ins Herz. Ich ging in ihre Kammer und stand so lange im Dunkeln, bis ich alles erkennen konnte. Sie atmeten wie die Wölfe, und ich wusste, dass sie von mir träumten und was sie am nächsten Tag mit mir anstellen konnten. Es tat' mir nicht leid. Gar nicht. Dann ging ich zu dem Bett, wo sie beide schliefen. Er lag an der Wand und roch nach Schnaps, aber sie lag vorn, ganz bequem. Ich bückte mich ganz tief, bis ich alles sah... ja, und dann konnte ich es nicht mehr. Ihr Hemd war zerrissen, sie hatten alle