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E_1934_Zeitung_Nr.102

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10 AUTOMOBIL-REVUE

10 AUTOMOBIL-REVUE 1934 - N» 102 ist selbst wie verzaubert von diesem werdenden Christbaum in der Waldeinsamkeit. Nun ist das Werk vollendet. Die Kinder schauen auf das Wunder und der Jubel bricht aus ihren Herzen freie Bahn. Da besinnt sich Johanna, dass in der Weihnacht nicht Freude allein sich gezieme. «Stille Nacht, — heilige Nacht», beginnt sie mit klarer Stimme zu singen, — «alles schläft, einsam wacht», fallen die Geschwister ein. Da klingt in den Sopran der Kinder eine tiefe Männerstimme, erst leise, von weither, dann stärker werdend, schliesslich mit mächtigem Bass die jugendlichen Stimmen überschattend, als sänge Gottvater vom Himmel herab das Lied mit. Eins nach dem andern aber merken die Kinder, dass der Sänger kein anderer ist als der Förster. Jetzt steht er hinter ihnen. Die kleinen Herzen stocken, der Gesang wird dünner. Aber sie haben das Gefühl, als könne ihnen der Förster nichts anhaben, solange sie das heilige Lied singen. Mit raschen Schritten hastet die Mutter ihrem Hause zu. In ihrem Geldtäschchen finden sich nur wenige Münzen, gerade genug für einen Tannenzweig, an dem zwei vergoldete Zapfen hängen. Ehe sie die Klinke niederdrückt, verbirgt sie den Zweig hinter dem Rücken, und mit einem erzwungenen Lächeln tritt sie ein. In der Stube ist es dunkel und kalt. Angst fällt sie an. «Johanna», «Peter», — «Martha» ! Nichts regt sich. Sie stürzt in die Gasse zurück. Draussen ist es menschenleer. Da und dort sieht man durch ein Fenster einen hellerleuchteten Baum. Sie möchte in jedes Haus eindringen und nach ihren Kindern fragen. Der Laden des Kaufmanns ist offen. Dort tritt sie ein. Freundlich gibt der Mann Auskunft; ja, vor kurzem waren alle drei hier gewesen. Einkäufe hatten sie gemacht, Einkäufe für den Christbaum. Das blasse Gesicht der Frau verfärbt sich. Ihre Kinder Einkäufe?Woher das Geld? Sie wankt hinaus, und ohne dass ihr Kopf darum weiss, tragen sie ihre Füsse den gewohnten Weg in die Villa ihres Brotherrn. Dort steht der schimmernde Christbaum auf dem Tisch, aber keiner beachtet ihn. Der Herr lehnt mit dem Feldstecher vor den Augen im Fenster, Frau und Kinder drängen sich um ihn. Kleine Lichter, Kerzenflammen vielleicht, leuchten dort aus dem Dunkel im Freien. Man bestaunt das Wunder, findet keine Erklärung dafür, Tat dies und jenes und schliesslich macht man sich auf den Weg, das Geheimnis dieses Christbaums im Walde zu ergründen. Auch die Kinder wollen dabei Ich war noch sehr klein, als an einem Wintermorgen ein Erlebnis in mich einbrach, das ich niemals vergesse. Wenn es mitunter meine Erinnerung streift, schwebt die leise Dämmerung des Flurs im Vaterhause darüber Wir wohnten bei B. in der Ansiedlung einer Zuckerfabrik. Das Haus umschloss ein grosser Garten; in dem lag zu jener Zeit der Schnee höher als heutzutage; er reichte mir bis ans Gesicht, wenn ich auf den ausgeschaufelten Wegen lief. Inmitten des Hauses war der Flur. Den erhellten zwei Oberlichtfenster im Dach durch einen hohen Schacht, und auf den Scheiben lag dick der Schnee; das Licht fiel in blauer Abtönung wieder auf den Fliesenboden. Der kühle Flur war Winters zum Aufenthalt ungeeignet. Von ihm öffneten sich mehrere Türen in die Wohnung. Dort spielten wir vor Weihnachten, meine Schwester und ich, und oft war es, als ob die Dielen hinter uns knackten. Wir fuhren herum, und St. Nikolaus duckte sich in die Vorhänge hinein. Unsere Augen gingen umher wie kleine Laternen von Ecke zu Ecke, wo eben der Schatten vom Flügel des Christkinds entlangstrich. Wenn zwischen dem leichten Pochen, das aus der Fabrik tönte, eine winzige Pause uns bewusst wurde, war sie überfüllt von Stille, darin wir das Wehen des himmlischen Hemdchens vernahmen. Hoben wir dann den Kopf war es ohne Angst. Wir blickten hinauf in den Kronleuchter, wo sich die hellen Fenster spiegelten in einer goldenen Biegung mit den bereiften Bäumen vor dem Hause und den ziehenden Wolken. So sassen wir klein auf dem Teppich und sahen aus guter Hut im Leuchter Schicksal und Natur dahinschwinden und begriffen nichts davon ausser Schimmer und Laut, Flüstern und Ahnung. Gegen Aibend fielen die Vorhänge vor die Fenster. Das Licht sprang grell aus dem Leuchter. Mutter sass mit uns, links ich, rechts meine Schwester, klein mit dem Blondzopf, der wie eine geflochtene Weidenrute abstand; Mutter erzählte dann, wie das Sterntalermädchen alles hingab den Armen, das Kleid und die Schuhe und zögernd sein letztes, das Hemd, abstreifte mitten in der Winternacht. Ich war das ältere Brüderchen, und stolz, den Tränen zu wehren, beobachtete ich das Schwesterchen, dem sein. Jedes nimmt eins seiner Geschenke mit, um die Freude am Feste auch unterwegs zu geniessen. Draussen schliessen sich Neugierige an, am Ende des Zuges geht die weinende Mutter. Da tönt es durch die Stille der Winternacht im hellen Sopran, im tiefen Bass: «Stille Nacht, heilige Nacht...> Die Mutter hat die Stimmen erkannt, ihre Tränen versiegen. Auf leisen Sohlen nähern sich alle und bleiben ergriffen hinter den Singenden stehen, die merken noch nichts; erst als eines der Kinder des Fabrikherrn zum Christbaum hinschleicht, sehen die Kleinen, dass sie nicht mehr mit dem Förster allein sind. Wenig später treten alle den Rückweg an. Der Förster hat mit eigener Hand den Christbaum abgeschnitten und trägt ihn demDorfe zu. Hinter ihm gehen die andern, und durch das Dunkel scnallt es wieder, von vielen Stimmen verstärkt: «Stille Nacht, heilige Nacht...» Weihnachts-Legende Von Heinrich Zillich. das Mitleid im Gesicht zuckte; ich rief: < Jetzt weint sie gleich! » Da plärrte das Schwesterchen herzzerreissend. Es weinte noch, als uns Mutter entkleidete, bis wir, glücklichere Sterntalerkinder, auch in eine weisse Winternacht sanken, die aber warm und süss zum Schlafe war. Des Morgens blauer Frost kam, der seine Eisblumen nachts an die Scheiben gepresst hatte. Wir hauchten sie an. Sie wurden durchsichtig, rannen aber nicht ab. Wie wir so .bemüht waren, die Hände am Fensterbrett, sahen wir einen wehenden Schleier durch das Gartentor laufen, einem Menschen gleich, doch so schnell und flatternd, dass uns der Atem stockte. Gleich darauf klingelte die Torschelle, und alle Zimmer klangen wieder in dem weiten Haus. Hintennach ging beruhigend das Schreiten des Dienstmädchens die wenigen Stufen hinal) zum Tor. Wir horchten und hörten den Schlüssel lärmen, die Eichentür ächzen — dann schrie das Mädchen auf. Mutters Stimme fiel erschreckt darein. Sie fragte, und ein Weinen klang in ihren Worten, ähnlich dem Klang, wenn Schwesterchen beim Märchenerzählen schluchzte. Wir fassten uns zitternd Hand in Hand und gingen mit Schritten, die ein anderer Wille befahl, in den Flur hinaus. Und da stand in der blauen Dämmerung auf dem Fliesenboden ein schlankes Mädchen barfuss und hatte nur ein Hemd an, von dem sich einige Schneeklümpchen ablösten. Es stand bebend in seiner Scham und bebend vom Winterwind, durch den es gelaufen war. Sein Haar fiel geöffnet und gelbsträhnig. Aus den Augen sah blau die Angst. Es gibt eine Erklärung für diesen Vorfall, so absonderlich er erscheinen mag. Ich habe nie danach geforscht Meine Mutter muss es wohl wissen, obgleich Jahrzehnte darüber gingen. Ganz dunkel glaube ich gehört zu haben, dass das Mädchen aus einem bösen Elternhause davonlief über die Felder weg aus einem der umliegenden Gehöfte und bei uns Hilfe suchte. Welches Schicksal es hinausgetrieben hatte, ob Schuld oder Bosheit anderer — ich will es nicht ergründen, so leicht es auch wäre. Es stand nun da, hob den Arm, von dem der weite Bauernhemdärmel zurückfiel, und deckte die Brust Der kühle Flur dünkte es eine warme Hülle, wenn auch sein Atem wie ein kleiner Quell sichtbar an den noch zitternden Lippen sprudelte. Aber das Mädchen schien beruhigt, ein bläulich dämmerndes Dach über sich zu wissen, die festen Wände, und die Fragen einer Frau zu hören, die aufgeregt und hilfsbereit nicht wusste, aus welcher Hand sie mehr geben konnte. Im Hintergrund standen wir zwei Kinder Hand in Hand und staunten die weisse Erscheinung in der Flurdämmerung an und die blossen Füsse, die vor einigen Augenblicken noch durch den brennenden Schnee gelaufen und davon rot waren, die roten Arme und das rote, gelbumhaarte Gesicht, worin der Mund eben die ersten Worte stammelte. Dann wurde es ein längeres Gespräch mit vielen Ausrufen. Ich verstand es nicht. Man lief davon, die Mutter, die Magd, und schleppte aus den Zimmern Schuhe, ein Kleid, einen Umhang, Strümpfe und ein Kopftuch. Wunderbar, wie es auf das weisse Mädchen niederregnete von Sterntalern in mancherlei Gestalt, wie das Mädchen plötzlich menschenähnlicher wurde mit jedem Stück, das es anzog. Mutter rief mich zu sich, ich musste einen Sack halten. Da hinein legte sie Essen, Brot und Speck, einen grossen Schnitt Fleisch und aus unerforschten Verstecken Christbaumgebäck und Zuckerwerk, das wir doch nicht hätten sehen dürfen, ehe es das Christkind an die Tanne geheftet hatte. Aber da war nichts sonderbar, wo das Wunder immer noch augenfällig, wenn auch schon bekleidet, vor uns stand, ich seinen Sack halten durfte und in dessen Tiefe blicken, darin sich die ersten Galien unter den folgenden wieder in geheimnisvolles Dämmern verloren. Dann schnürten wir den Sack zu und reichten ihn dem Mädchen. Das hob ihn unter den Ann. Seine Augen, die bisher geblickt hatten wie aus Fernen, wohin nicht jeder durch Erlebnis und Schicksal eindringt, sandten einen traurigen Dankstrahl in mich ein. Es war üiber alle Massen, dass sich in Mutters Kleidern, in dem wohlbekannten Umhang ein hergewehtes Sterntalerkind barg; dass es in raschem Besinnen einknickte und Mutters Hand küsste, dann mit roten Fingern nach mir tastete, um mir über den Schopf zu streichen, doch mitten in der Bewegung verblieb und schliesslich zu meiner Bubenhand fand und die auch zum Munde führte. Und während das Mädchen dies tat, war es gross und schattig über mich gebeugt, eine alles umarmende Wolke. Ich hörte mein Herz in den Adern dröhnen. Nichts fiel mir ein, als dass ich mir die Hand nicht hätte küssen lassen dürfen. Ohne Laut und ohne auf Mutters Gegenwehr zu achten, wandte sich das Mädchen. Ich sah es durch cf), ber ocrfd)tDinbcf bar teurer Anzug billig Ist Da gibt Ihnen der ehrlldie Fachmann, dem Me glauben können, der zu seinen Austagen steht, wenn einmal wider Erwarten etwas nicht summen sollte, die beste Garantie. Burgunderweine Prompte Bedienung COHfECTiOH Eck« ScbwetzergauQ beim LöweppUta

N» 102 - 1934 AUTOMOBIL-REVUE 11 die Flurtüre treten, die Treppe hinab und durch die Eichentürpforte hinaus in •warmen Schuhen in den Schnee. Wir standen noch starr, da rief uns Mutter ans Fenster, um von dort dem einsamen Wesen nachzuwinken. Aber dies schritt durch den Garten und blickte nicht zurück. Schritt dorthin, •wo ihm Mutter andere hilfreiche Häuser gewiesen hatte, tiefer in die Siedlung hinein. Nach Stunden sahen wir es wieder an dem Gartenzaun in das Feld schreiten. Es drehte sich unseren Fenstern zu und winkte, und nun hatten wir die Nasen platt an die Scheiben gedrückt. Seit vielen Stunden schon, seit es uns verlassen hatte, waren wir so am Fenster gewesen, hatten in die Eisblumen Loch auf Loch gehaucht, und an allen Löchern glitt es vorbei, winkend aus vielen warmen Kleidern. Ein Leuchten des Gesichts, ein blondes Schimmern einiger Flechten, und mit grossen Wellen fiel die Dämmerung aus dem Nachmittag auf das Feld und ins Haus. Ein andere« Strahlen rührte uns nach wenig Stunden an, als wir zwei, Schwesterchen und ich, Hand in Hand vor dem Kerzenbaume standen, dessen Flammen in dem Kronleuchter tausendfach zitterten. Sah man scharf in die goldene Rundung, konnte man darin die Bausteine erkennen, die auf dem Boden lagen. Ich senkte schnell den Blick, und das Schaukelpferd bäumte sich mir wild entgegen. Und als ich Reitersmann zum erstenmal aufsass, wusste ich, dass das Christkind und das Sterntalermädchen und dieser wilde Schimmel in einem blaudämmernden Zusammenhang standen, weil ich brav gebetet hatte, weil ich den Sack ruhig gehalten hatte. Da sass ich schnell ab und lief in den Flur hinaus. Aber niemand war darin, die Lampen brannten trüb, und die Luft war kühl. Ich wandte mich um und lief mitten in das strahlende Zimmer hinein. Freudig schenken — beglückt empfangen ! Schon Wochen vor Weihnachten geht das Nachdenken an: was soll — was muss — und was möchte man schenken und — geschenkt bekommen! Ja — mit gut gespicktem Geldbeutel sind alle diese schwerwiegenden Fragen leicht zu beantworten, wenn es aber sparen heisst — und wie wenige stehen jetzt nicht unter diesem drakonischen Gesetze — dann ist's gar nicht so leicht. Es wird auch nicht leichter, wenn man in den Vorweihnachtswochen an all dem Schönen und Praktischen vorübergeht, das in den Schaufenstern der Geschäfte immer darauf aufmerksam machen will: «Vergiss mich nicht — ich bin da— damit du dich daran erfreust, dir Arbeitserleichterungen schaffst und — andern Freude bringen sollstN Gerade, dass es so viel, so unendlich viel gibt, könnte verwirren — wenn man nicht bei Zeiten mit dem Ueberlegen beginnt: was darf und kann ich für "Weihnachtsgeschenke anlegen. Auch das gehört zu der Kunst des Schenkens, dass man sich die Freude daran nicht nimmt, es nicht zu einer Fron macht, unter der man dann seufzt. Nicht nur Schenken ist eine Kunst, die nicht jeder zu üben versteht — auch Geschenke empfangen ist gar nicht so einfach und selbstverständlich, wie es scheinen will. Man freut sich nicht immer, dass man etwas bekommt — o nein, zumindest vermag das bestimmt nicht jeder Empfangende. Der gute Wille, der allein schon im Ueberreichen eines Geschenkes liegt, allein vermag so und so oft nicht die Enttäuschung hintanzuhalten, die durch das nicht richtig gewählte Geschenk ausgelöst wird. Selbst Kindern gegenüber — oder gerade da erst recht muss man sich in die kleine Seele hineinstehlen und wissen, was sie ersehnen und was wirklich innere Freude zu geben vermag. Wie oft verstehen das — leider — nicht einmal die Eltern! Klagte mir doch einmal nach Weihnachten eine junge Frau darüber, dass ihr kleiner, achtjähriger Junge ein undankbares Kind sei, sie und ihr Mann hätten