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E_1935_Zeitung_Nr.001

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BERN, Freitag, 4. Januar 1935 -*fc. Bte Administration Nummer 20 Rp. 31. Jahrgang— N» 1 ERSTE SCHWEIZERISCHE AUTOMOBIL-ZEITUNG Zentralblatt für die schweizerischen Automobil- und Verkehrsinteressen ABONNEMENTS-PREISE: Ausgabe A (ohne Versicherung) halbjährlich Fr. 5.-, jährlich Fr. Ausland mit Portozuschlag, wenn nicht postamtlich abonniert Ausgabe B (mit gew. Unlallversich.) vierteljährlich Fr. 7.50 Ausgabe C (mit Insassenversicherung) vierteljährlich Fr. 7.50 An der Schwelle von 1935 Ein Querschnitt durch die heutigen Automobiltendenzen. In allen Ländern wird motorisiert. Das Motorfahrzeug hat die letzten ihm in den Weg gestellten Hindernisse niedergerissen und setzt seinen Siegeslauf fort. Niemand konnte voraussehen, dass es so kommen würde. Die letzten motorfahrzeugfeindlichen Regierungen betrachten den durch sie angerichteten Schaden mit Wehmut und lassen alle Zügel schiessen. Deutschland ist ein anschauliches Beispiel dafür. Was frühere Regierungen versäumt haben, muss schleu- ' nigst wieder gut gemacht werden. Andere haben noch nicht den Mut, zu gleich radikalem Bruch mit der Vergangenheit gefunden. Aber gegen die Wucht einer modernen Massenbewegung ist der einzelne machtlos. Dem Auto Widerstand entgegenzustellen, ist heute ein Zeichen unverbesserlicher Kurzsichtigkeit. In aller Welt werden Autos fabriziert. Die Erfolge des Autos locken unentwegt die Initiative des Unternehmers heraus. Zu den grossen Auto-Produzenten haben sich neuerdings eine Anzahl kleiner hinzugestellt. Japan, Dänemark, Holland, Spanien, Rumänien und — last not least — die Schweiz zählen heute zu den Produktionsstätten des Personenautomobils. Jeder will teilnehmen, an den Erfolgen natürlich. Denn man vergisst allzuleicht, dass es eine Kehrseite in diesem Wettlauf gibt, dass seit 1926 allein 51 französische Automobilfabriken zusammengebrochen sind, dass in Deutschland von den zu jener Zeit vorhandenen 48 Fabriken ein knappes Dutzend übrig geblieben ist und dass es in der U.S.A. nicht viel besser aussieht. Man muss die Dynamik, die in diesem Vorgang der Weltmotorisierung inbegriffen ist, empfunden haben, um zu begreifen, dass es heute nicht mehr aut schöne Einzelleistungen ankommt, sondern dass eine gewaltige Fabrik, ja noch mehr, eine ganze taffei von mächtigen Industrien dazugehört, um Tag für Tag mit wünschenswerter Pünktlichkeit und Preiswürdigkeit lieferfähig zu bleiben. An Gedanken entwickeln zur Zeit Frankreich und Deutschland die grösste Mannigfaltigkeit. Qewiss lässt sich der Ursprung einer Idee nicht immer mit Sicherheit feststellen, aber innerhalb der abgegrenzten Produktionsgebiete treten doch so verschiedene Mentalitäten in der Konstruktion eines Personenwagens zum Ausdruck, dass, ehe F E U I L L E T O N Die Magd des Jürgen Doskocil. Roman von Ernst Wiechert. Copyright by Albert Langen-Georg Müller, München. (15. Fortsetzung.) Als er wiederkam, sass Marte aufrecht in fiiren Kissen, mit blassen, verzerrten Lippen. Ihr Haar an den Schläfen war nass, und sie hatte die gefalteten Hände mit einer sinnlosen Gebärden vor sich hingestreckt. «Das Kind», flüsterte sie. «Jürgen... das Kind..» Er Hess das Heu fallen, wo er stand. Die Arme hingen ihm herab, und seine Schultern fielen mit einer schweren Bewegung nach vorn. Sein erster Schritt war nach den Booten, aber sie rief ihn zu sich und klammerte sich mit beiden Händen um seinen Arm. «Nicht fort, Jürgen», flüsterte sie, «nicht lort... keiner wird mit dir fahren.. keiner soll es wissen, nur wir beide, nur wir beide.. verzaubern werden sie meinen Schoss für ewig.. nicht fort.. hörst du?» Er nickte nur, blind und dumpf. Das Wasser hatte ihm seinen Sohn gestohlen, wie es seinen Acker stehlen würde. Nichts würde sein, um es in den Händen zu halten, weich vnd vorsichtig. Der Strom brüllte hinter der 10.- Erscheint jeden Dienstag und Freitag INSERTIONS-PREIS: Wöchentliche Beilage „Autler-Feierabend". 6—8. mal jährlich „Gelbe Lisle" Die achtgespaltene 2 mm hohe Grundzeile oder deren Raum 45 Rp. REDAKTIONu. ADMINISTRATION: Breitenrainstr. 97, Bern Telephon 28.222 - Postcheck III 414 - Telegramm-Adresse: Autorevue, Bern Grössere Inserate nach Spezialtarif. Inseratenschluss 4 Tane vor Erscheinen der Nummern auf die ganz grossen universellen Richtlinien im modernen Automobilbau eingegangen wird, einige typisch nationale Momente gewürdigt werden sollen. Die unabhängige Federung fand zunächst in Frankreich ihre Verwirklichung. Cottin- Desgouttes, Sizaire, Sima-Violet zählen zu den Pionieren. Diese Firmen sind alle Opfer einer verfrühten Anwendung dieser Federungsart geworden. Später, als sie deutscherseits von Röhr, Mercedes-Benz, Adler etc. aufgegriffen wurde, war ihr der grosse Erfolg beschieden, den sie verdient. Von Deutschland inspiriert, kam die unabhängige Radaufhängung nochmals nach Frankreich, diesmal mit so durchschlagendem Erfolge, dass sich fast alle französischen Firmen ihr zuwandten. In der aerodynamischen Gestaltung der Karosserien darf wohl Deutschland das Recht für sich in Anspruch nehmen, richtungsweisend vorgegangen zu sein. Rumplers-Tropfenauto stammt aus dem Jahr 1920. Dies war der erste wenn auch noch recht unklare Versuch auf dem seither beschrittenen Weg. Jaray folgte 1923 mit wesentlichen präziseren Gedanken. Seit dieser Zeit ist es in Deutschland um die Stromlinie nie still geworden, aber man tat nur wenig zu ihrer Verwirklichung. Unterdessen gingen Chrysler, Singer, Tatra serienmässig zur ausgesprochenen Stromlinie über. In Deutschland hingegen begnügt man sich mehr oder weniger mit Andeutungen, die vielleicht im Anblick entfernt an die Stromlinie erinnern, jedoch mit ihrem Sinn und Ziel nichts, durchaus nichts, gemein haben. Gewiss wird sich das in kürzester Zeit ändern, denn hier wie so oft muss die Anerkennung erst vom Auslande kommen, um im Inland dann sanktioniert zu werden. In ' der Federungstechnik verdanken wir Mercedes - Benz die Rehabilitierung der Schraubenfeder, die in Deutschland von der kleinen Automobilfabrik CoCo letztmalig im Jahre 1922 Anwendung fand, jetzt aber ihren Siegeslauf durch die Welt antritt. Ein anderes Federelement, der Torsionsstab, stammt ebenfalls von einem Deutschen. Dr. Porsche kann diese Leistung für sich in Anspruch nehmen. Gegenüber diesen recht bemerkenswerten Details muss wieder den Franzosen, in der Verwirklichung einer selbsttragenden Rumpf- Karosserie (Citroen), eine ebenso grosse Wand, und hinter dem Brüllen stand hoch und durchdringend wie ein Kinderchor der vergessene Vers: «Doskocil... kann nicht viel...» Er streichelte gedankenlos Martes nasse Stirn. «Vom Fall ist es», sagte er. «Weine nicht, zu Weihnachten wirst du ein Christkind haben.» «Ja», flüsterte sie, «viele Kinder, viele... mit hellen Augen... ganz blau wie Vergissmeinnicht...» Aber dunkle Falten waren urn ihren Mund gegraben, und ihr Herz presste sich zusammen unter der Erkenntnis, dass sein Gebet stärker gewesen war. Nicht ertrinken durfte er, kein Leid durfte ihm geschehen, denn vorher musste er aufhören zu beten, musste den Fluch von ihrem Leibe nehmen. Um die Mittagszeit wurde es geboren. Es sah keinem Menschenbild ähnlich, und: Jürgen schlug es in ein Tuch und legte es in den dunklen Winkel auf den alten Webstuhl. Er verstand nichts von allem diesem. Er tat, was Marte ihn tun hiess, schwankend, betäubt, stumm. Dann wusch er sie, deckte sie zu und sass bei ihr, bis sie eingeschlafen war. Sie hatte nicht geschrieen, aber er sah nun, dass sie ein anderes Gesicht hatte. Ein Gesicht wie nach einem Nachtfrost. Wo war Trost für sie? Gab es Trost in dieser Welt? Man arbeitet, aber das Eis kommt und nimmt die Arbeit mit sich fort. Man tut nichts Böses, ; künstlerische wie technische Leistung zugesprochen werden. Durch den Fortfall des Rahmens wird eine grosse Gewichtsersparnis, ein ebenso wesentlicher Platzgewinn bei gleichzeitiger Erhöhung der Lebensdauer erreicht. Dem grössten europäischen Automobil- Produzenten, England, verdankt die Technik die Automatisierung des Getriebes. Doch damit nicht genug, die historische Aufgabe Anderseits wäre es ungerecht, den wohltuenden Einfluss Amerikas auf den Automobilbau abzustreiten. Fraglos befindet sich zwar der amerikanische Automobilbau heute hinsichtlich Chassisbau im Schlepptau Europas. Die grossen konstruktiven Neuerungen, als welche die « Knee-Action » etc. bezeichnet werden, sind zu einem schönen Teil Nachahmungen europäischer Vorbilder. Die Rolle Amerikas im Autofach ist in der grossdes englischen zeitgenössischen Automobilbaus ist ethischer Natur. England verteidigt den europäischen Begriff der Qualität im Gegensatz zu der vielfach, besonders seitens der U.S.A. vertretenen Auffassung der Herstellung von Wagen mit errechneter Lebensdauer. Es kann hier nicht die Frage diskutiert werden, ob die amerikanische Auffassung nicht volkswirtschaftlich richtiger ist. Viel wichtiger ist es für uns und den Standard eines maschinellen Erzeugnisses, zu wissen, dass ein Land, nämlich England, ständig bemüht ist, die Qualität nach Massgabe der technischen Hilfsmittel zu steigern und damit dem Ueberhandnehmen kaufmännischer Erwägungen einen Riegel vorschiebt. Schnitt durch einen Frontantrieb-Wagen. Der grössere Platzbedarf des Motorgetriebeblocks ist ersichtlich zügigen Erprobung neuer technischer Bauteile, ferner aber und in erster Linie in der fabrikatorischen, Ueberlegenheit zu erblikken, die auf den europäischen 1 " Automobilbau einen ständigen Preisdruck ausübt. Dass diese amerikaniche Bedrängung ihre Wirkung tut, beweist z. B. die Preisentwicklung des Autos in England. Die Statistik gibt folgende Indexwerte an: 1924 100,0 1929 75,0 1925 97,1 1930 68,1 1926 94,8 1931 60,8 1927 91,6 1932 59,6 1928 80,0 1933 61,4 - Diesen Zahlen entnimmt man die Nachhaltigkeit der amerikanischen Preisunterbietung, denn wenn auch im Jahre 1933 ein Ein Wagen der gleichen Marke mit Hinterradantrieb. Getriebe und Differential sind durch den Karosserieboden überdeckt und bedingen keinen Platzverlust. weder an Menschen noch an Tier, aber sie sägen dir die Axt vom Stiel. Ein Kind erzeugt man und legt es in den willigen Leib wie ein Samenkorn in die Erde, aber das Wasser kommt und nimmt das Samenkorn, und nur Erde bleibt, in ein Tuch geschlagen, und man kann es nicht einmal begraben. Ein getreuer Knecht, sagt der Pfarrer, aber was ist Treue? Jeden Morgen dasselbe Werk, jeden Abend dieselben Schmerzen. Viel Schweiss und eine kümmerliche Saat. Der Herr aber fährt vom Hof, mit zwei Pferden, mit einem stolzen Wagen, und der Knecht bleibt zurück und wartet auf seiner Streu, bis er wiederkommt, und spannt die Pferde aus und hat seinen kargen Schlaf, bis die Vögel in den Bäumen rufen. Von neuem werden wir beginnen, ja, mit dem Acker und mit dem Kind... Neue Dielen werden wir legen müssen, und wenn die Fähre zerschlagen ist, werden wir eine neue bauen. Der Anfang, das ist das Leben. Nicht das Ende. Er sass, ohne sich zu rühren, den Kopf in beide Fäuste gestützt. Marte schlief, und er sah das Kissen über ihrer Brust sich heben und senken. Mitunter stiess etwas an das Haus, eine Eisscholle oder ein Baum. Dann rieselte der Mörtel hinter der Wand, und ein gespannter, klagender Ton ging durch das Balkenwerk. Vor der Dämmerung stieg ein hoher, klingender Schrei aus dem Strom und nach ihm ein zweiter. Es klang, als ob eine schwingende Saite gespannt werde und risse. «Die Fähre», dachte Jürgen. Aber er stand nicht auf. Er würde sie wieder holen, vom See, oder eine neue bauen. Solange Holz im Walde wuchs, konnte man Fähren bauen, eine nach der anderen. Erst als es dämmerte, stand er auf. Er merkte nun erst, dass der Sturm vorbei war. Nur das Gurgeln und Rauschen des strömenden Wassers umhüllte das Haus. Er sah aus dem Fenster. Das Wasser würde ihm jetzt bis zum Halse reichen, aber wenn der Wind nicht mehr drückte, würde es nur langsam steigen. Er ging zum Webstuhl und nahm das Tuch. Er musste es fortbringen, draussen an die Leiter legen oder unter einen Balken. Aber wenn Marte aufwachte, durfte es nicht mehr da sein. Er stieg die Leiter ein paar Sprossen hinunter und sah sich um. Die Mauer der Stube hatte einen Vorsprung im Flur. Wenn er sich weit zur Seite beugte, konnte er es dorthin legen. Er sah sich um, nach einer Stange, mit der er sich stützen könnte, aber er fand nichts. Er musste umkehren und ein Ruder holen. Die Flurtür war offen geblieben, und in dem schwimmenden weisslichen Licht sah er das fahle, strömende Wasser, das mit dunklen Wirbeln ins Haus drang. Die Tür zur Stube war aufgesprungen und bewegte