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E_1935_Zeitung_Nr.009

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BERN, Freitag, 1. Februar 1935 Nummer 20 Rp.: 31. Jahrgang - N° 9 ERSTE SCHWEIZERISCHE AUTOMOBIL-ZEITUNG Zentralblatt für die schweizerischen Automobil- und Verkehrsinteressen ABONNEMENTS-PREISE: •Ausgabe A (ohne Versicherung) halbjährlich Fr. 5.-, jährlich Fr. Ausland mit Portozuschlag, wenn nicht postamtlich abonniert 10.- Ausgabe B (mit gew. Unfallversich.) vierteljährlich Fr. 7.50 Ausgabe C (mit Insassenversicherung) vierteljährlich Fr. 7.50 Zum Problem der Hilfeleistung Nachdem sich zuerst der Jurist zu dieser wichtigen und in der Praxis oftmals heiklen Frage geäussert hat, können wir heute die Darlegungen des Mediziners folgen lassen. Herr Prof. Dr. med. J. Dettling, Bern, der als gerichtsmedizinische Autorität auf eine reiche Erfahrung auf diesem Gebiete zurückblickt, hat sich bereitwilligst zu unserer Umfrage wie folgt geäussert: In ihrer Fragestellung hat die Redaktion der « Automobil-Revue » den heikelsten Fall herausgegriffen, der dann eintritt, wenn ein Motorfahrzeugführer allein auf der Landstrasse, ohne Zeugen, einen Verletzten, resp. einen Bewusstlosen antrifft: Soll er ihn selbst an den nächsten Ort, resp. in ärztliche Pflege transportieren, oder soll er die betreffende Person verlassen, um selbst so schnell als möglich Hilfe zu holen? Gestützt auf meine gerichtlich-medizinischen Erfahrungen möchte ich bei dieser Gelegenheit (indem ich es nicht unterlassen möchte, ausdrücklich darauf hinzuweisen, wie wichtig es ist, die Fundsituation und die Spuren des Tatbestandes zu schonen, resp. bei deren begründeten Veränderung die ursprünglichen Verhältnisse sich einzuprägen, zu markieren usw.) folgende Gesichtspunkte hervorzuheben: ^ .. , .. 1. Die allgemeine Menschenpflicht zu helfen (ohne rechtlichen Zwang). ' & Die gesetzliche Hllfeleistungspflicht der beteiligten Motorfahrzeugführer. 3. Der Selbstschutz gegen falsche Bezichtigungen. Wenn auch selbstverständlich in jedem Falle, wo ein Verletzter oder Kranker in hilflosem Zustand angetroffen wird, an die allgemeine Menschenpflicht appelliert werden muss, so bleibt beim Verkehrsunfall die gesetzliche Lage nach dem Bundesgesetz über "den Motorfahrzeugverkehr zu berücksichtigen, weil das Gesetz nach Artikel 60 von einem *) Siehe auch A. R. Nr. 7. F E U I L L E T O N Die Magd des Jürgen Doskocil. Roman von Ernst Wiechert Copyright by Albert Langen-Georg Müller, München. (23. Fortsetzung.) Martes Gesicht hat das Versteinerte verloren. Sie atmet tief, und mitunter ist Jürgen, als lächle sie vor sich hin. «Darf ich deine Hand halten, Herr?» fragte sie leise. «Weshalb sagst du .Herr'?» Sie sieht ihn von der Seite an, lange, mit einer schmerzlichen Bedeutung. «Es könnte nun sein», erwidert sie, «dass mein Dienst zu Ende ist.» «Marte!» Aber sie wiederholt ihre Frage. . Dann fasst sie seine Hand. Er trägt ihr Bündel am Stock über der Schulter, und so gehen sie nebeneinander den betauten Weg entlang. Niemals Sind sie so gegangen, Hand in Hand, in der lautlosen Frühe, ohne Arbeit. im Feiertagskleid. Es ist wie ein Hochzeitsgang, und obwohl Jürgen noch alles wie ein böser Traum ist, fühlt er doch etwas Qrosses und Weites in diesem Traum. Niemals war in seinem Leben solch ein Gang. Er möchte sie aufheben in seine Arme und bis zur Stadt tragen, weil sie in dieser Nacht eine Mutter Erscheint jeden Dienstag und Freitag INSERTIONS-PREIS: Wöchentliche Beilage „Auller-Felerabend". 6—8 mal jährlich „Gelhe Liste" Die achtgespaltene 2 mm hohe Grundzeile oder deren Raum 45 Rp. REDAKTIONu. ADMINISTRATION: Breitenrainstr. 97, Bern Grössere Inserate nach Spezialtarif. Telephon 28.222 - Postcheck III 414 - Telegramm-Adresse: Autorevue, Bern Inseratensehluss 4 Tage vor Erscheinen der Nummern worden und sich später erholen, relativ: häufig die Erinnerung an das Ereignis vollständig verlieren (Amnesie), so dass sie später über das fragliche Ereignis gar keine Angaben machen können und dann nur ein materieller Beweis den Zusammenhang mit einer bestimmten behaupteten Kollision erbringen kann. Bei den nicht seltenen Fällen, wo Personen bewusstlos liegen bleiben infolge Rausch, innerer Erkrankungen, Epilepsie, anderer wesensverschiedener Verletzungen,: wird es ja medizinisch immer gelingen, spä-. ter die Beteiligung eines Fahrzeuges auszuschliessen; nur ist eben der zu Hilfe Eilende gewöhnlich nicht in der Lage, solche Unterscheidungen treffen zu können. Während also derjenige, der sich an einem Verkehrsunfall beteiligt, gesetzlich verpflichtet ist, unter allen Umständen vorsorgliche Massnahmen zu treffen, so ist die Stellung des Unbeteiligten, der aus reiner Menschenpflicht heraus handelt, um so heikler. Für alle wird sich die gemeinsame Frage des Selbstschutzes gegen falsche Bezichtigungen und die Frage des für den Verletzten, Kranken zweckmässigsten Vorgehens stellen. Gerade der Beteiligte hat ein grosses Interesse, dass der Schaden durch die richtige Pflege und die ärztliche. Kunst möglichst verkleinert wird; in vielen Fällen hängt, tatsächlich die Schwere der Folgen, besonders die Vermeidung tödlicher Komplikationen, von der richtigen ersten Pflege und der ärztlichen Kunst ab, welche oft den Schaden korrigieren kann. Was nun die Hauptfrage anbetrifft — Selbsttransportieren oder Liegenlassen, um Hilfe zu holen — so können selbstverständlich hierüber für den Laien keine bestimmten Massregeln aufgestellt werden, da diese Frage weitgehend von der persönlichen Fähigkeit des Betreffenden abhängt, Kranke oder Verletzte in richtiger Weise anzufassen, zu versorgen und zu transportieren usw. Selbstverständlich sind dem in der Krankenpflege Kundigen und Erfahrenen, dem Samariter, dem Pflegepersonal oder gar dem Arzte, ganz andere Kompetenzen eingeräumt als dem unerfahrenen Laien, der ja dem Bewusstlosen gegenüber vollständig ratlos dastehen muss. Im allgemeinen kann gesagt werden, dass Selbsttransporte nur ausnahmsweise in Betracht kommen und nur von solchen durchgeführt werden, welche sich einigermassen Rechenschaft geben können über die Transportfälligkeit und die Transportart, indessen versucht werden soll, die Verletzten (oder Kranken) an Ort und Stelle gegen neu hinzukommende äussere schädliche Einflüsse zu geworden ist und weil sie zerbrechlich und süss wie eine Blume erscheint. Geschehen ist etwas, wovon er nichts weiss, aber zum Segen wird es werden. Gut ist sie und eine Heilige, die an seinem Strom steht wie die Kapellen in den Ländern, wo sie einen andren Glauben haben. Sie gehen eine Stunde, und dann sitzen sie eine Weile, auf einem Baumstamm oder auf einem Grenzhügel, und Jürgen zieht seinen Rock aus und legt ihn sauber zusammen, das Futter nach aussen, damit Marte nicht im Tau zu sitzen braucht. Bei der ersten Pause zieht sie Schuhe und Strümpfe aus, weil sie nicht gewohnt ist, so weit in ihnen zu gehen. Er sieht auf ihre braunen Füsse mit den zerbrechlichen Gelenken, und die Liebe zu ihr erfüllt ihn so, dass es in seiner Brust schmerzt. In dieser ersten Pause beginnt sie auch zu sprechen. Leise, fast fröhlich, wie ein Kind, und es ist auch ihre Kinderzeit, von der sie erzählt. Von den wenigen Puppen, die. sie gehabt hat, vom Hund Karo, der nur ein Ohr hatte, vom Lehrer, von den Ziegen, die sie gehütet hat. Und wie sie abends auf den Feldern sassen, bei den letzten Kartoffelfeuern, und wie der Mond über den Wald kam und sie Lieder sangen, um sich nicht zu fürchten. Fahrzeugführer, der an einem Unfall beteiligt ist, den Beistand und die Fürsorge für den .Verunfallten "bei Strafandrohung verlangt. v Nach den praktischen Erfahrungen ist es aber auf jeden Fall ratsam, wenn alle Unbeteiligten, speziell die Fahrer, in solchen Fällen sich von Anfang an vorsehen, wie sie sich vor falschen Bezichtigungen, selber beteiligt zu sein, schützen können; es kann auch vorkommen, dass ein Dritter einen Unfall simuliert, resp. auf andere Weise verletzt, versucht, durch falsche Bezichtigungen die gesetzliche Entschädigung anzurufen; es ist auch zu berücksichtigen, dass Personen, welche infolge Schädel Verletzung bewusstlos geschützen. In einem solchen Fall muss man sich überlegen, dass es jedenfalls für einen Einzelnen (besonders in der Krankenpflege Unerfahrenen) ein sehr schwieriges Unterfangen ist, einen hilflosen Menschen in einem Automobil zu versorgen, ganz abgesehen, von den damit eventuell verbundenen Schädigungen des Verletzten, und dass es ja im allgemeinen in den schweizerischen Verhältnissen, abgesehen von ganz einsamen Strassengebieten, gewöhnlich nicht lange dauern wird, bis ein Fahrzeug erscheint; schon deshalb muss im allgemeinen angeraten werden, wenigstens einige Minuten abzuwarten, ob nicht zufällig Hilfe kommt, wodurch die ganze Situation viel einfacher wird. Für Vorkehrungen, welche der Helfende an Ort und Stelle treffen kann, können folgende Gesichtspunkte dienen: Besonders beim Schwerverletzten ist immer mit. der Gefahr der Abkühlung zu rechnen, selbst wenn nicht Kälte herrscht; dieselben sind sehr empfindlich gegen Wärmeverlust, so dass auch in der warmen Jahreszeit sehr darauf zu achten ist, dass sie möglichst schnell in Decken eingehüllt werden; man sollte also auch im Hochsommer nie einen Verletzten auf der Strasse ohne Einhüllung liegen lassen, wenn möglich soll auch eine trockene, warme Unterlage geschaffen werden. Bei allen Bewusstlosen ist ferner mit •der. Gefahr des Hineingelangens von Fremdkörpern in die Luftwege zu rechnen,""bei Verkehrsunfällen besonders gefürchtet bei den Hirnverletzten; häufig kommt es, wie auch bei vielen inneren Krankheiten, dem Rausch usw., infolge Gehirnreizung zum Erbrechen, so dass die Personen in ihrem bewusstlosen Zustande das Erbrochene in die Lungen aspirieren können, wodurch nicht so selten tödliche Luftröhren- und Lungenentzündungen entstehen, welche den Tod herbeiführen, der sonst nicht eingetreten wäre; die Lungenentzündung ist überhaupt eine häufige und gefürchtete Komplikation der Schädelverletzten. Das Aspirieren von Fremdkörpern (Erbrochenem, künstlichen Gebissen, zufälligen Gegenständen im Munde und Blut aus inneren Schädelbasisfrakturen usw.) kann verhindert werden durch eine günstige Lage des Bewusstlosen. Wir sehen nun oft, dass die Bewusstlosen auf den Rücken gebettet und so auch transportiert werden, wodurch die Aspiration von Fremdkörpern - und Erbrochenem usw. jedenfalls stark begünstigt wird. Wenn solche Komplikationen zu befürchten sind, mag man unter dauernder Kontrolle dafür sorgen, dass der Kopf resp. der Körper mehr seitwärts zu liegen kommt, aber nur unter Unterstützung und Kontrolle, da sonst der Körper umkippen und in Gesichtslage kommen könnte. «Es dunkelt schon auf der Heide... nach Hause wollen wir gehn...» Das hatte sie am meisten geliebt. Und dass der Vater trank und die Mutter sie auf Erbsen knien Hess, wenn sie eine Tasse zerbrochen hatte. Aber keine Traurigkeit war in diesen Erzählungen, nur ein heiteres Zurückgewendetsein, als fahre sie in einem Boot denselben Weg zurück, den sie mühsam und zu Fuss an den Ufern hinaufgegangen war. Und als singe sie ganz leise dabei vor sich hin. Und nun spricht sie auch, während sie gehen. Zuerst von ihrer Konfirmationszeit und dass sie sehr fromm gewesen sei. Dass ihr alter Pfarrer noch lebe und dass sie ihn wohl gern wiedersehen möchte. Und auch von dem Vikar erzählt sie, den sie geliebt habe, und dass es ihr immer gewesen sei, die Liebe zu Gott als eine reine Liebe der Seele in ihren Händen zu tragen. Zu gläubig sei sie gewesen und einmal, als man sie hart geschlagen habe zu Hause, habe sie fortgehen und eine Nonne werden wollen. Der Seelenbräutigam, das sei so ein schönes Wort gewesen. Und dann, als mit dem Abendmahl alles Sichtbare zu Ende gewesen sei, da sei sie so geworden, nicht gut und leichtsinnig, und viel Liebe habe sie verschenkt, um den Grund zu finden für ihren Anker, wie es in der Bibel steht. Aber Der Transport von Personen mit Knochenbrüchen hat einige besondere Gefahren, welche auch dem Laien bekannt sein sollten; durch ungeschickte Bewegungen des Verletzten können schwere Verletzungen der Weichteile durch die oft sehr scharfen Knochen-' brüche herbeigeführt werden; ferner ist bei 1 allen Knochenbrüchen mit der Gefahr der Fettembolie zu rechnen. Endlich können bei' Wirbelsäulenverletzungen durch Bewegungen des Verletzten, so auch besonders beim Umwenden, Transportieren desselben, ausserordentlich schwere, ja sofort tödliche Verletzungen des Rückenmarkes herbeigeführt werden. So habe ich in letzter Zeit zwei Fälle gesehen, wo zuerst die Halswirbelfrakturen das Rückenmark nicht beschädigten und erst bei Bewegungen des Körpers die gebrochenen Wirbel sich verschoben, so dass das Halsmark durchschnitten und der Tod sofort herbeigeführt wurde. Dabei bleibt zu berücksichtigen, dass gerade die Erkennung der Wirbelsäulenfraktur bei Bewusstlosen äusserst schwierig ist. Die erwähnte Fettembolie kommt relativ häufig zustande, wenn aus dem bei Knochenbrüchen verletzten Knochenmark, das sehr fetthaltig ist, Fett in die venöse Blutbahn eindringen und dann die Lunge, aber auch an- : dere Organe überschwemmen kann; tödliche Fälle von Fettembolie bei an sich nicht direkt tödlich Verletzten sind leider keine Seltenheit. Um es tunlichst zu verhindern, dass Fett aus dem zertrümmerten Mark austreten kann, müssen eben Personen mit Knochenbrüchen sehr sorgfältig, unter Vermeidung gröber 1 Erschütterungen, transportiert werden. ' Wenn es also im allgemeinen (unter Schonung der Spürehverhältnisse) zu raten ist, den Verletzten, Kranken, Bewusstlosen an Ort und Stelle möglichst gegen die beschriebenen Komplikationen zu schützen und. dann um ärztliche Hilfe und polizeiliche Tatbestandsaufnahme zu rufen, so gibt es selbstverständlich Situationen, wo der Fahrzeugführer oder eine andere Drittperson, wenn sie ihre Menschenpflicht erfüllen will, den Transport unter allen Umständen allein durchführen muss, wenn nicht innert kürzester Frist zufällige Hilfe eintrifft; dies ist die offensichtliche Gefahr der Verblutung und des Erfrierens, oder wenn die nächste Meldestelle praktisch zu weit entfernt ist, als dass man den Bewusstlosen so lange liegen lassen, könnte. Diese grundlegenden Gesichtspunkte möchte ich nicht abschliessen, ohne noch darauf hinzuweisen, dass es dem Laien nicht immer ohne weiteres möglich ist, zu erkennen, ob bereits der Tod eingetreten ist oder nicht. Sobald es aber feststeht, dass der Tod eingetreten ist, dann soll niemand die Situation verändern bis zum Eintreffen der Untersu- sie habe ihn auf diesem Wege nicht gefunden und sie sei seiner Liebe wohl nicht wert, wie viel sie sich auch im Strom gewaschen habe. Er sieht gerade vor sich hin, auf den Weg, der nun schon hell zwischen den bräunlichen Wäldern läuft. «Einmal kamst du zu mir», sagte er leise, «in der Nacht. Nicht zu deiner Lust, sondern in deiner Barmherzigkeit. Und für diese blossen Füsse, mit denen du kamst, sind dir alle andern Wege vergeben... Nicht vor mir, sondern vor dir, denn wie sollte ich der erste sein?» Sie legte ihre Hand noch tiefer in die seine, und als er zur Seite blickt, sieht er, dass wieder etwas in ihrem Gesicht geschmolzen, ist, etwas Gefrorenes, das nun weich und fliessend geworden ist. Aber er sieht auch, dass, es nicht nur eine Rückverwandlung in da? alte Gesicht ist, sondern eine Verwandlung darüber hinaus, zu einem neuen Gesicht, das er noch nicht kennt. Ja, und dann sei der neue Glaube gekommen, und das Schlimme an ihm sei gewesen, dass Sichtbares, in ihm gewesen sei, die goldene Stadt, und... ja, noch vieles andere. Und da sei sie hineingesprungen wie in einen Brunnen, mit geschlossenen Augen. Und so habe er sie kennengelernt. Und das sei nun wieder schlimm gewesen, denn er habesich