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E_1935_Zeitung_Nr.011

E_1935_Zeitung_Nr.011

BERN, Freitag, 8. Februar 1935 Nummer 20 Rp. 31. Jahrgang - N« 11 ERSTE SCHWEIZERISCHE AUTOMOBIL-ZEITUNG Zentralbiatt für die schweizerischen Automobil- und Verkehrsinteressen ABONNEMENTS-PREISE: Ausgabe A (ohne Versicherung) halbjährlich Fr. 5.-, jahrlieh Fr. M.- Ausland mit Portozuschlag, wenn nicht postamtlich abonniert Ausgabe B (mit gew. Uniallversich.) vierteljährlich Fr. 7.50 Ausgabe C (mit Insassenversicherung) vierteljährlich Fr. 7.50 Die Offenhaltung des Julier im Winter Der erste Versuch im Dezember 1933 und im Januar 1934, den Julier im Winter zu öffnen, war, trotz anfangs grossen Schwierigkeiten, mit Aufbieten aller Energie gelungen. Das Offenhalten des Juliers vom 23. Januar 1934 bis zur Schneeschmelze im Mai 1934 brachte noch verschiedene kleine Ueberraschungen, die aber alle überwunden wurden. Dabei lernten wir im Umgang mit Sturm und Wetter, wie man sich zweckmässig gegen diese zu verhalten hatte. Wir passten scharf auf und merkten uns die besonders schwierigen Stellen auf dem Julier, wo Schneewände aufzustellen waren, die, wenn nicht in einer Reihe genügend wirkten, gestaffelt angesetzt werden mussten. Einzelne, für die Schneeschleuder etwas enge Kurven, wurden für Verbreiterungen im Sommer vorgemerkt, ebenso Strassenkorrektionen, die die Ausschaltung der Kurven ermöglichten. Ganz besondere Aufmerksamkeit schenkten wir der Unterbringung von Leuten und Maschinen, die zum Offenhalten des Juliers tätig sein mussten. Diesbezügliche Projekte wurden schon im vergangenen Winter studiert und fanden die Billigung der Regierung. Ohne eine Erweiterung des Julierhospizes, lediglich durch Instandstellen und Verbessern der bestehenden Räume, konnten eine für den Winterbetrieb in jeder Weise genügende Unterkunft geschaffen werden. Die Neufassung der Juliaquellen ergab eine Erscheint jeden Diemtag und Freitag INSERTIONS-PREIS: Wöchentliche Beilage „Autler-Feterabend". 6—8 mal jährlich „Gelbe Liste" Die achtgespaltene 2 mm hohe Grundzeile oder deren Raum 45 Rp. REDAKTION n. ADMINISTRATION: Rreitenrainstr. 97, Bern Grössere Inserate nach Spezialtarif. Telephon 28.222 - Postcheck III414 - Telegramm-Adresse: Autorevue, Bern Inseratenschluss 4 Tage vor Erscheinen der Nummern einwandfreie Wasserversorgung für Hospiz samt Garage. Durch Einbau einer Oelheizung war es möglich, billiger und wirksamer alle Räume, einschliesslich Unterstellraum für die Maschinen, zu erwärmen, als dies bisher mit den verschiedenen Oefen geschah. Die Brandgefahr wurde dadurch wesentlich vermindert. Aus dem gleichen Grund wurden alle Räume elektrisch beleuchtet. (Betrieb mittelst eines kleinen Rohölmotors.) Das eigentliche Hospiz wurde rundherum vom anstehenden Fels freigelegt, durch welchen bisher Wasseradern die Parterre-Räume im Sommer durchnässten und im Winter zu Eiskammern verwandelten. Die Mauern wurden unterfangen und gegen aufsteigende Grundfeuchtigkeit isoliert. Das wohl jedem Besucher bekannte kalte, von einem Ofen durchräucherte Gelass im Erdgeschoss, das bisher Ruttnern und einsamen Wanderern als Aufenthalt und Schutz vor Schneestürmen diente, und mehr einer Räuberhöhle glich, ist heute ein einfaches, aber behagliches Wirtsstübehen geworden, angenehm durchwärmt und beleuchtet, so dass es von allen Einkehrenden der bisherigen sog. bessern Stube^ im Obergeschoss vorgezogen wird. Die vielen Automobilisten und Skifahrer sind angenehm überrascht, eine so 'heimelige Unterkunft für eine Erfrischung, resp. Erwärmung, zu finden, wo der bekannte Veltliner von Meister Cotti noch einmal so gut schmeckt als im Die breit befahrbare Julierstrasse auf dem Kulminationspunkt, bei den Juliersäulen, mit Blick nach Süden. F E U I L L E T O N Reihe Eins, Platz 13. Skizze von Hubert Ernst. Mr. Dickson hob erstaunt die buschigen Augenbrauen, als er das rosa Couvert, das einen leichten Duft von römischen Veilchen auszuströmen schien, auf seinem Frühstückstisch entdeckte. Die Post eines Junggesellen reiferen Alters pflegt mit der Zeit immer weniger dieser duftenden Boten zu enthalten, und auch in Mr. Dicksons Korrespondenz waren sie in dem Masse seltener geworden, wie sich seine einstmals dichten Haare gelichtet hatten und ergraut waren. Er schnitt den Umschlag sorgfältig auf. Wenn er vielleicht erwartet hatte, einen mit den zarten Linien einer Frauenhandschrift bedeckten Bogen vorzufinden, so sah er sich enttäuscht. Das Couvert enthielt nur ein Theaterbillett — sonst nichts. Mr. Dickson verglich nochmals die Adresse: «Joseph Dickson, Esq. 10, Hanover Terrace, Regent Park, London W. C.» — das stimmte. Klar und deutlich stand es da in korrekter Maschinenschrift. Wer konnte ein Interesse daran haben, ihm, der so gut wie keine Freunde hatte, das Geschenk eines Theaterbilletts zu machen? — Oder steckte da etwas anderes dahinter? — Wollte man ihn etwa zu einer bestimmten Zeit aus dem Haus locken?... Er schaute sich in seinem Wohnzimmer um und musste lächeln: Nein, hier gab es nichts, das einen Einbrecher hätte reizen können; das kleine Vermögen, dessen Rente Herrn Dickson ein sorgenfreies Leben gestattete, lag wohlverwahrt in dem Bankhaus der Herren Brown & Wilkinson! Doch halt! Herr Dickson lachte über das ganze, etwas grobe Gesicht Wenn diese Karte nun von Mary käme? Natürlich, Mary steckte dahinter! Ihm hatte sie gesagt, dass sie auf einige Tage zu ihrer Schwester aufs Land fahren wolle — und jetzt versuchte sie, seine Treue auf die Probe zu stellen! — Sicher konnte man hundert gegen eins wetten, dass heute abend im Coliseum auf dem Nebensitz eine von Marys blonden Freundinnen auftauchen und versuchen würde, die gefestigten Grundsätze dieses Herrn in reiferem Alter zu erschüttern. Jeff Dickson bestrich geniesserisch ein weiteres Brötchen mit Jam. Warum sollte man der Kleinen den Spass verderben? —Er Die Julierstrasse am selben Punkt mit Blick nach Norden. Die Bilder wurden Mitte November 1934 aufgenommen und zeigen, dass bereits zu dieser Zeit ordentliche Schneehöhen zur Freilegung der Strasse zu beseitigen waren. alten, rauchgeschwängerten Eiskeller der letzten Jahre. Dass dabei auch zwei Toiletten mit Waschgelegenheit und Kanalisation eingebaut wurden, war sehr nötig und entspricht nur den dringendsten hygienischen Bedürfnissen, die an ein Hospiz ..gestellt werden dürfen. (Als Ersatz der. bisherigen einzigen derartigen Räume im gegenüberliegenden Stallgebäude!) Das alte, durch die Strasse vom Hospiz getrennte Ställgebäude wurde belassen, nur dass der Wagen-Unterstellraum zwei neue Klapptore und eine innere Isolierung erhielt. Hierdurch ist ein heizbarer Raum geschaffen worden, in den die Schneeschleuder und ein bis zwei Autos eingestellt werden können. Die Strasse neben dem Hospiz musste verbreitert werden, um dem grossen Verkehr, der sowohl im Sommer als auch im Winter dort herrscht, genügen zu können. Gesellschaftswagen, Postautos und Privatwagen in grosser Zahl parken auf Julier-Hospiz, so dass der Platz einem grossen Postplatz alle Ehre macht. Extraposten bringen SkifahTer und Ausflügler im Winter vom Engadin herauf, und im Sommer ist ein derartiger Durchgangsverkehr, wie; er nur vor der Bahneröffnung geherrscht hat. Neuerdings ist nun auch die Post dazu übergegangen, im Winter durchgehende Kurse Chur- Lenzerheide-Julier-Engadin einzurichten. Die neuesten Ziffern der Frequenz der Alpenposten zeigen denn auch eine ständige Steigerung der Reisendenzahl dieser Linie. beschloss, von der Karte Gebrauch zu machen ... Das Coliseum war ausverkauft. Herr Dickson war schon lange nicht mehr in einem grossen Variete gewesen und freute sich eigentlich, dass ihn die Laune seiner kleinen Freundin einmal aus dem Bau gelockt hatte. Reihe eins, Sitz 13 — der Platz war nicht schwer zu finden! Und wie es Herr Dickson nicht anders erwartet hatte: Sitz Nummer 12 war noch leer! Seine Blicke schweiften durch das weite Rund des Saales. Die Menschen drängten sich Kopf an Kopf. Weisse Hemdenbrüste leuchteten zwischen bunten Abendkleidern — ein nettes Bild eigentlich... Der Kapellmeister hob den Taktstock. Es wurde dunkel. Gerade noch im letzten Moment huschte eine schlanke, zierliche Blondine an der langen Reihe der unwillig Aufstehenden vorbei und setzte sich neben Mr. Dickson. Der verzog keine Miene. Unentwegt starrte er auf die Bühne, die nur durch das Orchester von ihm getrennt war und schmunzelte über die komischen Eskapaden eines verrückt gewordenen Radfahrers. Der Applaus ebbte ab. Herr Dickson hielt die Zeit für gekommen, einen Blick auf seine Was nun den Betrieb der Offenhaltung des Juliers anbelangt, ist dafür gesorgt, dass rechtzeitig die Strasse von allfälligem Neuschnee und Verwehungen in der Nacht freigemacht wird. Früh um 4 Uhr beginnt die Arbeit. Mit der Schneeschleuder wird die Strecke Hospiz—Bivio (8 kni) freigelegt, und schon um 6 Uhr wird die Südrampe nach Silvaplana befahren. Bei besonders starken Verwehungen oder Schneefällen kann noch ein Schneepflug mit Lastwagen, der die Strasse Bivio—Tiefenkastei freihalten muss, herangezogen werden, um in möglichst kurzer Zeit den Pass wieder zu öffnen. Das Stallgebäude auf dem Hospiz ist gross genug, um auch diese Hilfsmaschinen, wenn nötig, noch aufnehmen zu können. Dass dadurch Gelegenheit geboten ist, vom Hospiz aus talwärts zu fahren, statt, wie es letztes Jahr erforderlich war, mangels Unterkunftsräumen für die Maschinen auf dem Pass, bei grossem Schnee vom Tal aufwärts zum Hospiz durchzudringen, erleichtert den Schneebruch ganz wesentlich. Dankbar anerkennen wir auch die uns angebotene Hilfeleistung mit den Postschneebruchmaschinen im benachbarten St. Moritz und Maloja, sofern sie nicht für die Engadin- und Malojaroute beansprucht werden. Die Freihaltung des Julierpasses wird auf die ganze Breite von 5 bis 6 Meter durchgeführt, um bei dem grossen Verkehr an allen Stellen ein Kreuzen und Vorfahren den Fahrzeugen zu ermöglichen. Dies hat ausser- Nachbarin zu werfen. Natürlich, ganz derselbe Typ wie Mary, blond und blau und flott! Er begegnete ihrem abschätzenden Blick mit Festigkeit und widmete sich dann wieder den Vorgängen auf der Bühne. ,Wie mag sie es nur anstellen', dachte er, ,mit mir bekannt zu werden?' Denn die Sache hatte natürlich nur dann Sinn, wenn sie beide in ein Gespräch kamen. Er war fest entschlossen, von seiner Seite aus nichts dazu zu tun. So verstrich eine Stunde, die nur hin und wieder durch einen flüchtigen, streifenden Blick oder ein leises, zufälliges Anstossen unterbrochen wurde. An der Gesamtlage änderte sich nichts. Der Vorhang hatte sich erneut erhoben. Herr Dickson schaute in das Programm: «William McLeaf, der kanadische Kunstschütze.» Na, endlich, das war doch eher etwas für Männer. Er setzte sich in seinem Sessel zurecht. Von ihm aus hätte man die dressierten Malteser Hündchen und muskelbepackten Parterreakrobaten ruhig weglassen können. «Ach, würden Sie mir einen Augenblick das Programm überlassen?» flüsterte es neben ihm. Wortlos .reichte Jeff das Heft hinüber und