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E_1935_Zeitung_Nr.018

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10 AUTOMOBIL-REVUE

10 AUTOMOBIL-REVUE 1935 - 18 im Eine besondere, durch das ganze,84 Seiten starke Heft geführte Spalte stellt mit ihrer unterhaltsamen Note gleichsam ei ne zweite Zeitu ng dar. Mit dem rein technischen Teil der Nummer wechseln auch sonst interessante oder unterhaltende Aufsätze ab, wie: Der Dampfochse von Südwestafrika. Kleine Geschichten vom Telephon. Seh iffsgespenster. Im Rennauto durch Südamerika. Autohumor. euheifen Automobil wesen 1935 erfahren Sie in der am 11. März erscheinenden Katalog-Nummer der Illustrierten Automobil-Revue ~^T Der Genfer Salon, die wichtigste Veranstaltung unseres Landes für den Automobilmarkt, zeigt jedes Jähr die neuen Konstruktionstendenzen sowohl des europäischen Kontinents als Amerikas. Für jeden Kaufliebhaber, der wissen will, was er für sein Geld bekommt, ist der Besuch des Genfer Salons deshalb von hohem praktischen Wert. Als Führer für den Salon, zugleich als Nachschlagewerk von dauerndem Wert, bringen wir alljährlich eine Zusammenstellung aller auf dem Markt befindlichen Marken mit den wichtigsten Kennzeichen ihrer Konstruktion heraus. Die Abmessungen und besondern Einzelheiten der verschiedenen Fahrzeugtypen werden nach einheitlichen Richtlinien schematisch dargestellt, zur bessern Veranschaulichung aber auch die Illustrierung in reichem Masse herangezogen, so dass der Leser unserer Jahresschau ein abgeschlossenes Bild sowohl über das bewährte Bestehende als die Neuheiten des heimischen Marktes vor sich hat. Unsere Jahresschau stellt eine unentbehrliche Ergänzung des Genfer Salons dar und erfreut sich aus diesem Grunde, aber auch wegen ihrer hervorragenden graphischen Ausstattung, größter Beliebtheit. Auch der diesjährigen Ausgabe wurde wiederum besondere Sorgfalt zugewendet, die Fülle des zu verarbeitenden Materials ergab wiederum einen stattlichen Band. Er wird u. a. noch folgende Artikel enthalten: Der Ankauf eines Automobils. Aktuelle automobiltechnische Probleme. Der Diktator der Strasse. Begegnungen mit dem Automobil von Anno Dazumal. Im Automobil durch die Schweiz. Das Gesicht des modernen Automobils. L'achatd'unevoitureyetc. Den Abonnenten der Illustrierten Automobil-Revue wird die Katalognummer unter gleichzeitiger Erhebung des Jahresbezugspreises (nur Fr. 2.—) zugestellt; sie erhalten im Sommer eine weitere Spezialnummer in ähnlichem Umfang. Die Katalognummer ist auch einzeln (bei den Buchhändlern, Kiosken und unsern Geschäftsstellen) zum Preis von Fr. 1.— beziehbar. Sie wird vom Verlag einzeln per Nachnahme versandt und ist an unserem Stand im Salon erhältlich. Verlag Automobil-Revue BÜCHERZETTEL. *) loh abonniere hiermit die „ILLUSTRIERTE AUTOMOBIL-REVUE" für das Jahr 1935 zum Preise von Fr. 2.—. *) Senden Sie mir sofort nach Erscheinen die' Katalognurumer 1935 des Genfer Salons. Ort: . Name:. Adresse:. •) Das Nlchtgestriohene gilt. Bern Breitenrainstrasse 97 Zürich Löwenstrasse 51 Genf Rue de la Confederation 7 Automobil-Ausstellung GENF Stand 249 - Galerie haben konnte, lag auf der Hand. Aus den beistehenden Anfahrdiagrammen geht hervor, dass es trotzdem über eine bemerkenswerte Rasse verfügt, besonders bei Benützung der kleineren Gänge. Eine Fahrgeschwindigkeit von 60 km/St, wurde beim Start aus dem Stillstand und unter Benützung der drei Getriebestufen nach 240 m Fahrstrecke oder 20 Sekunden Zeitdauer erreicht, beim Anfahren aus 10 km Fahrgeschwindigkeit, nur unter Benützung des direkten Ganges, nach rund 390 m Fahrstrecke und rund 36 Sekunden. Der erste Gang war dabei bis 33 km/St. Geschwindigkeit und der zweite Gang bis 55 km/St, brauchbar. Die Messungen wurden unabhängig vom Geschwindigkeitsmesser des Wagens durch einen mittels fünftem Rad angetriebenen registrierenden Tel-Geschwindigkeitsmesser vorgenommen. Der im Wagen eingebaute Geschwindigkeitsmesser ging bei effektiv 60 kni/St. um 10 km/ St. vor. Die ermittelte Beschleunigung entspricht der Besetzung des Wagens mit einer Person. Die ebenfalls im Diagramm wiedergegebene Bremswegkurve wurde auf nasser und deshalb etwas schlüpfriger Strasse mit Oberflächenteerung aufgenommen, vermittelt damit also noch nicht die bestmöglichen Werte. Unter den vorliegenden Umständen kann der Bremsweg von 24 m bei 60 km/St, sogar als sehr gut qualifiziert werden. Dank der gleichmassigen Bremswirkung zeigte der Wagen bei den Bremsproben nur eine gelinge, leicht zu parierende Tendenz zu Richtungsabweichungen. Der Lenkradius wurde im Kreis nach links mit 5,25 m und im Kreis nach rechts' mit 5 m festgestellt. Die Prüfungsfahrt schloss im weiteren die Fahrt über eine längere Strecke von 18 % Steigung in sich ein, die der Wagen anstandslos bewältigte. m. Pfalaisdie Loschpapier als Dichtungsmaterial. In manchen Fällen reicht zum Abdichten von Passflächen bei Deckeln oder Karterhälften die übliche Zwischenlage aus Zeichenpapier nicht aus. In solchen Fällen leistet manchmal ein dickes, filziges Löschpapier, das mit Wasserglas getränkt wird, gute Dienste. Das durchtränkte Löschpapier zerfällt aber sehr leicht beim Hantieren, daher ist es vorteilhaft, nur die Umrisse der fertigen Dichtung zu tränken, alles übrige aber trocken zu belassen. Erst nach der Montage schneidet resp. bricht man diesen überschüssigen Rand weg. Va. T«~«H S P Winl*4B Frage 9336. Rohölvergaser «Plkker». Kann mir event. ein Leser aus Erfahrung mitteilen, ob der Rohöl-Vergaser « Pikker > auf den gewöhnlichen Benzinmotor keinen schädlichen Einfluss hat und wer diesen Rohölvergaser vertreibt? R. B. in D. Frage 9337. Holzgasbetrieb von Bootsmotoren. Wäre es möglich, in einem Motorboot, wo bis dato 2 «Chrysler-Marine-Motoren» eingebaut sind, dieselben mit einer Anlage mit Holzgasgenerator einzurichten? Eignen sich die Motoren dazu mit dem jetzigen Kompressionsverhältnis? Leisten sie noch dasselbe? Sind dieselben mit der 6-Volt-Anlage in Gang zu bringen? Ist die ganze Apparatur in dem beschränkten Maschinenraum eines Motorbootes unterzubringen? C. H. in C. Antwort: Der Betrieb von Motorboot-Motoren mit Holzgas ist genau so gut möglich, wie der Betrieb von Fahrzeugen oder stationären Anlagen. Weil aber bisher fast ausschliesslich Lastwagen mit den Holzgasanlagen versehen wurden, empfieht sich vor Abgabe eines Urteils über die Eignung des Chrysler- Motorbootes unbedingt dessen genaue Besichtigung durch einen Holzgas-Fachmann. Die Chrysler-Motoren lassen sich unbedingt mit Holzgas betreiben, nur wird ohne Aenderung des Kompressionsverhältnisses ein Leistungsabfall von etwa 20—30% eintreten. Dieser Leistungsabfall wird sich jedoch durch Erhöhen des Kompressionsverhältnisses auf etwa 10—15% vermindern lassen. Bei seitlich gesteuerten Motoren geschieht diese Kompressionserhöhung entweder durch Auslöten der Zylinderköpfe mit Bronze, Einsetzen von Platten, oder es werden, wie bereits vielfach üblich, neue sogenannte Höherverdichtungszylinderköpfe aufgesetzt. Wenn das Kompressionsverhältnis bis auf etwa 1 :8 erhöht wird, kann man auch die 6-Volt-Anlasser- Anlage noch beibehalten. Ob die Generator-Anlage in dem Motorboot gut unterzubringen ist, müsste auch eine Besichtigung klären. Der Verbrauch an Holz richtet sich nach dem bisherigen Benzinverbrauch. Als Anhaltspunkt gilt: 1 Liter Benzin wird durch 2—2% kg Holz ersetzt Hieraus lässt sich also auch die Menge des mitzunehmenden Tankholzes bestimmen. Ferner ist durch die Verbrauchsangabe bereits die Rentabilitätsberechnung gegeben. Die reinen Betriebsstoffkosten-Ersparnisse betragen bei den schweizerischen Preisverhältnissen zur Zeit rund 70%. -at- Frafle 9338. Kurzschluss In der Lichtanlage? Bei meinem Amerikaner Wagen kommt es sehr häufig vor, dass die Sicherung durchbrennt. Die Lichtmaschine habe ich schon zurückgestellt, doch konstatiere ich immer das gleiche. Ich konsultierte schon zwei Automechaniker, sie fanden den Fehler aber auch nicht Ich vermute einen Kurzschluss. Wenn nämlich der Wagen über Nacht steht und ich am Morgen das Licht einschalte, springt der Zeiger des Amperemeters so stark zurück wie nur möglich. Verwende 40-Ampere-Sicherunigen. E. K. in E. Antwort: Ihre Angaben liefern uns keine Anhaltspunkte für die Lokalisierung der Störung. Leider vermissen wir auch -einen Aufsohluss darüber, welche der beiden Sicherungen durchbrennt Handelt es sich um die Sicherung an der Lichtmaschine, so ist nicht mit einem Kurzsohluss im Leitungsnetz zu rechnen, sondern im Gegenteil mit einem schlechten Kontakt, Findet zum Beispiel infolge von sohlechten Kontakten zeitweise kein Spannungsausgleich durch die Batterie statt, so wächst der Erregerstrom der Dynamo so stark an, bis schliesslich die in der Erregerwicklung eingeschaltete Sicherung durchbrennt Generalschaltungsschema einer elektrischen Äotomobilanlage. Der zweite Pol aller Stromverbraucher ist an die Masse (M) angeschlossen. D = Dynamo, Di = Anlasser, B = Batterie, A = Amperemeter, Z ? = Zündspule, Zj = Zündechalter, Z t == Verteilerkopf, S = Hauptschalter, Si = Abblendschalter, S» = Schalter der Stadtlampen. S» = Anlasserkontakt, St = Hupenkontakt, S7 = Schalter des Hecklichtes, S 8 = Schalter der Deckenbeleuchtung, L = Scheinwerfer, Li = Stadtlampen, L» = Sucherlampe, Lt = Schlusslicht. L7 = Hecklicht, L» = Deckenbeleuchtung. Um einen KurzsohJuss im Leitungsnetz dürft« es sich jedoch dann handeln, wenn die hinter dem Schaltbrett angeordnete Sicherung durchbrennt Dass eventuell gerade mit dem Schaltbrett oder dann dessen Zu- und Ableitungen etwas nicht stimmt, könnte man aus dem sonderbaren Verhalten des Amperemeters beim Einschalten der Lichter nach längerem Stillstand des Wagens ableiten. Ea ist nämlich nicht einzusehen, weshalb der Stromverbrauch der Beleuchtung nach längerem Stillstand des Wagens plötzlich viel grösser sein sollte al« normal. Da das Auffinden von Störungen in der elektrU sehen Anlage eines Wagens einige Spezialkenntnisse verlangt, raten wir Ihnen jedoch von weiteren Pröbeleien ab. Aus dem gleichen Grund werden Sie mit grossem Vorteil auch statt einen Automechaniker einen Autoefektriker konsultieren. -at- «•» '«edasaial Anfrage 492. Beweiskraft von Unfallnotizen. Als langjähriger Benutzer Ihres Automobilkalenders erlaube ich mir folgende Anfrage betr. Ihrer neuen Rubrik « Unfallblatt »: Haben die Notizen, die im Unglücksfall dort eingetragen werden, irgendwelche Beweiskraft vor Gericht? H. L. Antwort: Der Richter würdigt das Ergebnis der Beweisaufnahme nach freiem Ermessen. Hiebei hat er gewissenhaft auch den Beweiswert der einzelnen Beweismittel zu prüfen. So z. B. bei den Zeugen ihre Glaubwürdigkeit mit Rücksicht auf ihre moralische Qualität und ihre allfälligen persönlichen Beziehungen zu den Parteien (Verwandte, Freunde, Mitfahrer). Als Urkunden kommen neben schriftlichen Dokumenten alle Sachen in Betracht, welche durch besondere Zeichen oder durch ihre Stellung an einem bestimmten Ort dem Zwecke dienen sollen, eine rechtserhebliche Tatsache zu bezeugen. Es ist somit nicht ausgeschlossen, dass Notizen, die beim Unglücksfall gemacht worden sind, einen gewissen Beweiswert haben können, solange nicht deren Unrichtigkeit nachgewiesen ist. Speziell können solche Notizen Beweiskraft erhalten, wenn deren Richtigkeit z. B. durch einen an Ort und Stelle anwesenden unbefangenen Zeugen schriftlich bestätigt wird. Selbst aufgenommene Notizen sind selbstgemachten Aussagen gleichzustellen, und haben nur, wie bereits erwähnt, insofern Beweiskraft, als sie nicht durch zuverlässige Beweismittel entkräftet werden. * Anfrage 493. Rücktritt vom Kaufvertrag. Am 11. Dezember kaufte ich von der Vertretung einer bekannten Grossfirma einen Wagen, lieferbar: 1 Februar. Tags darauf fand ich in der Presse die ersten Mitteilungen über finanzielle Schwierigkeiten der betreffenden Fabrik. Sollten die Werke nun zum Stillstehen kommen, so wären auch keine Ersatzteile mehr erhältlich. Wäre unter diesen wesentlich veränderten Umständen nicht eine Aufhebung des Vertrages möglich? Liegen event. Gerichtsentscheide über ähnliche Fälle vor? A. M. in B. Antwort: Ihre Anfrage ist schwer zu beantworten. Vor allem deshalb, weil wir nicht wissen, ob der Zusammenbruch der Automobilfabrik wirklich dazu führen wird, dass künftig für Wagen der betreffenden Marke keine Ersatzteile mehr erfiältlich sind. Solte dies zutreffen, so könnte man sich allerdings fragen, ob der Kaufvertrag von Seiten des Verkäufers noch richtig erfüllt werden kann, denn die Möglichkeit, Ersatzteile zu erhalten, ißt für den Käufer eines Automobils von wesentlicher Bedeutung. Ein Wagen, für den keine Ersatzteile erhältlich sind, verliert jedenfalls an Wert und es ist möglich, dass der Richter im Prozessfalle annehmen würde, dass dieser Umstand den von den Parteien vorausgesetzten Gebrauch der Kaufcacbe mindere oder gar ausschliesse. Unseres Wissens ist noch nie ein ähnlicher FaD entschieden worden. Wir können Ihnen also nur unsere persönliche Meinung bekanntgeben und es ist wohl möglich, dass der in Ihrem Falle zuständige Richter anders entscheiden würde. *

Bern, Dienstag, S. März 1935 III. Blatt der „Automobil-Revue" No.18 Aus dem Spceduümmec des Aestes: Noch vor gar nicht langer Zeit konnte man immer wieder erleben, wenn man wegen Herzbeschwerden oder Magenbeschwerden zum Arzte ging, dass dieser das Herz und den Magen beklopfte, abschliessend aber die Schulter beklopfte und dabei sagte: «Gehen •Sie ruhig nach Hause, mein guter Mann: Sie sind... ,nur' nervös!» Der gute Mann ging dann in der Tat nach Hause, aber nicht ganz ruhig. Hatte er zwar die Angst verloren, dass er an einem Herzfehler oder einem Magenkrebs leide, so war ihm dafür das etwas blamable Gefühl zuteil geworden, dass seine Schmerzen eingebildet seien. Gewohnt zu hören, dass hinter jeder Krankheit eine Organveränderung stecken müsse oder ein Bazillus, erscheint ihm und erst recht seinen Angehörigen die Diagnose «Nervosität» als Entlarvung, als Vorwurf. Man sträubt sich gegen die Vorstellung, dass unser Geist ohne jeden ersichtlichen Zweck körperliches Leiden solle verursachen können und die Zumutung, dass eine Krankheit nur im Geiste vorliege, beleidigt, weil ja dieser Geist damit als unvernünftig gekennzeichnet wäre. Wie soll man es verstehen, dass man schlecht verdaut und der Magen doch gesund ist?! Vielleicht gewinnt man mehr Verständnis dafür, wenn man das nervöse Uebel mit einem Zustand vergleicht, der uns als Lampenfieber der Schauspieler bekannt ist, obgleich er nichts mit den Lampen und noch weniger mit Fieber zu tun hat. Der Debütant, der auf die Bühne stürzte, um zu melden, die Pferde seien gesattelt und plötzlich diese Worte absolut nicht hervorbringt, kann die Muskeln seines Kehlkopfes nicht bewegen. Sind,sie durch Krankheit gelähmt? Nein, dehn er wird sie ein ipaar Minuten später wieder gebrauchen können. Oder sind sie absichtlich gelähmt? Erst recht nicht, niemand wird dem armen Schauspieler nachsagen wollen, dass er absichtlich nicht reden wolle und trotzdem bringt er kein Wort hervor und ist sprachlos über seine Sprachlosigkeit. Genau so wie der Nervöse, der nicht begreift, warum er Magenschmerzen hat, wenn sein Magen gesund ist. Er muss sich klar werden, dass das Individuum so heisst, weil man es nicht dividieren kann, nicht teilen, dass der Mensch also nicht aus Kehlkopf besteht und Magen und Herz, sondern eben ein «Individuum» ist mit dnem Kehlkopf, einem Magen und einem Herzen. Jedes Organ ist im Organismus eingebettet und wird aus denselben Energiequellen gespeist: was immer sich im Körper abspielt, spielt sich im ganzen Körper ab. Sogar wenn wir einfach die Hand aufheben, so machen die anderen Partien unseres Leibes diese Bewegung mit oder arbeiten ihr entgegen^ zwangsläufig, sonst würden wir umfallen. Um wieviel mehr gilt das für die komplizierten Vorgänge, die sich in uns abspielen. Wird sich je entscheiden lassen, wie gross der Anteil des Körpers und wiegross F E U I L L E T O N Mannequin. Roman von Fannie Hurst. (Fortsetzung aus dem Hauptblatt.) Ueber eine Stunde sass Annie da und schaute unentwegt auf dieses Gesicht, mit Augen, die, fest gerichtet, in ihrem Begehren das Bild aufzusaugen schienen. Die Augen von John wegwenden, hiesse etwas zerreissen. Fleisch zerreissen. Arme seltsame Annie. Mit der Begierde nach Joan. Sie wollte sie nicht nach Hause zurückführen. Sie wollte nicht fünf Uhr haben. Schrecklich war es, sie diesem jungen Paar zu übergeben, das im Wohnzimmer auf sie warten würde. Manchmal formte sich die Bitterkeit, die Bitterkeit dieser drohenden Ueber t .ibe in einem engen Knoten zu einem Klumpen in ihrer Brust, wenn sie atmete. Niemals vorher war es so schwer gewesen. Wenn sie hier sass und die schlafende Joan ansah, war es, als ob die kleinen Wellen, die kleinen brandenden Wellen ihrer Gier höher und höher um sie schlügen. Als stiegen sie zu einer Flutwelle auf, die sie sofort überschwemmen musste. «Uwe» aewas Von Dr. med. Josef LöbeL der Anteil der Seele ist, wenn wir sprechen, lesen, schreiben, singen? Darum besteht auch die Krankheit niemals bloss in der Veränderung eines Organs oder in der Einbusse einer einzigen Leistung; sie ist vielmehr stets eine Beeinträchtigung der gesamten Lebensbetätigung. Erst wenn der ganze Mensch dem Leben nicht voll gewachsen ist, wenn seine Unzulänglichkeit sich auch in solchen Teilen seines Wesens äussert, die gar nicht verändert sind — erst dann ist er krank. Ob eine Erkrankung durch körperliche Ueberanstrengung entstanden ist oder durch seelischen Konflikt, macht dabei keinen Unterschied; ebensowenig, ob sie sich vorwiegend seelisch ausdrückt, «nervös», zum Beispiel in Angst, oder vorwiegend körperlich, zum Beispiel in Schmerzen. Deshalb darf es Charlies Leben ist schwer zu überblicken. Das hängt damit zusammen, dass er bald hier, bald dort, bald in dieser, bald in jener Gegend auftaucht. Wenn er eines Tages nicht mehr auf dieser Erde wandeln wird, werden seine Biographen so und so viel Perioden unterscheiden können. In einer dieser Perioden war Charlie sogar sesshaft und verheirate^. Und das war so gekommen: Auf der Durchreise in einem Landstädtchen hatte Charlie ein bildhübsches, schwarzlockiges Mädchen gesehen. Es stand vor einem Gartenzaun und spielte mit einem vierjährigen Kind, offenbar seinem Schwesterchen. Die Bäume blühten. In der Mitte des Gartens ragte, ganz rosig überschneit, ein Apfelbaum. Das Gras hatte den frischen Duft des ersten Grüns. Ein Bach schoss sein in ein schmales Bett gefasstes Wasser geradewegs auf ein Mühlrad ab, das geruhsam klapperte. Der Ort lag in der Stille des Abends, wie in weisse Kissen geschmiegt. Damit auch nichts zum vollendeten Idyll fehle, tröpfelte der Kirchturm ein paar verträumte Glokkenschläge über die Flur. Charlie duckte sich hinter einen Busch und machte grosse Augen. So steht ein ewig Hungernder vor dem Stilleben eines Delikatessengeschäfts. Jeder Glockenschlag drang tief in sein schutzlos einsames Herz. Der blaue, kräuselnde Rauch aus den Kaminen, der sich der abendlichen Luft vermählte, das rauschende Wasser, die blühenden Hekken, das alles schloss sich zu einem Rahmen um ein Bild, schön wie ein bunter Oeldruck auf den Jahrmärkten; und im Mittelpunkt des Bildes stand das sohwarzlockige, hüftenfeste Mädchen mit braunen Armen und einem Gesicht voll saftiger Süsse. Nun werden sie bald die Lampen in den Stuben anzünden, dachte Charlie — er kannte das aus jahrelanger Uebung, dieses sehnsüchtige Vorüberstreichen an erleuchteten Gardinen, in warmen Sommernächten und an nebelumflorten Winterabenden. Versunken in eine Träumerei, hatte er sich einen Zweig vom Rotdorn gebrochen und in sein Knopfloch gesteckt. Schon rieb er seine Beine widereinander, und zwar so, dass der linke Schuh sich an der rechten Wade, der rechte Schuh sich an der linken Wade wetzte — es sah aus, wie wenn die auch nicht wundernehmen, dass man die Angst einmal durch seelische Behandlung beseitigen kann und ein andermal durch Opium, oder dass man den Schmerz in einem Falle durch Tropfen zu heilen vermag und im anderen durch Suggestion. Stets wird man daran denken müssen, dass Leib und Seele nur zwei verschiedene Seiten eines und desselben Instrumentes sind, dass die Seele sich der Organe als Sprachrohr zu bedienen pflegt und umgekehrt jeder materielle Fehler auf das Gemüt wirkt Jeder Teil unseres Körpers ist eben imstande, physische Symptome zu produzieren, wenn der Mensen nervös ist und es gibt eigentlich kein Krankheitszeichen, welches «nur» nervös ist oder «nur» organisch, weil in jedem Körperschaden, also auch ausnahmslos in jeder Krankheit, Physisches und Psychisches sich mischt. Das hat schon Plato gewusst, als er sagte: «Denn das ist ja der grösste Fehler in der Behandlung von Krankheiten, dass es Aerzte gibt für den Körper und Aerzte für die Seele. Wo beides doch nicht getrennt werden kann.». Aus meinem kleinen CAapCin-ßceMuch: CAwdies Qiücktad Von Hans Natonek. Fliegen mit ihren Vcrderbeinchen rituelle Waschungen zu Ehren des Fliegengottes vornehmen — schon also traf Charlie Vorbereitungen, sich von dem reizenden Idyll loszureissen, um weiterzuwandern, da erscholl ein Schreckensschrei. Das Mädchen hatte ihn ausgestossen. Das kleine Schwesterchen war, seinem Ball nachlaufend, in den Mühlgraben geplumpst. Charlie sprang wie abgeschnellt hinter seinem Busch hervor, riss einen Trog vom Zaun, der dort zum Trocknen hing, setzte ihn aufs Wasser ,. und sich hinein, stiess sich ab, ruderte mit dem 'Sföckchen und schoss, wie eine Ente paddelnd, hinter dem kleinen Kleiderbündel her, das seinen Kurs auf das Mühlrad nahm. Auf einem Rummelplatz, erinnerte er sich plötzlich, ungeachtet der aufregenden Wasserfahrt, war er einmal in einer ähnlichen Rinne wie dieser in einem schaffartigen Boot «stromab» geglitten, durch eine herrliche Landschaft aus Pappe, durch Grotten und an Palästen vorbei... Es ist doch im Grunde, dachte er, fast kein Unterschied zwischen den heiteren und ernsten Situationen des Lebens. Einige Meter vor dem Rad, das gerade stillstand, erwischte er die Kleine, die bei der Raschheit des Gefälles nicht einmal Zeit gehabt hatte, viel Wasser zu schlucken. Er ergriff sie und zog sie in seinen Trog. Am Mühlrad gab er dem «Rettungsboot» einen Tritt, hielt mit der einen Hand das Kind fest, sich selbst mit der andern an einer Sprosse des Rades, zog sich hoch, setzte sich auf eine Radlatte und schrie Hurra. Dummerweise, aber völlig ahnungslos, stellte der Müllerbursche gerade in diesem Augenblick -den Mahlgang ein, und Charlie sah sich plötzlich auf ein Karussell versetzt, das ihn an eine Kombination von Riesenrad und Wasserrutschbahn erinnerte. Das Mädchen am Gartenzaun — wir wollen nicht länger ihren Namen verschweigen, sie heisst Edith und ist Tochter des Mühlen- und Bäckereibesitzers Jack Reäver — stiess wieder einen Schrei aus, einen vollen, runden Schrei, gerade so schön wie der erste. Charlie, das Kind im Arm, mit der langsamen Drehung des Rades auf dessen Zenith emporgetragen, winkte von der luftigen Höhe mit seinem Hütchen dem entsetzten Mädchen Gruss und Beruhigung zu. Als seine gute Position, weil nun Annie verlangte nach Joan. Die Nächte und die Tage. Das Erwachen in dieses Gefühl leerer Arme. Nacht um Nacht, da sie in ihrer Höhle sass und auf die Laute horchte, wie das junge Paar mit seinem Sprössling herumtollte ... An diesem Tage kam Selene, mit einer Reisetasche in der Hand, auf den Mall, schnell, nervös und aufgeregt, was sie viel jünger erscheinen Hess als ihr gewöhnlich kühleres und glechmässigeres Benehmen. Mrs. Herrick sei für einige Tage weggerufen worden nach Hause zu ihrer Mutter. Endlose Ermahnungen. Unnötige Wiederholungen, die Annie ärgerten, da sie sie so gut kannte. Die Aufträge seien von Mr. Herrick entgegenzunehmen. Dann noch mehr ärgerliche Ermahnungen wegen .Joan. Als ob die Sorge um Joan nicht täglich ihre grösste wäre. Die Kolonie von Nurses beobachtete ein wenig das Schauspiel, wie Selene ihr Baby wachküsste. Auch das verärgerte Annie. Selene küsste Joan so heftig, dass das Kind schliesslich sein Gesicht flach in die Polster schmiegte, um wieder den Luxus ununterbrochenen Schlafes zu geniessen. Annie war nervös und unruhig, bis der Abschied zu Ende war. Schliesslich war Mrs. Herrick gegangen. Die Mutter der kleinen Joan war gegangen, sogar für einige Tage. Plötzlich schien es Annie, — sie erschrak — dass sie jetzt, während ein Kindermädchen nach dem anderen seinen Pflegling heimwärts schob, dass sie diesmal es einfach nicht konnte. Jetzt, wenn jemals, war der Augenblick gekommen. Klein Joan, die schlafend dalag, gehörte für den Augenblick nur ihr. So merkwürdig, heute abend von allen Abenden. .Sie konnte es nicht übers Herz bringen, sie diesen Abend herzugeben. Die Gier und die Begierde tobten in der armen Annie. Mrs. Herrick war gegangen. Sie sass da und war mit dem, was sie jetzt wusste, schlau geworden. Ein bisschen schrecklich. Fünf Uhr. Und Annie war, nach allen diesen Monaten geheimer Begierde, plötzlich zu gierig, um von ihrer Bank aufzustehen und, den so ärgerlich oft wiederholten Aufträgen von Mrs. Herrick gehorsam, das in ihrer Obhut schlafende Kind zu seinem Vater nach Hause zu fahren. Der verstohlene schleichende Verstand Annies begann zu arbeiten. Annie hatte sonst keine Bedürfnisse. Bloss das unbestimmte Bedürfnis nach etwas — wie die Hand dieses Kindes —, um es an den Schmerz in ihrem Herzen zu legen» Von Elisabeth Summerer. Nacht. Und über Menschen, Dächer Hin zur Ewigkeit. Sieh — die kleinen Häuser bleiben Schon so weit. Noch ein letzter Ruf von unten und ein Baum, der Zärtlich winkt. Letzter Schimmer der geliebten und gehassten Stadt versinkt. Losgelöst der lauten Erde schweben wir im Tiefen All — Und die wilden Stürme spielen hingerissen mit dem Kleinen Ball Sterne flirren lockend aus dem dunkeln Rätselschweren Raum — Erderinnern und Zurückgebliebenes streift uns wie Ein vager Traum. Wolken ziehen wie weisse Schiffe unter ans Im Mondenschein. Und das Lächeln eines weisen Gottes Hüllt uns ein. einmal das Rad rund herum geht, sich abwärts neigte ins Wasser, begann Charlie, der drohenden Bestimmung, unterzutauchen, geschickt entgegenzuarbeiten, indem er in umgekehrter Richtung die Radschaufeln aufwärts kletterte. Das Rad lief seinen Gang, aber Charlie auch, entgegengesetzt. Er lief gleichsam eine abwärts rollende Treppe hinauf. Das hätte noch eine Weile dauern können; das Kind fing schon an, dem Unternehmen eine spassige Seite abzugewinnen. Durch laute Rufe hatte aber Edith bewirkt, dass Leute aus dem Haus herbeigelaufen kamen und den Radgang zum Stehen brachten. Mit Hilfe einer Leiter holte man Charlie und das Kind aus der gefährlichen Position aufs Trockene. Die Rettung der Meinen Kitty wurde im Hause Jack Reavers gebührend gefeiert. Die abenteuerliche Fahrt auf dem Mühlrad machte die Runde im Ort und trug Charlie herzliche Ovationen ein. Er blieb über Nacht, über den Tag, zwei Tage, drei, vier —, Charlie blieb. Es geschah zum ersten Male in seinem Leben. Er lag in einem richtigen Bett, er ass richtige Speisen. Er führte sich ordentlich auf, er machte keine Dummheiten. Wenn sie es nicht sah, hing, sein Blick an Edith. Mit dem ihren streichelte Edith, die ihr Schwesterchen abgöttisch liebte, den Retter, wenn er es nicht sah. Charlie lernte die Bäckerei, es ging sehr rasch, im Handumdrehen, wie's Bretzelbacken. Er buk in der Tat prächtige Bretzeln, vielgestaltige, lustige Bretzeln von unerschöpflichem Formenreichtum. Einmal buk er eine, deren verschlungene Schleifen in einer Herzform Tebusartig das Monogramm E und C bildeten. Edith ass sie auf,. Charlie, war glücklich. Er bildete sich ein, sie hätte den Rebus gelöst. Das Mühlrad, das ihn in ein neue« Lebensschicksal, in eine Menschengemeinschaft verflochten hatte, war für Charlie fortan ein Glücksrad. Dehn Weihnachten feierte man Verlobung. Der Hochzeitstermin musste wiederholt verschoben werden. Es war, als wollte das Schicksal Charlie Gelegenheit geben, auszureissen, solange es noch ging. Aber Charlie verstand den Wink nicht; er sah nur sein Glücksrad. Im Gegenteil, je mehr Luzern Schiller Hotel Garni Alle Zimmer mit (Hess. Wasser o. Bad u.Tel. Zimmer v. Fr. 4.50 an. Pens. Fr. 12.-. Autoboxen. Ed. Leimgruber, Bes. Sie trug den gesparten Lohn von sieben Monaten, in einen alten Seidenstrumpf von Mrs. Herrick gestopft, in der Unterrocktasche unter der schwarzen Satintracht. Es gab Orte — Annie kannte sie sehr gut —, wo man abgesondert, weit weg und sicher mit der unerhörten Kostbarkeit Joan leben konnte. Der Wünsch war wie ein Schmerz. Er tat ihr weh. Der Wunsch und die Gelegenheit! Annie, ausgehungert, wollte Joan für sich allein haben. Die Flutwelle der durch all diese Monate stetig gesteigerten Gier wuchs und wuchs. Und irgendwie wurde es ihr plötzlich unmöglich, nach Hause zu gehen. Zu ihm. Zu Mr. Herrick, der darauf wartete, ihr Joan wegzunehmen. Die kleine Joan. Die liebliche Joan. Annie wollte mit ihr schlafen diese Nacht — die ganze Nacht — jede Nacht — allein, das Kind eng geschmiegt an den Schmerz in ihrer Brust, der dann kein Schmerz mehr sein würde. Wie aber fasste man den Mut? Wenn man nahm, was man wünschte, dann drohten eisenvergitterte Fenster, die Besserungsanstalten und die schrecklichen Uniformen mit den Messingknöpfen. Annie kannte sie — aus ihren alten Schiffstagen. (Fortsetzung tolgt.)