Aufrufe
vor 8 Monaten

E_1935_Zeitung_Nr.021

E_1935_Zeitung_Nr.021

BERN, Freitag, IS. März 1935 Zweite Salon-Nummer Nummer 20 Rp. 31. Jahrgang - N° 21 ERSTE SCHWEIZERISCHE AUTOMOBIL-ZEITUNG Zentralblatt für die schweizerischen Automobil- und Verkehrsinteressen ABONNEMENTS-PREISE: Ausgabe A (ohne Versicherung) halbjährlich Fr. 5.—, jährlich Fr. 10.— Ausland mit Portozuschlag, wenn nicht postamtlich abonniert Ausgabe B (mit gew. Unlallversich.) vierteljährlich Fr. 7.50 Ausgabe C (mit Insassenversicherung) vierteljährlich Fr. 7.50 Das Automobil im öffentlichen Leben Begrüssungsansprache von Herrn Bundesrat Baumann am Eröffnungsbankett. Gerne habe ich den ehrenvollen Auftrag übernommen, als Vertreter des Bundesrates den 12. internationalen Automobilsalon zu eröffnen und ihnen zugleich die herzlichen Gmisse und Glückwünsche des Bundesrates zu überbringen. Wir bewundern die Energie und das Geschick,'mit denen jedes Jahr in Genf eine Ausstellung ins Leben gerufen wird, deren Ansehen ständig zunimmt und über die Grenzen unseres Landes weit hinausreicht. In der Geschichte des schweizerischen Automobilismus hat Genf von Anfang an eine hervorragende Rolle gespielt. Ich bin sicher, dass der diesjährige Salon neuerdings ein packendes Bild geben wird von der Bedeutung der Motorfahrzeuge und der Fahrräder für den Verkehr, für Handel und Industrie und unser gesamtes wirtschaftliches Leben, wie auch von den Fortschritten, die auf die- ' sem Gebiete wiederum erzielt worden sind. Im Namen des Bundesrates danke ich dem Herrn Präsidenten wie dem gesamten Organisationskomitee, ihren Mitarbeitern und allen, die zum Gelingen des Werkes beigetragen haben, für die grosse geleistete Arbeit. Es war für mich eine Freude, heute zu diesem festlichen Anlasse nach Genf zu kommen. Freundliche Erinnerungen, die bis in meine Jugendzeit zurückreichen, verbinden mich mit dieser Stadt, deren Schönheiten mich stets mit Bewunderung erfüllt haben. Neben den Grüssen an alle hier versammelten Vertreter und Gäste gilt mein besonderer Gruss dem Genfer Volk. Seine mutvolle Devise « Post tenebras lux » möge für das ganze Schweizervolk gelten und uns mit der Zuversicht erfüllen, dass nach dem Dunkel der Erseheint jeden Dienstag und Frei tag INSERTIONS-PREIS: Wöchentliche Beilage „Autler-Pelejabend". 6-^«:mal jährlich ..Gelbe Liste" Die acht gespaltene 2 mm hohe Grundzeile oder deren Raum 45 Rp. REDAKTION u. ADMINISTRATION: Breitenrainstr. 97, Bern Grössere Inserate nach Spezialtärit. Telephon 28.222 - Postcheck III414 - Telegramm-Adresse: Autorevue, Bern Inseratenschluss 4 Tage vor Erscheinen der Nummern Krise das Licht eines wirtschaftlichen-Aufstieges sich auch wieder zeigen wird. Mein' Vorredner hat die Erwartung ausgesprochen, dass ich mich über die Erfahrungen äussern werde, die seit dem Inkrafttreten des neuen Automobilgesetzes, d.h. seit dem 1. Januar 1933, gemacht worden sind. Ich will ihm auf diesem Wege gerne folgen, auch wenn diese Erfahrungen, soweit es sich um die Verkehrssicherheit auf der Strasse handelt, kein besonders erfreuliches Bild enthüllen. Dabei knüpfe ich an die Worte an, die mein verehrter Vorgänger im Amt, Herr Bundesrat Häberlin, bei der Eröffnung des Automobilsalons am 6. März 1931 gesprochen hat. Er sagte unter Hinweis auf den Wegfall gesetzt lieh festgelegter Höchstgeschwindigkeiten für die Personenautos was folgt: « Ergibt die Sta* tistik in Zukunft unter dem neuen System bei im übrigen gleichbleibenden Verhältnissen eine Abnahme oder wenigstens keine Zunahme der Automobilunfälle, so besteht kein Grund zur Umkehr. Ist dagegen innert längerer Ber obachtungsfrist eine bemerkenswerte Zunahme der Unfälle zu konstatieren, so können die Automobilisten nicht mehr verlangen, dass ihre letzten wirtschaftlichen und sportlichen Ausnützungsmöglichkeiten über unsere Sorge: für Leben und Gesundheit der Mitmenschen gestellt werden. Beklagen müssten .sie .sich bei ihren fehlbaren Kollegen.» Fortsetzung auf Seite 2. Bundesrat Dp. Baumann, Chef des Eidgen. Jüstizund Polkeidepartementes, Revolution im Automobilbau II. Wandlungen der Karosserie. Im Artikel" der letzten Nummer wurde auf den Wert .der aerodynamisch guten Durchbildung der Karosserie hingewiesen. Wir führten aus, dass das Bestreben zur Verminderung des Luftwiderstandes immer mehr zu einem der Hauptfaktoren in der Entwicklung der Kärosserieform wird, während vorher lange Zeit nur der Wunsch, die Wageninsassen vor Wind und Wetter zu schützen, massgebend war. Ein zweiter richtungsweisender Einfluss ergibt sich aus den modernen fabrikatorischen Möglichkeiten. Immer mehr werden Spezialmaschinen zur Herstellung der Karrosserie herangezogen. Riesige Pressen ermöglichen Formen, an die mit Handarbeit kaum zu denken gewesen wäre. Die neuen Formen ergeben wieder ganz andere Festigkeiten. An der Aenderung des Grundaufbaues tragen weiter die modernen Methoden der Verbindung der Einzelteile bei. Durch die moderne Schweissung, in grösseren Betrieben meist elektrisch vollzogen, entstehen Karosserien gleichsam aus einem Stück. Aber die Karosserie ist nicht nur in sich selbst einig und stark geworden, immer inniger wird ihre Verbindung auch mit dem Chassis. Sowohl sie wie das Chassis können daraus nur profitieren. Beide verstärken einande% oder lassen sich bei gleicher Festigkeit leichter ausführen. Anstelle des tragenden Gerippes tritt immer mehr die kräfteaufnehmende Aussenhaut. Der Chassisrahmen, ist vielfach schon in Rückbildung begriffen. Das Endziel wird ein Fahrzeug mit viel weniger toten Massen sein, also wieder eine Maschine mit erhöhtem Wirkungsgrad. Mit. erhöhtem Wirkungsgrad auch deshalb, weil durch den Wegfall zahlreicher bisheriger ( Tragorgane der Passagierraum vergrössert,, die Transportfähigkeit also erhöht werden kann. In dem Mass, wie seine spezifische Leistung steigt, und der Leistungsbedarf für die Fortbewegung des aerodynamisch besseren und d*s leichter gewordenen Wagens sinkt, wird seine Majestät der Motor auch, immer an Ansehen und Respekt einbüssen. ZUKUNFT Abb. 1 und 2. Die Wandlungen der Karosserien im Verlauf der letzten 30 Jahre. (Fortsetzung auf. Seite 9.) 1380 £ F E U I L L E T O N Mannequin. Roman von Fannie Hurst C9. Fortsetzung.) Klein Orchid führte das alltägliche Leben eines Kindes einer alltäglichen Zinskaserne, nur dass sie ihr Haar in glatten schwarzen Flügeln gegen ihre klaren Wangen frisierte, während Annies Haar ungewaschen in farblosen Zotten wirr herunterhing; und dass sie Ihren Mund sauber und frisch wie eine Knospe erhielt, sogar in den Tagen, da sie Geldstücke sog, wie sie natürlich auch Früchte von den Wagen der Strassenhändler stahl. Leierkastentage in den schmutzigen Elendsvierteln. Das unveränderliche Panorama der Zinskasernen. Das Zickzack der Feuerleitern. Offene Aschenkannen, die den Staub in Aschenspiralen ausstiessen. Magere Katzen und Kinder. Der Tanz der Wäschestricke. Immer dasselbe, seit sie sich erinnern konnte, seit sie kaum so gross gewesen war, um über das Fenstersims zu gucken, und auch später, als schon ihre Knie so hoch wie das Sims waren, — es war immer dieselbe Aussicht, mit deren Anblick sie die Augen öffnete und schloss. Der Tanz der Wäschestricke. Arbeitsanzüge hingen an den Leinen wie Gehenkte. Leere Flanellärmel flatterten. Rohleinenhosen schlenkerten. Winzige Kinderkleider waren bei den Schultern mit Wäscheklammern befestigt. Das war die Aussicht; und die Geräusche dieses Panoramas waren das Quietschen hin und her gezogener Rollen. Die Wäschestricke, das Miauen von Katzen, Kindergeschrei und das Gebrüll der Lower East Side, wie von brüllender See. Manchmal fand in der Nachbarschaft ein Aufmarsch oder ein Fest der italienischen Kinder in der Prince Street statt. Einmal trug Orchid eine Krone aus Goldpapier auf ihrem Haupte und zog an einem Nationalfeiertage mit der Schulparade. . Annie hatte diese Krone mit ihren laugezerfressenen Händen geschnitten, mit einer Schere, die von Rost ächzte. Arme Annie! Es hätte bloss zehn Minuten dauern müssen, diese Krone aus Streifen von Pappendeckel zu schneiden und mit Goldpapier zu überkleben, das von der Schule beigestellt worden war. Aber ihre Hände waren so stumpf geworden! Und so dauerte diese Arbeit viele Abende, nachdem sie an den Tagen Korridore und Waschräume gescheuert hatte. Sicher war es schön, Orchid in diesem Zuge marschieren zu sehen, mit einem rotweiss-blau umwundenen Stock und einem goldenen Stern auf dem Kopfe, den Annie gleichfalls geschnitten hatte. Annie sass auf einem Eckstein und Hess ihre Kleider in die Gosse hängen, ohne darauf zu achten, "sie schaute nur mit blinzelnden Augen und unterhielt sich stolz mit den Müttern aus den Zinskasernen. Stolz auf den Besitz. Beschränkte Annie! Ihr Gesicht zuckte nervös. Und einmal, als Orchid elf war, hatte Annie langsam und mühselig an den Abenden einer ganzen Woche aus rosa Seidenpapier das Kleid der Maikönigin angefertigt. Orchid sollte Maikönigin sein bei einem Schulfest und unter einem rosapapierenen Baldachin gehen, den Mitschülerinnen trugen, und etwas deklamieren, während ein Chor von fünfzig Kindern die Schlachthymne der Republik ihr nachsang. Es war schrecklich, Annies stumpfe Finger mit dem zarten Seidenpapier umgehen zu sehen." Orchid, doch erst elf Jahre, wollte das glänzende Papier selbst legen und zuschneiden. Und tat es schliesslich auch, während Annie zu ihrer Arbeit aus war. und glättete und ordnete die Lagen von Seidenpapier, bis der Rock an ihr herunterfloss wie ein Wirbel von Rosenblättern. An diesem Feiertag war Orchid im Triumph Maikönigin. Königin von Hunderten kleiner Kinder, wie sie selbst, mit Strümpfen, die von Löchern starrten und unter dem Seidenpapier sichtbar wurden, und der hässlichen Wäsche aus