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E_1935_Zeitung_Nr.024

E_1935_Zeitung_Nr.024

BERN, Dienstag, 19. März 1935 Fünfte Salon-Nummer Nummer 20 Rp. 31. Jahrgang - N° 24 ERSTE SCHWEIZERISCHE AUTOMOBIL-ZEITUNG Zentralblatt für die schweizerischen Automobil- und Verkehrsinteressen ABONNEMENTS-PREISE: Ausgabe A (ohne Versicherung) halbjährlich Fr. 5.—, jährlich Fr. 10.— Ausland mit Portozuschlag, wenn nicht postamtlich abonniert Ausgabe B (mit gew. Unfallversich.) vierteljährlich Fr. 7.50 Ausgabe C (mit Insassenversicherung) vierteljährlich Fr. 7.50 Erscheint jeden Dienstag und Freitag INSERTIONS-PREIS: Wöchentliche Beilage „Autler-Feierabend". 6—8 mal jährlich „Gelbe Liste" Die achtgespaltene 2 mm hohe Grundzeile oder deren Raum 45 Rp. REDAKTION u. ADMINISTRATION: Breitenrainstr. 97, Bern Grössere Inserate nach Spezialtarif. Telephon 28.222 - Postcheck III414 - Telegramm-Adresse: Autorevue, Bern Inseratenscbluss 4 Tage vor Erseheinen der Nummern Ein schiefer Standpunkt Der «Eisenbahner», das offizielle Organ der schweizerischen Eisenbahner - Gewerkschaft, hat einen kostbaren Fund gemacht. Er hat nämlich entdeckt, dass im Voranschlag der eidgenössischen Staatsrechnung 1935, der mit einem Defizit von 41,6 Millionen abschliesst. auf der Einnahmenseite das Benzin bloss mit einem Ertrag von 40 Millionen figuriert, währenddem unter den Ausgaben 10 Millionen für den Ausbau der Autostrassen erscheinen. Für das streitbare Blatt bildet das natürlich einen ebenso hinreichenden wie willkommenen Grund, den Bundesrat hämisch zu bekritteln, weil er nicht einmal imstande sei, durch Schaffung neuer Einnahmen und Beschneidung der Ausgaben die Bilanz zu «bereinigen». Aber der «Eisenbahner» weiss Rat in dieser unerquicklichen Lage. Hilfreich springt er unsern Landesvätern bei und lässt sie seiner Erleuchtung teilhaftig werden, auf dass sie es besser machen und den budgetierten Fehlbetrag in einen netten Ueberschuss verwandeln. Allerdings stürzt er sich dabei keineswegs in geistige Unkosten, Worin das Geheimnis seiner Hexenkünste liegt? In einer hinlänglich platten und abgedroschenen Formel, deren Inhalt sich in den fünf Worten erschöpft: das Automobil muss mehr zahlen. Prooatutn est. Neben dem Erlös aus der Getränkesteuer, welche der «Eisenbahner» kurzerhand mit 60 Millionen einsetzt, soll eine Benzinzollerhöhung die Einnahmen steigern helfen. Wozu das Blatt sich wie folgt vernehmen lässt: «Benzin». Hier sind im Budget 40 Millionen vorgesehen. Erhöhen wir die Steuer auf diesem übelriechenden Stoff nur getrost um 100%. Diejenigen, welche ihn konsumieren, ertragen ganz bestimmt einen solchen Aderlass und wir haben wieder 40 Millionen gewonnen. Zusammen erhalten wir 79,3 Millionen mehr an Einnahmen, d. h. ein budgetiertes Einnahmentotal von 515,6 Millionen gegenüber 436,6 Millionen nach demjenigen des Bundes. Auf der Ausgabenseite können wir seelenruhig den Beitrag von 10 Millionen streichen, •welcher für die Autostrassen geopfert werden soll. Wir brauchen keine Autostrassen. Wir haben genug Verkehremittel. Eben wegen der Verkehrshypertrophie leiden unsere Bahnen so immens und gehen daran zu Grunde. Wenn die Autofähre» Autostrassen wollen, so sollen sie sie selbst bezahlen. Es heißst, das Geld zum Fenster hinauswerfen, wenn man der Benzinkasse weitere Zuwendungen macht. Wird so nach dem vorerwähnten Rezept verlahren, so ergibt eich pro 1935 folgender Abschluss: F^usll^ton Eine Stunde Auto-Salon. widerspiegeln, schön in Reih und Glied geparkt sind. Die Securitas bewacht mit finsterm Blick und immerwährender Wachheit die Eingänge des Salons, vor dem sich die halbe Genfer Jugend mit dem sehnsüchtigen Verlangen staut, gleich den Besuchern in das Innere des Palais eintreten zu können. Ein blinder Geiger streicht seine kreischende Violäne, doch nur selten klimpert ein Geldstück in seinen Hut; viel Not und Armut findet sich zusammen und hofft, dass hier auch für sie etwas abfallen werde. Aber Zeit ist Geld, und die modernen Menschen haben es eilig; der Strom der Besucher läuft rasch und reibungslos, unaufhörlich speit das gewaltige Gebäude Menschenmassen aus, während schon wieder neue Besucher die Ein- Aeusseriieh unterscheidet sich der seit wenigen Tagen geöffnete Salon kaum von seinen Vorgängern. Im « Grand Palais» defilieren täglich wieder Tausende vor den letzten technischen Schöpfungen der Automobilindustrie, entfalten alle die mit dem neuen Verkehrsmittel wirtschaftlich Verbundenen ihre Tätigkeit, Beziehungen werden geknüpft und Fäden gesponnen, Geschäfte abgeschlossen, Hoffnungen geweckt, Enttäuschungen bereitet, wie in einer ins Grosse übersetzten Warenmesse, wo nur mit runden, schönen Zahlen mit mindestens vierstelligen Ziffern gerechnet wird. Der Salon trittskarte lösen. pflanzt sich in seinen Auswirkungen bis zum neuen grossen Bahnhof hinauf fort; in den Kantonsfarben flattern zahllose Fähnchen, Extratramkurse mit den hochbeinigen alten Wagen verbinden das Zentrum mit dem Salon, und mehr als je dominiert das schöne, moderne Automobil in den Strassen der Völkerbundsstadt. Vor manchem Hotel werden kleine private Autoausstellungen abgehalten, wenn gleich ein Dutzend der neuesten Typen, deren Lacke das trübe Himmelslicht Totaleinnahmen 515,6 Millionen Totalausgaben 467,9 Millionen Einnahmen-Ueberschuss 47,7 Millionen An Stelle eines Defizits der Bundeskasse erhalten wir mit Leichtigkeit einen Ueberschues derselben. Diese 47,7 Millionen können nun als erste Rate einer Sanierungsbeihilfe für die Bundesbahnen verwendet werden...». Der geneigte Leser merkt, woher der Wind weht. Wir nehmen es dem Eisenbahner ja nicht übel, dass er zuerst an sich selbst denkt und pro domo plädiert. Auch an den rüden Jargon, worin er sich gefällt, kann man sich zur Not gewöhnen. Womit er uns indessen verblüfft, das sind die wahrlich blendenden Rechenkünste, um die er sein Repertoire bereichert hat, die prachtvolle Gelassenheit, die ihm neue Benzin- und andere Millionen aus dem Boden stampfen lässt. «Getrost» erhöht er den Benzinzoll um 100 Prozent und hat damit «schon wieder» 40 Millionen hervorgezaubert. Und «seelenruhig» streicht er die 10 Millionen für den Strassenbau, mit einer Nonchalance, die fast überzeugend wirken könnte, wenn... Wenn nicht der Pferdefuss allzu sichtbar hervorträte. Man glaubt ja wohl beim «Eisenbahner» selbst nicht an seine frivolen Tiraden. Denn was da gefordert wird, ist dermassen absurd und hahnebüchen, dass man diese Expektorationen nicht anders denn als Erzeugnis der Demagogie werten kann. Mit schlagwortreicher Popularitätshascherei, mit Kraftausdrücken und gemeinplätzigen Redensarten wird kein Staatsbudget ins Gleichgewicht gebracht. Freilich, das Blatt hätte an seinen Grundsätzen Verrat geübt, wäre es nicht ausgerechnet auf die Idee einer neuerlichen Belastung des Automobils verfallen, um unsern Bundeshaushalt, wie es so stilvoll sagt, zu «bereinigen». Der Automobilist vermöge eine Verdoppelung des gegenwärtigen Benzinzolls, der heute schon mit 200 Prozent des Warenwertes den höchsten aller unserer Zollansätze darstellt, ganz bestimmt zu ertragen. Facon de parier! Als ob nicht der fiskalische Zugriff auf den Brennstoff bereits die äusserste Grenze des Erträglichen erreicht hätte, als ob nicht gerade deshalb der Erlös aus dem Benzinzoll im Rückgang begriffen wäre. 1932 bezifferte er sich auf 44,8 Millionen, 1933 dagegen nur noch auf 43,6 Millionen. Für das laufende Jahr sieht das Budget bezeichnenderweise eine Einnahme von 40 Millionen vor. Und verrät nicht auch, als Folge der Unersättlichkeit des Fiskus, die Zahl der Neueinstellungen von Motorfahrzeugen eine sinkende Tendenz, währenddem gleichzeitig die Fälle sich zu mehren beginnen, da Automobile aus dem Verkehr zurückgezogen werden. Warum? Weil zwangsläufig der Moment eintreten muss, da der Automobilist Ueber dem Eingang sind sämtliche Salonplakate der letzten Jahre nebeneinander aufgeklebt. Auch im Innern des Palais sind wenig Aenderungen vorgenommen worden, wenn auch in Wirklichkeit sich der Fortschritt eines Jahres mit aller Deutlichkeit widerspiegelt. Im weichen milchigen Licht, das von oben durch grosse Scheiben einfällt, wird die ganze Atmosphäre leicht gedämpft, und sie erhält jenen kultivierten Ton, der die Verbindung mit dem. Worte «Salon » schafft. Denn es scheint einfach eine Unmöglichkeit genug kriegt an dem Uebermass von Zöllen, Steuern und Abgaben aller Art, da bei des Bundes und der Kantone unstillbarem Appetit die Wirtschaftlichkeit des Autobetriebes zu existieren aufhört. Darauf und auf nichts anderes will der Eisenbahner aus naheliegenden Gründen hinaus. Es schmerzt ihn beträchtlich, dass die Bahnen durch den Aufschwung des motorischen Strassenverkehrs ihres Transportmonopols verlustig gegangen sind. Und er schwelgt in phantastischen Träumen, dieses Monopol wieder aufleben zu lassen, dadurch, dass man das Automobil unter dem Druck unsinniger Zölle erstickt. «Wir haben genug Verkehrsmittel», stellt das zitierte Blatt ja im Brustton der Ueberzeugung fest. Das heisst anders ausgedrückt: wir brauchen das Auto nicht, wir wollen es erdrosseln. Nur eine Kleinigkeit bleibt dabei übersehen. Hat man die Henne erst einmal erwürgt, dann wird sie sich kaum dazu herbeilassen, die Produktion ihrer goldenen Eier zu verdoppeln, wie der Eisenbahner so ergötzlich unbekümmert kalkuliert. Ueber solche Kenntnisse und Zusammenhänge setzt er sich mit souveräner Gleichgültigkeit hinweg, weil ihm an sachlichen Erwägungen nichts, an hemmungsloser Hetzerei gegen das Auto alles liegt. Damit charakterisiert sich das R was das Organ der Eisenbahnergewerk- ^chaft hinsichtlich des Benzinzolls «verlangen muss» (sie!)' als vollendeter Widersinn, nur darauf angelegt, gegen das Auto Sturm zu laufen. zu sein, dass diese Schöpfungen, die auch vom letzten Plätzchen im gewaltigen Gebäude Ansprach nehmen, durch lärmende Fabriken, schmutzige Arbeiterhände, öltriefende Maschinen gingen, dass hinter ihnen Arbeit und nochmals Arbeit steht und der berechnende Sinn der Konstrukteure und Ingenieure. So wie die Wagen sich präsentieren, in Lack flimmernd, in eleganten Formen schwelgend, scheinen sie nur fürs Auge da zu sein, gewissermassen als gehörten sie zu Hause aufs Büffet gestellt. Aber es ist nur eine Aeusserlichkeit, die sich hier bemerkbar macht, und auch der Salon ist eine nüchterne, reale Angelegenheit, ein Treffpunkt der wirtschaftlich eminent wichtig gewordenen Automobilindustrie, der Ort, wo die Geschäftswelt jedes Jahr im Frühling zusammentrifft. Denn «Genf» ist noch immer der Ausgangspunkt der Saison, « Genf» ist noch immer ausschlaggebend und wegweisend. Der Zweck der Schau besteht darin, in einem geschlossenen Bilde der Oeffentlichkeit die neuen Schöpfungen der Technik vorzuführen. Jedes Jahr sind deutliche Strömungen sichtbar, so dass mit mehr oder weniger journalistischer Kühnheit noch immer ein gemeinsamer Nenner gefunden werden konnte. Diesmal will diese Zusammenfassung nicht ohne Schwierigkeiten Für den «Eisenbahner» wirkt das Automobil wie ein rotes Tuch. Als Prügeljunge, der für die missliche Lage der Bahnen herhalten muss, geniesst bei ihm das Motorfahrzeug den Ruf universeller Verwendbarkeit. Es ist deshalb nicht ohne Pikanterie, wenn es dem gleichen «Eisenbahner» nun plötzlich aufdämmert, es sei bei den Bahnen doch nicht alles zum Besten bestellt, sondern es gäbe Dinge, die nach Remedur geradezu rufen. Freilich bedurfte es erst des Erscheinens des Automobils, bevor es tagte in den Köpfen. Die Beförderung von Skifahrern mit Autobussen hat den Stein ins Rollen gebracht. Warum, so fragt sich der «Eisenbahner» sorgenvoll, warum reisen die Leute lieber im Auto als mit der Bahn, die im Winter immerhin den. Vorteil geheizter Wagen und u. U. auch des billigeren Preises bietet? Also forscht man der Sache nach und stösst, oh Wunder, auf zahlreiche Fehler und Mängel, welche den Reisenden verärgern und ihn der Bahn abspenstig machen. Und jetzt schlägt das Blatt unvermittelt andere Töne an. Ausbau des Dienstes am Kunden nach dem Vorbild des Automobils sei das Gebot der Stunde. Die Botschaft zwingt zum Aufhorchen. Wie reimt sie sich mit den Ausfällen gegen das Motorfahrzeug, die wir von dieser Seite sonst gewöhnt sind? Besinnt sich der Eisenbahner wirklich eines bessern? Sei dem wie ihm wolle, selbst dieser Gegner des Autos ringt sich das Geständnis von dessen Vorteilen und Bequemlichkeiten gegenüber der Bahn ab. Und wäre es auch nur dies, so leistet er uns damit nolens volens eine gewisse Genugtuung für seine bisherigen Anpöbelungen. ©• Aus den Zürcher Verkehrsfragen. Das Zürcher Stadtparlament wird demnächst seine grosse Verkehrsdebatte haben. Der sehr bedauerliche Automobilunfall an der Bahnhofstrasse hat die Gemüter in Bewegung gebracht. Wie so oft wird — nachher nach Abhilfe gerufen. Alle möglichen Massnahmen werden vorgeschlagen, wobei selbstverständlich immer die Gefahr besteht, dass von verkehrsfeindlicher Seite autophoben Vorschriften gerufen wird. So auch diesmal: Der Fussgängerschutzverband Zürich hat in einer Eingabe an den Stadtrat die Einführung genereller Höchstgeschwindigkeiten für das Gebiet der Stadt Zürich verlangt. Man will damit wieder zum Zustand vor 1933 zurückkehren, gerade als ob das Vorhandensein solcher Vorschriften den unentschuldbaren Fahrer vom unkorrekten Verhalten an der Bahnhofstrasse abgehalten hätte. Dabei übersieht man aber voll-, ständig, dass ausser dem übersetzten Tempo in erster Linie das unzulässige Vorfahren den schweren Unfall herbeigeführt hat. Es war daher zu verstehen, wenn Herr Gemeinderat M. Gassmann in einer Interpellation dieses gefährliche Vorfahren in der starkfrequentierten Bahnhofstrasse zum Gegenstand einer Interpellation im Gemeinderat machte. Dabei wurde vielfach übersehen, dass der Interpellant nur das Vorfahren der Automobile unter sich (nicht aber gegenüber den Motorrädern und unter diesen) sowie gegenüber der Strassenbahn untersagen will. Noch heute kann man trotz des zitierten Unfalles jeden Tag zahlreiche Fälle gefährlichsten Vorfahrens in der Bahnhofstrasse konstatieren. Man braucht daher nicht weitere katastrophale Kollisionen abzuwarten, um dann endlich doch zur Abhilfe schreiten zu müssen. Dabei könnte wohl, um Verkehrsstockungen zu vermeiden, das Vorfahren rechts der fahrenden Strassenbahn gestattet werden, mit dem gleichzeitigen Wunsch, dass durch Anlage von Strassenbahninseln in der Bahnhofstrasse die Verkehrsabwicklung flüssiger und weniger gefahrbringend gestaltet werden möge. V gelingen. Wohl am ehesten charakterisierte man die Schau als eine Abkehr von aller Ueberspitztheit, und es hat den Anschein, die Revolution führe nun in ruhigem Schritt zur Evolution hinüber. So sind denn keine ausgesprochenen Sensationen zu verzeichnen, auch wenn überall die fortschrittliche Einstellung dominiert. Der Besucher des Salons erlaubt sich natürlich seine eigene Meinung,, erteilt unabhängig Lob und Tadel, und kommt je nach seiner Einstellung und seinem Geschmack zu verschiedenen Schlüssen. Ueberhaupt: der Besucher ! Die verschiedenartigsten, nach Bildung, sozialer Lage und Herkommen völlig getrennten Gruppen einen sich im gemeinsamen Interesse für das Automobil. So hat der Salon selbstverständlich für einen Teil wirtschaftlichen Wert, während er für einen andern nur schöner Wunschtraum bleibt. Die Kenner, die Erfahrenen, und alle, die selber einen Wagen fahren, wissen nur zu gut, dass die blitzenden Karosserien und todschicken Linien wohl sehr schön und imposant sind, dass aber doch der Motor nach wie vor das Herz des Ganzen bleibt, und der technische Aufbau" des Wagens. Die Begriffe Rationalität, Zweckmässigkeit, effektive Leistung, Wirtschaftlichkeit behalten auch hier ihre Bedeutung.