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E_1935_Zeitung_Nr.025

E_1935_Zeitung_Nr.025

BERN, Freitag, 22. März 1935 Sechste Salon-Nummer Nummer 20 Rp, 31. Jahrgang - N° 25 ERSTE SCHWEIZERISCHE AUTOMOBIL-ZEITUNG Zentralblatt für die schweizerischen Automobil- und Verkehrsinteressen ABONNEMENTS-PREISE: Ausgabe A (ohne Versicherung) halbjährlich Fr. 5.-, jährlich Fr. 10.— Ausland mit Portozuschlag, wenn nicht postamtlich abonniert Ausgabe B (mit gew. Unlallversieh.) vierteljährlich Fr. 7.50 Ausgabe C (mit Insassenversicherung) vierteljährlich Fr. 7.50 Ueber diese Frage wurde schon verschiedentlich gesprochen und geschrieben. Auch anlässlich der Beratungen über das neue Automobilgesetz wurde sie gestreift. Die Verpflichtung des Fussgängers links zu gehen, d. h. das Gegenteil von dem zu tun, was der Fussgänger, soweit er diszipliniert ist, heute tut, hätte eine derartige Umwälzung bedeutet, zu der die massgebenden Behörden, die den Fussgänger ohnedies schon fürchten, den Mut nicht aufgebracht haben. Es ist leichter, von Sitten aus — wie es die kantonalen Polizeidirektoren getan haben —die Motorfahrzeugführer vor dem ganzen Volk für die heutigen verkehrsgefährdenden Verhältnisse verantwortlich zu erklären, als den Hebel da anzusetzen, wo er angesetzt werden sollte, nämlich: Anpassung der Strassen an den neuzeitlichen Verkehr und Anpassung des Fussgängers an diesen. Erst wenn die unberechtigte Ansicht des noli me tangere (rühre mich nicht an) des Fussgängers verschwindet, wird auf der Strasse Ordnung gemacht und mit Erfolg der Verkehrsunsicherheit gesteuert werden können. Das Bundesgesetz über den Motorfahrzeug- und Fahrradverkehr ist leider kein Verkehrsgesetz. Die von der Schweiz. Strassenverkehrsliga nach Verwerfung des Automobilgesetzes von 1926 im Jahre darauf eingebrachte Strassenverkehrsinitiative, welche dem Bunde die Gesetzgebung für den gesamten Strassenverkehr übertragen wollte, ist leider auf Antrag der Bundesversammlung — wenn auch mit schwachem Mehr — verworfen worden. Hierin liegt in der Hauptsache der Grund, weshalb durch das Motorfahrzeug- und Fahrradgesetz auf unsern Strassen nicht durchgreifend und allseitig für Ordnung gesorgt werden konnte. Die heutige gesetzliche Regelung ist eine absolut einseitige fast ausschliesslich nur den Motorfahrzeugführer belastende. Von den 12 Artikeln des Bundesgesetzes über den Motorfahrzeugund Fahrradverkehr befassen sich insgesamt deren 7 mit andern, d. h. nicht motorisierten Strassenbenützern. Davon sind 4 den Radfahrern und je einer Fahrzeugen mit F E U I L L E T O N Mannequin. Roman von Fannie Hurst (12. Fortsetzung.) Linksgehen Erscheint jeden Dienstag und Freitag INSERTIONS-PREIS: Wöchentliche Beilage „Autler-Feierabend". 6-^8 mal jährlich „Gelbe Liste" Die achtgespaltene 2 mm hohe Grundzeile oder deren Raum 45 Rp. REDAKTION u. ADMINISTRATION: Brcitenrainstr. 97, Bern Grössere Inserate nach Spezialtarif. Telephon 28.222 - Postcheck III414 - Telegramm-Adresse: Autorevue, Bern Inseratenschluss 4 Tane vor Erseheinen der Nummern Tierbespannung (Handkarren und Zugwagen), Reiter und Viehherden sowie dem Fussgänger gewidmet. Wegen Verletzung der im Bundesgesetz enthaltenen Verkehrsvorschriften sind durch Art. 58 neben den Motorfahrzeugführern auch die Radfahrer und Führer eines Fahrzeuges mit Tierbespannung mit Strafe bedroht, nicht aber Reiter und Fussgänger, trotzdem nach dem Wortlaut von Art. 1, AI. 1 das Gesetz Verkehrsvorschriften für alle Benutzer der dem Motorfahrzeug oder dem Fahrrad geöffneten Strassen enthält. Nach Art. 35 des Bundesgesetzes über den Motorfahrzeug- und Fahrradverkehr ist der Fussgänger gehalten, dieTrottoirs oderFussgängerstreifen zu benützen und die Strasse vorsichtig zu überschreiten. Auf unübersichtlichen Strassenstrecken und wenn Motorfahrzeuge nahen, hat er sich an die Strassenseite zu halten. Er hat auch die Anordnungen der Verkehrspolizei zu beachten. Wenn er es aber nicht tut, so kann ihm nichts geschehen, denn das Bundesgesetz enthält für den Fussgänger keine Strafandrohung. Höchstens wenn der Fussgänger verunglückt, kann sein gesetzwidriges Verhalten dazuführen, ein Mitverschulden zu begründen, das dann in einer entsprechenden Reduktion seiner Schadenersatz- und Genugtuungsansprüche seine berechtigte Auswirkung findet. Nachdem es, wie wir wissen — nicht zuletzt aus verfassungsrechtlichen, aber auch aus referendumspolitischen Gründen — unterlassen worden ist, das Verhalten des Fussgängers in anderer als der soeben erwähnten, dürftigen, für den Strassenverkehr durchaus ungenügenden Weise zu regeln, steht jedoch den Kantonen das Recht zu, das Fehlende durch kantonale Vorschriften zu ergänzen. Durch Art. 37bis der Bundesverfassung hat der Bund nur die Kompetenz zur Gesetzgebung über den Motorfahrzeug- und Fahrradverkehr, nicht über den Verkehr anderer Strassenbenützer für sich in Anspruch genommen. Ueber diese letztern kann er Vorschriften nur insoweit aufstellen, als solche durch die Ordnung des Motorfahrzeug- und Fahrradverkehrs bedingt sind. Die im Bundesgesetz enthaltenen Vorschriften über die andern Strassenbenützer stellen nur das Minimum an Rücksichten dar, welche die Kantone bei der grundsätzlich ihnen zustehenden polizeilichen Ordnung des Strassenverkehrs nehmen müssen. Sie dürfen die in Art. 35 des Bundesgesetzes enthaltenen Bestimmungen nicht abändern, sie dürfen sie aber beliebig ergänzen. Die Kantone sind also berechtigt. weitergehende Verkehrsvorschniten für Fussgänger zu erlassen und deren Uebertrefung mit Strafe zu bedrohen. (Fortsetzung Seite 2.) Nachdem sie mehr als eine Stünde auf dem Treppenabsatz, das Ohr am Schlüsselloch lauschend und Mut fassend, den Knauf umzudrehen, verbracht hatte, schaute Orchid schliesslich hinein. Der Raum war leer und zwei weitere entkorkte Flaschen lagen auf dem Boden neben dem Schaukelstuhl und der Sessel, den sie bei ihrer Flucht umgeworfen hatte, lag noch immer umgedreht am selben Platz. Nana kam diese Nacht nicht nach Hause. Noch die nächste. Noch die nächste. Es war das erstemal, dass sie durch mehr als zwei aufeinanderfolgende Tage weggeblieben war. Nach der fünften Nacht erfuhr der Hausherr davon, und dann die Behörden. In der sechsten schlief Orchid auf einem kleinen sauberen Feldbett, in einem Raum des «Hauses», in der Krankenstube. In der siebenten unterzeichnete Miss Walter auf einer punktierten Linie einen Auftrag und die Maschinerie der Wohltätigkeit setzte steh in Bewegung. Am achten Tag trat «Orchid Sargossa, Eltern unbekannten Aufenthalts», vorläufig in das Unterstandsheim der Clara von Hütten Ausbildungsschule für Mädchen, in der East Sixty-first Street ein. Und, grau wie es war, ein fünfstöckiges Ziegelgebäude, umgeben von Warenhäusern und durchsetzt von einem Geruch von Lysol und Wohltätigkeit, war es bei all dem eine Verbesserung gegenüber allem, was sie vorher gekannt hatte. In der Tat hätte das von Hutten-Heim, mit Ausnahme des kurz auftauchenden Bildes des warmen Zimmers Miss Walters mit Messinggegenständen, Kretonvorhängen, Mahagonimöbeln, das unverwischbar in das Gehirn Orchids gegraben war, für sie an Luxus gegrenzt. Das weisse Eisenfeldbett mit den rauhen reinen Decken stand in einem kleinen, zellenförmigen Raum, den sie allein für sich hatte. Das Bad am Ende des Korridors. Die Wanne, die sie mit einer Bürste und einem sandigen Putzmittel, das für diesen Zweck da war, abrieb; und dann hinein in das schimmernde Email, und das Untertauchen in klarem, dampfendem Wasser, in das sie mit dem ganzen Körper auf einmal hineinstieg. Herrlicher gemächlicher Luxus. Und das frische langhaarige Badetuch, das jeden zweiten Tag an ihrem Türknauf gelassen Gegenwärtige und mögliche künftige Entwicklung der motorischen Verbrennung Von Oberingenieur Walter Ostwald. Bei jeder motorischen Verbrennung wird ein Brennstoff unter Ueberdruck verbrannt. Der Arbeitsgewinn ergibt sich aus dem Unterschied der aufgewandten Verdichtungsarbeit und derjenigen Arbeit, welche durch Entspannung des durch die Verbrennung erhöhten Druckes erzielbar ist. Man benutzt für motorische Zwecke also die chemische Reaktion der Verbrennung von kohlenstoffund wasserstoffhaltigen Brennstoffen, in der Regel mit Luft. Grundsätzlich könnte man natürlich auch ganz andere chemische Reaktionen zum Motorbetrieb verwenden. Doch hat sich dafür bis heute kein Bedürfnis herausgestellt. Man möchte nun meinen, dass es nichts Einfacheres gäbe, als Brennstoff mit Luft unter Ueberdruck zu verbrennen. Tatsächlich kann man aber auf sehr verschiedene Weise tun, und zwar schon bei gewöhnlichem für Druck. Zündet man beispielsweise ein Stearinlicht oder einen Bunsenbrenner an, so verbrennt man in einen Luftüberschuss zwangsweise eingeführten Brennstoff und veranschaulicht so den Vorgang des idealen Dieselmotors. ' Mischt man andererseits Brennstoffdämpfe oder Brenngas mit der geeigneten Menge Luft und fässt durch Anzünden dieses Gemisch verpuffen, so veranschaulicht man die Gemischverbrennung des idealen Ottomotors. Bekanntlich gibt es aber ausserdem noch eine sehr interessante und wenig erforschte dritte Verbrennungsweise, die Verbrennung von mehr oder weniger vollständigen Gemischen an Oberflächen. Beispiele für solche Verbrennungsarten sind etwa die technische Oberflächenverbrennung von Brenngas an keramischen Flächen — die Verbrennung von Leichtbenzin an Platinabest in Katalytöfchen gegen Einfrieren von Automobilkühlern, — die Rauchverzehrer für Rauchzim- tende Fahrzeugmotoren, welche mit Brennstoffen von Oktanziffer 70 vollkommen mer, welche an Platinflächen Methanoldämpfe verbrennen lassen, u. a. m. Wie wir klopffest arbeiten. Allmählich kristallisiert aus diesen Beispielen sehen, kann die Oberfläche bei Oberflächenverbiennung durch den Probieren der Verbrennungsraumformen aus dem vor einigen Jahren noch sehr wii- Erstellung aus Platin oder Bedeckung mit für den Ottomotor auch die Gesetzlichkeit Platinmohr und ähnliche Massnahmen ausgesprochen katalytisch wirksam hergerichfester Zylinderkopf muss so geformt sein, der Zerklüftung heraus. Ein besonders klopftet sein. Wie weit wir bei der technischen dass keineswegs möglichst momentane Verbrennung im Sinne des Ottoprinzips erfolgt, flammenlosen Oberflächenverbrennung in Kieselsteinhaufen oder im porösen Stein katalytische Wirkungen der Oberflächen an- des Verbrennungsraumes solche Gasbewe- sondern genau umgekehrt durch die Gestalt nehmen müssen oder nicht, bleibe dahingegungen und zwangläufige Führungen der stellt, Tatsache ist jedenfalls, dass die Oberflächenverbrennung eine «dritte Art der Verbrennung» darstellt. Und nun erinnern wir uns plötzlich, dass unsere heutigen Fahrzeugmotoren ja geradezu in Bezug auf Oberfläche des Verbrennungsraums das Gegenteil dessen sind, was wir in der Thermodynamikstunde in Schule und Kolleg gelernt haben. Theoretisch ist allein der halbkugelförmige Verbrennungsraum sowohl für Ottomotor, wie für Dieselmotor «richtig», weil er unter der Voraussetzung eines Kolbenmotors die kleinste spezifische Oberfläche für den Verbrennungsraum und damit die geringsten Wärmeverluste bedingt, — gleichzeitig den Bestwert für kürzeste Brennwege und damit für augenblickliche Gleichraumverbrennung im Sinne des Ottoprinzips und jeweils raschestmögliche Verbrennung nach Massgabe der Brennstoffpumpenförderung und dem Ausweichen des Kolbens im Sinne von Diesels Grundgedanken gibt. Theoretisch stellt also für beide motorische Verbrennungsarten der halbkugelförmige Verbrennungsraum den Bestwert dar, — während tatsächlich unsere Verbrennungsräume in den Motoren eine mit dem Fortschreiten der Technik immer weitergehende Zerklüftung zeigen. Durch dieses Mittel der Zerklüftung ist es bei den Ottomotoren gelungen, die Ernpfindlichkeit des Motors auf klopfenden Brennstoff in ganz erstaunlicher Weise herabzusetzen. Während man früher bei einer Klopffestigkeit des Brennstoffes von z. B. 70 'Oktaneinheiten höchstens auf ein Verdichtungsverhältnis von 1 : 4,5 heraufgehen konnte, wenn anders man bei starker Belastung auftretendes Klopfen durch ungeregelte Verbrennungen vermeiden wollte, — gibt es heute zahlreiche 6-fach und höher verdich- wurde. Manchmal versäumte sie im Vergnügen des Bades die Frühstücksglocke und blieb so ohne ihr Glas voll guten Kaffees, ohne das weichgekochte Ei, die Haferschleimsuppe oder Pflaumengrütze. Aber am Frühstück lag ihr nicht so viel, wie gerade daran, sogar selbstsüchtig, trotzdem die anderen Mädchen an der Türklinke rumorten, im Bade zu liegen und den Körper dem Vergnügen der Erschlaffung hinzugeben. Nach der ersten Woche wurde Orchid in drei Abendkurse eingetragen: Zuchnen, Putzmacherei und englischer Aufsatz. In der folgenden Woche überreichte sie in einer neuen Matrosenbluse und einem gefältelten blauen Sergerock aus der Garderobeabteilung des Clara von Hutten-Hauses ein gestempeltes und gedrucktes Papier in der Personalabteilung des Titanic Warenhauses Ecke Broadway und Thirty-fourth Street. Eine Stunde später begann Orchid mit einem Streifen von marineblauem Band am Aermel der Matrosenbluse, auf dem in Rot «Dienst» stand, ihre Karriere als Aushilfsangestellte im Titanic. Für Orchid schien das Titanic wie ein grosses Landungeheuer, das sie Tag für Tag kaute, hin und her wand, zerbiss, kurz alles, nur nicht schluckte, um sie um sechs Uhr abends, nachdem es alle Lebenssäfte aus ihr gezogen hatte, wieder auszuspeien. Zumindest erschien es ihr in den ersten zwölf oder vierzehn Wochen so. Die Beine schmerzten. Ihre ganze Kraft schien am Ende des Tages aus ihr gesogen. Und die weissglühenden Lichter in den Hallen Hessen ihre Haut diese Weissglut fühlen. Und der Lärm des Titanic und der Lärm ihres Herzens und das Klopfen ihrer Pulse und das Dröhnen in ihren Ohren, den ganzen Tag und die ganze Nacht, schrien ununterbrochen «Kassa. Kassa». Ihr Wachen und ihr Schlafen waren davon erfüllt; wie Flügelschlagen toste es «Kassa». «Kassa» schrie die Stille in ihrer Zelle, wenn sie gerade im Einschlafen war. «Kassa», schrie der Tag, der trübe durch die Fenster zu ihr kam, die auf die Seite eines Warenhauses hinausgingen. Es war schwer in dem Lärm, Nana so heftig zu vermissen, wie es ursprünglich berechtigt gewesen wäre. Mit Ausnahme des Schmerzes, wenn sie an sie dachte, wie sie mit ihren armen stumpfen Fingern sich über das rosa Seidenpapier bückte oder mit ihrem Gesicht dasass, das, der Fratze eines Wasserspeiers gleichend, von einem Lächeln des Stolzes verklärt wurde, während Orchid mit' der Goldpapierkrone tanzte.