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E_1935_Zeitung_Nr.027

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BERN, Freitag, 29. März 1935 Nummer 20 Rp. 31. Jahrgang - N° 27 ERSTE SCHWEIZERISCHE AUTOMOBIL-ZEITUNG Zentralblatt für die schweizerischen Automobil- und Verkehrsinteressen ABONNEMENTS-PREISE: Ausgabe A (ohne Versicherung) halbjährlich Fr. 5.-, jährlich Fr. Ausland mit Portozuschlag, wenn nicht postamtlich abonniert Ausgabe B (mit gew. Untallversich.) vierteljährlich Fr. 7.50 Ausgabe C (mit Insassenversicherung) vierteljährlich Fr. 7.50 Strassenbau und Landesverteidigung III. Da stellt sich die allgemeine Frage ein, ob denn neue Strassen über die Alpen hinweg, namentlich über die Nordketten, von Sargans bis zur Oberalp und von der Grimsel bis nach Martigny der Landesverteidigung förderlich oder schädlich wären. Darüber ist zunächst einiges ganz allgemein auszuführen. Gewiss, ein Wall, wie ihn die Nordalpen in ihrem ganzen Verlauf bilden, ist von Süden her schwer anzugreifen; aber er ist auch ebenso schwer zu verteidigen. Er überragt den vor ihm liegenden Graben so hoch, seine Türme, Zinnen und Scharten sind unwirtlich, und schwer zu besetzen und zu halten, so dass von ihnen aus die Grabensohlen wohl eingesehen, aber nicht beherrscht werden können. In diesen aber haust, was zu schützen ist: das Volk und dessen Einrichtungen. Nicht durch Besetzen der Ringmauer allein darf das geschehen, sondern auch von «Grabenstreichen »,- von geländegeformten Stützpunkten in den Gräben aus ist im Tal auf- und abwärts durch Verteidigung und Angriff zu kämpfen, so dass kein Feind sich'darin fest einrichten kann. Ohne Zweifel sind die Befestigungen von St Maurice im Unterwallis \vichtig; Sie sper-. ren das .Rhonetal; ähnlich könnten es Werke bei Säfgans und weiter nördlich gelegene für das Rheintal tun. So wirkt auch mit beschränktem Bereiche dazwischen die Festung am St. Gotthard. Wer aber trotz ihnen ins Rhein- oder RhonetaJ eindringt, kann darin seinen Willen zur Geltung bringen und den Frieden abwarten, als Pfand für ihn die beiden Täler haltend. Sie wären kaum wieder zu gewinnen durch lange, schwer bewegliche Kolonnen von Streitern mit ihrem Tross, die über alle hochgelegenen Saumpfade zwischen Martigny und der Grimsel und zwischen der Oberalp und Flims aus dem Landesinnern nach den beiden grossen Tälern zögen. Operationen in der Längsrichtung der Täler im Zusammenwirken mit solchen über die Nordalpen hinweg würden immer von Süden her in der Flanke bedroht und fänden wenig Entwicklungsraum und schwere Hindernisse beim Ueberschreiten der vielen Seitentäler. Darum eben, und weil jene Längstäler nicht auf den sie begleitenden Nordkämmen und nicht allein an deren Abhängen zu verteidigen, zu halten sind, sondern besser auch an geeigneten Orten in den Talsohlen und an * Siehe Nr. 26 äer «A.-R... F E U I L L E T O N Mannequin. Roman von Fannie Hurst (14. Fortsetzung.) Von Hans Frey. Da eine Aeusserung einer in gesellschaftlichen und diplomatischen Kreisen hervorragenden Frau einen Widerstreit der Meinungen hervorrufen musste, beeilte sich Martin Innesbrook, eine Zusammenfassung von Erklärungen vom Standpunkte der Erzeuger von Damenkleidern, der Importeure und Verbraucher zusammenzustellen. Einer jener für den amerikanischen «Journalismus für das Volk» charakteristischen Sonntagsartikel mit zweifarbigen Illustrationen und einen Zoll hohen Ueberschriften. Als Orchid mit der Nervosität, aber keineswegs dem linkischen Wesen eines Neulings die drei korallenfarbenen Stufen hinunterstieg, in einem cremefarbenen Samtkleid, das genau zu ihrer Hautfarbe passte, verschönt durch den Glanz ihres schwarzen, blauschimmernden Haares, hatte Martin Innesbrook, der vorne in einer Ecke stehend den Einkäufer des Hauses interviewte, das Gefühl, als rase er in einem Aufzug zu rasch hinunter. 10.- Erscheint jedenDlenstafl.und Freitag INSERTIONS-PREIS: Wöchentliche Beilage .,AutIer-Fclerabeud". 6—8 mal jährlich „GelbeXIste" Die achtgespaltene 2 mm hohe Grundzeile oder deren Raum 45 Rp. REDAKTIONu. ADMINISTRATION: Breitenrainstr. 97,"Bern Grössere Inserate nach Spezialtarif. Telephon 28.222 - Posfeheck Hl 414 - Telegramni-Adresse: Autorevue, Bern Inseratenschluss 4 Tage vor Erscheinen der Nummern den Gegenhängen, sind Strassen über die Alpenkämme zu den Stützpunkten dort militärisch nützlich. Volkswirtschaftliche Forderungen, wenn sie überhaupt tragbar sind, und militärische widersprechen sich hier nicht. Und nun zu den Vorschlägen für den Bau neuer Strassen über die Nordalpen hinweg. Es bestehen Arbeitsausschüsse für den Bau von Strassen über den Segnes- und über den Panixerpass. Man kann es wohl verstehen, wenn im Lande Glarus, wo das sparsame Haushalten geübt wird, der Kosten wegen die Ausführbarkeit der jenen Strassen geltenden Wünsche und Pläne angezweifelt wird, trotz der Erkenntnis ihres militärischen Wertes. Die Verzinsung und Tilgung der Baukosten, der Unterhalt der Strassen könnten Beträge erreichen, die durch Gewinne aus dem Durchgangsverkehr nicht wettgemacht würden. Das wird nicht übersehen oder gar missachtet. Aber die militärische Bedeutung der Strassen über den Panixer- oder den Segnespass^bleibt bestehen; sie kann so werden, dass sich in gefahrvollen Zeiten sehr grosse Summen, die im Frieden ausgegeben wurden, reichlich bezahlt machen. Ob die Strasse über den Panixer- oder den Segnespass militärisch wertvoller wäre? Die Gegend von Flims wird .von beiden erreicht; das ist entscheidend.. Vonihr aus werden die Zugänge zur Splägenund zur Julierstrasse beherrscht, und es bietet sich die Möglichkeit, jüber Thusis und Chur gegen die Flanke der in die Landschaft Davos führenden Strassen zu operieren, was in verschiedenen Fällen wirksam werden kann. Was fehlt, um die Lage von Flims zur ganzen Geltung gelangen zu lassen, das ist die gute fahrbare Verbindung über die Alpen weg nach Süden, von Elm her. Sie wird besser ins Herz von Graubünden führen als eine den Tödi im Tunnel unterfahrende Strasse, und sie gibt auch, obwohl nicht so unmittelbar wie diese, einen günstigen, leicht zu verbessernden Zugang zum Lukmanier und zum so wichtigen Gebiet des Kantons Tessin. Darum sei einer jener Passübergänge aus militärischen Gründen einem Töditunnel vorgezogen. Wie steht es mit den fahrbaren Zugängen nach dem Wallis zwischen Brig und Martigny? Die militärische Bedeutung der Lötschbergbahn ist klar; aber sie ersetzt einen fahrbaren Uebergang zwischen ihr und Mar- j Sein Gefühl war typisch für die Wirkung, die das erfolgreiche erste Auftreten Orchids als Mannequin auslöste. Laute der Bewunderung ertönten, als Orchid im richtigen'Gefühl, zwischen Heben und Niedersetzen des Fusses zu zögern, die drei rosafarbenen Stufen hinunterschritt. «Ich denke,» sagte er, «ich will zunächst die Ansicht dieses Mannequins feststellen. Was denkt sich so ein Mädel, das diese Kleider trägt, ohne dass. sie ihr gehören, über all das? Besonders, was denkt sich dieses überwältigend aussehende Mädchen mit dem ägyptischen Kopf und der weissen Haut? Möchte gern wissen, ob ich ein paar Worte mit ihr reden könnte?» So trafen Orchid und Martin Innesbrook einander. Es war das erstemal, dass sie einen Mann kennenlernte, der nicht immer von «süsses Mädel», von «Rendezvous», von «Schätzchen» oder von «Kätzchen» sprach. Das erstemal, dass sie auf einen Mann gestossen war, der sie nicht mit jenem unerträglichen tierischen Blick angeschaut hatte. Es war das erstemal, dass jenes weitabliegende Ding, das man Schönheit nannte, ihr nahe genug kam, um sie zu berühren, als sie nach der Modeschau in: einem grünen Musselinkleid, das sie wie Brandung um tigny nicht. Eine neue Strasse über die Gemmi dürfte nicht in Betracht fallen. Es bleiben die Uebergänge über den Sanetsch- und den Rawilpass. Folgende Erwägungen drängen sich auf zur Bestimmung des militärischen Wertes der einen oder der anderen Strasse. Diejenige über den Sanetschpass würde gestatten, vom Abstieg gegen das Wallis aus verhältnismässig leicht mit Truppen nach dem Pas de Cheville zu gelangen. So wäre ein Kampf um das Engnis von St. Maurice-Martigny, von welcher Seite er unternommen werde, aus dem Landesinnern zu unterstützen. Doch müsste dazu von der Sanetschstrasse nach dem Pas de Cheville und weiter in die vom Muveran nach Norden abfallenden Täler hinein ebenfalls eine fahrbare Strasse führen. Hätten wir ebenso viel Geld wie Steine im Land, so wäre von solchen Plänen und weiteren Befestigungen am Muveran und an den Dents de Mordes zur Sperrung der Strasse vom Grossen St. Bernhard und von Salvan her nicht bloss zu träumen. unseres Staates der Drang der Völker über die Alpen hinweg am stärksten. Kriegerische Operationen folgten zu allen Zeiten den Handelswegen. Als darum vor einigen Jahrzehnten bei unseren nördlichen, östlichen und namentlich südlichen Nachbarn die Möglichkeit erwogen wurde, dass italienische Heeresteile den Gotthard und die ihm nahe und fern gelegenen gleichlaufenden Alpenstrassen benutzen könnten, um an den Rhein unterhalb Basel zu gelangen, also zunächst mindestens mitten in die Schweiz hinein, da wurde die Gotthardstrasse durch Befestigungen gesperrt, deren Wirkung sich bis zur Grimsel und zum Lukmanier ausdehnen sollte. Wenn jetzt mit grossen Kosten die Doppelspur der Strassen über Grimsel und Gotthard erstellt wird, so eignen sich dann diese Pässe für Operationen jener Art ebenfalls umso mehr, aber ebenso auch zum Schutz unseres Landes. Dieses namentlich dann, wenn im Festungsgebiet am Gotthard einige Strassen verbessert und einige Strekken neu gebaut werden. Um welche es sich Die Sanetschpaßstrasse ist ohne die ge-dabei handeln könnte, sei hier nicht angeführt. . * Nur auf eine wichtige Strasse, die den Zugang zum Gotthard erleichtert und dessen nannte Abzweigung, so wichtig die sein mag, zu würdigen als Zufahrt zum Wallis und zum Grossen St. Bernhard. Sie wird aber, über Sitten- nach Martigny führend, von Gsteig aus nicht wesentlich kürzer sein als die schon bestehende über den fCol de Pillon zum selben Ort. . So ergibt sich, dass nicht die Sanetsch-, sondern die Rawilstrasse nach Sitten und Verteidigung erschwert, sei hingewiesen, obwohl es von Sachkundigen schon : oft geschehen ist: auf die Strasse über den San Giacomo-Pass. Von ihrem jetzigen Endpunkt an unserer Landesg-renze aus können italienische Geschütze die Furkastrasse, die Grim- J&miers allen Bedürfnissen besser entspricht. sel sowie die dortigen Kraftwerke treffen, Diese beiden Orte begrenzen einen Abschnitt, zerstören, ebenso" Teile der Südfront der in dem das Rhonetal flussauf- und -abwärts Gotthardverteidigung. Daran ist nichts zu zu sperren ist, von den bei ihnen liegenden ändern; dem Schiessen und dem Treffen Hügeln und von den Höhen von Montana mag die je nach dem Wetter schwierige aus und von dem aus der Zugang zu den Saümpässen über die Gemmi und den Sanetschpass beherrscht wird. Darum überwiegt die Strasse-über den Rawilpass an militari- scher Bedeutung die andern Uebergänge über die Berner Alpen: Sie wird einer der schönsten Alpenübergänge und eine Zufahrt sowohl zum Grossen St. Bernhard als zum Simplon sein. Zwischen den beiden Längstälern des Rheins und der Rhone stösst über die Alpenkämme, in ihrem Kernstück, die Gotthardstrasse und, sie an Leistungsfähigkeit gewaltig überbietend, die Eisenbahn. Dazu, in gleicher Richtung aus dem Innnern des Landes, die Grimselstrasse mit ihrer Saumpfadfortsetzung über den Nufenen-Gries und auf den San Giacomopass, und, aus dem oberen Rheintal, der schon erwähnte Lukmanier. Ehr von der westlich zur östlich gelegenen Passhöhe 35 Kilometer breiter Streifen fasst sie in sich zusammen. Hier äussert sich bis jetzt in unserer Zeit und auf dem Gebiete ihren Körper fühlte, dastand und mit scheuen steifen Lippen auf den Ansturm von Fragen des Interviewers antwortete. i. Gleichwohl war nichts leidenschaftlich Ungestümes im Zusammentreffen dieser beiden. Im Gegenteil, es lag eher etwas Furchtsames, ja, wie es scheinen wollte, geradezu Zurückhaltendes darin. Zwei volle Wochen, nachdem sich ihr Bild, wie sie scheu in einem grünen Musselinkleid vor ihm stand, in sein Bewusstsein eingegraben hatte, vergingen, ehe der junge Innesbrook, der gewünscht hatte, dass es wie ein Zufall aussähe, es gewagt hätte, wieder einen kurzen Besuch im Titanic zu machen. Zwei weitere volle Wochen vergingen, ehe Orchid, trotz der Erregung, die mit dem Steigen der Pläne, Hoffnungen und des Gehaltes verbunden war, sich imstande sah, einen quälenden Eindruck, der sie manchmal fast hätte aufschluchzen lassen, zu isolieren: den Eindruck des jungen Innesbrook mit seinen ehrlichen durch Hornbrillen schauenden Augen und seinem dunklen zerrauft aussehenden Haar, in dem man die Furchen, die seine fünf ' Finger gezogen hatten, sehen Beobachtung der Geschosseinschläge manches Hindernis bereiten. Wenn aber die San Giacomostrasse ihre fahrbare Fortsetzung ins Bedrettotal fände und dann auch über den Nafenenpass zum Rhonetal und zur Grimsel gar eine neue, grosse Nord-Südverbindung entstünde, was wohl denkbar ist, dann würden auch trübes Wetter und Nebel das Vordringen von Infanterie und stürmenden Eroberern zu den Alpenkämmen am Gotthard und an der Grimsel erleichtern; dann könnte die Wirkung des Fernfeuers von San Giacomo her besser ausgenutzt werden als es jetzt der Fall wäre. Dagegen hülfen unsererseits nur stärkere Befestigungen an der Südfront des Gotthard und im Oberwallis. Um sie zu errichten und zu erhalten, werden uns die Mittel fehlen. Also ist hier Beschränkung und Ablehnung der Fortsetzung der San Giacomostrasse und einer neuen Nord-Südverbindung über die Alpen hinweg geboten, aus militärischen Gründen und aus volkswirtschaftlichen. In konnte. i Weitere zwei Wochen später, nach einer Reihe von oberflächlichen, scheinbar zufälligen Begegnungen, ehe der junge Innesbrook genug Mut aufbringen konnte, um sie zu einem Dinner einzuladen, bat er sie in ein kleines Restaurant namens Antique, in dem er verkehrte. Ein kleiner Schlupfwinkel über einem Antiquitätenladen in der West Twenty-Seventh Street, ein paar' Häuser von seiner Wohnung.* Es war das erste Restaurant dieser Art, das Orchid kennenlernte. Imitiertes Lowestoftporzellan. Leinenservietten in drei Grossen an Stelle der abwaschbaren Tischplatten oder fleckigen Tischtücher der italienischen Speisehäuser. Alte Drucke an den Wänden und Zinnkrüge auf dem Geschirrgestell. Kerzenlicht. Kleine Tische für zwei in Nischen. Es gab ihr ein Gefühl von ruhigen Menschen zur Teezeit, über Tassen, die nicht klapperten, und von offenem Feuer, dessen Licht über alten Büchern flackerte. Ein Gefühl von Nettigkeit. Arme Orchid, sie fühlte das mit den Fühlern des Ahnens. Schon lange bevor sie Martin kennengelernt, Jiatte der Name Innesbrook, wenn auch nur unbestimmt, einen Platz in ihrem Bewusstsein. Tatsächlich lasen neun von zehn -Menschen des Morgens in dem Gedränge der Strassenbahnwagen und gewöhnlich auch Orchid auf dem Wege in das Titanic «The