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E_1935_Zeitung_Nr.030

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BERN, Dienstag, 9. April 1935 Nummer 20 Rp, 31. Jahrgang - N° 30 ERSTE SCHWEIZERISCHE AUTOMOBIL-ZEITUNG Zentralblatt für die schweizerischen Automobil- und Verkehrsinteressen ABONNEMENTS-PREISE: Ausgabe A (ohne Versicherung) halbjährlich Fr. 5.-, jährlich Fr. 10.- Ausland mit Portozuschlag, wenn nicht postamtlich abonniert Ausgabe B (mit gew. Unlallversich.) vierteljährlich Fr. 7.50 Ausgabe C (mit Insassenversicherung) vierteljährlich Fr. 7.50 Auf die Motion von Nationalrat Nietlispach, welche die Wiedereinführung gesetzlicher Höchstgeschwindigkeiten für Motorfahrzeuge, namentlich für Lastwagen anregte, hat am 26. März Bundesrat'Dr. Baumann als Sprecher der obersten Exekutivbehörde unseres Landes mit einem vorläufigen Nein geantwortet. Der Umstand, dass die Motion die Unterschriften von 65 Mitgliedern unserer Volksvertretung auf sich vereinigte, lässt mit hinreichender Deutlichkeit erkennen, wie man in einem Teil der parlamentarischen Kreise über die vorliegende Frage denkt und woher der Wind weht. Gewiss, es ging dabei nicht um eine Staatsaktion, doch immerhin um eine Angelegenheit von grundsätzlicher Tragweite, die ihr besonderes Gewicht durch die Namen der 65 Unterzeichner erhielt, für uns Anlass und Rechtfertigung genug, nochmals auf die Sache zurückzukommen. Nicht um daran herumzudeuten, sondern um die Lehren herauszuschälen, die sich für uns daraus ergeben. Denn darüber mache man sich keine Illusionen: in den Worten Herrn Bundesrat Baumanns schwang es, wenn auch nur als leiser Unterton, wie ein letzter Appell an die Vernunft aller Motorfahrzeugführer mit. Von,einer Revision des Automobilgesetzes im Sinn der Festsetzung von Höchstgeschwindigkeiten wird einstweilen Umgang genommen. So lautet das Kernstück der bundesrätlichen Antwort. Aber dabei hat es nicht die Meinung, die Behörden lassen den Dingen bis auf weiteres freien Lauf. Mit dem kleinen Wörtchen «einstweilen» nämlich steht und fällt die ganze Zusage. Einstweilen, das will besagen: nur sofern die übrigen Massnahmen ausreichen, zu welchen der Bundesrat vorerst einmal zu ergreifen gedenkt, um den Gefahren der Strasse und der Unsicherheit -des Verkehrs entgegenzutreten. Und diese Mittel sind: bessere Kontrollierung des Verkehrs, schärfere Handhabung der Vorschriften über den Entzug der Führerbewilligung, rigoroseres Vorgehen gegen betrunkene Fahrer, entsprechende Gerichtspraxis, ein strengerer Maßstab bei den Fahrprüfungen. Dazu muss auch die Erziehung aller übrigen Strassenbenützer auf breitester Basis einsetzen. Vorbeugen ist besser als heilen. Und es erfüllt uns mit Genugtuung, zu sehen, dass F E U I L L E T O N Was not tut! Lehren aus der Motion Nietlispach. Mannequin. Roman von Fannie Hurst (17. Fortsetzung.) Gelegentlich hatte man eine freie halbe Stunde, während der in den schlecht gelüfteten Ankleideräumen die Mädchen, mit bloss einem dünnen Musselinüberhang über den Seidenhöschen bekleidet, sich zusammendrängten, um zu schwatzen und heissen Kaffee zu trinken. Aber gewöhnlich zog Orchid sogar das gliederschmerzende, ermüdende Modellstehen dem freundschaftlichen Verkehr mit den Mannequins vor. Es waren ihrer sechs bei Drecotte. Toto, ein flammend rot und schwarzes Mädel, die mit einem spanischen Akzent sprach, aber angeblich als ein Fräulein Rosenbaum in Brooklyn geboren war. Dann Denise, ein durchsichtiges, schönes Figürchen einer Blondine; von einer durchscheinenden Schönheit, als ob der Schatten der Weltlichkeit niemals noch das Mittelmeerblau ihrer Augen getrübt hätte, wiewohl sie notorisch bereits einmal in einem erfolglosen Prozess wegen gebrochenen Eheversprechens gegen den Sohn eines Kupfermagnaten als Klägerin figuriert hatte. Cyd, die englische Kostüme besser als sonst ein Mädchen ihres Berufes trug und vom zu vielen Erscheint jeden Dienstag und Freitag INSERTIONS-PREIS: Wöchentliche Beilage „Autler-Felerabend". 6—S mal jährlich „Gelbe Liste" Die achtgespaltene 2 mm hohe Grundzeile oder deren Raum 45 Rp. REDAKTION u. ADMINISTRATION: Breitenrainstr. 97, Bern Grössere Inserate nach Spezialtarif. Telephon 28.222 - Postcheck III414 - Telegramm-Adresse: Autorevue, Bern. Inseratenschluss 4 Tage TOT Erscheinen der Nummern der Bundesrat mit seiner Politik der Prävention den Anregungen und Vorschlägen folgt, welche die automobilistischen Kreise unseres Landes geäussert. Immer und immer wieder haben sie deren Notwendigkeit betont, weil solche Vorkehrungen weit eher zum Ziel — der «Sanierung» des Strassenverkehrs — führen als jede noch so kräftige Beschneidung der Fahrgeschwindigkeiten. Auf der Erziehung aller Strassenbenützer muss das Hauptgewicht liegen, auf der Tilgung der Mängel, die ihm heute noch anhaften und auf der Beseitigung jener Elemente, denen die Fähigkeit abgeht, sich anzupassen. Man könnte nicht behaupten, der Bundesrat sei davor zurückgeschreckt, den Motorfahrzeugführern klaren Wein einzuschenken, ihnen rund heraus zu erklären, welche Stunde es geschlagen hat. Wir müssen ihm für diese seine ungeschminkte Art, für seine offenen Worte dankbar sein. Dankbar aber auch dafür, dass er die wohl etwas zu düster gemalte Darstellung, welche der Motionär von den gegenwärtigen Zuständen im Strassenverkehr gab, auf das richtige Mass zurückführte. Der Behauptung Herrn Nietlispachs, wir hätten uns unter dem Konkordat (seligen Gedenkens) besserer Verhältnisse- erfreut, setzte unser Justiz- und Polizeiminister die Feststellung entgegen, die Unfälle seien auch zu jener Zeit verhältnismässig, kaum weniger zahlreich gewesen. Nichts wäre indessen verfehlter, als in diesen Ausspruch etwa den Sinn einer Reinwaschung des Fahrzeugführers von Schuld und Fehlern hineinkonstruieren zu wollen. Er bestätigt nur, dass auch früher, in den arkadischen Zeiten des Konkordats schon gesündigt wurde. Er ist aber beileibe kein Freibrief auf die Zukunft. Vorerst plant also der Bundesrat, andere Methode'n der Unfallbekämpfung auf ihre Wirksamkeit hin zu prüfen, bevor er zur letzten und schärfsten Waffe, der gesetzlichen Geschwindigkeitsabgrenzung, greift lässt er erkennen, dass er Damit das Vertrauen In die Einsicht der Fahrer noch nicht verloren hat. Dieses Vertrauen jedoch gilt es zu rechtfertigen, heute mehr denn je. Es verpflichtet, es ist eine zwar unausgesprochene Mahnung, aber ein um so eindringlicherer Ruf an uns alle. Denn, machen wir uns nichts vor: der Bundesrat hätte ja auch einen andern Standpunkt einnehmen Rauchen einen gelben Mittelfinger hatte. Myrrfa, ein beinahe übermageres Mädchen mit einem eiförmigen. Kopf, und blonden Haaren, die sie in der Mitte gescheitelt und so glatt trug, als wären sie auf den Kopf gemalt. Ciarice, mit flammendem orangefarben-lockigem Haar, das sie wie eine Chrysantheme aussehen liess, und einem zarten, runden Gesicht und der herrlichsten weissen Haut. Wenn Ciarice ihre vollen roten Lippen öffnete, stand man sprachlos und verlegen vor einem Strom von Gift, der ihnen entströmen konnte. Manchmal schien der einfache, holzgetäfelte Ankleideraum, in dem diese Mädchen vertraulich plauderten, Orchid wie von einer Unmenge lästigen Ungeziefers erfüllt. Gerede. Gerede. Gerede. Der abstossende, erfahrene, desillusionierte Tratsch von unglaublich erfahrenen, desillusionierten Mädchen. Ciarice, die jeden Abend von einem Turfmann internationaler Bedeutung abgeholt wurde, und die eine Diamant- und Smaragdfussspange unter ihrem Zehn-Dollar-Seidenstrumpf trug, hatte ihre Illusionen so leicht wie den weissen Musselinüberwurf abgestreift. Sie sass gewöhnlich bloss mit einer rosa Combination in der Farbe ihres Fleisches bekleidet im Ankleidezimmer. «Was einen nicht weiterbringt, ist nicht wert, dass mans verlangt. Wenn ich von einem höre, dass er viel Geld hat, weiss ich, und sich darauf stützen können, dass immerhin gewisse Volksschichten und, wie die Motion Nietlispach dargetan hat, auch ein nicht unbeträchtlicher Teil der Mitglieder des Nationalrates auf die Wiedereinführung der Höchstgeschwindigkeiten hin tendieren. Aber er lässt sich in seinem Urteil nicht durch Ressentiments trüben. Sondern er geht den geraden Weg sachlicher Prüfung, sine ira et Studio. Freilich gestand Herr Bundesrat Baumann selbst, er hätte früher auch zu dieser Ansicht Hingeneigt, sei aber davon abgekommen. Das heisst, der Entschluss des Bundesrates, einstweilen weniger grobes Geschütz aufzufahren und andere Mittel anzuwenden, ist aus gründlicher Ueberlegung heraus erwachsen. Unsere oberste Landesbehörde legt sich auch Rechenschaft darüber ab, wie wenig eine Begrenzung der Geschwindigkeiten sich eignet, um die gegenwärtige Situation — in günstigem Sinn natürlich — zu beeinflussen. Eine Auffassung, für die auch wir uns einzusetzen nicht müde geworden sind. Das Uebel wird damit nicht an der Wurzel gefasst und radikal ausgerottet. Wenn jedoch im Bundesrat die Meinung herrscht, die Dekretierung von Maximaltempi bilde, was die Eindämmung der Unfallhäufigkeit anbelangt, einen Versuch mit untauglichen Mitteln, dann allerdings würde deren Wiedereinführung kaum einen anderen Aspekt bieten als den einer gewissen Strafsanktion, die wir uns, freilich nur teilweise, selbst zuzuschreiben hätten., Einen solchen Rückschritt zu verhindern hängt in der Hauptsache von uns ab, von den Automobilisten und Motorradfahrern. Wir wissen jetzt Bescheid. Die Warnung lässt keinen Raum mehr für andere Auslegungen und Spekulationen. Eine Verschärfung der administrativen und Gerichtspraxis tritt ein. Wir selbst waren es, die sie gefordert haben. Und keiner wird dagegen aufmucken, keiner, der es mit unserer Sache ehrlich meint. Warum denn haben wir diese Massnahmen gefordert ? Um unsern Schild und Namen sauber zu bewahren, um zu vermeiden, dass unser ganzer Stand für die Missetaten Einzelner zu büssen habe, um die Rowdies, die Protzen, die Hemmungslosen, die Leichtsinnigen zur Raison zu bringen oder sie unschädlich zu machen. Wir haben nichts mit ihnen gemein und wollen es nicht haben. Klein sind sie an Zahl, wie auch Herr Nationalrat Nietlispach zugeben musste, doch immens ist der Schaden, den sie anrichten. • (Fortsetzuna Seite 2.) dass er weniger hat. Wenn einer dir Hummer anbietet, bedeutet das durchaus nicht, dass er dir ein angenehmes Beisammensein verspricht. Es bedeutet höchstens, dass er dich dazu überreden will, bevor du weiter unten auf der Speisekarte Schildkröte bemerkt hast. Verlieb tiich nie in einen Kerl, der dir seinen diamantenen Vorsteckknopf in Gegenwart eines Dritten schenkt Er nimmt ihn später bestimmt zurück. Ich bin nur für den, der dir eine Perlenschnur in einer Essigflasche anbietet. Einmal hat mir Gegenwärtige und mögliche künftige Entwicklung der motorischen Verbrennung Von Oberingenieur Walter Ostwald. III. * Entscheidend für die motorische Verbrennung war, wie wir eingangs sahen, die Ausführung der Verbrennung unter Druck. Nichts liegt näher, als unsere Motoren nach dem Druck zu ordnen, unter dem in ihnen die motorische Verbrennung stattfindet. Als bequemes, wenn auch nicht eben sehr genaues Mass dieses Druckes nehmen wir das Verdichtungsverhältnis. Wir finden auf diese Weise, dass unsere heutigen üblichen Ottomotoren bei vielleicht 4-facher bis bei Gasmotoren etwa 10-facher Verdichtung verbrennen, — während unsere Dieselmotoren zwischen 13-facher Verdichtung, als unterste Grenze neuzeitlicher Fahrzeugdieselmotoren, und vielleicht 20-facher Verdichtung für schwer verbrennliche Oele schwanken. Die Glühkopfmotoren liegen dazwischen und schwanken in ihrem Verdichtungsverhältnis je nach dem Brennstoff, den sie verarbeiten sollen. Gemeinsam ist allen Verbrennungsmotoren folgendes: Je schwerer verbrennlich ein Brennstoff, ist, umso höher darf oder muss das Verdichtungsverhältnis sein. Diese Formulierung verblüfft auf den ersten Blick, trifft aber anscheinend eine besonders interessante Folgerung, die sich aus unserer einfachen Sortierung der Motoren nach dem Verdichtungsverhältnis ergibt Sie drückt nämlich aus, dass man bei Ottomotoren ein möglichst hohes Verdichtungsverhältnis anstrebt, um möglichst hohe Literleistung bei möglichst niedrigem Verbrauch zu erzielen, — eine Folge, die sich nach dem Carnot'schen Prinzip ohne weiteres ergibt, wenn man durch höhere Verdichtung den Kreisprozess auf höherem Niveau ausführt. Weiter besagt sie, dass wir bestrebt sind, beim Dieselmotor das Verdichtungsverhältnis nach Möglichkeit herabzusetzen. Der Wunsch nach Herabsetzung des Verdichtungsverhältnisses beim Dieselmotor beruht darauf, dass diese Herabsetzung uns angesichts des vergleichsweise niedrigen Energiepreises der Dieselbrennstoffe und des ausserordentlich niedrigen Wärmeverbrauchs der Dieselmotoren wenig kostet und angesichts der Unvollkommenheit unserer Technik in Bezug auf Kolben und vor allem Lager eine merk- * Siehe No. 25 und 28 der «A.-R.>. das einer gemacht. ,Wo ist der Witz?' frage ich ihn, während ich die Flasche ausleere. .Worin, zum Teufel, liegt der Witz?' Dann habe ich es gewusst Echte Perlen. Essig schadet ihnen nicht! * Das waren duftende Beispiele von Aphorismen, die den Lippen von Ciarice entströmten, die sich nicht sonderlich von Aussprüchen Totos, Denises, Myrrhs und Cyds unterschieden. Es versteht sich von selbst, dass Orchid nach dem ersten Monat, den sie widerwillig in einer Ecke des Raumes allein gesessen war, den schwelenden Unwillen ihrer Kolleginnen zu fühlen bekam, der sogar manchmal in kleinen Flammen deutlich gegen sie aufzüngelte. «Hier in dieser Firma hat noch kein Mädel Gelegenheit gehabt, zweimal eine Einladung auszuschlagen», sagte Toto einmal mittags, während die Mädchen ihre Sandwiches und mitgebrachten Pasteten assen, indem sie ihre Augen zusammenkniff und den Zigarettenrauch unverkennbar gegen Orchid blies, die auf einer Ecke des Probiertisches bedächtig ihr belegtes Brot ass. « Toto, ich wäre gekommen, aber ich —• ich hatte meinen Abend wirklich schon vergeben. » « Einen Schmarrn hast du. Ich für meine. Person hätte dich niemals gebeten mitzukommen. Aber mein Freund hat einen Freund, der dich bei der Modeschau im Ambassador in einem roten Lackmantel gesehen hat. Wahrscheinlich im ,Duvals Mimi'. ,Ist dein Freund ein Eismann ?' sag' ich zu meinem Freund, als er mich bat. dich an einem Abend zu bringen. ,Was meinst du mit dem Eismann?' fragte er. Nun', sage ich zu ihm, ,man wird einen brauchen, um sie in Bewegung zu bringen', sag' ich, ,weil sie ein Stück Eis ist.'» «Toto, du weisst, dass das nicht wahr ist!» «Nun, wenn das nicht so ist», sagte Toto in dem ihr eigenen rauhen Ton, «so komm heute abend zu mir und bring deinen Freund mit. Was wisst denn ihr, Mädels ? Dieser kleine Eiszapfen hat sich nämlich einen Innesbrook aufgezwickt. Guter Schuss, muss ich sagen. Ein Intellektueller mit Hornbrille, der als Reporter anfängt. Ein Wunderknabe. Bring ihn mit. Kann euch zwar nichts .triefend Nasses' versprechen, aber wir können