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E_1935_Zeitung_Nr.031

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BERN, Freitag, 12.Aprü 1935 Nummer 20 Rp. 31. Jahrgang - N» 31 ERSTE SCHWEIZERISCHE AUTOMOBIL-ZEITUNG Zentralblatt für die schweizerischen Automobil- und Verkehrsinteressen ABONNEMENTS-PREISE: Ausgabe A (ohne Versicherung) halbjährlich Fr. 5.-, jährlich Fr. 10.— Ausland mit Portozuschlag, wenn nicht postamtlich abonniert Ausgabe B (mit gew. Unfallversich.) vierteljährlich Fr. 7.50 Ausgabe C (mit Insassenversicherung) vierteljährlich Fr. 7.50 Von verschiedener Seite gingen uns immer wieder Anfragen zu, über das Verhalten des Motorfahrzeugführers gegenüber der Strassenbahn. Die Zuschriften zeigen uns, dass in weiten Kreisen noch sehr erhebliche Unsicherheit bezüglich .der geltenden Vorschriften besteht. Wir wandten uns daher mit der Anregung an die Direktion der Städtischen Strassenbahn Zürich, uns zu Händen unserer Leser eine Zusammenstellung der wichtigsten Vorschriften und Verhaltungsmassregeln zu überlassen. Wir begegneten mit unserem Gesuche bei vorgenannter Direktion weitgehendem Verständnis und Entgegenkommen, «denn», so schrieb uns Herr Direktor Winterhaider, «es liegt uns daran, unsererseits an der Ueberbrückung der Gegensätze zwischen Bahn und Auto, die sich auch im städtischen Verkehr bemerkbar machen, mitzuarbeiten.» Herr K. Fiedler, Bahningenieur der Zürcher Strassenbahnen, wurde mit der Ausarbeitung des nachfolgenden illustrierten Artikels betraut, dessen Ausführungen gewiss das verdiente ungeteilte Interesse unserer geschätzten finden werden. Leserschaft Die Red. Wohl eine häufige Quelle für die Beschäftigung der Polizeiämter bilden die zahlreichen Uebertretungen der Vorschriften, die im Verkehr das Verhalten zwischen Motorfahrzeug und Strassenbahn regeln. Sind sie zu wenig bekannt oder wollen die Führer ihre Berechtigung nicht anerkennen? Vielleicht weil ihrer Meinung nach der Strassenbahn zu weitgehende Vorrechte eingeräumt wurden? Dann müssen sie sich einmal bei den Betriebsleitern 'der" Strassenbahn erkundigen, wie sehr auch da die Fesseln der Vorschriften hemmend wirken können und wie häufig statt der Meldung, zu der die Angestellten der Strassenbahn gesetzlich verpflichtet sind, die Sache mit einem mehr oder weniger lauten Kraftausdruck, hie und da auch mit einer witzigen Bemerkung abgetan wird. Das geht aber natürlich nur solange, als keine .Sachschäden entstanden sind, denn für diese haben sich Wagenführer und Kondukteure vor IRW1 Motorfahrzeuge und Strassenbahn F E U I L L E T O N Mannequin. Roman von Fannie Hurst (18. Fortsetzung.) Erscheint jeden Dienstag und Freitag IN SERTIONS-PREIS: Wöchentliche Beilage „Autler-Felerabend". 6—8 mal jährlich „Gelbe Liste" Die achtgespaltene 2 mm hohe Grundzeile oder deren Raum 45 Rp. REDAKTION u. ADMINISTRATION: Breitenrainstr. 97, Bern Grössere Inserate nach Spezialtarif. Telephon 28.222 - Postcheck III414 -i Telegramm-Adresse: Autorevue, Bern Inseratenschluss 4 Tage vor Erseheinen der Nummern ESS der Verwaltung zu verantworten. Die Unterlassung von Meldungen über die Ursache von Betriebsstörungen und -gefährdüngen gilt als Dienstpflichtverletzung. Es wird wohl keinen vernünftigen Fahrzeugführer geben, der nicht die Notwendigkeit gewisser Vorrechte für die Strassenbahn einsieht, die zur Zeit nun einmal das Massenverkehrsmittel ist — hat doch die Strassenbahn Zürich 1932 98 Millionen Reisende befördert — und sie wird es wohl für unsere schweizerischen Verhältnisse, die uns zum Glück nicht zur Anlage unsinnig teurer Untergrundbahnen zwingen, auch „bleiben.. Also wird's besser sein, sich damit abzufinden und sich im gegenseitigen Interesse an. die bestehenden Vorschriften zu halten. Diese sind niedergelegt in Art 26 des Bundesgesetzes über den Motorfahrzeug- und Fahrradverkehr vom 15. März 1932 (BG) und den Art. 46 und 61 der Vollziehungsverordnung vom 25. November 1932 (VV) dazu, ferner in Art. 3 des Bundesratsbeschlusses (BRB) über die Hauptstrassen mit Vortrittsrecht vom 26. März 1934. Betrachten wir nun das Verhalten gegenüber der fahrenden und haltenden Strassenbahn. In den Bildern sind die Regeln für das von rechts nach links fahrende Motorfahrzeug (schwarz oder stark umrandet bei Halt) dargestellt Vortrittsrecht Grundsätzlich hat die Strassenbahn in allen Strassen, inner- und ausserorts, das Vortrittsrecht (Art. 3 des erwähnten BRB), und es sind ihr beim Herannahen die Gleise freizugeben (Art. 61, 1 VV). Also Vorsicht beim Kreuzen von oder Einbiegen in Strassen mit Gleisen, auch wenn das Motorfahrzeug für die Strassenbahnzüge von rechts kommt Die Gesellschaft nahm die ihr bestimmte Form bis ins kleinste an. Eine Gesellschaft, wie sie von retchen jungen Nichtstuern und einer Gruppe der schönsten Mannequins der Stadt erwartet wurde. Es schien Orchid, die sich durch den langen stürmischen Abend immer mit dem unersättlichen jungen Terry an den Zügeln ihrer Schärpe bewegte, dass sie, ,als die Rauchschwaden und die Heiterkeit sich immer mehr verdichteten, an einem Fiebertraum leide. Einem Fiebertraum von schrecklichen, zu nahen Lippen, dem Geruch von Puder auf dumpfem Fleisch, von feuchten* *« weissen, schrecklichen Männerhänden, dem P Dunst von Taschenflaschen und dem ekelhaft heulenden Geklimper dieses kleinen indischen Musikinstrumentes. Sie bemühte sich die ganze Zeit, nicht steif zu erscheinen, als der Lärm immer grösser wurde, aber die Zehen in ihren Schuhen waren eiskalt geworden in der wachsenden Furcht, dass diese Abendgesellschaft ihre Grenzen überschreiten könnte. Was geschähe, wenn Martin durch ein unvorhergesehenes Missgeschick einträte und sie fände, wie der blödsinnige junge Terry sie mit einer Silberquaste von einer Ecke in die andere trieb. Was würde geschehen, wenn sich die Nachbarn über diese Orgie beschwerten? Oder Mrs. Snuggs, ein Maulwurf von einer Hausfrau, die sich gewöhnlich ganz in der Nähe ihrer Souterrainwohnung aufhielt? Der junge Terry mit dem erhitzten Gesicht zog die Zügel immer enger und enger. Erschreckend enger, obwohl sie in ihren Manieren doch durchaus zurückhaltend blieb. Liebenswürdig in der ihr eigenen Art. Und merkwürdig genug, gerade diese zarte, feine Zurückhaltung in ihrer Liebenswürdigkeit schien den jungen Terry zu diesem Geschrei aufzustacheln. Sie hasste ihn heimlich. Sie fürchtete ihn heimlich. Sie fürchtete auch die steigende Formlosigkeit dieser Menschen in ihrem geheiligten lieben eigensten Zimmer. Dem Zimmer der ruhigen Abende mit Martin Ḋem Zimmer, das plötzlich entheiligt war. Und selbstverständlich, schrecklich und erniedrigend, die Gesellschaft überschritt ihre Grenzen. Die Taschenflaschen. Die wackelnden Köpfe der Mädchen. Die langausgestreckten jungen Männer und das sich steigernde Gelächter, das immer weniger und weniger zurückgehalten wurde. Man konnte zuinnerst erschreckt, sogar ohne die Vorhänge zurückzuziehen, wissen, Nicht die Strassenbahn muss nötigenfalls anhalten, sondern das Motorfahrzeug. Die in Art. 25 BG vorgeschriebene Anpassung der Geschwindigkeit an die gegebenen Verhältnisse gilt auch bei der Annäherung an Strassenbahngleise. Ueberholen der fahrenden'Strassenbahn. Entgegen den allgemeinen Verkehrsvorschriften (Art 26 BG und Art. 46 VV) betreffend Ueberholen ist die Strassenbahn rechts zu überholen, wenn zwischen Randstein und Strassenbahn genügend Raum vorhanden ist (Bild 1). Ist der gleisfreie Fahrbahnstreifen, durch langsamer fahrende Verkehrsmittel besetzt (Lastwagen, Fuhrwerke, Radfahrer; Handwagen), so berechtigt dies jedoch nicht zum Linksüberholen, sondern dann muss eben mit dem Ueberholen solange zugewartet werden, bis der Fahrstreifen frei ist (Bild 2). Man überzeuge sich aber auch, dass der. gleisfreie Fahrstreifen in der Fortsetzung der Strasse noch vorhanden ist, da besonderer Verhältnisse wegen diese Fahrstreifen nicht überall gleichmässig durchgeführt werden können. Reicht der Raum zum Vorfahren nicht aus, so darf links überholt werden, wie im schienenfreien Verkehr (Bild 3). Dies ist auch zulässig, wenn der vorhandene Fahrstreifen für den schienenfreien Verkehr' durch aufgestellte Wagen oder Baustellen oder sonst durch feste Hindernisse unbenutzbar ist. Jedqch ist dabei grösste Vorsicht am Platze, um b(2i doppelspuriger Gleisanlage nicht Gefahr zu -laufen, eingeklemmt zu werden (Bild 4). Diese Gefahr, ist viel grösser, als man gewöhnlich glaubt, da die Strassenbahnzüge immerhin mit etwa 30 km/St, fahren, auch die: entgegenkommenden, und deshalb beim Ueberholen für städtische Verhältnisse sehr hohe, häufig zu hohe Geschwindigkeiten dass sich draussen auf dem Trottoir eine Menschenmenge angesammelt haben mochte. Und es hatte sich auch eine angesammelt. Von Nachbarn. Von Passanten. Von Bummlern. Einmal klammerte Terry Orchid auf seinen Schoss nieder; und während sie sich wehrte und seine Brust mit ihren Fäusten schlug, böse mit ihm kämpfend und, obwohl es ihr die Kehle zuschnürte, trotzdem versuchend zu lachen, da, da geschah es. Oh. Oh. Oh! Die Schande. Die Schande. Peng. Peng. Das musste Mrs. Snuggs sein, die aus ihrem ebenerdig liegenden Schlafzimmer heraufkam, um gegen diesen Unfug zu protestieren. Ein öffentlicher Unfug in Orchids Zimmer. Ihr Fleisch erstarrte und wie ein Schauer rann es ihr den ganzen Körper hinunter. Noch immer auf dem Schoss Allen Terrys festgehalten, versuchte sie sich freizuschlagen, als Mrs. Snuggs gerade eintrat. Es war um drei Uhr dieses fröhlichkeitsbesessenen Morgens, als Orchid angepresst gegen des jungen Terrys Brust schlug und Mrs. Snuggs, ihre Haare zu einem Knoten mit Lockenpapier zusammengedreht, in einem keineswegs allzu anspruchsvollen Schlafrock mit drei lächerlichen Schleifen ,über ihrem Nachthemd, auf der Bildfläche erschien, auf der Bildfläche des ersten und letzten Versuch Orchids, das gute Ein-; auch ausdrücklich das Ueberholen bei entgegenkommenden Fahrzeugen. Selbstverständlich ist, genau wie im schienenfreien Verkehr, an unübersichtlichen Stellen, wie Strassenkreuzungen und -biegungen das Ueberholen verboten (Art. 26, AI. 3 BG, Art. 46, AI. 2 VV). Ausweichen. Es ist klar, dass die allgemeine Regel des Rechtsausweichens nur bei Doppelspur (Bild' 5) oder Einfachspur in Strassenmitte gilt, bei einspuriger Gleisanlage auf einer Strassenseite jedoch nicht eingehalten werden kann gegenüber der Strassenbahn. Dann, aber auchnur dann, ist zum Ausweichen links zu steuern (Bild 6). Bei doppelspuriger, Gleisanlage ist ein Linksausweichen auch dann unrichtig, wenn die linke gleisfreie Fahrbahn über 6 m breit ist. Aufschliessen auf fahrende Strassenbahn. Zwängen die Strassen- und Gleisanlagen zum Spurfahren hinter einem Strassenbahnzug, darf nur so nahe aufgeschlossen werden, dass beim Anhalten der Strassenbahn kein angewendet werden, müssen,, um noch Zusammenstoss sich ereignen kann. Dabei « durchzukommen». Art. 46, 1 VV verbietet BEB vergisst der Fahrzeugführer nur zu oft, dass die Strassenbahn zu plötzlichem Halten aus irgendeinem Grunde, den er hinter ihr gar nicht erkennen kann, gezwungen wird. Fährt er dann aber auf, so ist er allein der Schuldige nach Art. 61, AI. 5 VV. Anhalten neben Geleisen. Durch das Aufstellen von Wagen darf der Verkehr der Strassenbahn in keiner Weise gehemmt werden; daher die Vorschrift in Art 61, AI. 6 VV, dass von der äussersten Schiene ein lichter Abstand von mindestens 1 Meter einzuhalten ist. Das gilt aber nicht nur für das Stehenlassen von Fahrzeugen, sondern auch beim Anhalten vor Strassenkreuzungen oder Hindernissen (Bild 7), auch vernehmen mit ihren Kolleginnen aufrechtzuerhalten. Es war etwas nach drei Uhr dieses Morgens, als Orchid diese Erniedrigung erfahren musste. Mit einem gewissen geheimen Gefühl der Befriedigung konnte sie sehen, dass Allen Terry von der wütenden Mrs. Snuggs in einer schändlichen Art hinausgeworfen und in das Treppenhaus gestossen wurde. Und hätte sie es über sich gebracht, noch weiter zu schauen, hätte sie den jungen Terry in einer gleitenden Lage unten ankommen gesehen. Noch viele Tage nach dem gewaltsamen Hinauswurfe der Gesellschaft brannten zwei hellrote Flecke tiefster Kränkung auf Orchids Wangen. Aus Scham. Die Mädchen lachten noch Wochen darüber. Wie der junge Terry wagrecht die Treppen hinuntergerutscht war. Wie Toto versucht hatte, sich zusammenzunehmen. Wie Myrrh hin und her schwankte, als ob sie den Zigarettenrauch jagen wollte. Ueber die erzürnte Mrs. Snuggs und deren blauen Baumwollschlafrock mit den drei Atlasschleifen Ein Gefühl neuer Kameradschaftlichkei herrschte in dem Ankleidezimmer. Orchid gehörte jetzt dazu. Sie hatte sich Martin nie so nahe gefühl' als sie ihm mit tränenerstickter Stimme da von erzählte und seine Hand über die ihre strich. Diese Erniedrigung. Diese tieie