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E_1935_Zeitung_Nr.033

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10 Durchschnittliches

10 Durchschnittliches Verhältnis Hub/Bohrung. 1925. . 1,36 1930 1,38 1931 1,39 1932 ; . . . 1,35 1933 1,36 1934 . i,3 6 1935 1,36 Ventilanordnung. L-Kopf hängend liegend Schieber T-Kopf F.-I % %' ' % % : % % 1922 63,0 29,9 0,6 3,9 2,0 0,6 1923 61,9 29,6 — 4,6 2,6 13 1924 61,9 28,8 — 5,1 3,4 0,8 1925 70,2 20,5 — 5,6 2,8 0,9 1926 73,5 17,30 — 5,1 3,1 1,0 1927 76,70 14,20 — 5,1 3,0 1,0 1928 76,60 14,00 — 5,6 2,8 — 1929 78,00 14,00 — 6,00 1,00 1,00 1930 84,33 11,75 1,96 1,96 — — 1931 79,50 17,94 1,28 1,28 — — 1932 74,00 19,20 4,10 2,70 — — 1933 70,00 25,71 2,86 1,43 — — 1934 65,7 31,20 3,10 — — — 1935 75,90 22,40 1,70 — — — Steuerungsantrieb. Ketten Zahnräder o/ o/ /o /o 1922 27,8 72,2 1923 35,1 64,9 1924 43,5 66,5 1925 47,0 53,0 1926 64,0 36.0 1927 75,7 24,3 1928 79,2 20,8 1929 84,8 15,2 1930 85,7 14,3 1931 83,1 16,9 1932 85,7 14,3 1933 80,0 20,0 1934 76,2 23,8 1935 7.4,1 25,9 Kolbenmaterial. Aluminium Aluminium mit ohne Total Gusseisen Streben Streben Aluminium o/ o/ o/ o/ /o /o /o /o 1923 79,1 — — 20,9 1924 76,0 — — 24,0 1925 73,3 — — 26,7 1926 76,0 — — 24,0 1927 66,7 — — 33,3 1928 43,4 45,8 10,8 56,6 1929 25,8 48,4 25,8 74,2 1930 21,55 61,7 16,65 78,35 1931 20,50 53,8 25,70 79,50 19 2 28,00 50,0 22,00 72,00 1U33 25,80 45,60 28,60 74.20 1934 17,20 43,80 39,00 82,80 1935 18,90 36,20 44,90 81,10 Pi-akflsche Winkte Wasser in den Bremstrommeln ist nicht selten die Ursache eines unerwarteten Versagens der Bremsen. Nachdem ein Wagen gewaschen wurde, oder nachdem man auf stark durchnässten Strassen oder durch Pfützen gefahren ist, empfiehlt es sich deshalb immer, eine Bremsprobe vorzunehmen und arischliessend, wenn nötig, durch schwaches Anziehen der Bremsen die Beläge zu trocknen, damit man im Bedürfnisfall nicht vom Ausbleiben der Bremswirkung überrascht wird. -s. Tech «•» edh Antwort 9372. Undichtes Cabriolet-Verdeck. Zuschrift weitergel'eitet. Red. Frage 9378. Reparatur hydraulischer Wagenheber. Wer repariert kleine hydraulische Wagenbeber? B. C. in H. Frage 9379. Kolbendichtungsmittel «Bremol». Kann mir ein Leser Angaben über seine Erfahrungen mit diesem Präparat machen? Auf welchem Prinzip beruht seine Wirkung, und kann es empfohlen werden? R. K. in G. Frage 9380. Reparatur eines Benzinstandmessers. Wer repariert den im Benzintank des Victory-Dodge-Wagens eingebauten Benziastandanzeiger? Die Uhr am Schaltbrett wäre gut, der Fehler muss also hinten am Tank vorliegen. Würde sich eventuell die gleiche Firma mit der Reparatur eines Kilometerzählers befassen? A. H. in A. Frage 9381. Nachfüllen einer Batterie. Kann man eine Batterie, die halb oder ganz entladen ist, mit Schwefelsäure vom spezifischen Gewicht 1,20 bis 1,24 statt nur mit destilliertem Wasser nachfüllen, ohne dass es ihr schadet, oder ist es besser, nur destilliertes Wasser zu verwenden? R. H. in Z.. Antwort: Durch das Nachfüllen von Säure in dem angegebenen Konzentrationsgrad würde die Leistung der Batterie allerdings momentan erhöht, ihre Lebensdauer aber geschädigt. In halb entladenem oder ganz entladenem Zustand der Batterie darf die Schwefelsäure nur ein spezifisches Gewicht von 1,19, bezw. 1,14 haben. Wird dann die Batterie geladen, so steigt das spezifische Gewicht selbst auf 1,24, indem Säure aus den Platten ausgetrieben wird. Würde man nun von Anfang an einen Elektrolyten von -mehr als 1,19, bezw. 1,14 spezifischen Gewichtes verwenden, so würde der Konzentrationsgrad bei aufgeladener Batterie zu hoch. Das Nachgiessen von Säure ist schon deshalb in den meisten Fällen falsch, weil aus dem Inhalt der Zellen nur das Wasser, nicht aber auch die Säure selbst verdunstet, es sei denn, dass die Zellen AUTOMOBIL-REVUE 1935 — N° 33 Frage 9382. Automatische ZQndzettpunktverstellung. Wie ist die Wirkungsweise-eines Verteilers mit automatischer jZündzeitpunktverstellung? Wodurch wird die Zündzeitpunktverstellung hervorgerufen? A, Z. in G. Antwort: Das meist ängewandte Zündzeitpunktverstellsystem arbeitet mit Fliehgewichten, die bei rasch laufendem • Unterbrecher-Nockenantrieb entgegen der Wirkung von Federn durch die Zentrifugalkraft nach aussen geschleudert werden und damit der Unterbrechernocke oder, bei Magnetapparaten, manchmal dem ganzen Anker eine Voreilung erteile». In Abbildung I ist die konstruktive Durchbildung dieses Mechanismus in einem einfachen Beispiel zu erkennen. Als Fliehgewichte dienen die Segmente A, die ihren Drehzapfen auf einer auf der Antriebewelle sitzenden Platte haben. In der Zeichnung liegt dieser Drehpunkt unter den Gegenfedern C. Die Unterbrechernocke B hat zwei Arme, die mit Zapfen in Schlitze dieser' Segmente eingreifen. Bei langsamem Motorlauf halten die Federn C die Nocke auf Nacheilung eingestellt. Schwingen jedoch bpi zunehmender Tourenzahl die Segmente nach aussen, so erteilen sie der Unterbrechernocke unter Ueberwindung der Federkraft eine Voreilung. Je nachdem man härtere oder weichere Rückhaltefedern einsetzt, kann man erreichen, dass die Voreilung grösser oder kleiner wird, entsprechend der Charakteristik, die sich für Abb. 1. den betreffenden Motor am besten eignet. In Abbildung 2 ist der gleiche Verteilerkopf im Schnitt dargestellt. A ist das Gehäuse, B der Zündzeitpunktverstellmechanismus, C der Unterbrecher, D der Verteilerdeckel mit den Verteilersegmenten e, E das umlaufende Verteilerstück, a die Antriebswelle, b der Schmiernippel, c der Kondensator, d ein ölgetränkter Filz zur Schmierung der Unterbrechernocke. Ausser der Zündzeitpunktverstellung in Abhängigkeit von der Motortourenzah] findet seit den letzten Jahren hauptsächlich bei Amerikaner- Wagen auch eine Zündzeitpunktverstellung in Abhängigkeit vom Saugrohrunterdruck Anwendung. Der ganze Verteilerkopf ist schwenkbar eingebaut und mit einer Membrane verbunden. Bei hohem Saugrohrunterdruck deformiert sich die Membrane und stellt dadurch den Verteilerkopf auf Vorzündung ein. Umgekehrt geht der Verteilerkopf auf die Nachzündungsstellung zurück, sobald-der Saug- Abb. 2. •ndc»l u. Industrie rohrunterdruck sinkt. Dieses System nimmt darauf Rücksicht, dass ein Motor nicht gleichviel Vorzündung verträgt,, je nachdem seine Zylinder eine mehr oder weniger grosse Gasladung erhalten. Bei voller Zylinderaufladung neigt der Motor am stärksten, bei kleiner Aufladung am wenigsten zum Klopfen, -at- Neuer Gleitschutz für die nasse Strasse. In der letzten Nummer wurde auf ein neues Verfahren zum Gleitsichermachen von Pneus hingewiesen. In Ergänzung dazu bringen wir untenstehend noch eine Abbildung, aus welcher besonders deutlich-hervorgeht, wie der nach dem ChristophorU6-Verfabren (upKtaSI lurcl ikahn behandelte Pneu einer seitlichen Gleitbewegung entgegenwirkt Sobald nämlich grössere Seitwärtskräfte auf den Pneu einwirken, beginnen sich die Längsrillen zu öffnen und der Gleitbewegung setzen sich eine Anzahl scharfkantiger Lamellen entgegen, während zugleich die Rillen als Ablaufkanäle für eventuelles Schmutzwasser ßorgen. Hotchkiss Studebaker Vertretung und Service : Grossgarage und Auto-Werkstätte B ine II A.G.,Stampfenbachplatz48-56, ZÜRICH Tag und Nacht geöffnet ST. GALLEN (hinter dem Stadttheater Telephon 28.71 Vulkanisieranstalt A. Ledergerber Altbewährte Reparatur-Werkstatt für alle Pneus, Schläuche etc. - Pneuverkauf aller Marken. Alle Autozubehöre. Brems- Zürich 8 B. Frick & Co. 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Bern, Mittwoch, 24. April 1935 III. Blatt der „Automobil-Revue" No. 33 QuJCautscAuk: tut fiufuiiesMatt dec Jedüük Mag man der modernen Technik auch nachsagen, dass die zahlreichen durch sie beschäftigten «Hände» gar keinen inneren Anteil mehr an den Dingen nehmen können, mit denen sie beschäftigt sind, mag die moderne Wirtschaft auch zahlreiche dieser Hände heute unbeschäftigt lassen, und zwar leider mangels einer geeigneten Verteilung zwischen Technik und Wirtschaft, so muss entschuldigend für die Technik im voraus bemerkt werden, dass jede hohe Kultur eine tragische ist, dass die Geschichte der Menschheit und auch die Geschichte jedes einzelnen von uns tragisch sind, und dass den angeblichen Schattenseiten der Technik auch gewaltige Lichtseiten gegenüberstehen. Es sei hier nur an die letzten Grosstaten der Technik erinnert: an den Kalksalpeter aus dem Luftstickstoff, an das hochwertig vergütete Aluminium als Ersatz für Stahl, an den Kunstseidefaden etc. Das hier behandelte Kapitel der Geschichte des Kautschuk und seiher Ersatzstoffe ist ein weiteres Beispiel für solche Grosstaten. Wer hätte vor 400 Jahren die Entwicklung der von den Eingeborenen Südamerikas cahuchu (kautschu), d. L «das aus dem Holze Fliessende», genannten Kügelchen eines Pflanzensaftes zu den modernen Radreifen unserer Automobile voraussagen können, denn nur dank dieser Kautschukreifen ist es uns möglich geworden, Ort und Zeit durch die modernen Autos zu überwinden. Bekanntlich hat uns Christoph Kolumbus im Jahre 1496 die ersten solcher Kügelchen mitgebracht, die von den Eingeborenen zum Spielen verwendet worden waren. Diese Kügelchen fanden wohl eine Anwendung in der Technik vergangener Tage, aber erst das Jahr 1834 kann als das Geburtsjahr des Werkstoffes Kautschuk bezeichnet^ werden: als nämlich der Chemiker Ludersdorf fand: dass Kautschuk und Schwefel in der Hitze miteinander eine Verbindung eingehen, deren Ergebnis der sog. Hartkautschuk oder vulkanisierte Kautschuk ist. Seit hundert Jahren hat nun der Kautschuk seinen Siegeslauf vollzogen. 1913 betrug die Welterzeugung an Kautschuk noch 100 000 t, heute beträgt sie mehr als das zehnfache, trotz Weltkrise und Autarkie, von welcher Menge zwei Fünftel als Plantagenkautschuk und drei Fünftel als sog. native rubber anzusprechen sind. Doch wird der Anteil dieses letzteren immer kleiner. Holland bzw. seine Kolonien decken die eine Hälfte, England und auch Frankreich in den malayischen Staaten die andere Hälfte des Bedarfes. Amerikanisches und englisches Kapital spielen in Anbau und Handel die Hauptrolle. F E U I L L E T O N Mannequin. Roman von Fannie Hurst. (Fortsetzung aus dem Hauptblatt) Martin stand da und biss die Lippen, als wollte er sie bestrafen, dass sie ihn zu diesem impulsiven Ausbruch getrieben hatten. Und Orchid, so unverkennbar begierig, wie sie dastand in dem Gartenkleid, das sie wie lieblicher Nebel einhüllte. «Oh, Martin!» «Du möchtest gehen, Orchid?» «Ich? Ich war noch nirgends, wo es wirklich schön war. Wenn Mr. Mandel nichts dagegen hat — wenn du und Mr. Mandel damit...» «Wenn Mr. Mandel nichts dagegen hat? Glauben Sie mir, es ist mir mehr als diese Toilette wert, wenn Sie sich in einem Kleid von Drecotte bei einer Gelegenheit wie das Marblestone - Fest zeigen können. Gerade um euch zu zeigen, wie einverstanden ich damit bin, schicke ich euch in meinem eigenen Wagen hinaus.» «Mr. Mandel!» Armer Martin. Seine feuchte Stirnlocke zeigte so recht, wie hilflos er war. Natürlich. Der Kautschuk findet seine Verwendung hauptsächlich für Fahrrad- und Automobilreifen. Seine Chemie und Technik sind erforscht, seine Technologie ist aufs höchste entwickelt. Es sei hier beispielsweise an die Erfindung des mikroporösen Kautschuk erinnert, dessen Poren so klein sind, dass nicht einmal das Zukkermolekül durch derartige Filter hindurchgeht, wodurch die Gesetze der Osmose umgestossen scheinen! Was lag da näher, als zu versuchen, den Kautschuk auch in unseren wissenschaftlichen Forschungsstätten in der Retorte, also synthetisch, herzustellen? Es waren die Notzeit des Weltkrieges und diejenige der Ueberteuerung der Rohstoffe nach diesem Kriege, die uns dazu zwangen. Hatte man 1904 bereits durch Polymerisation von Leinöl, das durch glühende Nickelröhren geleitet wurde, poröse Kautschuke, sog. factice, erzeugt, so versuchte man im Kriege mit dem teuren Azeton dasselbe, aber mit grösserem technischen Erfolg. Die I. G. Farben-Fabriken haben schon seit Jahren ein dem Naturkautschuk gleichwertiges Produkt erzeugt, das Isopren, doch kommt dieses heute teurer als Naturkautschuk. Auch die Amerikaner haben Kunstkautschuke von hohem Wert, wie das Düpren. Der Grundbaustoff aller £itt Wiedersehen im Es war ein Frühlingstag. Endlich wieder ein Frühlingstag! Das Auto fuhr mit 80 Kilometern dahin. Wie die Luft vorüberstrich! Einem unsichtbaren Fächer gleich, kühlte sie die Wangen. Ich hatte die Augen geschlossen; das Gefühl seliger Gelöstheit hatte mich ergriffen. Ich spürte die Landschaft, ich empfand die Fremde der Menschen in den Dörfern, durch die wir sausten. Da rief Jack: «Wenn ich nicht bald ein Glas Bier bekomme, fahre ich in den nächsten Teich und saufe den Fischen ihr Wasser weg!> Ich sah auf. Die Gegend war mir bekannt Plötzlich riss ein Vorhang entzwei; das Leben, das ich vor vierzehn Jahren gelebt hatte, lag wie ein Bild vor mir, das man aus einer vergessenen Lade gezogen hat. Dort der Kirchturm, plump mit grotesker Spitze! Drüben noch immer die schwermütige Pappelallee und zur Linken die sanften Hügel der Weingärten, über denen so oft der Mond so geheinwjsvoll aufgegangen war!... Und vierzehn Jahre seither, vierzehn Jahre... «Ich kenne ein nettes Gasthaus, Jack! Dort können Sie das beste Bier der Gegend trinken, so dass die Fische verschont bleiben! > Jack grunzte. Wir fuhren in die kleine Stadt. Wie bekannt alle Häuser und doch wie fremd! Ich kannte sie alle; so vertraut sie mir waren, sie kannten mich nicht mehr. Sie standen abweisend und vernünftig wie damals. So war auch ein gewisses Mädchen gewesen, obwohl sie damals von der Liebe vergoldet war... Das Auto hielt. Ich sagte: «Jack, ich werde mich ein wenig umsehen. Vor Jahren lebte ich hier... In einer halben Stunde bin ich wieder zurück.» Jack blies eTst gar nicht den Schaum vom Biere. Trinkend nickte er. Ich ging; ich hörte noch, wie er mir nachrief: • Nur immer mit der Sentimentalität!» Ich hatte in den letzten vierzehn Jahren — warum soll ich mich selbst belügen? —, in den letzten sieben Jahren kaum mehr an das Mädchen gedacht Ich bog in die nächste Seitengasse, querte alle Strossen und Plätze, und unversehens stand ich ihr gegenüber. Ich erkannte sie sofort. Sie grüsste, sie wurde rot, dann bleich. Sie sagte verlegen: «Du? Biet du es wirklich?» wenn Orchid gehen wollte, das arme kleine Ding. Selbstverständlich. Natürlich wollte sie gehen. Aergerliche Angelegenheit das, so herauszuplatzen. Konnte sie jetzt nicht gut enttäuschen. Das Fest war voriges Jahr dieser neuen kautschukähnlichen Produkte heisst Chloropren, durch dessen Polymerisierung Kunstkautschuk entsteht. Kunstkautschuke können ohne Schwefel vulkanisiert werden, auch bei beliebigen Temperaturen, so dass man ein mehr oder minder weiches Produkt erhält, bzw. plastische und formbare Zwischenprodukte, die weiter vulkanisiert werden können. Chemisch gehören jedoch viele Kunstkautschuke unter die Gattung der synthetischen Harze. In Deutschland beschäftigt man sich seit dem Preissturz des Kautschuk weiter mit der Kontaktsynthese von Kunstkautschuk, wobei man heute von der Kohleverflüssigung ausgeht. Statt Kunstkautschuk spielt daher heute regenerierter Kautschuk eine grosse Rolle. Die Verfahren der Kautschuk-Regeneration beruhen auf der Behandlung gebrauchter Radreifen mit Benzol. Wieweit eines Tages andere kautschukartige Pflanzensäfte den cahuchu zu ersetzen vermögen, ist ein weiteres gewaltiges Problem, Von Josef Robert H snoj. Das Schild an dem Tabakladen, vor dem ich sie traf, knarrte im leichten Wind wie vor vierzehn Jahren. Sie war voller geworden. Sie reichte mir die Hand. «Wollen wir ein wenig plaudern? Ich habe eine knappe halbe Stunde Zeit.» Sie nickte. Wir gingen den Weg wie einst, vorbei am Gebäude der Lehrerbildungsanstalt. Dann kam das Haus, in dem ich eine Zeitlang gewohnt hatte. Der Zaun, der damals grün war, prangte in heller gelber Farbe. Die kleinen Kirschenbäume waren stattlich geworden. «Du hast graue Haare an den Schläfen», sagte sie. Ich lächelte. «Es ist kein Wunder!» erwiderte ich. Sie hatte ._jnoch,. immer dieselbe Art die Haare aus dem Gesichte zu streichen. «Natürlich, du kommst doch in der Welt herum, du bist heute da, morgen dort! Da staunst du! :< Oh, ich weiss mehr von dir, als du glaubst... Ich Lese deine stimmungsvollen Reiseberichte im «Welt- Journal». Vor drei Jahren schlug ich beim Friseur einmal zufällig das Blatt auf und fand deine Schilderung aus Venedig. Seither lese ich regelmässig deine Reisebriefe. Ich sammle sie in einer Mappe.» Ich lächelte wieder. Sie war noch immer so genau wie damals. «Es ist wirklich kein Wunder, wenn du graue Haare bekommst! Reisen strengt an... Mein Mann sagt immer, er wolle mit mir nicht reisen, weil man —» «So bist du verheiratet?» unterbrach ich sie. «Ja, seit zehn Jahren!... Wir haben vier Kinder... Der Aelteste ist nach dir genannt, Fritz!» «Vier Kinder... Ich bin nicht verheiratet!» fc n& Sie sagte schnell und so, als sei sie erleichtert: «Da hast du recht getan! Ein Mann, der in der Welt herumbummelt, soll sich an keine Frau binden ... Wurdest du übrigens deine Frau auf deine Reisen mitnehmen?» «Warum nicht?» Sie sah mich von der Seite an. Sie atmete kurz. «So hättest du auch mich mitgenommen, wenn —» «Ja, wenn — natürlich! Aber, du —» «Ach ja, ich war dumm damals... Ich habe oft darunter gelitten... Aber bedenk' doch nur, meine Mutter, mein Onkel, die Leute!» «Ja, die Leute! Die grausame Kleinstadt!... sehr langweilig gewesen. Zweifellos, wird es dieses Jahr wieder so werden, aber selbstverständlich, wenn Orchid so gern hinging.. «Ich glaube, ich sollte nicht gehen, aber oh! Martin, ich möchte ja so gern — wenn —• wenn es in Ordnung ist, dass ich gehe. Wenn du es wirklich meinst.» «Natürlich meine ich es. Danke für den. Wagen, Mr. Mandel. Wir werden vor sieben zurück sein. Du hast doch nichts dagegen, so früh zurück zu sein, Orchid? Ich habe noch einen Artikel einzurichten, weisst du. Vor dem Umbruch. Wir werden gerade einen Sprung hinausmachen, hineingucken und wieder zurückfahren.» «Martin, du bist so lieb!» Zum erstenmal wagten Martin und Orchid auf der Fahrt nach Innesbrook an diesem Tag mit einem blauen Himmel, rötlichen Wolken und der sanften Luft des Frühlings, Pläne zu schmieden. Es war die Maitrunkenheit von Luft und erdbeerfarbenen Wolken, und ein Hauch von Parfüm im Atlas, die sie ein bisschen berauscht haben mussten. Beide. Martin, der noch nicht einmal wusste, was sein Gehaltskuvert am Ende der ersten Woche seines neufen Berufes beinhalten würde, frei an seinem ersten Halbfeiertag, als ob der Nachmittag eine Ewigkeit und diese Ewigkeit Frühling wäre. Martin, die liebe Einfalt, wollte ein Haus mit einem Giebeldach, das wie das geknüpfte Kopftuch einer Hexe aussehen sollte. Und holländische blaue Herdkacheln. Und einen Wäscheboden! Er war sich über diesen Boden nicht ganz klar, weil das Haus einstöckig werden sollte; aber sein ganzes Leben hindurch hatte Martin erklärt, dass er einen Wäscheboden haben wollte. Auch hatte er noch nie einen gesehen, aber, magst du wollen oder nicht, Martin wünschte sich einen Wäscheboden. Plötzlich, ganz unerwartet, wollte Orchid auch einen. Einen Wäscheboden in ihrem und Martins Hause. Das Ende dieser Woche würde alles offenbaren. Orchid war so sicher. Martin war so sicher. Wenn Martins Kuvert auch nur vierzig Dollar enthielte, würden sie den Sprung wagen. Ueber den Abgrund und in den Garten ihres Hauses. Auch bei weniger als vierzig Dollar, wenn es sein musste. Zumindest war Orchid bereit, auch bei weniger zu springen. Oh, ich gebe dir keine Schuld! Du muestest auf die Leute Rücksicht nehmen ... Ich war doch nur ein armer Teufel! Du warst reich, da mussten wir heimlich sein, du musstest mich vor den Leuten verstecken!» Sie sah bitter vor sich hin. «Verzeih!» sagte ich. «Ich wfll dich nicht kränken! Es ist vielleicht doch gut so gekommen, dass ich eines Tages fortging... Ich passte nicht zu dir.» Sie stiess hervor: «Und doch hättest du bleiben sollen, wenn auch ich an allem schuld war... Wer weiss, wie rasch ich mich dann entschlossen hätte, mit dir in eine fremde Stadt zu ziehen. Niemand hätte gewusst, dass wir von meinem Gelde leben. Du wärest die Sorgen los geworden, du hättest dir als Schriftsteller bald einen Namen gemacht. Dann hättest du dir nicht mehr vorwerfen brauchen, dass dich deine Frau erhalten muss!» «Es hätte aber auch anders kommen können! Vielleicht müsste ich noch heute von deinem Gelde leben. Vielleicht wäre ich ohne die Sorgen um den Alltag ein fauler Mensch geworden, ein Schriftsteller, der —» Sie unterbrach mich. «Ach, entschuldige nur! Du, mit deinem Namen als Reiseschriftsteller, du mit deinem Talent!... Nein, ich weiss, dass nur ich damals schuld hatte... Ich hätte nie auf die Leute Rücksicht nehmen sollen!» Sie schwieg. Wir gingen dahin, zwei Menschen, die sich vor endlosen Jahren an den Händen gehalten hatten; dort drüben war es gewesen, unter jener alten Eiche. Und die Sonne ging damals brennend unter und in unseren Augen schwamm es in tausend Lichtern des Glückes ... Aber als wir zur kleinen, schwatzhaften Stadt zurückkamen, wo irgendeine Tante unseren Weg kreuzen konnte, trennten wir uns. Da ging sie kühl und vernünftig ihren Weg... Und eben noch hatte sich ihr junger Mädchenkörper in heisser Scheu an mich gepresst... Ich dachte jetzt daran. Und mir war, als betrachte ich dürre, farblos graue Blüten, die gepresst zwischen den Seiten eines Buches liegen. «Und wie geht es deinem Mann?» fragte ich. Sie hatte gleich mir auf die Eiche geblickt. Sie sagte stossweise: «Und die Frauen? Auf deinen Reisen, da hast du doch Gelegenheit, interessante Frauen kennen zu lernen, interessantere » «Oh, eigentlich gar nicht der Rede wert; Man stellt sich das immer leichter und interessanter vor, als es dann in Wirklichkeit ist!» «Aber in deinem Reisebrief aus Palermo las ich eine Episode, wie man sie sich blühender gar nicht vorstellen kann!» «In Palermo? Ach, ja!... Nun, das war eine zufällige tolle Sache! Und wenn ich ganz ehrlich sein soll, so —» «Aber! Es äst doch gar nicht notwendig, Fritz, dass du dich bei mir entschuldigst!... Sag, wie kommst du heute in diese Gegend? Die kleine, dumme Stadt und du, der Weltreisende! Oder willst du gar einen Reisebericht — Nein, das wäre doch zu komisch!» Sie lachte! ihr Lachen war wie ein Schleier, der Tränen verbergen sollte. «Wirklich ein blosser Zufall! Ein Freund aus England, Jack, der sich einige Tage in der Hauptstadt aufhält, ,hat mit mir einen Ausflug gemacht Wir sind auf der Rückfahrt. Jack bekam unausstehlichen Durst. Er sitzt im Gasthaus bei seinem Bier. Ich dachte, die halbe Stunde könnte ich eigentlich in der kleinen Stadt herumschlendern. Erinnerungen, weiset du...» «Merkwürdig! Ich gehe sonst um diese Zeit nie aus! Heute plötzlich kam mir der Einfall, Hilde zu besuchen; du erinnerst dich doch! Hilde, die damals so schön sang... Auf dem Wege traf ich dich.» Luzern Schiller Hotel Garni Alle Zimmer mit fliess. Wasser o. Bad u.Tel. Zimmer v. Fr. 4.50 an. Pens. Fr. 12.-. Autoboxen. Ed. Leimgruber, Bes. Schliesslich drückte sie Martin auf fünfunddreissig. Was tat es zur Sache, dass Orchids ursprüngliche Träume nichts mit Giebeldächern zu tun hatten? Dass es Martin wünschte, irgendwo innerhalb einer erreichbaren Distanz von der Park Row, an einer Böschung, mit einer Terrasse und natürlich dem geliebten Wäscheboden, konnte nichts auf der Welt begehrenswerter erscheinen. Begehrenswerter sogar als ihr Traum. Ein alter Traum. In der öffentlichen Bibliothek, wohin sie manchmal zur Lunchzeit vor Toto, Myrrh und Cyd geflüchtet war, hätte sie ein schönes Buch mit Drucken architektonischer Räume gefunden; Abbildungen von Kunstdenkmälern und Architekturen der Alten Welt waren darin. Der Bibliothekar dieser Abteilung, der sie allmählich kennenlernte, pflegte einen Glasschrank aufzusperren und für sie auszuleeren. Das Innere des Palastes des Herzogs der Abruzzen, siebzehntes Jahrhundert. Sommersitz des Prinzen Vallombrosa zu Venedig. Spätes sechzehntes Jahrhundert. Die Fassade der Uffizien Florenz. Die Tore des Campanile von Giotto. Die sanfte alte Schönheit von Kredenzen. (Fortsetzung folgt.)