Aufrufe
vor 7 Monaten

E_1935_Zeitung_Nr.039

E_1935_Zeitung_Nr.039

10 AUTOMOBIL-REVUE

10 AUTOMOBIL-REVUE 1935 - No 39 Taumelscheibe durch die Kurbelwellenkröpfung zu einer Taumelbewegung veranlasst, und diese Taumelbewegung würde die Kolben abwechslungsweise zum, Hin- und Hergehen zwingen. In Wirklichkeit sind es aber natürlich die Kolben, durch welche zuerst die Taumelscheibe bewegt und nachher' die Kurbelwelle in Rotation versetzt wird. -s. Neue Magnetstahllegierungen. In der letzten Zeit wurden verschiedene neue Magnetstalil-£4giernngen entdeckt, die eine bedeutend höhere als die bisher erreichbare Koerzitivkraft aufweisen, d.h. die stärker magnetisiert werden können und ihren Magnetismus länger beibehalten. Einigermassen erstaunlich ist es, dass diese verbesserten Eigenschaften durch Legierung des Stahls mit dem an sich unmagnetischen Aluminium Zustandekommen. So besteht eine Legierung der französischen Thomson-Houston Company aus 60—70 % Eisen, 6—15 % Aluminium und 20—30 % Nickel. Die Firma Bosch hat sich die Lizenzrechte für eine Legierung erworben, die nahezu das doppelte der bisherigen Koerzitivkraft aufweist. -s. l»»«>l«t Zeige mir deine Reifen... und ich sage dir wie du fährst! Nach dem Profilzustand der Reifen und der Anzahl der gefahrenen Kilometer kann man sich ein Urteil über die Fahrtechnik bilden. Der vorsichtige und sparsame Fahrer wird die Bremsen nur bei Gefahr benutzen, im übrigen wird er auf «Sicht» fahren, d.h. er wird bei vorauszusehendem Langsamfahren (Strassenkreuzung usw.) stets den Motor als Bremse benutzen. Der ständige rigorose Gebrauch der Bremse und die damit verbundene erhöhte Bodenreibung geht immer auf Kosten der Reifen. Reifenverbrauch, Renntempo und Sonne. 'Auch im Reifenetat des Auiomobilfahrers lassen sich noch durch Achtsamkeit und vorsichtiges Fahren Ersparnisse erzielen. Bei den heutigen guten Fabrikaten der Reifenindustrie ist mit einer vorzeitigen Zerstörung des Reifenprofils nicht zu rechnen. Der Fahrer hat es aber selbst in der Hand, die Lebensdauer seiner Reifen durch geschicktes Fahren und durch eine besondere Rücksichtnahme auf die Temperatursteigerung an heissen Tagen zu verlängern. Bei einer Untersuchung, welche eine amerikanische Autofabrik in dieser Hinsicht anstellte, wurden die Beziehungen zwischen Lufttemperatur, Motoffkipper für Lastwagen, Traktoren, Anhänger Anhänger für »«§•«& jeden Zweck liefern Ihnen billigst DENZLER&Go. Könstruktionswerkstätte ZOLLBRUCK nl*e (Bern) Fahrgeschwindigkeit und Reifenabnutzung festgestellt. Dabei ergab sich, dass bei einer Temperatur von 5 Grad C, einer Geschwindigkeit von 32 km/St, die Abnutzung normal, war. Schon bei einer Geschwindigkeitssteigerung auf 50 km/St, war die Abnutzung um 8 % höher, und steht bei 70 km/St, auf 50 %. Bei höheren Temperaturen ergeben sich geradezu verblüffende Resultate. So stieg bei 15 Grad C. und gleicher Geschwindigkeit die Abnutzungsquote auf 91* bei 50 km/St, auf, 117, bei 70 km/St, auf 175 %; bei 30 Grad C. erhöhen sich die Zahlen, die gleichen Geschwindigkeiten vorausgesetzt, auf 217, 267 und 350 % vom Normal. Aus diesen Zahlen ist leicht zu ersehen, eine wie grosse Bedeutung der sachgemässen Reifenbehandlung beizumessen ist, und es ist manchem Fahrer noch viel zu wenig bekannt, wieviel er auf diesem Gebiet sparen kann. An heissen Tagen und auf schattenloser Landstrasse macht sich ein massiges Fahrtempo ganz ausserordentlich bezahlt. Eine Geschwindigkeit von 50—60 km/St, dürfte auch hier am «sparsamsten» sein. Es soll noch erwähnt werv den, dass ein guter Fahrer seinen Wagen möglichst nicht auf schattenlosen Plätzen parkt, denn die prallen Sonnenstrahlen greifen sowohl die Lackierung als auch die Reifen an. Warum hat der Reifen zu wenig Luft? Mancher Automobilist wird $ich darüber wundern, dass einer seiner Reifen .manchmal auf ganz rätselhafte Weise zu weich wird, zu schnell die Luft verliert. Ein Nageldefekt liegt nicht vor, denn da würde die Luft schneller entweichen. Wenn, es also nicht gerade ein «Methusalem» von Lüftschlauch ist, der porös geworden ist oder dessen zahlreiche ehrenvolle Pflaster den Verdacht berechtigt erscheinen lassen, dass hier irgendwo die Luft entweichen kann,.so dürfte das Ventil die Schuld an dieser rätselhaften Erscheinung tragen. Man nimmt zur Untersuchung des VenÄs die Ventilklappe ab, dreht das Rad so,' dass das Ventil von oben nach unten zeigt, und bringt nun ein mit Wasser gefülltes Glas an, das Ventil. Steigen von dem in das Wasser tauchenden Ventil Luftbläschen auf, so hat man den Fehler gefunden. Man muss dann versuchen, durch Festerziehen des Einsatzes den Schaden zu beheben, oder aber, wenn das nicht gelingt, einen neuen Einsatz verwenden. .;-;.< Die Ventilprobe kann auch so vorgenomr!-. men werden, dass man ,etwas Seifenschaum. DERBY Sportmodell zu verkaufen Telephon 22.240, Baden. Chrysler Cabriolet 2/4-Sitzer, ausgez. gepflegt, Gangloff-Karosserie, sehr schöner Tourenwagen ohne Mängel, aus Privathand zu Fr. 3300.—, inkl. Steuer pro 1935 abzugeben, Neupreis (1930) Fr. 19 700.-. Ev. Tausch an Kleinwagen, neu oder gebraucht. Anfragen unter Chiffre §7456 an die Automobil-Revue, Bern. Zu verkaufen Martini 6 Zylinder, 22 PS, Modell 1927, 6/7plätzige Allwetter- Karosserie, Motor revidiert. Preis Fr. 1400.— Offerten unter Chiffre 67477 an die Automobil-Revue, Bern. B.M.W. OCCASION Limousine, 8/34 PS, ist umständehalber weit unter Katalogpreis zu verkaufen. Seltene GELEGENHEIT Prima Occasions-Wagen Offerten unter Chiffre Z 3290 an die Automobilgeeignet für Kurs oder Arbeitertransport, mit Faltetüren und versenkbar. Fenstern, Fr. 7000.— mit grosser Ladebrücke, auf Wunsch mit 3Opl. Karosserie, Marke SAURER, 4 Zylinder, Typ 3 AE-P. (Niederrahmen - Chassis), Bereifung 34X7, Fr. 8500.— m. 26pl. Car-Alpin-Karosserie, kann auf Wunsch auch kombinierbar mit Ladebrücke geliefert werden, Bereifung 34X7, ohne Ladebrücke 1 a^-T.-Lastwagen Typ 2BH (Niederrahmen-Chassis), 4-Zylinder-Motor, Bereifung 32X6, neu karossiert, kann auf Wunsch auch mit Karosserie geliefert werden, letztere Modell 1934, 4-P1., Limousine, 25 000 km gefahren, n prima Zustand, umständehalber billig; Offerten unter Chiffre 67520 an die Typ R. L., S. S., 15 PS, auffallend schöner Sportwagen, geschlossener 2/3-Plätzer. Eventuell Tausch. Max Studer, Automobile und Motorräder, Lenzburg, T„l„,l (Hl R1L1H auf; die Spitze des Ventils bringt, wo sich ein Defekt dann durch Blasenbildung bemerkbar macht. Diese Methode ist "besonders zu empfehlen, wenn es sich um schräg Stehende Ventile bei Tieibettreifen handelt.* Ein Bremsen in der Kurve ist wenn immer möglich zu vermeiden. Sobald nämlich die Räder des Wagens blockiert sind — in Gefahrfällen tritt man ja sehr gerne zu stark auf die Bremsen — verliert der Wagen jede Führung und folgt : einzig der Richtung seines «Schwunges •». Keine noch so geschickte Handhabung des Lenkrades hat dann einen Einfluss. Wenn der Fahrer das Schleudern richtig mit den blockierten Rädern in Zusammenhang bringt und die Bremsen loslässt, wird der Wagen meist schon lange nicht mehr auf der S.trasse stehen. Werden nur die Hinterräder blockiert, dann kommt hauptsächlich der Hinterteil des Wagens ins Schleudern. Der Wagen stellt sich zuerst Quer in die Fahrbahn und rutscht eventuell rückwärts über sie hinaus, wenn nicht auch hier noch im rechten Moment die Bremsen gelöst werden und der Wagen durch Einschlagen der Lenkung nach der Schleuderseite hin wieder in die Richtung gebracht werden konnte. Auch vor bekannten, vollständig übersichtlichen Kurven muss so frühzeitig verlangsamt werden, dass nachher die Kurve selbst ohne die geringste Betätigung der Bremsen durchfahren werden kann. Denn nicht nur ein Blockieren der Hinterräder, auch jedes unfreie Rollen überhaupt vermindert ihre seitliche Gleitsicherheit. Rennfahrer machen von dieser Tatsache Gebrauch. Sie vermindern die Geschwindigkeit vor der Kurve so stark, dass in der Kurve selbst wieder Gas gegeben werden kann. Die unfrei rollenden (weil stark angetriebenen) Hinterräder rutschen dann beim geringsten Lenkeinschlag seitlich aus, der Wagen wird um die Kurve herumgeschleudert und ist mit einem Minimum von 1 Omnibus SAURER Typ 3 AD 1 ZVz-4-Tonnen-La st wagen 1 3 x /2—4-Tonnen Typ 3 AE-P Zu verkaufen D.K.W. Zu verkaufen ALFA ROMEO Zeitverlust wieder auf seinem früheren Tempo, -at. Periodische Kontrolle von Schwingungsdämpfern. Die bei Motoren von 6 und mehr Zylindern vielfach angewandten, am Vorderende der Kurbelwelle sitzenden Torsionsschwingungsdämpfer können mit der Zeit durch Abnützung unwirksam werden und dann gefährliche Schwingungen auftreten lassen, die eventuell zum Brach der Kurbelwelle führen. Es ist deshalb ratsam, diese Schwingungsdämpfer periodisch nachprüfen zu' lassen." - .. • • _ y^ Fr. 8500.— mit Kurbelverdeck und versenkbaren Glacen, Fr. 10 000.— Offerten unter Chiffre 67476 an die Automobil-Revue, Bern. Automobil-Revue, Bern. zu verkaufen Ein alier UeWstand in der Automobilbranche. Es ist das Verdienst der cAutomobil-Revue», dass solche vorkommenden und sicherlich vermeidbaren. Uebelstände beleuchtet werden können. In der «Illustrierten Automobil-Revue», di« unlängst erschienen ist, sind unter anderm die wichtigsten technischen Merkmale der in der Schweiz bekanntesten Wagentypen sachlich in Tabellen geordnet Die Durchsiebt-und Vergleiche fördern 3/4plätzig, 1929, 17 PS, 46000 km 67362 Fr. 2000.— in tadellosem Zustande. Tel. 920.924, Zürich. BUICK 1928, 6 Zyl., 17 HP, 4/5pl., geschl., 4türig, mit Scintilla-Scheinwerfern. Von Mechaniker gefahren, also in gutem Zustande. 20% der Kaufsumme erst nach Jahr zahlbar. Preis nur Fr. 1500.—. Offerten unter Chiffre 67382 an die Automobil-Revue. Bern. Gamion Sattelschlepper in prima Zustand, komplett ausgerüstet, mit Arbeitsvertrag, nachweisbar gute Rendite, per sofort zu verkaufen; — Anfragen unt. Chiffre P. 20957 U. an Publiciias, Bern. Willys 6 Zyl., 16 PS, Modell 32/33, 4 Türen, geräumiger Wagen, Ventil-Motor, prima Zustand, zu Fr, 2800.— GEBR. MARTI, BERN. Toi 9H OA1 7055 (MNW V«rafltwortlichkeH der Redaktion. Anfragen unter Chiffre 67519 an die Automobil-Revue, Bern. BERN-Ostermundigen VERCHROMEN STADEL MANN & MA NTEL A. G. Tel. 41.128 LAN GENTHAL Telephon 300 Garage Geiser Vertretungen Reparaturen I. STÖCKLI • BERN Verkauf, und Reparaturen von sämtlichen' Autopneus | u..-schlauchen, sowie Nagelschutzeinlageh. Benzine und Oele. - Fachmännische und prompte Bedienung. Tel.i\ 318 MUhlemattstrasia 53 (beim Eigerplatz) Aaltsites Hau* am Platz»

Bern, Dienstag, 14. Mai 1935 III. Blatt der „Automobil-Revue" No. 39 «Raubmord» — behauptete der Staatsanwalt in der Sache Giovanni Bartolomini. Alle Indizien sprachen dafür — die Kette der Beweise war geschlossen. Unter der Matratze des Angeklagten hatte man die geraubte, wenn auch nicht erhebliche Geldsumme gefunden. Die Braut des Bartolomini besass den Versatzzettel über Ring und Uhr des Toten. Alles stimmte — nur der Tote war verschwunden. Der Angeklagte gab wohl den Diebstahl zu, aber dann schwieg er hartnäckig. Doch der Staatsanwalt wusste mehr: Um die Braut war's gegangen! Sie hatte früher mal eine Liebschaft mit dem. Verschwundenen gehabt und das Stilett sitzt den Burschen lose. Der Beraubte blieb verschwunden und der Staatsanwalt nahm den Mord als Tatsache an. Wahrscheinlich war er eingescharrt worden. So lautete die Anklage auf Raubmord. Der Verteidiger erhob sich zu seinem Plädoyer. Man kannte ihn als hervorragenden Redner, der mit seiner Sprache wohl manche Einwände über den -Haufen rennen und die Gemüter der Geschworenen bewegen konnte. So erwartete man im Schwurgerichtssaal . diese Rede wie eine spannende Schaustellung. Um so enttäuschter war man daher, als der Verteidiger ganz zahm über die Indizienkette zu sprechen begann: «Ist die Kette stark genug, meine Herren Geschworenen, um das Leben eines Menschen daran zu hängen? Das ist die einzige und entscheidende Frage, die ich Ihnen zur Beurteilung vorlegen möchte. Ich will heute mit meinem Urteil, mit meiner Meinung zurückhalten. Sie haben die Macht über Leben und Tod in Händen, aber ich will Ihnen ein Argument vorlegen, das Sie die Wahrheit leichter erkennen lässt.» In die Pause, die er jetzt machte, tönte nervöses Hüsteln hinein, eine unzufriedene Aeusserung der gespannten Zuhörer, die den Saal bis an den Rand füllten. Aber der Verteidiger sah nur die Geschworenen an, als er weitersprach, obwohl er sonst geschickt genug war, um mit der Stimmung im Saal Fangball zu spielen. «Meine Herren Geschworenen! Sie sollen .urteilen — und auf Ihren Schultern liegt die Last der Verantwortung. Bedenken Sie also, dass in der Indizienkette der Hauptbeweis fehlt: der Tote...» Hier blitzten die Augen des Verteidigers auf und seine Stimme wurde schneidender, als ob er einen unausgesprochenen, nur empfundenen Widerspruch im Keime ersticken müsste: «Jawohl, meine Herren Geschworenen: der Tote, den wir nicht finden können, ist und bleibt der Mittelpunkt! Und über diesen Toten will ich Ihnen etwas sagen, besser: ich will Ihnen eine Frage vorlegen: Was würden Sie dazu sagen, wenn ich Ihnen plötzlich zurufe: Das ganze Gebäude dieser Anklage F E U I L L E T O N Mannequin. Roman von Fannie Hurst. (Fortsetzung aus dem Hauptblatt.) «Mr. Terry!» Aber etwas bewegte sich doch. Etwas, das breiter und breiter wurde auf dem roten Atlascape, das er an seine Brust gedrückt hielt. Etwas, das breiter wurde. Etwas Nasses. Etwas Klebriges! ' «Mr. Terry», schrie Orchid mit einem kleinen Schreck und langte hinüber, um mit steifen Fingern den Mantel aufzuheben. Er hob sich teilweise in einer kleinen rosa Wolke, dann aber widerstand er. Den Stoff an sein Herz gedrückt, wie er ihn von ihren Schultern gezerrt hatte, war Terry nach vorne auf den Dolch gefallen. Auf den Rosenquarz- und Filigrandolch, der aus der Scheide des Zierats gezogen war. Das Cape hob sich nicht. Es war an dem sich vergrössernden Fleck an das Herz Allen Terrys geheftet. Geheftet an das tote, das durchbohrte Herz Allen Terrys. Angeheftet durch den juwelengeschmückten Dolch. Es mochten Augenblicke, es mochten Tage für Orchid gewesen sein, aber tatsächlich fällt in sich zusammen, die Indizienkette des Herrn Staatsanwalts reisst mitten entzwei, weil — der Tote gar nicht tot ist?!» Kein Atmen im Saal... Der Staatsanwalt sitzt wie versteinert. Der Vorsitzende macht eine Geste, als ob er dem Verteidiger eine Warnung zukommen lassen wolle, mit solch ernsten Dingen kein Spiel zu treiben. Aber schon sprach der Verteidiger weiter: «Er weilt hier, in dieser Stadt, er ist hier, in diesem Haus, in diesem Saal sogar — dort in der Ecke sitzt er!» Es gibt eine Stille, die schreit. Sie würgt die Menschen, die zu diesem Prozess gekommen sind, um ein Schauspiel zu erleben. Einen Augenblick bannt sie auch die Geschworenen. Dann springen sie fast gleichzeitig von ihren Plätzen — die Augen geweitet v in die Ecke starrend, in die die dürre Hand des Verteidigers zeigt. Hundert weitere Augenpaare folgen, sind fast erleichtert, dass sie sich bewegen können... Der Staatsanwalt hat sich im letzten Augenblick in die Gewalt bekommen und ist nicht aufgesprungen, aber seine Beklemmung ist nicht minder schwer. Auch seine Augen suchen die Ecke ab. Der Vorsitzende beugt sich weit über den Tisch und fühlt, wie der harte Rand des Richtertisches seine Rippen presst. Er will etwas rufen und tut es doch nicht — auch seine Augen stehen im Bann der Ecke. Auf den Angeklagten achtet in dieser Minute keiner. In gebeugter Haltung sitzt er da. Sein Kopf sinkt womöglich noch tiefer, er ist nicht von der allgemeinen Hypnose ergriffen. Der Anwalt streift ihn mit einem Blick, begreift die Situation und redet hastig weiter, ohne den Triumph dieser Minuten voll' auszukosten. «Nein, meine Herren Geschworenen — in der Ccke sitzt er nicht. Er ist auch nicht in diesem Saal. Ich erlaubte mir dies psychologische Experiment nur, um ihnen den' Beweis zu liefern, dass Sie selbst nicht vom Mord des Angeklagten überzeugt sind. Wäre die Indizienkette des Herrn Staatsanwalts wirklich lückenlos, dann hätte sich die Ueberzeugung, das Wissen in Ihrem Hirn so festgesetzt, dass mein schwaches. Wort Sie niemals so elektrisiert hätte aufspringen lassen können, um einen Totgeglaubten in der Ecke zu suchen. Dieses Suchen, meine Herren Geschworenen, zu dem ich Sie herausgefordert habe, hat die Indizienkette zerrissen und ausserdem Ihr geheimes Denken aufgedeckt. Sie hielten es nicht für unmöglich, dass der Totgeglaubte hier im Saal lebend erscheint —. Können und wollen Sie somit einen Menschen, von dessen Tat Sie nicht überzeugt sind, dem Strang ausliefern? — Ich bin zu Ende... meine Herren.> Die Geschworenen verurteilten den Angeklagten zu sechs Jahren Zuchthaus für schweren Diebstahl. A. H. war es nur eine Stunde fünfzehn Minuten, dass sie neben .dem aufwärtsgedrehten Gesicht Allen; Terrys sass, dessen Augen so schrecklich weit offen standen. Sass bloss da und hielt ihre Hände wie offene Muscheln in ihrem Schoss und die Stille in ihrem Gesichte war wie die Stille im Gesichte eines Grabsteinbildes. Tick-tack ging die Uhr auf dem Ankleidetisch, als ob jede Sekunde sie zum Tick einsöge und zum Tack wieder ausstiesse. Tick. Tack. Der Fleck hatte aufgehört sich zu verbreitern und das Hess — wie seltsam — die Stille noch tiefer e'rscheinen. Dieser Fleck, der an das Herz Allen Terrys geheftet war. Nach einer Zeit, so abgeschieden, als käme es aus einer anderen Welt, begann das Telephon unter der Kretonpuppe zu läuten; und Orchid fing an, zusammengekauert hockend, bei diesem Ton zu lachen und lachend schleppte sie sich auf ihren Knien hinüber, um zu antworten. «Ja?» Ihre Stimme klang wie ein ken! Es war zum Lachen. Ein trockenes schwaches Quieken. Nein, es klang wie das Rollen einer kleinen vertrockneten Erbse in ihrer kleinen vertrockneten Schote. «Ja?» «Hallo, Liebling. Was soll die Komödie? Qtiqivurte de* £andsViasse Von Josef Bothe. Seltsame Menschen, diese waschechten Kunden. Man trifft alles unterwegs, vom schlichten, einfachen Handwerksburschen an bis^zum Professor, vom harmlosen, leichtsinnigen. Jungen, bis zum schwersten, siebenmal gesiebten Verbrecher, und doch hat wohl keiner grössere Angst, die Freiheit zu verlieren, als der wandernde Verbrecher, denn er, der Wanderer, kennt der Menschen köstlichstes Gut, die Freiheit, wie wohl kein anderer. Losgelöst von dem bürgerlichen Leben, frei von Pflichten und Sorgen des Alltags, unbekümmert um die Zukunft, wandert er durch die Welt, wohin es ihm gefällt. Stetig allein mit seinen Gedanken, die er keinen Fremden mitteilen kann, bildet er sich seine eigene Weltanschauung und wird leicht zum Original. In Heidelberg traf ich im Asyl einen «Weltenbummler auf Schusters und allen andern Rappen », der sich bis jetzt dreissig Jahre auf der Wanderschaft befand. Einundzwanzig Wanderbücher konnte er vorzeigen. Er war 55 Jahre alt. Ein kleines, schmächtiges Kerlchen, mit einer wunderschönen, weinroten Faschingsnase, listigen blau-wässerigen Augen, anormal grossen « Plattfüssen », struppigem, graumeliertem Kopf- und Barthaar und einem köstlichen, prachtvollen Humor. Durch nichts aus der Ruhe zu bringen, ausgenommen wenn es Freibier gab. Die gröbste Gut nach Hause gekommen? Bei Gott, ich habe mir die ganze Zeit über Vorwürfe gemacht, dass ich meine Rechte als Mann nicht behauptet und dich nicht mit mir nach Hause genommen habe. Orchid, bist du da?> «Ja. Ja.» Oh, oh, diese Stimme, wie eine kleine vertrocknete Erbse in der Schote. «Schätzchen, was glaubst du? Ich bin eine Stunde vor dem Umbruch fertig geworden. Ich bin jetzt in der Park Row. Fürchterlich heisse Bude. Die Morgenausgabe kommt mit einer ganzen Seite von mir gerade aus der Maschine. Glaubst du, wird der Skorpion von einer Hausfrau etwas dagegen haben, wenn ich jetzt damit einen Sprung zu dir hinüber mache? Ich werde zweimal lang und einmal kurz läuten und du wirst die Tür öffnen. Es ist,Ja erst halb zwölf. Ich möchte gern, dass du den Aufsatz gedruckt siehst, bevor du zu Bett gehst. Er sieht ein bisschen sensationell aufgemacht aus, mit farbigen Bildern und so weiter, er wird bestim 1 " ein Erfolg. Du warst sehr lieb heute, Orti. Wer hat dich in die Stadt gebracht? Ich war unruhig, zum Teufel. Höre, Liebling, bist du noch da?» «Ja. Ja.> Die vertrocknete kleine Erbse rollte in ihrer Schote. Sie musste lachen. Sie musste. lachen. «Du hast nichts dagegen, wenn ich auf einen Sprung hinüberkomme, nicht wahr? Ich Complet aus handgewebtem Leinen. Frechheit parierte er mit schlagendem Witz und beissender Satire. Es gab keinen Erdteil, den er nicht gesehen hatte, wo sein Name nicht in Bäumen, Bänken, Eisenbahnwagen usw. verewigt war. In Amerika war er nacheinander Kellner, Stiefelputzer, Trambahnschaffner, Kaufmann, Schmuggler und Tramp gewesen, in Australien Viehtreiber, Goldsucher und Postbote, in Indien Gepäckträger,- Stadt- und Reiseführer, Gastwirt, Polizeibeamter und zur Abwechslung auch etwa sechs Wochen Plantagenbesitzer und Ehemarin einer Kreolin, die ihn höchst eigenhändig, wegen Untreue, mit der Reitpeitsche aus Indien vertrieb. In Afrika hatte er sein Glück als Händler, Farmer, Jäger — und wahrscheinlich auch als Sklavenjäger versucht. Von Europa wollte er eigentlich nicht viel wissen, dort war er nämlich wiederholt mit, allerlei Behörden in unangenehme Berührung' gekommen. Er kannte Zuchthäuser, Gefängnisse, Arbeitshäuser und Trinkerheilanstalten ebenso genau wie Frauen, Pferde, Flugzeuge und Ueberseedampfer. An Nord- und Südpolexpeditionen hatte er unter den verschiedensten Berufen teilgenommen. Vor etwa sechs Monaten war er von Madagaskar nach Deutschland gekommen. «Aber fort mache ich wieder,> sagte er immer, als er uns seine Erlebnisse erzählte, und sehnsüchtig und unruhig verlor sich sein Blick in der Ferne. «Hier müssen Sie auch fort,» sagte eine Stunde später der Verwalter des Asyls zu. komme nicht hinein. Geb' dir nur die Zeitung. Orchid, bist du noch da?» Die kleine vertrocknete Erbse in ihrer Schote. Wollte nicht einmal mehr ihr «Ja» plappern. Könnte nicht. Plötzlich lag Orchid neben der Telephonpuppe starr hingestreckt auf dem Boden. «Der Teufel hol' das Telephon. Was ist das, Herrgott noch einmal? Was ist denn da gefallen? Hast du den Hörer fallen lassen, Orchid? Hallo, Zentrale. Bin ich noch ver-j bunden? Na, der Hörer wird wohl noch abgehoben sein, aber irgendwie ist di« Verbindung unterbrochen. Zu dumm dieser •Telephonbetrieb. Orchid, bist du es? Hallo, hallo, hallo. Merkwürdig — verwünscht merkwürdig...» Es war siebzehn Minuten vor zwölf, als Martin aus einem Taxi sprang, ohne es zu; entlassen, und mit einem Exemplar der Sonntag-Morgenausgabe des «Enquirer» unterm Arm ein bisschen besorgt die Stiegen des braunen steinernen Hauses in der Seventeenth Street hinauflief. Ein Glanz von Licht leuchtet« durch eine. Spalte zwischen den Kretonvorhängen. Zweimal lang und einmal kurz; und dann noch einmal. Zweimal lang und einmal kurz. Es war dumm, besorgt zu sein, aber was zum Teufel-v. (Fortsetzung lotet.) •;