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E_1935_Zeitung_Nr.041

E_1935_Zeitung_Nr.041

BERN, Dienstag, 21. Mai 1935 Nummer 20 Rp. 31. Jahrgang - N» 41. ERSTE SCHWEIZERISCHE AUTOMOBIL-ZEITUNG Zentralblatt für die schweizerischen Automobil- und Verkehrsinteressen ABONNEMENTS-PREISE: Ausgabe A (ohne Versicherung) halbjährlich Fr. 5.-, jährlich Fr. 10.- Ausland mit Portozuschlag, wenn nicht postamtlich abonniert Ausgabe B (mit gew. Unfallversich.) vierteljährlich Fr. 7.50 Ausgabe C (mit Insassenversicherung) vierteljährlich Fr. 7.50 Billiges Benzin zur Fremdenwerbung Ein bedeutsames italienisches Dekret. Der bundesrätliche Gegenvorschlag zur Alpenstrasseninitiative sieht die Bereitstellung von jährlich 7 Millionen Franken für den Ausbau der Alpen- und deren Zufahrtsstrassen vor, welcher Betrag durch die •Motorfahrzeugbesitzer in Form eines weiter erhöhten Benzinzolles aufzubringen wäre. Es ist nun für Behörden und Kreise, welche durch diese neue Auflage nicht selbst betroffen werden, eine abgemachte Sache, dass dieser «bescheidene» Preisaufschlag sehr wohl ertragbar sei und auch dem Fremdenverkehr keinerlei Abbruch tue. Erst kürzlich wurde in der Aütomobilbeilage einer führenden Tageszeitung vorgerechnet, dass die Mehrbelastung pro Wagenkilometer so minim sei, dass man darüber hinweg ruhig zur Tagesordnung und zu dem Ausbau nationaler Strassen auf Kosten einer einzelnen und beschränkten Klasse von Bürgern und Steuerzahlern schreiten könne. Zugegeben, der geplante Aufschlag an sich selbst würde nur wenige Rappen pro Liter Benzin betragen und würde nicht so sehr in die Waagschale fallen, wenn nicht bereits eine rund hundertprozentige Besteuerung auf dem Brennstoff -lastete. Gleichzeitig vergisst der Bürger, der sich kein Motorfahrzeug hält, allzuleicht, dass neben dem Bund auch die Kantone in Form von Verkehrssteuern und Gebühren aller Art den Kraftverkehr fiskalisch Unter Druck gesetzt haben, so dass die Schweiz in bezug auf die Sonderbesteuerung der i Kraftverkehrswirtschaft in ganz Europa mit an erster Stelle steht. Die Tatsache, dass das Motorfahrzeug in der Schweiz wesentlich schwerer belastet ist als beispielsweise in den umliegenden Ländern, dürfte an und für sich schon ein Beweis dafür sein, dass der Fiskus heute mit vollen Kellen aus dieser Quelle schöpft. Eine vermehrte Heranziehung müsste daher ein Zuviel bedeuten, und wenn die Grenze des Tragbaren auch nur um ein weniges überschritten würde. Einmal ist es eben genug. Dass dem so ist, sollte nun doch endlich allen klar werden, die sich die Mühe geben, etwas die schweizerische Motorfahrzeugstatistik zu studieren. Besonders der geradezu katastrophale Stillstand, ja sogar Rückgang im Bestand der Motorräder ist ein nicht zu missverstehender Fingerzeig. Es handelt sich hier zum weitausgrössten Teil um Leute mit bescheidenerem Einkommen, die nicht etwa zum Vergnügen, sondern zur Erleichterung Erscheint jeden Dienstag und Freitag INSERTIONS-PREIS: Wöchentliche Beilage „Autler-Fel«ab«nd". 6—8 mal jährlich „Gelbe liste" Die aebtgespaltene 2 mm, hohe Grundzeile oder deren Baum 45 Rp. REDAKTION u. ADMINISTRATION: Breitenrainstr. 97, Bern Grössere Inserate nach Spezialtarif. Telephon 28.222 - Postcheck'III4J4 - Telegramm-Adresse: Autorevue, Bern fomatensehlnss 4 Tage vor Erscheinen der Kammern und Rationalisierung des Erwerbes ein Motorfahrzeug hielten. Die in den letzten Jahren eingetretenen Mehrkosten haben ihr Budget derart beansprucht, dass sie ausserstande waren, die Maschine weiterhin zu benützen und sich nun mit dem Velo oder dem Handwagen notdürftig behelfen. Man argumentiert weiterhin, dass ein Zollzuschlag den Autotourismus aus dem Auslande nicht zu beeinträchtigen vermöge, denn die Verteuerung sei für den fremden Gast kaum fühlbar. Wenn dem auch so wäre, so übersieht man ganz das überaus wichtige psychologische Moment, um das es bei einer künftigen Preisgestaltung des Benzins geht. Nicht umsonst wirbt heute die schweizerische Verkehrszentrale im Auslande für unser Land unter dem Motto: « Gute Strassen und billigstes Benzin». Der Benzinpreis ist für den fremden Gast auch mehr oder weniger ein Barometer für die Kosten der Lebenshaltung in dem betreffenden Land. Wird der Brennstoff teurer, so kommt alsbald die Befürchtung auf, es habe bei diesen Mehrkosten nicht sein Bewenden, und nur zu rasch werden Reiseprojekte geändert Zudem muss daran erinnert werden, dass.,,die foemde»u »Gäste heute schon einen recht kräftigen Obulus an unsern Staat abliefeusi,, zahlen sie doch für jeden Liter Benzin, gleich wie wir, 17 Rappen an Zoll. Schon bei einem Aufenthalt von wenigen Tagen und einem Fahrprogramm von wenigen Hundert Kilometern entrichtet der Fremde durchschnittlich 15 Franken an Benzinsteuern. Multipliziert mit den 250 000 Motorfahrzeugen, welche jährlich unser Land bereisen, ergibt das schon ein recht kokettes Sümmchen, ganz abgesehen von den übrigen finanziellen Auswirkungen, dieses Fremdenverkehrs. Nun ist zuzugeben, dass der Brennstoffpreis im Ausland ebenfalls kräftig fiskalisch belastet ist Der einheimische Motorfahrzeugbesitzer findet dort allerdings einen Gegenwert in den weitgehenden Steuererleichterungen und -befreiungen, welche die Haltung eines Automobils oder Motorrades im Vergleich zu schweizerischen Verhältnissen ganz wesentlich verbilligen. Diesen Vorteil geniesst der fremde Autogast allerdings nicht. Es steht ihm zwar besonders in Italien und Frankreich und bald auch in Deutschland und Oesterreich ein modernes und hervorragend ausgebautes Strassennetz zur Verfügung. Es zeigt sich aber bereits, dass vorzügliche Strassen allein auf die Dauer nicht als Anzugsmoment für den Fremdenverkehr zu dienen vermögen. Zu den erstklassigen Verkehrswegen muss der Preisvorteil hinzukommen. In keinem Lande, wie gerade in Italien, hat der Fremdenverkehr in den letzten Jähren eine so eindeutige Struktur Wandlung zugunsten des Motorfahrzeuges erlebt Wir erinnern dabei an die seinerzeit hier bekanntgegebenen Ziffern für das erste Dreivierteljahr von 1934, wo von 2,8 Millionen Fremden 1,8 Millionen per Auto und Motorrad und nur 0,79 Millionen per Eisenbahn einreisten. Mit diesem Erfolg könnte Italien eigentlich vollauf zufrieden sein. Allein unsere südlichen Nachbarn haben aus dieser Entwicklung erkannt, dass dem Motorfahrzeug in den kommenden Jahren eine noch grössere Bedeutung im Fremdenverkehr zukommen wird. Deshalb will, man nichts unterlassen, um sich der Umschichtung im Reiseverkehr anzupassen und recht viel von diesem neuen Strom auf die eigenen Mühlen zu leiten. Die am Fremdenverkehr interessierten Wirtschaftsgruppen haben festgestellt, dass zwar alle Fremden des Lobes voll sind über die prächtigen Strassen und modernen Autostraden, dass aber der Aufenthalt in Italien vielfach doch stark eigeschränkt wird mit dem Hinweis auf den hohen Benzinpreis (gegenwärtig 50 Rappen), der das Reisen' verteure. Diese Tatsache ist auch der Regierung, nicht entgangen und sie hat alsbald nach Mitteln gesucht, um dem Fremdenverkehr - einen neuen Anreiz zu geben. Dem Rat ist gleich auf den Fuss die Tat gefolgt Man hat davon gar nicht viel Aufhebens gemacht, und wer nicht regelmässig ,die amtlichen Berichte über die Ergebnisse der Sitzungen des Ministerrates studieren würde, hätte leicht die kleine Notiz übersehen können, die im Bulletin über die Beratung vom 4. Mai 1935 enthalten war. Es wurde in aller Stille auf Antrag des Finanzministers ein Dekret verabschiedet, das weitgehende Preisreduktionen auf das von den Fremden in Italien gekaufte Benzin vorsieht. Die Ausführungsbestimmungen zu diesem «decreto-legge» sind noch nicht bekannt, werden aber nicht lange auf sich warten lassen. In welcher Form der Rabatt erfolgt und welchen Umfang er annehmen wird, ist noch nicht festgelegt. Es wird aber in offiziellen Kreisen versichert, dass der Preisvorteil sich in einem Rahmen bewegen werde, der den Rabatten ungefähr gleichkomme, welche die Eisenbahnen den Fremden gewähren, wo bekanntlich Preisermässigungen bis zu 70 % keine Seltenheit sind. Auf alle Fälle, so vernimmt man, wird die Verbilligung so bedeutend sein, dass sie einen starken An- Wir berichten heute Ober: Querschnitt. Das Rundstreckenrennen von Bergamo. Nächsten Sonntag: Avusrennen. Neues aus der Luftfahrt. Der korrekte Automobilsitz. Das Automobil im eidg. Postbetrieb. . . . Bilder: Seite 8. - • reiz bietet, .um den Aufenthalt und die Fahrten in Italien wesentlich auszudehnen. Sind dte-Einzelheiten des- Verfahrens einmal festgelegt, so wird Italien nicht ermangeln, für das billige Benzin die entsprechende Propaganda im Auslande zu machen. Diese Reklame wird zusammen mit den zur Verfügung stehenden prächtigen Strapsen und den Sehenswürdigkeiten Italiens ihre Wirkung -auf die fremden Autogäste nicht verfehlen. ' . . . . Wa? habw; wir als 0egenstü4k,*zu .bieten? Die Naturschönheiten unseres Landes allein' vermögen unsere Hotels nicht mit Gästen zu füllen.' Wir* müssen neben der' anerkannten und geschätzten. Freizügigkeit in, Bezug auf den Grenzübertritt-, der mit möglichst wenig Ausweisen und" Zolldokumenten ' erfolgen kann, wie die übrigen sipH um \ die Gunst der Fremden bemühenden Länder, weitere Vorteile bieten. Italien stellt vorbildliche ' Strassen und erheblich verbilligtes Benzin zur Verfügung, wir dagegen wollen unsere Alpenstrassen- und Zufahrtsrouten erst ausbauen. Dieses nach Jahren erst modernisierte Strassennetz soll aber bereits heute mit einem Preiszuschlag auf Benzin eskomptiert werden ! Wir brauchen uns da wohl kaum zu wundern, wenn beim Fremden der Vergleich zugunsten von Italien ausfallen wird. Man jammert über die Krise im Fremdenverkehr und der Hotelindustrie, berät über alles mögliche für Hilfs- und Stützungsaktionen, verbuttert Millionen in unzulänglichen Palliativmitteln und Aktiönchen, und lässt die grosszügigsten und doch einfachsten Rezepte, die uns das ausländische Beispiel vor unserer eigenen Haustür Mefert, unberücksichtigt und unbeachtet. Und dabei wundert man sich noch, warum der Fremdenverkehr einfach nicht so richtig anziehen will! Mannequin. Roman von Fannie Hurst (28. Fortsetzung.) Stumpf begriff Orchid mit einem Teil ihres erschöpften Qehirns. Begriff es im ungesunden Geruch von Jodoform, Rattengift und Gefängniskorridoren. In einer Nacht war das Geschöpf, das die benachbarte Zelle bewohnt hatte, mit schäumendem Mund durch diese Korridore geführt worden. Das Trampeln von Füssen, die irgendwo hingingen, und das Klirren von Schlüsseln. Das Klirren von Schlüsseln. Der Versuch, .zu reden, war nutzlos. Die Schlüssel schmerzten, wenn, sie ins Gehirn klirrten. Und es gab doch nichts zu sagen. Das schien das Traurigste. Es gab doch nichts zu sagen. Wenn Martin doch nicht immer käme, bittend und bettelnd, und sein Gesicht gegen die Streifen drückte, die zwischen ihm und ihr waren. Immer wieder kommend. Und nm Vergebung bittend. Wofür? Lieber Martin. Aufsätze? Ach ja, natürlich. Alter lieber Mart, der Versuch, etwas zu fühlen, kam einen hart an und ebenso, ihm zuzulächeln. Was lag an ihnen? Was lag überhaupt an dem Ganzen? Wenn er nur nicht ununterbrochen soviel von den Aufsätzen redete. Es las sie doch jedenfalls niemand. Und wenn — lag denn da schon soviel daran! Konnte denn überhaupt noch irgend etwas von Interesse sein? Der Versuch, zu reden, war nutzlos. Es gab nichts zu sagen. Auch die Tage der wirklichen Verhandlung waren durchaus nicht so sehr verschieden von den Wochen von Zinnsoldaten-Tagen mit dem Klirren der Schlüssel. Das Klirren der Schlüssel. Die Tage bewegten sich nur mehr in diesem Rhythmus fort. Das Klirren der Schlüssel. Nur dass für Orchid die Tage nicht mehr Zinnsoldaten waren. Jeder war ein Meer gedunsener Gesichter. Gedunsene Gesichter, die sich von aussen gegen die Fensterscheiben des ^ Gerichtssaales pressten. Gedunsene Gesichter. In den Bänken. Entlang der Wände. Und Polizisten schwangen ihre Gummfknüttel, um eine noch grössere Menge von ihnen abzuhalten. Und das Meer wogte leicht in seinem Becken von Oerichtssaal, Tag für Tag schaukelnd mit seinen gedunsenen Gesichtern. Das Meer gedunsener Gesichter im Gerichtssaal. Am ersten Tage der Verhandlung hatte es •ihr fast geschienen, als müsste sie in dem Meer untergehen. Untergehen unter dem Starren all dieser gierigen Augen, die über sie glitten; unter den Lippen der Frauen, feucht von den darüberlaufenden Zungen, und den schluckenden Adamsäpfeln der Männer. Sie wagte nicht, ohnmächtig zu werden. Was würde geschehen, wenn man für eine Ohnmacht bei seiner eigenen Verhandlung eine Strafe erhielte? Und doch, schrecklicher Gedanke, was geschähe, wenn man ohnmächtig werden müsste? Es half, in sich gekauert zu sitzen, und nach den ersten paar Tagen wurde man sogar gegen den Schrecken, über das Meer der gedunsenen Gesichter zu blicken, gefühllos. Sogar in den Nächten, wenn sie zu schlafen versuchte, kämpfte sie sich während der halben Zeit matt durch das Meer der Gesichter. Und immer zum Klirren der Schlüssel. Zum Klirren der Schlüssel, das niemals, niemals in ihrem Gehirn verstummte. Manchmal drehte sich alles im Gerichtssaal. Die Gesichter, die sich von aussen hereindrängten. Die Polizisten, die ihre Knüttel schwangen. Die Reporter, die ihre photographischen Apparate einstellten. Die Stenographen und Beamten, die hin- und herliefen. Schliesslich, und würdig, der Eintritt des Richters in seinem Talar und das Aufstehen des Gerichtssaales und das Fallen des Hammers. Alles drehte sich. Oh, das war ja Richter Herrick! Es gab einen Garten, ja, irgendwo gab es einen Garten — und hier war der Richter, und draussen in dem Garten, in dem Garten, irgendwo war Selene Herrick. Oh, nein! Da waren ja die Augen von Selene Herrick draussen im Meer der gedunsenen Gesichter. Tag für Tag. Dritte Reihe links. Seitengang. Es gab einen Garten; und jetzt, jeden Tag, hier, in dem Meer der gedunsenen Gesichter, die Augen Selene Herricks. Das weissmelierte Haar Selene Herriaks. Die Augen Selene Herricks waren wie Leuchtfeuer in dem Nebel des angeschwollenen Meeres. Tag für Tag der unklare, ferne, unwirkliche Fortgang des Gerichtssaalschauspieles um den Mittelpunkt der Anklagebank. Und die Anklage war gegen Orchid gerichtet. Und in der dritten Reihe links waren die Augen Selenes, in die sie schauen konnte. In die sie