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E_1935_Zeitung_Nr.047

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BERN, Dienstag, 11. Juni 1935 Nummer 20 Rp. 31. Jahrgang - N» 47 ERSTE SCHWEIZERISCHE AUTOMOBIL-ZEITUNG Zentralblatt für die schweizerischen Automobil- und Verkehrsinteressen ABONNEMENTS-PREISE: Aosfabe A (ohne Versicherung) halbjährlich Fr. 5.—, Jährlieh Fr. lflu— v Ausland mit Portozuschlag, wenn nicht postamtlich abonniert Ausgabe B (mit gew. Unfallversich.) vierteljährlich Fr. 7.50 Ausgabe C (mit Insassenversicherung) vierteljährUeh fr. 7J5O Verkehrsunterricht in der Schule. In den angelsächsischen Ländern, wo der motorisierte Strassenverkehr die Großstädte am raschesten und zuerst eroberte, kam man schon vor Jahren zur Einsicht, dass die Verkehrserziehung der Erwachsenen ein besonders schwieriges Problem sei und dass die auf dem Wege der Freiwilligkeit zu erzielenden Resultate nie ganz zu befriedigen vermöchten. Um so intensiver wandten sich England (durch seine berühmte « Safety first »- Bewegung) und die Staaten Nordamerikas der Aufgabe zu, die Schuljugend mit den Besonderheiten und Gefahren des Strassenverkehrs vertraut zu machen, um die Generation von morgen zu vollwertigen, verantwortungsbewussten und von Gemeinschaftssinn getragenen Strassenbenützern heranzubilden. Mit echt angelsächsischer Gründlichkeit wurde der Verkehrsunterricht angepackt, und mit grösstem Eifer trugen Richter, Lehrer, Polizeiverwaltung, Verkehrsverbände und nicht zuletzt die Schüler selbst das ihrige zum guten Gelingen bei. Freilich waren die angewandten Methoden recht verschieden und blieben (hauptsächlich in Amerika) nicht von allerlei Uebertreibungen freu Man verlor aber nirgends den Endzweck aus den Augen, und schon nach verhältnismässig kurzer Zeit konnten die ersten Erfolge dieser Bemühungen auch zahlenmässig festgestellt werden. In Städten mit breitangelegtem und fortlaufendem Verkehrsunterricht gingen die Verkehrsunfälle, bei welchen Jugendliche als Mitschuldige und hauptsächlich als Opfer beteiligt waren, deutlich zurück. Kennzeichnend für die Verkehrsstunden in den dortigen Schulen waren weniger die theoretischen Erörterungen, sondern vielmehr die praktischen Anweisungen, die entweder durch Polizeibeamte oder durch die Lehrer erteilt wurden und wobei die besonders typischen Verkehrssituationen (Verkehr an Strassenkreuzungen, auf Plätzen, im Strassenabschnitt vor dem Schulhaus usw.) regelmässig durchgespielt wurden. Die Rolle ,der Strassenbenützer aller Art, wie auch diejenige des den Verkehr beaufsichtigenden Polizisten wurden hierbei abwechslungsweise von den einzelnen Schülern übernommen und mit grösstem Eifer und wachsendem Verständnis durchgespielt Obwohl man dabei den Jüngsten sowohl die Gefahren der Strasse und des Verkehrs als F E U I L L E T O N Notizen vom Tage Die Versuchung des Joos Utenhoven. Der Roman einer Leidenschaft. von Karl Eosner. Noch im Treppenhause und während er eben die gelben Waschlederhandschuhe knöpfte und die teppichbelegten Stufen niederschritt, knapp vor dem Austritt zum Hausflur, stiess er auf den Briefträger, der ihm entgegenkam, und verhielt grüssend den Schritt. Wie täglich morgens, wenn der Zufall diese Begegnung auf einem Schnittpunkt ihrer Wege wollte, spielte sich das ab. Ein Nicken, abgesetzt und zugleich kameradschaftlich — etwa so, wie er einst im Felde draussen seine Leute gegrüsst hatte, wenn er prüfend über den Flugplatz oder durch die gegen Sicht getarnten Hallen und Zelte der Staffel geschritten war: «— etwas für mich?» «Morgen. Ja doch — ich glaube —» Den Blick auf das Bündel in seiner Linken gesenkt, blätterte der Postbote die oberste Schicht der Papiere durch: «— Utenhoven —» Jetzt zog er einen Brief hervor: «— hier •— aber das ist für Frau Utenhoven —» Erscheint jeden Dienstag und Freitag Wöchentliche Beilage ..Autler-Feierabend". Monatlich 1 mal „Gelbe Liste" REDAKTION u. ADMINISTRATION: Breitenrainstr. 97, Bern Telephon 28.222 - Postcheck III414 - Telegramm-Adresse: Autorevue, Bern Geschäftsstelle Zürich: Löwenstrasse 51, Telephon 39.743 auch die undiskutierbare Autorität des Verkehrspolizisten vor Augen führen will, so wird streng darauf geachtet, dass der Schüler als Fussgänger weder in den übrigen Gruppen von Strassenbenützern, noch im Verkehrsplanton Elemente erblickt, die ihm irgendwie «feindlich» gesinnt sind. Im Gegenteil wird der Gemeinschaftssinn erzogen und dem Schüler beigebracht, dass der Verkehr erst richtig spielen kann, wenn jeder an seinem Platz sich richtig verhält, seinen Mitmenschen gegenüber « sporty and fair » ist. Der Verkehrspolizist aber ist der Freund und Kamerad der Kleinen, dessen Anordnungen ausnahmslos in ihrem Interesse erfolgen. Das wissen die Schüler übrigens zum Teil schon aus eigener Erfahrung, denn wie oft hat .der « bobby » in ihrem Quartier den Verkehr aufgehalten, damit sie ungefährdet die Strasse überqueren können, und wie oft hat er die Aengstlicheren unter ihnen an der Hand von einem Trottoir sicher auf die andere Seite der Strasse geleitet. So ist schon in der Praxis ein überaus vertrauliches und kameradschaftliches Verhältnis zwischen dem Polizisten und der Schuljugend angebahnt worden, das nun im Verkehrsunterricht noch seine Festigung findet. Dieser Verkehrsunterricht wurde dann allmählich auch von andern Ländern übernom-; men, wobei es sich natürlich weniger um elfle* schematische Kopie als eine Anpassung 1 an "die eigenen Verhältnisse handeln konnte. Allerdings ist dabei manch ein wertvoller Punkt der angelsächsischen Verkehrserziehung verloren gegangen. So beschränkten sich auch in der Schweiz die bisherigen und leider immer noch zahlenmässig begrenzten Versuche eines Verkehrsunterrichtes mehrheitlich auf den mehr theoretischen Teil der Aufgabe. Man zog allerdings Bilder aller Art, ja sogar den Kino zunutze und verflocht die Aufklärung mit verschiedenen Schulfächern, aber der Unterricht wickelte sich mehrheitlich in der Schulstube ab und ohne dass die Kinder einen wirklich praktischen Anteil an der Stunde hätten nehmen können. Einen vielbeachteten Versuch machte dann ein Lehrer in Winterthur in Verbindung mit der dortigen Stadtpolizei, über den in unserem Blatte ausführlich berichtet worden ist Ueber den Erfolg sprachen sich Lehrer, Polizeiorgane und selbst die Schüler sehr begeistert aus. Das Beispiel zeigte, wie dankbar und empfänglich die Kinder für die Aufklärung «Für meine .» Ob er ihn nehmen sollte? Einen Augenblick zögerte er — liess dann die Hand, die er schon nach dem Briefe vorgehoben hatte, wieder sinken: «Nein — lieber nicht —. Dann geben Sie das Ding schon oben ab. Vielleicht ist's eilig — und ich komme doch erst mittags wieder —» Ein Nicken wieder wie vorher. «Morgen.» Joos Utenhoven ging weiter — hörte noch die ansteigenden Schnitte des Briefträgers hinter sich im Treppenhaus verhallen — dachte: warum nur habe ich so viel geredet? Tue ich sonst doch nicht — und was geht es ihn an, wann ich nach Hause, komme —? Hell, sonnig nahm der Tag ihn draussen auf. Wie täglich ging er den gewohnten Weg, bog an der Ecke der Regentenstrasse in die Tiergartenstrasse ein. Trubel und Hupenrufe wie immer um diese Stunde. Beinahe lückenlos die doppelte und dreifache Reihe der Privatwagen und Droschkenautos, die aus dem Westen nach der City rollten, bald jagend über den Asphalt hinglitten, bald wieder vor dem aufblinkenden roten Lichte die Fahrt verhielten und wie Mauern standen. Drüben, jenseits des Dammes, eingeschlossen in das frische leuchtende Grün der Bäume, Reiter, Qruppen von Herren und Damen — sind und wie wertvoll die Nutzanwendungen sein können, welche die Kinder aus den Verkehrsspielen ziehen. Wir haben daher immer wieder und anlässlich der Berichterstattung über die Verkehrsstunden in Winterthur erneut auf die absolute Notwendigkeit des praktischen Verkehrsunterrichtes hingewiesen, der die grösste Aussicht auf Erfolg hat. In diesem Zusammenhang interessiert nun ein kürzlich von der kantonal-bernischen Direktion des Unterrichtswesens erlassenes Kreisschreiben an die Schulkommissionen des Kantons, das wir hier auszugsweise folgen lassen: «Die sich von Jahr zu Jahr mehrenden Verkehrsunfälle veranlassen uns, Sie erneut auf die dringende Notwendigkeit hinzuweisen, dass an unsern Primär- und Sekundärschulen Verkehrsunterricht erteilt werden soll. Er muss sich den örtlichen und benachbarten Verkehrsverhältnissen anpassen und nicht nur theoretisch, sondern soweit möglich auch in praktischer Ausführung gegeben und in nicht zu grossen Zeitabständen wiederholt werden. Wir rufen Ihnen dabei in Erinnerung, dass. die Unterrichtsdirektion ein Verkehrsbiichlein Mit INSERTIONS-PREIS: Die achtgespaltene 2 mm hohe Grundzeile oder deren Raum 45 Rp. Grössere Inserate nach Spezlaltarlf. Inseralensehluss 4 Tage vor Eneheinen der Nummern Wir berichten heute über: Ein eigenartiger Verkehrsteilungsvorschlag. Querschnitt Die Rennen vom Sonntag. Gegenwartsfragen des Motorfahrzeugmarktes. Verkehrssicherheit und Unfallverhütung. Verkehrsflug mit 800 km/h. Der Bremsweg. nehmungen bei schwindendem Export auch einen schweren Kampf um den Inlandsmarkt führen müssen. Im Gegensatz zum Ausland, das seiner nationalen Automobilindustrie durch staatliche Mittel aller Art zu Hilfe kommt, ist der Bund in dieser Beziehung recht passiv geblieben, ja hat durch die ein-, engenden Bestimmungen der Vollziehungsverordnung zum Automobilgesetz den Absatz einheimischer Fahrzeuge vielfach noch erschwert ; Einen bemerkenswerten Vorschlag zur Stützung der einschlägigen Industrie sieht nun die Kommissionsverlage zum neuen Gesetz über die Besteuerung der Motorfahrzeuge des Kantons Schaffhausen vor. Gemäss Kömmissionsantrag soll dem regierungsrätlichen Entwurf ein neuer Artikel 9 mit folgendem Wortlaut angefügt werden: cDer Regierungsrat wird ermächtigt, für Motorfahrzeuge inländischer Fabrikation und für solche, die ausschliesslich mit Betriebsstoffen inländischer Herkunft betrieben werden, auf dem Wege der Vollziehungsverordnung die Steuern bis zur Hälfte zu ermässigen.» Mit der Annahme dieser Bestimmungen würde erstmals in der Schweiz eine Bevorzugung einheimischer Automobilfabrikate gesetzlich festgelegt. Die vorgesehene Form der Unterstützung ist hauptsächlich auch aus Kreisen der Lastwagenbesitzer schon vor Jahren verschiedentlich erhoben worden. Sie ist auch, wesentlich sympathischer und für die Staatsfinanzen zuträglicher, als die direkte Stützung durch Exportprämien oder andere Subventionen. Die verschiedensten Interessen sprechen für eine Stärkung des Automobilbestandes einheimischer Fabrikation. Ganz abgesehen von der Arbeitsbeschaffung für die einem Stich der Augen wies er über den Platz, über die Siegesallee hinweg nach dem Wallotbau. «Erst gestern habe ich meinem Minister Vortrag gehalten und ihm ganz unverblümt gesagt » Joos Utenhoven sah ins Weite. Ungeduld zuckte kaum verhalten über das leicht gebräunte, männlich-kühn geschnittene Gesicht. Er hörte Worte, Worte — nickte dazu ohne ihren Sinn aufzunehmen — dachte: Schwätzer — ! Da stiess die dünne Stimme des Ministerialrats ihn wieder an: «Sehen übrigens auch ein wenig abgetrieben aus — nervös?» Da fuhr der andere auf: «J wo! Derlei hab' ich doch niemals mitgespielt —» «Na — um so besser! Und ich wollte, ich könnte das gleiche sagen. — Die Frau Gemahlin auch immer wohl?» «Danke, und die Ihrige?» Kaum noch erträglich war Joos Utenhoven dieses leere Hin und Wider — Aber jetzt endlich blinkte gelbes Licht in der Signallaterne auf — der Weg war frei. Ein Händedruck, man schied. — In der Bellevuestrasse vor einem der Schaufenster, über die hin die Firmenschrift «Joos Utenhoven — Alte Kunst» lief, stand er einen Augenblick. Auf rotbraunen Samt gebettet lehnte da, umrissen von dem matt