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E_1935_Zeitung_Nr.054

E_1935_Zeitung_Nr.054

BERN, Freitag, 5. Juli 1935 Gelbe Liste Nummer 20 Rp. 31. Jahrgang - N 54 ERSTE SCHWEIZERISCHE AUTOMOBIL-ZEITUNG Zentralblatt für die schweizerischen Automobil- und Verkehrsinteressen ABONNEMENTS-PREISE: A (ohne Versicherung) halbjährlich Fr. 5.-, jährlich Fr. Ausland mit Portozuschlag, wenn nicht postamtlich abonniert Ausgabe B (mit gew. Unfallversich.) rierteljährUeh Fr. 7.» Ausgabe C (mit Insassenversicherung) Yierteljaiuiiafc Tr. 7.50 Aus der Mappe des Technikers Massvolle Geschwindigkeit. Die Leistungsfähigkeit eines Wagens wird meist danach bemessen, welche Maximalgeschwindigkeit er auf ebener Strasse erreichen kann und wie (mit welcher Uebersetzung) er gewisse • Prüfungssteigungen nehmen kann. Das Verhalten eines Wagens auf Gebirgsstrassen ist allerdings ein wichtiges Kriterium, wogegen die Maximalgeschwindigkeit auf ebener Strasse heute bei weitem nicht so wichtig ist, wie die Elastizität des Motors. Ein Wagen, der maximal nur 80 km Stundengeschwindigkeit erreicht, wird mehr leisten •und auf grösseren Touren schneller vorwärts kommen als einer, der 90 km erreicht, wenn der erstere rascher von einem 25 km-Tempo auf ein 60 km-Tempo beschleunigt werden kann als der zweite. Erst der ältere Fahrer, der verschiedene Wagen gelenkt hat, erfasst den Unterschied zwischen «gut ziehen» und Maximalgeschwindigkeit und erkennt, dass das erste wichtiger ist. Will man auf einer grösseren Tour flott vorwärts kommen, so ist es weniger ausschlaggebend, dass man «schnell», als dass man «fleissig» fahre, d. h. dass man ein gutes Mitteltempo einhalte und trachte, nach jeder notwendigen Verlangsamung möglichst rasch wieder bis zu diesem Tempo zu beschleunigen. Man vergegenwärtige sich dies durch folgende Rechnung: angenommen, man hätte während einer Tägestour von 400 Kilometern im ganzen durch eine Stunde hindurch Gelegenheit, das Maximaltempo zu fahren, fahre jedoch um 10 Stundenkilometer langsamer; dies macht normalerweise einen Zeitunterschied von 7—10 Minuten aus, wenn das Maximaltempo etwa 80—90 km beträgt. Einen weit grösseren Unterschied macht es aber aus, ob man dort, wo «langsamere» Strassen ein wesentlich langsameres Tempo erheischen, den Wagen mit 55 oder mit 65 km rollen lässt, da auf den meisten Touren der grössere Teil der Strecke auf solchen Strassen verlaufen wird. Bei einer Tagesstrecke von 400 Kilometern macht ein Tempo von 90 Stundenkilometern anstatt 100 auf einer Strecke von 100 Kilometern 10 Minuten Zeitdifferenz aus, wogegen ein Geschwindigkeitsunterschied von nur 5 Stundenkilometern auf den restlichen 300 km fast 30 Minuten ausmacht. Im allgemeinen soll man auf einer grösseren Tour über mehrere hundert Kilometer nie das Maximaltempo aus dem Wagen herausholen. Der Zeitgewinn steht mit dem Defektrisiko nicht im Einklang. F E U I L L E T O N Die Versuchung . des Joos Utenhoven. Von Karl Rosner. (6. Fortsetzung.) Damit war Schluss der Pause. Herr Schwieger drehte seinen Stuhl wieder dem Schreibtisch zu, strich da sein raschelndes Butterbrotpapier glatt,, faltete es sorgfältig zusammen, schob es in seine Mappe — die Sache konnte seinetwegen weitergehen. Und Herr Köpke drückte den Stummel seiner Zigarre in einer Aschenschale aus, holte die Aluminiumpatrone wieder vor und tat den kümmerlichen Rest hinein. Dann winkte er den Portier näher heran: «Ja, kommen Sie nur, Herr Panke, auch an Sie habe ich ein paar Fragen.» Er wies auf Rave: «Hier — kennen Sie diesen Herrn?» Mit keinem Blick, keiner Bewegung nahm der Notiz von dem Portier. Herr Panke stand breitbeinig, beide Hände, in denen er die fettige Mütze drehte, auf-dem Rücken. Die wässerigen Trinkeraugen waren misstrauisch gekniffen, und zögernd, als ob er überlegte, dass es niemals ein Vergnügen Erscheint jeden Dienstag und Freitag Wöchentliche Beilage „Autler-Feierabend". Monatlich 1 mal „Gelbe liste" REDAKTION u. ADMINISTRATION: Breitenrainstr. 97, Bern Telephon 28.222 - Postcheck III414 - Telegramm-Adresse: Autorevue, Bern Geschäftsstelle Zürich: Löwenstrasse 51, Telephon 39.743 Jeder Wagen hat im Verhältnis zu jeder Strasse sein eigenes optimales Tempo, welches von vielen einzelnen Eigentümlichkeiten des betreffenden Wagens und; der betreffenden Strasse abhängt. Meisterhaft fahren kann man nur mit einem gut bekannten Wagen, während man mit einem fremden Wagen meist eben nur «gut» fahren wird. Es gibt fast kein Tempo, das an und für sich gefährlich wäre. Das Gefahrenmoment hängt nur von der Lenk- und Bremsbarkeit des Wagens ab. Auf einer schmalen Strasse können die Insassen eines leichten, schwachen Wagens bei einem Tempo von 80 km weit mehr gefährdet sein als die eines starken Wagens im 100 km-Tempo, denn dieser kann, ohne seine Lenkbarkeit zu verlieren, viel besser abbremsbar sein und überhaupt sicherer auf der Strasse liegen als der erste, der vielleicht schon durch eine unvorhergesehene plötzliche Verschlechterung der Strassenqualität schwer gefährdet wird. In der Regel sollen, von Ausnahmsfällen abgesehen, etwa die letzten 10% der maximalen Leistungsfähigkeit eines Motors nicht benützt werden, aus mehrfachen Gründen. Das Herausholen des Maximums bedeutet immer eine Ueberbeanspruchung aller Teile des Wagens. Die Gefahren, die aus übergrosser Geschwindigkeit resultieren, wachsen unverhältnismässig innerhalb dieser letzten 10%, insbesondere heute,, wo das Bestreben vieler Fabriken dahin geht, die Geschwindigkeit auf Kosten des Chassisgewiehtes- * zu steigern. Damit soll natürlich nicht gesagt werden, dass nicht ein 60 km-Tempo genügend Unsicherheit und Gefahr mit sich bringen kann, wenn es auf einer Strasse gefahren wird, die ihrer Beschaffenheit nach für einen bestimmten Wagen nur 50 km als Maximum erlaubt. Es gibt nämlich «langsame» und «schnelle» Strassen; im Individualfall hängt das zulässige Tempo aber immer von einer Resultante aus Strassenund Wageneigenart ab. Es liegt in der Natur der Sache, dass man auf einer gut bekannten Strasse flotter vorwärts kommen kann, ohne den Sicherheitskoeffizienten zu vermindern, als auf einer weniger bekannten. Eine bestimmte, oft befahrene 30 km-Strecke wird man in einem anderen Stil und schneller fahren als eine 300 km-Tour, selbst wenn auch hier die Strasse bekannt ist. Wir haben bereits an anderer Stelle erwähnt, dass das Kriterium für gutes Fahren sich zusammensetzt aus: erstens Sicherheit, d. h. unter keinen Umständen Gefährdung der Insassen und Passanten, was immer für Zwischenfälle sich auch ereignen mögen; zweitens dennoch flottes Vorwärtskommen, j und drittens möglichst sparsame Anwendung der Bremsen, — im allgemeinen nur beim war, mit Polizei, Gericht und derlei Aemtern und Behörden zu tun zu haben, sagte er: «Kennen? — was heisst schon kennen? — Wie er sich schreibt, das weiss ich nicht —» «Haben» Sie ihn schon gesehen?» Herr Panke wurde sicherer: «Gesehen — ja natürlich hab' ich ihn gesehen. Der war doch hier, wie mich das Fräulein 'raufgerufen hat—» «Ja — aber das meine ich jetzt nicht. Er kam heute früh oder vormittags ins Haus — wissen Sie, wann das war?» Herr Panke musterte mit schief gelegtem Kopf den teilnahmslosen Mann im Sessel. Er sagte dann: «Den hab' ich heut ein paarmal schon gesehen —» «Wieso ein paarmal?» «Nu — Herr Kriminal — weil ich doch in dem Zimmer neben dem Haustor sitze, wenn ich beim Kaffee bin und meine Zeitung lese — da seh ich doch jeden durch die Gardine durch. Und zu meiner Frau hab' ich doch noch gesagt: ,Du', hab ich gesagt, ,sieh dir den an, was der immer auf und ab geht drüben —'» «Soo —? Und wann war denn das?» «Das wird gewesen sein so gegen drei plötzlichen Auftauchen von Hindernissen und bei schärferen Biegungen. Bei seichteren Biegungen und bei auf weitere Strecken sichtbaren Hindernissen soll das Verlangsamen womöglich durch rechzeitiges Schliessen des Gashebels und Ausrollenlassen, nur gelegentlich unter geringfügiger Mithilfe der Bremse, bewirkt werden. Es ist ein Irrtum, an einen Zeitgewinn zu glauben, wenn man in unvermindertem Tempo nahe an das Hindernis heranfährt und dann abbremst. Wenn man etwa auf einer schmalen Strasse ein Pferdefuhrwerk herankommen sieht und durch Nachlassen des Gashebels das Tempo von 70 auf 50 km reduziert hat und noch 50 Schritt vom Wagen entfernt ist, so kann man aus dem 50 km-Tempo bei der nun ohnehin vorhandenen Verlangsamungstendenz des Wagens nach Bedarf weiter verlangsamen oder rechtzeitig stehenbleiben, falls das Verhalten des Fuhrmanns oder der Pferde es erfordert. Andererseits wird es aber, in den meisten Fällen möglich sein, im 50 km- Tempo ohne jede Gefährdung und weitere Verlangsamung an dem Verkehrshindernis vorbeizufahren, was oft im 70-km-Tempo nicht möglich oder äusserst rücksichtslos wäre. Man kann nun in all diesen Fällen, die weitaus die Mehrzahl ausmachen, sofort bei Passieren des Hindernisses wieder beschleunigen, und erreicht mit einem modernen Motor in kürzester Zeit wieder das 70 km-Tempo; dabei hat man nicht einen Augenblick lang die volle Lenk- und Bremsbarkeit des -Wagens vermindert. Ein Fahrer anderen Stils, der rascher an das Hindernis herangefahren ist, wird auch verlangsamen müssen. Er hat nun zwar einen Tempovorsprung von einem Sekundenteil gewonnen, gewöhnlich auf Kosten der Sicherheit, verliert jedoch IN SERTIONS-PREIS: Die achtgespaltene 2 mm hohe Grundzeile oder deren Raum 45 Rp. Grössere Inserate nach Spezialtarif. Inseratenschluss 4 Tage vor Erseheinen der Nummern Glarus und die Wallenseestrasse. Querschnitt. Sport am kommenden Sonntag. Neue Flugzeug-Bauformen. Jagd auf Schwingungen. Oltener Konferenz und Benzinzoll. Bilder: Seite 8. Aus dem Bundesgericht. In der Umgebung von Genf wurde ein Motorradfahrer, der in langsamem Tempo korrekt auf der rechten Strassenseite fuhr, von einem unvorsichtig vorfahrenden Automobilisten angerannt und mitsamt seinem Seitenwagen aus der Fahrbahn geschleudert. Das Opfer des Unfalles, ein 45jähriger Marmorarbeiter, litt seit seinem 14. Jahre an Knochentuberkulose und die erlittenen Verletzungen verschlimmerten seinen Zustand* Er belangte den Automobilisten vor den Genfer Gerichten auf 38,700 Fr. Schadenersatz und Genugtuung. Auf Grund des ärztlichen Gutachtens nahmen die Gerichte an, meist diesen Vorteil durch das, was nun dass eine dauernde Invalidität von 70 % zu~ folgt: Beim raschen Abbremsen aus dem 70 rückbleibe, für die zu 60 % die ursprüngliche Erkrankung des Klägers, zu 40 % der km-Tempo wird momentan die Lenkbarkeit wesentlich vermindert, und es wird dem erlittene Unfall verantwortlich sei. Beide Fahrer kaum gelingen, den Wagen nur bis kantonalen Instanzen schrieben den Unfall auf 50 km abzubremsen. Der Wagen wird einzig der groben Fahrlässigkeit des beklagten Automobilisten zu und das obere kanto- unter günstigsten Umständen während eines Sekundenteils langsamer werden, was der nale Gericht verurteilte diesen zu rund Geschwindigkeitsmesser zufolge Trägheit 18,000 Fr. Schadenersatz und Genugtuung, seiner Massen gar nicht entsprechend anzeigt. Und beim Wiederbeschleunigen aus die dauernde Einbusse in der Arbeitsfähig- wovon 14,767 Fr. auf die Entschädigung für dem langsameren Tempo geht dann — auf keit entfielen. Kosten der Sicherheit, des Materials und zumindest des angenehmen Gefühles der Insassen — der gewonnene Zeitvorsprung wie- Bundesgericht, da er die ihm auferlegte In- Der Autofahrer zog den Prozess vor das der reichlich verloren. Wer diese schlechte validitätsentschädigung als zu hoch bezeichnete. Die ärztlichen Sachverständigen hatten Technik übt, wird zwar in Einzelfällen vor dem anderen tatsächlich einen unmerklichen nämlich erklärt, eine Kurbehandlung von 18 Zeitvorsprung gewinnen, aber in der Mehrheit der Fälle und daher im Durchschnitte derart bessern, dass die Invalidität im gün- Monaten könnte den Zustand des Klägers das Gegenteil erreichen. stigsten Falle bis auf 40 % herabgehen, die Arbeitsfähigkeit also wieder auf 60 % gesteigert würde; der Autofahrer bezw. Viertel neun —» Herr Köpke, dessen Augen bei diesem Hin und Her von Fragen und Erwiderungen immer wieder scharf auslugend zu Fred Rave hinüberflitzten, fragte weiter: «Haben Sie so durch Ihr Fenster auch Herrn Utenhoven fortgehen sehen?» «Ja —den hab' ich gesehen —» «Wann ist der fortgegangen?» «Wie alle Tage um etwa drei Viertel neun — da war noch knapp vorher der Briefträger ins Haus gekommen.» «Mit dem Briefträger bin ich unten im Treppenhause noch zusammengetroffen —», warf Utenhofen ein. Herr Köpke nickte nur — gewiss, das alles war schon richtig so und die Bestätigung der Zeitangabe nicht mehr von Belang. Er blieb Wir berichten heute R«-«ht über: 'd*ui Haftpflicht. bei der Vernehmung des Portiers: «— und dass Sie diesen Herrn auf der anderen Seite der Strasse auf und ab gehen gesehen haben, das war früher?» «Ja — das war kurz vorher —. Aber dann habe ich ihn 'ne ganze Weile nicht gesehen. Bis er dann so um eine Viertelstunde später am Tor war und hereingekommen ist» «Das alles haben Sie gesehen?» «Ja — und das ist mal so, Herr Kriminal —.» Beinahe gekränkt, als ob man an ihm zweifelte, kam das heraus. Und in der kurzen Stille, die dann folgte, drehte sich der Herr Schwieger am Schreibtisch langsam, um. Mit einem leisen anmahnenden Lächeln rührte er den Kopf — zog dann ein buntes Taschentuch und schneuzte sich entschieden und mit hellem, gläubigem Klang. Sah kurz auf das Ergebnis, wickelte es ein und sagte wieder freundlich mahnend: «Kinder — ne —» Und Herr Köpke meinte mit raschem Nicken: «— ist ja auch wahr!» strich seinen Schnurrbart bürstend hoch und stiess mit seinem breiten Kinn gegen Fred Rave vor. Zugleich straffte sich seine kurze, stämmige Gestalt, sprang ein Zustrom von aufstöbernder, überlegener Sicherheit in seine Stimme und gab ihr einen neuen, zufassenden Klang: «Haben Sie gehört? — Das ist sehr wichtig, was hier vorgebracht wird gegen Sie —!» Nur seinen Kopf hob der ein wenig aus der Tiefe —: «wichtig» — ? — was war noch wichtig jetzt für ihn —? Das Netz, das sie da um ihn spannten — und das sich immer fester, enger um ihn schloss? Mochten sie doch! War er nicht schuldig? —. er allein! — und war er nicht ihr Mörder —?! Die Schulter rührte er in einem Schauer — sein Blick blieb starr und fern irgendwo im Weiten. Näher stand jetzt der Kommissar vor ihm: «Haben Sie etwas gegen diese Schilderung zu sagen?» Fred Rave bog den Kopf zur Seite. Qual