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E_1935_Zeitung_Nr.051

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BERN, Dienstag, 25. Juni 1935 Nummer 20 Rp. 31. Jahrgang - N» 51 ERSTE SCHWEIZERISCHE AUTOMOBIL-ZEITUNG Zentralblatt für die schweizerischen Automobil- und Verkehrsinteressen ABONNEMENTS-PREISE: Aasgabe A (ohne Versicherung) halbjährlich Fr. 5.—, jährlieh Fr. IC- Ausland mit Portozuschlag, wenn nicht postamtlich abonniert Ausgabe B (mit gew. Unlallversich.) vierteljährlich Fr. 7.50 Ausgabe C (mit Insassenversicherung) vierteljährlich Fr. 7.50 Jedermann und der Verkehr Jeder Mensch, Erwachsener oder Kind, chen Bedingungen zu erfahren. Wissen und Bewohner einer grossen Stadt oder des Bewusstsein treten dahinter bei weitem zurück. kleinsten Dorfes im versteckten Winkel eines entlegenen Landes, ist Träger des Verkehrs, ob als Fussgänger oder im Sinne der heit eine fortlaufende Unterrichtung über Aus diesem Grunde ist für die Allgemein- Fortbewegung von Personen und Gütern mittels tierischer oder maschineller Kraft. die Durchschnittswerte der Verkehrssicherheit Solange der Mensch die Erde bevölkert, ist das so gewesen, und es kann gar nicht besonders wichtig. Denn so, wie sich andere anders sein, denn das irdische Tun der Menschen richtet sich ausschliesslich auf Gekehrt gilt der Satz genau so, dass nämlich verhalten, verhalte auch ich mich. Umgewinn und Austausch materieller und geistiger Güter; Mensch kommt zu Mensch nicht leidenschaft zieht, weil es deren Verhalten mein mangelhaftes Verhalten andere in Mit- aus der Kraft des Willens, sondern seiner mitbestimmt. Bestimmung gemäss. Aus dieser Grundtatsache ergeben sich eine Reihe von Schluss- erschöpft; es knüpfen daran 'die verschie- Damit ist die Tragweite der Regel nicht !folgerungen, die zu allen Zeiten gegolten denartigsten Beobachtungen an, die jeder haben und auch für die hohe Stufe der gegenwärtigen Verkehrsentwicklung unverän- anstellen sollte. Verkehrende mit sich selber immer wieder dert von Bedeutung sind. Wie reagieren wir z. B. auf die von der Verkehr kann niemals Selbstzweck sein, Oeffentlichkeit getroffenen Verkehrseinrichtungen? schreibt D. W. Schaefer sehr richtig in der *Verkehrswarte», der wir diese Ausführungen entnehmen. Er ist vielmehr dazu be- Gruppen unterscheiden, die unserem Be- Auf den ersten Blick lassen sich drei stimmt, dem Menschen zu dienen. Mithin erfüllt jeder, der sich- des Verkehrs zur Be- uns selten darüber so weit Rechnung ablewusstsein schon so eingeprägt sind, dass wir friedigung, seiner Interessen bedient, zugleich gen, als es gut wäre. ejnen Dienst an seinen Mitmenschen. Sein Interesse ist Bestandteil des Interesses aller; Die eine Gruppe warnt uns überwiegend darin findet er ebenso seine Ausweitung wie vor Gefahren, die uns zum Verhängnis werden könnten; die andere legt uns Beschrän- sfeine Beschränkung. Der Missbrauch ist in gleichem Masse Gefährdung des eigenen kungen im fremden Interesse auf; die dritte Lebensbereiches wie des der Mitmenschen. bezweckt beides in einem. , Daher ist auch der Staat als der alleinige Zur ersten gehören alle Bezeichnungen Vertreter der Allgemeinheit Träger der Verkehrsregelunghängen, zur zweiten die Kenntlichmachung vor gefährlichen Wegestrecken, Kurven, Ab- Immer wieder erweist es sich als eine eigenartige Erscheinung der inneren Zusam- von Schulen und Krankenhäusern, an denen man nicht nur mit weniger Lärm, sondern menhänge des Lebens, dass ein Unheil selten allein kommt. So mag ein Verkehrs- soll, weil Kinder oder körperlich Behinderte auch mit besonderer Vorsicht vorbeifahren unfall noch so eigen geartet sein, er wird gefährdet werden könnten. Zur dritten sind ganz ähnliche Unfälle nach sich ziehen. Wir solche Zeichen hinzuzuzählen, die wie Eisenbahn- oder Strassenbahnwarnungen die brauchen nur die Tageszeitung aufzuschlagen, und schon finden wir im Zusammenhang Gefahr schwerwiegender Zusammenstösse in mit dem Bericht über einen Verkehrsunfall unser Bewusstsein rufen wollen. den über einen andern, dessen Begleitumstände ihm ganz verwandt sind. Oder wir werden wir die erste Gruppe dankbar be- Da wir uns stest einmal der Nächste sind, erinnern an die oft beredeten, ganz harmlosen Stellen auf den Landstrassen aller dritte gerade hinnehmen. grüssen, die zweite ungern sehen und die Gegenden, die scheinbar mit magischer Gewalt Unfälle in ganzen Serien hervorrufen. hen, dass jede nicht nur uns dient, sondern Erst in zweiter Linie werden wir einse- •Mit unterirdischen Strömen hat das wahrscheinlich gar nichts zu tun, wohl aber mit seinen Ausdruck findet, dass niemand allein allen, dass also auch hierbei das Gesetz der suggestiven Empfänglichkeit des Menschen, mit seiner Anlage und Neigung, glei- Seiten, jede Strasse zwei Richtungen. Kom- auf der Welt ist. Jedes Ding hat seine zwei ches Schicksal wie ein anderer unter gleimen wir aus der einen, kann ebensogut ein F E U I L L E T O N Die Versuchung des Joos Utenhoven. Von Karl Rosner- (4, Fortsetzung.) Starr stand er, sah ihr Bild, wie sie da hingesunken lag — die Arme, Hände — und den kleinen Einschuss an der Brust —. Den Teppich um sie und die goldglitzernde Nadel— Er schüttelte den Kopf: — nein — keine Waffe — Der Kommissar hob seine Schultern an. Er meinte gutmütig: «Herr Utenhoven — ist ja traurig — aber jetzt reissen Sie sich mal zusammen — muss doch sein. Und wollen doch erst einmal hören, was die Herrschaften zu sagen haben. Selbstmord, meint ja der Herr Sanitätsrat draussen — nun kann ja sein — und wenn's so ist, dann werden wir ja auch nicht lange belästigen.» Ueber die Stirn strich sich Joos Utenhoven hin — ja — ja, gewiss — man musste hören — Vor ihm schritten die beiden durch das Esszimmer, auf dessen Tisch die Frühstücksgedecke noch standen, durch den Salon. Vor einem Gemälde, das* in raschem Hinwurf Erscheint Jeden Dienstag und Freitag Wöchentliche Beilage .,Aut1er-Feierabend". Monatlich 1 mal „Gelbe liste" REDAKTION u. ADMINISTRATION: Breitenrainstr. 97, Bern Telephon 28.222 - Postcheck III414 - Telegramm-Adresse: Autorevue, Bern Geschäftsstelle Zürich: Löwenstrasse 51, Telephon 39.743 das Bildnis eines Fliegeroffiziers in Feldgrau mit offenem Lederkoller und Sturzhelm, das blaue Tatzenkreuz des Pour le merite am Halse, zeigte, verhielt Herr Köpke für einen Augenblick den Schritt: kühn, hart, mit einem Blick wie Stahl sah da ein junger kampfgewohnter Gladiator auf den Gegner in der Ferne — Die untersetzte stämmige Gestalt straffte sich auf, er sah zurück nach Utenhoven, die Hacken seiner Schuhe klappten leise an: «Der Herr Hauptmann war Flieger?» Ein Nicken nur. «— waren noch andere Zeiten —» Dann standen sie wieder im Arbeitszimmer drüben, wo sie den Sanitätsrat, Rave und das immer noch mit ihrem Tüchlein die verweinten Augen tupfende Fräulein Erler fanden. «Ich darf mich setzen?» sagte Herr Köpke, Hess sich, ohne erst eine Antwort abzuwarten, an dem mit einem alten Bucharateppich überdeckten Mitteltische nieder und wies seinen Kollegen nach dem Schreibtische des Hausherrn hin. Mit einem Blick, der unbeholfen fragend über Joos Utenhoven streifte, griff der Herr Schwieger von dem breiten Schreibstuhl Besitz, kramte umständlich Papier und Feder aus der Aktentasche, legte das alles handlich vor sich. hin. anderer von der entgegengesetzten herkommen. Meine Vorsicht behütet mich und ihn, seine Aufmerksamkeit ihn und mich. Es handelt sich demnach nicht um eine zusätzliche Leistung von mir, um ein Entgegenkommen, zu dem ich vielleicht gar nicht aufgelegt bin, das der andere nicht einmal verdiente, etwa, weil er womöglich ein schlechter Mensch ist, sonden in jedem Falle ebensolwohl um die Betätigung meines Selbsterhaltungstriebes, wie um die Erfüllung meiner menschlichen und staatsbürgerlichen Pflicht gegenüber dem anderen. Meinetwegen darf ich mir allerlei Geschicklichkeit und Sicherheit zutrauen; weiss ich aber denn, ob auch der andere darüber verfügt? Mit dem geringsten Ausserachtlassen meiner Vorsicht erhöhe ich nicht nur das Risiko der Situation, wie man so schön sagt, nein, ich bringe sehr viel mehr in Gefahr: mich, den andern, alle die Menschen, für die ich als Familienvater, Freund, Schuldner, Träger einer Aufgabe verantwortlich bin. Meine Verantwortung vom Ausmass vieler Jahre, eines ganzen Menschenlebens ballt sich in den Bruchteil einer Sekunde zusammen. Die Beispiele hierzu mag sich jeder aus dem täglichen Leben selber bilden; sie begegnen uns auf Schritt und Tritt. Es ist auch durchaus nicht allein das Motorfahrzeug mit seiner Geschwindigkeit, das dem Verkehrs- 3?ilde das Gepräge gibt; es ist ebensogut der Hundebesitzer, der seinen Hund nicht führt, so' dass er dem Motorfahrzeugführer zum Verhängnis wird, der das Tier nicht überfahren möchte; es ist das alte Mütterchen, das nicht mehr über den flinken Schritt eines jungen Mädchens verfügt und doch ohne jegliche Rücksicht auf seine Behinderung die Strasse überquert. Jedermann ist es, der nicht seine volle Aufmerksamkeit der Tatsache widmet, dass er sich im Verkehr befindet. Vor allem aber fehlt der, der sich damit beruhigt, dass es doch immer gewisse Umstände oder bestimmte Ursachen seien, die die Unfälle herbeiführten. Umstände und Ursachen sind nichts anderes als Erscheinungen im Rahmen des menschlichen Lebens, dessen Fülle an Möglichkeiten uneingeschränkt so gewaltig und unübersehbar ist, wie es Menschen an der Zahl gibt, wie sich in einem fort die Bedingungen der Witterung, des Lichtes, der Landschaft verändern, ohne dass wir darüber Gewalt hätten. Das soll gewiss nicht zur Aengstlichkeit führen, aber unter allen Umständen zum eigenen Mass. Ich muss mich fragen, wie gross Herr Köpke sagte: «Also, wenn ich jetzt bitten darf —», und dabei strich er sich mit Daumen und Zeigefinger der kurzen offenen Linken in einer bürstenden Bewegung zwei-, dreimal rasch, energisch den drahtigen Schurrbart empor und fasste mit den flitzenden Augen die Aufmerksamkeit der Menschen um ihn zusammen. Sein Blick traf den Sanitätsrat, der neben einer Säule mit dem Reiterstandbild des Celleoni stand und eilig nickerte, Fred Rave und das Fräulein Lissy Erler — Und dann: «Die tote Dame drüben ist Frau Utenhoven?» Er hob das Kinn zu Utenhoven: «Ihre Frau?» Der andere, der seinen Hinterkopf gegen das Holz gepresst, mit halbgeschlossenen Augen am Türrahmen lehnte, zuckte nur leise. «Vorname?» «Elke-Maria», stiess Utenhoven vor. «Elke? Elke-Maria?» «Ja!» Kaum dass die Stimme ihm gehorchen wollte. «Das junge Fräulein und der Herr Doktor meinen, es läge Selbstmord vor —» Der Sanitätsrat an der Säule nickte wieder, die schweren Lider schlugen. «Nun — wird ja wohl auch sein. Wer hat die Tote zuerst gefunden?»^. Schweigen —> INS ERTIONS-PREIS: Die achtgespaltene 2 mm hohe Grundzeile oder deren Raum 45 Rp. Grössere. Inserate nach Spezialtarif. InseratenseMuss 4 Tane vor Erscheinen der Nummern Wir berichten heute über: Das «blaue» Benzin — ein neuer staatlicher Beutezug. Grosser Preis von Frankreich. Die Nachfolgerin der «Motte». Patschen und Knallen Vor neuem Kampf. Bilder: Seite 4. mein Anteil am Verkehr ist, und danach mein Anrecht auf die Ausnutzung seiner Möglichkeiten bestimmen. So wird ein Berufsfahrer ganz andere Grundbedingungen für sich in Anspruch nehmen dürfen als ein Gelegenheitsfahrer. Darunter ist nun nicht etwa der zu verstehen, der nur ab und zu ein Fahrzeug steuert, sondern jeder, dessen berufliches Schwergewicht woanders liegt. Stets habe ich mich zu fragen, was die Hauptrichtung meines Denkens ist: bin ich in erster Hinsicht Reisender, Milchmann, Erholungsuchender oder, nur Fahrer? Der Nur-Fahrer braucht gar nicht die bis ins feinste entwickelte Verkehrsregelung; er fühlt, wo ein anderer beachten muss. Lasse ich mir denn im täglichen Leben von jedem Beliebigen sagen, was du kannst, kann ich auch? Bin ich als Kaufmann ein ebenso guter Ingenieur, als Handwerker ein gleich sicherer Jurist? Mit dem Verkehr verhält es sich dem Grundsatz nach nicht viel anders, wenn auch in der Auswirkung die gleiche Erziehung gleiche Bedingungen schaffen wird, wie auch eine vernünftige Verkehrsregelung vom guten Durchschnitt auszugehen hat. So mag die technische Fertigkeit eines jungen Menschen der eines älteren überlegen sein; ein Kind mag flinker auf alles achthaben als ein beruflich stark in Anspruch genommener reifer Mann. Deswegen spricht doch die menschliche Vernunft dafür, den Führerausweis nur von einem bestimmten Lebensalter an zu gewähren und dem Kinde mehr Hinweise auf die Innehaltung der Verkehrsbestimmungen zu widmen, weil sich das Verantwortungsbewusstsein erst mit den Jahren festigt. Was aber hier zur Forderung erhoben wird, gelte auch als Inhalt der Verständigkeit. Und das Fräulein Lissy Erler dachte erregt: — eigentlich gar nicht wie ein Detektiv sieht er aus — mehr so —. Nein — wenn sie da so dachte, wie Harry Piel die Detektive machte — viel natürlicher! — Sie musste schlucken. Herr Köpke Hess inzwischen die blanken Augen fragend von einem zum anderen laufen, und auch Herr Schwieger, der schreibend mit dem Rücken gegen die anderen gesessen hatte, drehte den Kopf im Nacken, so dass die dicken, einander bedrängenden Falten seines Genickes rot anliefen und sich über dem Kragenrand verlagerten. Er meinte gutmütig einladend: «Na — einer muss es doch gewesen sein.» Der Sanitätsrat sagte endlich: «Als ich heraufgerufen wurde, fand ich diesen Herrn», und er wies auf Rave, der jetzt am Fenster stand und, beide Hände um den Messingriegel gekrampft, blicklos hinunter auf die Strasse starrte, «und da das Fräulein —» «Wer hat Sie gerufen?» «Der Portier —» Also muss doch vor Ihnen ausser den beiden auch der Portier schon hier gewesen sein?» Der Sanitätsrat hob die offenen Hände und zog die Schultern an. Ganz schmal und belanglos wurde das alte Herrchen, wie es so stand.