Aufrufe
vor 9 Monaten

E_1935_Zeitung_Nr.057

E_1935_Zeitung_Nr.057

BERN, Dienstag, 16. Juli 1935 Nummer 20 Rp. 31. Jahrgang - N» 57 ERSTE SCHWEIZERISCHE AUTOMOBIL-ZEITUNG Zentralblatt für die schweizerischen Automobil- und Verkehrsinteressen ABONNEMENTS-PREISE: Ausgabe A (ohne Versicherung) halbjährlich Fr. 5.-, Jährileh Fr. Jfc- Ausland mit Portozuschlag, wenn nicht postamtlich abonniert Ausgabe B (mit gew. Unfallversich.) vierteljahrlieh Fr. 7.50 Ausgabe C (mit Insassenversicherung) vierteljährHah Fr. 7J5O Das Tourenf ahren Einige Winke für Wochenend- und Ferien fahrten. Nun sind sämtliche Paßstrassen in den gesamten Alpen wieder befahrbar. Damit ergibt sich die Möglichkeit, wieder alle Strassen zu befahren, die man in sein Fahrtenprogramm einbeziehen will. Wir wollen uns daher heute mit den Vorbereitungen beschäftigen, die für kleinere und grössere Tourenfahrten erforderlich sind. Mit oder ohne Routenplan ? Immer tritt als erste Frage auf: Wohin die Fahrt? Wenn man nur eine kurze Fahrt unternimmt, dann ist es gelegentlich sehr reizvoll, einfach aufs Geratewohl loszufahren und die Wahl der Fahrtroute ganz der Laune des Augenblicks zu überlassen. Diese Methode wird meist dann Anwendung finden, wenn man eine Tourenfahrt unversehens unternimmt; etwa dann, wenn das Wetter schlecht war, man daher zu Hause bleiben wollte, und es plötzlich schön wird, so dass man doch «irgendwohin» fahren will. Solche planlose Fahrten sind besonders im Zusammenhang mit Picknicks sehr reizvoll; man lagert irgendwo am Waldesrand oder an einem See, man bleibt solange man will, weil kein festes Programm die Weiterfahrt erheischt, und man bestimmt die weitere Route einfach nach der noch zur Verfügung stehenden Zeit. Wenn man für eine Fahrt — und sei sie noch, so kurz — aber irgendein festes Ziel sich steckt, dann ist ein « Fahrplan » unbedingt notwendig. Meist will man ja im Rahmen einer Tourenfahrt irgendein bestimmtes Gebiet kennenlernen. Dazu müssen bestimmte Strassenzüge befahren werden, so dass eine gewisse Kilometerleistung von vorneherein feststeht. Schiebt man willkürlich Aufenthalte ein, so kommt das ganze Programm aus der Ordnung. Man kann nicht mehr an das Ziel kommen, nicht mehr die ganze Strecke innerhalb der zur Verfügung stehenden Zeit bewältigen. Das ist immer verdriesslich — wenigstens für ordnungsliebende Leute. Programme für Wochenendfahrten. Für Wochenendfahrten stehen in der Regel knappe anderthalb Tage zur Verfügung. Wenn es gut geht, kommt man um zwei oder drei Uhr zum Losfahren. Man hat also am Samstag nur etwa 5 Fahrstunden zur Verfügung. Und am Sonntag will man nicht allzu spät nach Hause kommen, um am Montag nicht übermüdet zu sein. Danach muss sich also das Programm richten. Eher noch kann Erseheint Jeden Dienst«« und Freitag Wöchentliche Beilage ..Antler-Felerabend". Monatlich 1 mal „Gelbe Liste" REDAKTION u. ADMINISTRATION: Dreitenrainstr. 97, Bern Tctopbon 28.222 - Postcheck III 414 - Telegramm-Adresse: Autorevue, Bern Geschäftsstelle Zürich: Löwenstrasse 51, Telephon 39.743 man am Samstag abend etwas länger fahren, um die Etappe des Sonntags kürzer halten zu können. Besonders wenn es sich um landschaftlich wenig reizvolle Zufahrten zu dem eigentlichen Tourengebiet handelt, tut man gut daran, diese ganz auf den Samstag nachmittag zu legen und hiebei erforderlichenfalls auch etwas in die Nacht hineinzufahren. Die Lichtanlagen der neuzeitlichen Wagen sind ja so ausgezeichnet, dass man eine kleine Nachtfahrt jederzeit wagen kann. Auch das Nachtfahren hat übrigens seine ganz besonderen Reize! Unsere schnellen Fahrzeuge ermöglichen es uns, innerhalb des Wochenendes weite Gebiete kennenzulernen und auch die Grenzen des Landes zu überschreiten. Trotzdem sei darauf hingewiesen, dass Auslandsfahrten erst dann ihre Berechtigung haben, wenn man die eigene Heimat einigermassen kennt. In dieser Hinsicht steht dem Schweizer, wie keinem anderen Staatsbürger, eine überaus reiche Auswahl von autotouristischen Möglichkeiten zur Verfügung. Die herrlichen Hochgebirgslandschaften der Schweizer Zentralalpen, die einzigartigen Seen, das Juragebirge sowie das liebliche Alpenvorland zwischen dem Bodensee und dem Zürichund Wallensee erschliessen so verschiedenartige Landschaftsbilder, dass man mit Recht sagen darf, xler Schweizer soll zuerst seine eigene Heimat befahren, bevor er grosse Auslandsfahrten unternimmt. Hingegen werden auch Fahrten innerhalb der Landesgrenzen häufig mit Abstechern über die Grenze verbunden, um die schweizerischen Grenzpässe, wie den Morginspass, den Col de la Forclaz, den Grossen St. Bernhard, den Simplon, den Splügen, den Maloja, den Berninapass oder das Wormser-Joch in zusammenhängenden Rundstrecken befahren zu können. Auch im Gebiete des Juras wird man die Grenze häufig überschreiten, um die beste Fahrtroute festlegen zu können. Die ausserordentliche Vielgestaltigkeit und Verschiedenartigkeit der Schweizerlandschaft in den einzelnen Teilen unseres Landes bringt die Notwendigkeit mit sich, dieStrekken der einzelnen Fahrten systematisch festzulegen. Leider wird vielfach der Fehler gemacht, es bei Fahrten durch die Alpen bewenden zu lassen und andere Gebiete, beispielsweise das Juragebiet oder das Alpenvorland von Appenzell und St. Gallen, ganz zu vernachlässigen* (Fortsetzung Seite 2.) Via dolorosa. wir sind auf dem Leidensweg unserer Wirtschaft bei einer neuen Etappe, einer neuen Station angelangt. Der Bundesrat hat, in Missächtung der Bundesverfassung * und der im Jahre 1921 gegebenen Versprechen, den Benzinzoll erhöht. Er hat damit der freien Wirtschaft, die heute des Automobils in seinen verschiedenen Formen nicht entbehren kann, einen schweren Schlag versetzt Daran ändert auch die Tatsache nichts, dass er selbst seinen Schritt als « wohlerwogen » bezeichnet. Als im Jahre 1921 der Bundesrat den Benzinzoll von 10 auf 20 Fr. erhöhte, erstand dieser Massnahme im Nationalrate eine starke Opposition. Vom Bundesratstisch aus wurde daraufhin erklärt, bei der Zollerhöhung handle- es sich um eine vorübergehende Notmassnahme, die man bei erster Gelegenheit rückgängig machen werde. Dieses Versprechen hat der Bundesrat, wie noch manches andere, vergessen. Im Jahre 1932 wurde durch eine Indiskretion bekannt, dass der Bundesrat neuerdings eine Erhöhung des Benzinzolls beabsichtige. Die zur Regelung der Frage Bahn-Auto gegründete Zentralstelle für die Verteidigung der Automobilinteressen wurde sofort mit den nötigen Abwehrmassnahmen beauftragt. Sie nahm auf breitester Basis die Volksaufklärung in der Presse mit dem Erfolge vor, dass- Herr Bundesrat Musy auf die Durchführung seiner Pläne verzichtete. Das Verständigungswerk mit den Bahnen wurde abgeschlossen .-- und, leider viel zu früh, die Tätigkeit der Zentralstelle für die Verteidigung der Au'tömobilinteressen eingestellt. Im Mai dieses Jahres wurde das Verkehrsteilungsgesetz mit grossem Mehr verworfen. Das Volk wollte keine Einschränkung des Automobils zugunsten der Bahnen. Dieser erste Entscheid wurde durch die Abstimmung über die Kriseninitiative vom 2. Juni letzthin bestätigt. Irt seiner grossen Mehrheit verlangte das Volk im Gegensatz zu den Forderungen des Staatspersonals und der hinter ihm stehenden Partei eine Politik des Abbaus und der Anpassung. Es verlangte die Durchführung jener Politik, die ihm vom Bundesrat in seiner Botschaft und ihn zahllosen Reden seiner Mitglieder vorgeschlagen worden war. Und nun das Ergebnis ! Statt dem erwarteten Abbau und Anpassung eine neue Belastung der Wirtschaft, eine weitere Erhöhung der Lebenshaltungskosten, eine nochmalige Erfüllung von Forderungen des Personals. Der Bundesrat begründet sein Vorgehen mit der Notwendigkeit der Beschaffung INSERTIONS-PREIS: Die achtgespaltene 2 mm hohe Grundzeile oder deren Raum 45 Rp. Grössere Inserate nach Spezialtarif. Inseratensehluss 4 Tage vor Erscheinen der Nummern Wir berichten heute über: Anziehender Autotourismus. Widerstand gegen die Benzinzollerhöhung. Grosser Preis von Belgien, Inverview mit Nuvolari. Verkehrsteilung zwischen Schiene und Strasse in Deutschland. Motorfahrzeug-Aussenhandel. Aus der Entwicklung der Windkanäle. 7 Antriebsformen. Bilder: Seite 4. neuer Mittel. Er gibt aber auch zu, dass gleichzeitig damit den Bundesbahnen ein weiterer Schutz gegen das Automobil gewährt werden soll. In diesem Schutz der Bahnen müssen wir in erster Linie die Motive suchen, die den Bundesrat zur Verletzung der Verfassung geführt haben. Die Bundesbahnen befinden sieh in einer finanziell unhaltbaren Lage. Seit Jahren schon decken sie die jährlichen Verluste mit neuen Anleihen. Sie leben nicht, wie leider gegenwärtg viele Industrien, von der eigenen Substanz und den Reserven, sie leben von Schulden, die sie selbst niemals zu bezahlen in der Lage sind. Diese Situation ist unhaltbar geworden, denn es ist ohne weiteres klar, dass die Bahnen im Volke trotz der Bundesgarantie neues Geld nur zu drückenden Bedingungen finden würden. Der Bundesrat sieht die finanzielle Sanierung der Bundesbahnen durch die Uebernahme eines Teiles des Schuldkapitals vor. In den Räten hat man ihm aber klar und deutlich zu erkennen gegeben, dass ohne eine Reorganisation des Betriebes" und eine Anpassung der Ausgaben an die Einnahmen die finanzielle Sanierung nicht durchführbar sei. Diese Ansicht hat auch das Volk in der Abstimmung über das Verkehrsteilungsgesetz zum Ausdruck gebracht. Den Wünschen von Parlament und Volk steht aber die Gegnerschaft der Eisenbahnergewerkschaft unter der Führung von Herrn Bratschi gegenüber, den man nicht ohne ein gewisses Recht als den vierten Generaldirektor bezeichnet. Und Die Versuchung des Joos Utenhoven. Ton Karl Rosner. (9. Fortsetzung.) Er riss sich los davon, er sah um sich. Unordentlich, verwüstet das sonst so klar gepflegte Zimmer, verschobene Teppiche, auf denen ausgestreute Zigarrenasche lag — umherstehende Stühle — abgebrannte Streichhölzer auf dem zerscharrten Bärenfell —. Den Vorhang zog er von dem Fenster, öffnete die Flügel, nahm die frische Luft, die voll von würziger Herbe aus dem jungen Grün des Tiergartens herüberstrich, aus tiefen Lungen. Dann war es doch, dass jemand seinen Namen rief. Das Mädchen — In der Tür stand sie, in Hut und Mantel noch, wie sie zurückgekommen war, verweint und fassungslos. Der Hauswart hatte ihr, gleich wie sie unten in das Haus getreten war, erzählt, was hier geschehen war. Jetzt jammerte sie laut und tief erschüttert unter einem Strom von gut gemeinten, törichen Worten vor sich hin: Die arme gnädige Frau — und so gut, wie sie immer war — nie nicht kein böses Wort —! Und so 'nen Menschen, den müsste man ja doch — da gäb's ja keine Strafe nicht, die der nicht sollte kriegen — ja — Joos Utenhoven hörte kaum. Er winkte ab: «Gehen Sie — gehen Sie —> Aber sie kam nicht los. Bückte sich, zupfte den Teppich zurecht — rückte die Sessel —. Mein Gott: und wie das alles aussah hier — der arme Herr —! Und wie er deutete, dass sie das lassen möge, kam es heraus: «Ich graul mir so —> Er schwieg, er rührte abtuend den Kopf — da ging sie endlich. Das Fenster schloss er, Hess den dünnen Vorhang wieder vor die Scheibe gleiten. Sass dann vor seinem Schreibtisch, die Stirne in die Hand gestützt und mit verdeckten Augen. Er dachte: — hier, auf diesem Platz — vor diesem Tisch hier — hat der Herr Schwieger noch vorhin gesessen — Vorhin? — Als etwas Unwahrscheinliches, Unglaubhaftes drängte der ungeheure Inhalt, den die wenigen Stunden dieses Tages umgriffen, auf ihn ein —. Stunden? Und drüben, in dem hellen Zimmerchen, das sie so liebte — während er jetzt hier sass — drüben lag sie — und würde nie mehr lächeln und zu ihm sprechen und ihre schmalen Hände auf ihn legen —. Und war in dieser Nacht, an diesem Morgen noch so voll zarter lebenswarmer Schönheit, so voll süsser Lieblichkeit gewesen — dass er trotz aller tief verschlossenen und ausweglosen 'Qual den Blick nicht von ihr lassen konnte — dass er, wenn er es nicht gewusst hätte, was alles sie vor ihm verschwieg, nichtsahnend und vertrauensvoll hätte bleiben müssen — Elke- Maria —! Er sah sie wieder, wie sie am Abend vor dem Waschtisch gestanden hatte: den mädchenschlanken Körper mit der pfirsichweissen Haut —den feinen Hals mit dem Gewirr der blonden Nackenlöckchen — die zart knospende Brust — Und er erlebte noch einmal den Augenblick in dem er alle fressende Qual, allen zerschundenen Stolz in sich zu Boden ringend, von rückwärts zu ihr hingetreten, sie in seine Arme genommen, ganz fest gehalten und zu ihr geredet hatte. Geredet — dass sie fühlen musste, hier sprach er aus letzter, tiefer Not seiner verratenen Liebe: «Sprich. — habe doch Vertrauen — was ist zwischen dir und mir?!» Sie aber hatte, übergössen von einem jähen Rot, den Kopf geschüttelt — und während noch die Angst in ihren Augen nicht erloschen war, ihm mit zurückgebogenem Kopf den Mund zum Kuss geboten —. Mit aufblühenden Lippen, so als fühlte sie in einem Schauer des Sichgebens: Du — nur du—! Und doch alles: Lüge — Verrat und böses Spiel! Es fassen und verstehen können? — Die Fäuste krampfte er, von seinem Sessel riss es ihn und trieb ihn wiederum zurück: Nein — er verstand es nicht. War denn nicht alles, was da früher einmal zwischen ihr und Rave gewesen war, längst tot und längst begraben? Hatte sie ihm nicht damals, vor Jahren schon, versichert, dass nichts mehr sie mit Fred verbände, dass sie mit ihrer Liebe ihm allein gehöre und ihn allein gehören wolle —? Dass sie erst nach der Lösung von dem anderen bei ihm Glück, Frieden und Geborgenheit gefunden hätte —?! In den Sessel, der jetzt wieder mit dem Rücken zum Schreibtisch stand, Hess er sich fallen, starrte so auf den Platz, auf dem Fred Rave vor kaum einer Stunde noch gesessen hatte, und dachte fordernd und erbittert, als hielt er ihn jetzt noch vor sich fest: — rede — steh Rede — wie ist das gekommen —?!