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E_1935_Zeitung_Nr.065

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BERN, Dienstag, 13. August 1935 Nummer 20 Rp, 31. Jahrgang - N° 65 ERSTE SCHWEIZERISCHE AUTOMOBIL-ZEITUNG Zentralblatt für die schweizerischen Automobil- und Verkehrsinteressen ABONNEMENTS-PREISE: Ausgabe A (ohne Versicherung) halbjährlich Fr. 5. —, jährlieb Fr. lt.— Ausland mit Portozuschlag, wenn nicht postamtlieh abonniert Ausgabe B (mit gew. Unfallversich.) vierteljährlich Fr. 7.50 Ausgabe C (mit Insassenversicherung) vierteljährlich Pf. 7.50 Wir stellen fest 1 Wir stellen in den nachfolgenden Ausführungen fest, dass die Schweiz auf dem Gebiete des Ausbaues ihres Alpenstrassennetzes auch im laufenden Jahre im Vergleich zu ihren vier Nachbarstaaten noch viel mehr als bis anhin ins Hintertreffen geraten ist. Eine 3000-Kilometerfahrt über rund vierzig ausländische Paßstrassen hat uns vom Zustand dieser Strecken und der bisher auf diesem Gebiet geleisteten Arbeiten eindringlich überzeugt. Mit besonderer Aufmerksamkeit verfolgten wir den Einfluss des Bergstrassenausbaues auf den Fremdenverkehr. Ohne jegliche Schwarzmalerei müssen wir wiederum feststellen *, dass es für einen Schweizer Automobilisten oft deprimierend sein muss, Vergleiche zwischen unseren Bergstrassen und französischen, italienischen oder österreichischen anzustellen. Auf der ganzen Linie sind unsere Nachbarn, obschon auch sie mit gewaltigen Eisenbahndefiziten zu kämpfen haben, in grosszügiger Form an den Ausbau ihres alpinen Strassennetzes herangetreten und haben auf diesem Gebiet bereits ein gewaltiges Arbeitspensum erledigt und darüber hinaus vom strassenbautechnischen Standpunkt aus betrachtet, verschiedene Meisterwerke erstellt und recht schwierige Probleme gelöst. Als charakteristisch für Frankreich, Italien und in jüngster Zeit auch für Oesterreich sei hervorgehoben, dass besonderes Gewicht auch auf den Ausbau der Nebenstrassen und nicht nur auf denjenigen der grossen Durchgangsrouten gelegt wird,' wie z. B. Col de la Croix de Fer (2087), Galibier (2645) oder Sella (2214), Cardena (Grödnerjoeh 2121) und Flexenpass (1784). Beinahe auf allen Paßstrassen stösst man auf grössere oder kleinere Arbeitertrupps, die entweder für tadellosen Unterhalt des bestehenden Bauzustandes sorgen oder aber mit grosszügigen Korrekturen beschäftigt sind. Zweifellos liegt all diesen Unternehmungen ein eminent wichtiges militärisches Interesse zugrunde, das aber in geschickter Weise mit dem sich stets stärker entwickelnden internationalen Autotourismus in Uebereinstimmung gebracht wird. So gut wie unsere Nachbararmeen hat aber auch die unsrige, vielleicht sogar ein weit grösseres Interesse an einem Gebirgsstrassennetz, das den erhöhten Geschwindigkeiten und Vergleiche unsere Artikel: «Wir und die Andern», A.-R. 72, 1933; «Die Schweiz im Hintertreffen», A.-R. 73, 1933; «Feststellungen und Vergleiche», A.-R. 66, 1933. F E U I L L E T O N Die Versuchung des Joos Utenhoven. Von Karl Rosner. (17. Fortsetzung.) Ein wenig verwundert war der Russe stehengeblieben, nickte jetzt ernst. Sein Deutsch klang weich und tönend: «— die blonde Dame — ja. Sie hat auch einmal mit mir gesprochen. Sie ist sehr gut —» Joos Utenhoven schloss für einen Augenblick die Lider: — ja — über Russland hatte sie mit ihm gesprochen. Hier in dem gleichen kleinen Zimmer, dessen Tapeten seltsame bunte Vögel zeigten — und aus dem grossen Räume nebenan war halb zerflattert Musik gekommen — irgendein schwermütiges Wolgalied. Sehnsucht — Er hob den Kopf — er sagte still: «Wir haben sie vor einer Stunde begraben —» «Oh •— das ist schwer — !» Erschrecken und Leid zitterten in der tiefen, fremdartigen Stimme, aber das ernste, in hingegangenem Erleben gehärtete weiträumige Gesicht stand gleichwie unberührt. Die grosse Fliege an dem Fenster summte nieder. . Erscheint jeden Dienstag und Freitag Wöchentliche Beilage „Auller-Feierabend". Monatlich 1 mal „Gelbe Liste" REDAKTION u. ADMINISTRATION:' Breitenrainstr. 97, Bern Telephon 28.222 - Postcheck. III414 - Telegramm-Adresse: Autorevüe, Bern. Gesehittsstelle Zürich: Löwenstrasse 51, Telephon 39.7-13 Axdrücken motorisierter Einheiten gerecht wird. Vor allem sind es die ungenügenden Breiten der schweizerischen Bergstrassen,,-die den Autotourismus in den Alpen besonders mühevoll und mitunter auch' gefährlich gestalten. Erschwerend macht sich zudem der mangelhafte Unterhalt vieler unserer Uebergänge bemerkbar, wobei speziell Kurven, Brücken, Futter- und Stützmauern ein besonderes Kapital darstellen, wogegen auf mancher noch nicht ausgebauten ausländischen Bergstrasse tadelloser Unterhalt und vor allem vorläufig ausgebaute Kehren und Brücken das Befahren in vorbildlicher Weise erleichtern. Obschon das Problem der Staubbefreiung der Bergstfassen noch nicht eindeutig gelöst ist, so haben doch auch in dieser Beziehung unsere Nachbarn grosszügige Versuche unternommen, um den recht schwierigen Fragenkomplex abzuklären, wie z.B. die Franzosen im obern Teil der Galibier-Nordrampe, am Lautaret (2075), oder die Oesterreicher mit ihren verschiedenen Versuchsbelagen auf der Grossglockner-Südrampe und am Fernpassi Berücksichtigt man zudem die höhe Dichte des schweizerischen Paßstrassenverkehrs verglichen mit dem über ein grösseres Territorium sich verteil lenden in den Nachbarstaaten, so drängt sich die Notwendigkeit rascher Instandsetzung 1 und Ausbaues unserer Bergstrecken gebieterisch in den Vordergrund. Aus diesem Grunde sei einmal mehr darauf hingewiesen, was «unsere vier Nachbarstaaten auf dem Gebiet des Alpenstrassenbaues in den letzten Jahren geleistet haben. Mit wenigen Ausnahmen hat Deutschland in Südbayern seit jeher auf guten Strassenzustand gehalten, um vor allem den Autotourismus im deutsch-österreichischen Grenzgebiet zu fördern. Mit dem Bau der 480 km langen deutschen Queralpenstrasse von Lindau bis Berchtesgaden werden vorab bis anhin dem Verkehr unerschlossene Gebiete dem Motorfahrzeug zugänglich gemacht. Von diesen 480 km sind heute rund 200 km als frühere Staatsstrassen gut befahrbar, müssen aber erheblich verbreitert werden, während ca. 100 km als kleine Gebirgsstrassen und Strässchen auszubauen und zu befestigen sind. Von den 180 km neu anzulegenden Strecken sind bereits 30 km fertig I erstellt, während zur Zeit 2 weitere Bau- I stellen in Angriff genommen wurden, und zwar eine Teilstrecke bei Oberstaufen am | westlichen Ende der Queralpenstrasse und die andere zwischen Inzell und Siegsdorf am östlichen Ende. Die Bauarbeiten an der beendigten Teilstrecke Inzell - Mauthäusl erfuhren eine solche Beschleunigung, dass bereits Ende August nach Oberflächenteerung die Strecke dem Verkehr mit einigen kleineren Einschränkungen freigegeben werden kann. Das fertigerstellte 9 m breite Strassenstüek erschliesst ein hochinteressantes Gebirgsmassiv und führt auf zahlreichen Brücken und Viadukten über tiefe Schluchten und enge Felstäler, wobei ganz gewaltige Felsbarrieren durchstossen werden mussten. Im grossen und ganzen folgt die bayrische Queralpenstrasse der deutsch - österreichischen Grenze. Wenn auch bei der Projektierung darnach getrachtet wurde, zwischen Boden- und Königssee einen für Motorfahrzeuge leicht befahrbaren zusammenhängenden Strassenzug zu erhalten, der die wichtigsten Fremdenverkehrsorte, Sommerfrischen und Wintersportplätze des bayrischen Alpengebietes zu berühren hat, oder diese durch günstig gelegene Zubringerstrecken von der Querverbindung aus leicht erreichen lässt, so kommt heute diesem Strassenzug in Verbindung mit der Autobahn München-Salzburg im Hinblick auf die politischen Beziehungen zwischen Deutschland und Oesterreich eine strategische Bedeutung erster Ordnung zu, um so mehr, als diese Querstrasse ihr Gegenstück, jin der beinahe fertig ausgebauten militärisch ebenfalls hochwichtigen italienisch ».österreichischen Grenzstrasse durchs Pustertal, d. h.. von Bozen über Bruneck, Toblach nach San Gandido findet; haben doch die Italiener in den letzten Jahren diese Strecke nach modernsten strassenbautechnischen Grundsätzen zu einer für den schwersten Lastwagenverkehr geeigneten Aufmarschlinie hergerichtet. (Fortsetzung 'folgt.) Unsere Alpenstrassen in Not. Wer diesen Sommer die Bündner Alpenstrassen befahren und sich mit deren Zustand etwas näher befasst hat, der konnte sich nicht versagen, dass es mit den schweizerischen Alpenstrassen von Jahr zu Jahr schlechter bestellt und es daher verständlich ist, wenn sich in der Fachpresse immer stärkere Klagen hierüber geltend machen. Da ein planmässiger Ausbau nicht vorgenommen wird und es sich bei den Bauten meist nur um kleinere Verbesserungen handelt — die Malojastrasse ausgenommen — gelangen die einzelnen Strassenzüge immer mehr in Verfall. Auffallend ist es, wie «— ja — es ist schwer —», sagte Joos Utenhoven. Der Russe nahm die Luft aus breiter Brust: «Man kann so vieles nicht verstehen, Herr — man muss es tragen —» Der Schatten eines trüben Lächelns quälte sich mühsam um Utenhovens Mund: — er hatte recht; man konnte all das nicht verstehen — Der Schatten eines trüben Lächelns quälte sich mühsam um Utenhovens Mund: — er hatte recht; man konnte all das nicht verstehen — Nach seinem Glase griff er, hob es, trank es aus. Sein Blick war irgendwo im Weiten draussen. Sie waren wiederum allein. «— nach dem Theater hat sie gerne hier gesessen — an diesem gleichen Tisch — da auf der Bank rechts neben mir —» Vor sich hin sprach Joos Utenhoven, sass unbewegt, sah immer noch ins ziellos Ferne. «— seltsam — und der hier, dieser Russe, der weiss noch ein paar Worte, die sie einmal mit ihm gesprochen hat, sagt, wie er sich an sie erinnert, nur: sie war sehr gut —. Vielleicht hat sie ihm damals, wie sie so mit ihm geredet hat, irgendwie helfen wollen — jedem hat sie doch immer helfen wollen — hat sich verschwendet —» Sein Mund, die Stimme wur- ,4en bitter» er -war verfangen in einem Gedankenkreise: «— vielleicht hat sie auch mir nur helfen wollen —!» Simon Marane sah auf seine Hände nieder, die flach und matt, gleichwie zwei arme, müde Wesen auf dem Tischtuch lagen, schwieg. Der andere dachte, immer noch gehalten von seinem Grübeln: nein! — aber man kann nicht allen helfen wollen — und allen etwas sein. Ihm war sie alles — und er hätte nie geteilt — Er rührte sich, schüttelte jäh sein Suchen ab. Nach seinem Glase stiess die vorgreifende Hand — es war leer. Er füllte es, goss es hinunter, warf sich, da jetzt sein Blick hinüberstechend den immer noch gleichsam in sich versunkenen Simon Marane traf, mit heftig andrängenden Worten gegen ihn: «Sie sollen reden, Doktor», stiess er vor, «— sollen mir sagen, was Sie denken. Sie haben sie doch auch gekannt — Sie haben sie doch auch geliebt —! Oder glauben Sie, ich wüsste das nicht? Immer habe ich das gewusst —» Die langen flachen Finger auf dem Tische zitterten, drückten sich fester auf das weisse i Tuch. Ein dünner Hauch von Rot zog über Simon Maranes Wangen-— und versank, wie [er gekommen war» INSERTIONS-PREIS: Die achtgespaltene 2 mm hohe Grundzeile oder deren Raum 45 Rp. Grössere Inserate nach Spezialtarif. Inseratenschluss 4 Tage vor Erscheinen der Nummern Wy. Schweizerische Rundschau Wir berichten heute über: Querschnitt. .,, Targa Abruzzo. Der Flugzeugtyp «Bücker Jungmann». II. Nat. Segelfliegerlager auf der Rigi. Neue Rennwagentypen. Winke für Ferienfahrer. sehr sich der Zustand der Julierstrasse im Abschnitt Savognin bis oberhalb Silvaplana seit letztem Sommer ausserordentlich verschlechtert hat, wie die Fahrbahn heute durch Löcher und Fahrrinnen direkt zerwühlt ist. Aeusserst schlecht ist aber auch ein grosser Teil der Berninastrasse, wobei die bis zu 20 cm tiefen Fahrrinnen vor den Berninahäusern wohl einen besondern «Clou» darstellen. Die im schönen Bündnerland weilenden Automobilisten — das Fehlen der italienischen Autotouristen macht sich zwar stark bemerkbar — beklagen sodann besonders auch den schlechten Zustand der Strasse durchs Unterengadin bis Schuls und die trotz Verbesserungen immer noch sehr schmale Ofenpassstrasse. Ein kürzlich in Zürich von Meran her eingetroffener Auslandlfährer hat auf einem dortigen Touristikbureau ein Itineraire für die Rückreise gewünscht, wobei er aber auf das Bestimmteste verlangte, dass darin die Ofenpassstrasse auf keinen Fall figurieren dürfe, da solche für genussreiche Fahrten viel zu gefährlich sei. Aber auch verschiedene in früheren Jahren verbesserte und mit staubfreiem Belag versehene Strassenstrecken sind heute bereits wieder schlecht geworden und weisen, weil eben ein solider Unterbau fehlt, unzählige arge Schlaglöcher auf. Strecken wie Campfer - Silvaplana und Pöntresina - Morteratsch dürfen nicht mehr darauf Anspruch erheben, zu nur eiriigermassen akzeptablen Strecken zu zählen und bilden für jeden Wagen, d. h. für deren Federung eine schwere Zerreissprobe. Hat man daneben wieder die schönen italienischen Passstrassen gekostet, so muss sich jedem unbefangenen Interessenten der Eindruck einprägen, dass es höchste Zeit ist, dass mit dem Ausbau und der Verbesserung der bündnerischen Alpenstrassen etwas geschieht, und zwar in grossem Massstab, nicht mit dem kleinem Flickwerk auf genügender Basis. Man ist sich in Alt Fry Rätien wohl Und dann nach einem still ringenden Schweigen redete er: «— was hat einer wie ich — so ein Verwachsener, an dem kein Glied gerade ist — und vielleicht auch kein Empfinden, kein Gedanke - mit Liebe zu tun ? - und mit schönen Frauen? Ja — sie sind nachsichtig zu uns •— aus Mitleid. Und sie überwinden ihre Abwehr, die allem Schönen gegen das Hässliche, allem Gesunden gegen das Kranke eingeboren ist, manchmal — aus Aberglauben. Mascotte sind wir ihnen für einen Glücklicheren, zu dem ihre Sehnsucht geht — nicht mehr. Dann suchen sie verstohlen unsere Nähe und streicheln heimlich mit ihren zarten Händen unseren armen Rücken — damit ihnen das Glück zu diesem anderen helfen solle — den sie lieben. Er rührte sinnlos an das kleine Glas, sagte noch: «ich weiss, dass sie —dass Ihre Tote — gut zu mir gewesen ist auch ohne Aberglauben, ohne Mitleid — wie Sie da sagten: weil sie sich verschwendet hat in Güte -» «Sie haben sie geliebt —», sagte Joos Utenhoven wieder, hielt hartnäckig, als wäre es ihm schon Befreiung und Erleichterung von seinem Schmerz, dass einer da war, der mit ihm das Leid durchschritt, an dem Gedanken fest. «Immer habe ich es gewusst — damals, wie wir in Spanien waren, schon —» iEin Lächeln, das dies überlegene Wissen