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E_1935_Zeitung_Nr.066

E_1935_Zeitung_Nr.066

BERN, Freitag, 16. August 1935 Nummer 20 Rp. 31. Jahrgang - N° 6» ERSTE SCHWEIZERISCHE AUTOMOBIL-ZEITUNG Zentralblatt für die schweizerischen Automobil- und Verkehrsinteressen ABONNEMENTS-PH EISE: Atisgabe A (ohne Versicherung) halbjährlich Fr. 5.—, jährlich Fr. Hl— Ausland mit Portozuschlag, wenn nicht postamtlich abonniert Ausgabe B (mit gew. Unfallversich.) vierteljährlich. Fr. 7.50 Ausgabe C (mit Insassenversicherung) vierteljährlich Fr. 7J5O Zur Bekämpfung der Verkehrsunfälle In Form eines ausführlichen Kreisschreibens, das wir nachstehend im Wortlaut folgen lassen, äussert sich der Bundesrat an die Adresse der Kantonsregierungen über die Möglichkeiten zur Erzielung einer erhöhten Verkehrssicherheit auf der Strasse. Man wird mit diesen landesväterlichen Ausführungen und Ermahnungen im grossen ganzen durchaus einig gehen. Sie weisen aber eine ganz bedenkliche Lücke auf, die neuerdings auch auf den schwerwiegenden Mangel im Qesetzestext selbst aufmerksam machen: die genaue Umschreibung der Pflichten des F E U I L L E T O N Die Versuchung des Joos Utenhoven. VOM Karl Rosner. (18, Fortsetzung.) Da stand, emporgerückt aus dem Vergessen, nun doch dieses Zusammentreffen mit der Zigeunerfrau wieder vor ihm —: Nur Stunden nach seinem Erwerb des Bildes ist das. Elke-Maria ruht. Der Doktor sitzt zwischen Folianten in der Biblioteca Colombina. Und er, im ersten Glück und Eifer des Besitzes, geht in der brütenden Nachmittagsglut allein aus dem Hotel, das rahmenlose Bild noch unverpackt in Händen. Zu einem Schreiner will er, der ein Kistchen für den Schatz ausmessen soll —. Und er wird an einer Strassenecke angebettelt: ein abgerissenes armseliges Zigeunerweib in hoher Mutterschaft —. Er greift in seine Tasche, zieht heraus, was er da hat —. Nichts — keine kleine Münze — allein ein Fünfpesetenstück. Und in der Freude, der Gehobenheit der Stunde reicht er es ihr. Da greift sie seine Hand, küsst sie und hält sie fest, sieht auf die Linien der Innenfläche nieder. Ist plötzlich Erscheint jeden Dienstag und Freitag Wöchentliche Beilage ..Autler-Felerabend". Monatlich 1 mal „Gelbe Liste" REDAKTION u. ADMINISTRATION: Breitenrainstr. 97, Bern Telephon 28.222 - Posteheck III 414 - Telegramm-Adresse: Autorevue, Bern Geschäftsstelle Zürich: Löwenstrasse 51, Telephon 39.743 Fussgängers. In der bundesrätlichen Vernehmlassung ist von der Erziehung aller und nötigenfalls von der Bestrafung der renitenten Radfahrer und Motorfahrzeugführer die Rede, dagegen schweigt sich der Bericht wohlweislich über den Fussgänger vollkommen aus. Aber dort wird man so wenig wie bei gewissen Fahrzeuglenkern mit erzieherischen Massnahmen allein etwas ausrichten. Unter dem Kapitel der Ahndung von Uebertretungen heisst es wiederum, dass Motorfahrzeugführer, Radfahrer und Fuhrleute wissen müssen, dass sie scharfe Strafen zu gewärtigen haben, wenn sie sich vorschriftswidrige verhalten 1 . Der renitente Fussgänger aber wird -renitent bleiben, gerade weil er weiss, dass ihn der Arm der Hermandad nicht, erreichen wird und wenn er noch so verkehrswidrig in den Strassen herumtölpelt. So sehr wir daher den guten Kern des Kreisschreibens an die Kantone anerkennen und zu schätzen wissen, so bestimmt müssen wir hier erneut erklären, dass alle diese Massnahmen nur einen Teilerfolg bringen können, solang der Fussgänger ein Privileg besitzt. Es ist durchaus in Ordnung, dass man die Strafen und Vergeltungsmassnahmen abstuft nach der Verantwortlichkeit, die jede Gruppe von Strassenbenützern im Verkehr auf sich nimmt, aber es verletzt das Rechtsempfinden und ist bemühend, zu denken, dass eine Kategorie von Leuten dieser strengen Zucht nicht unterstehen sollen. Dies um so mehr, wenn selbst das eidg. statistische Amt im Kommentar zu den Unfallzahlen für 1934 zum Schluss kommen kann, «dass jedenfalls die vielgeschmähten Automobilisten und Motorradfahrer im Jahre 1934 gute Disziplin bewahren konnten ». Es muss daher Aufgabe des eidg. Justiztmd Polizeidepartementes sein, Mittel und Wege zu finden, um auch den Fussgänger in eine einheitliche und konsequente Verkehrsordnung einzureihen. Solange er sich ausserhalb befindet, wird jede Bemühung das Verkehrsproblem zu sanieren auf halbem Wege stecken bleiben. Und nun die bundesrätlichen Darlegungen : « Die beängstigend hohen Zahlen von Verletzten und Toten, die alljährlich Strassenverkehrsunfällen zum Opfer fallen, sind in der Märzsession 1935 des Nationalrates anlässlich der Behandlung der Motion des Herrn Nietlispach und nachher durch die Presse bekanntgegeben worden. Es steht fest, dass das Jahr 1934 insgesamt 12,200 verunfallte Personen, davon 625 Tote gebracht hat. Durch Rücksichtslosigkeit, Unvorsichtigkeit und Ungeschicklichkeit werden Tag um Tag Menschen am Leben bedroht, verletzt, getötet. Wir hatten erwartet, die einheitliche Regelung des Strassenverkehrs in der ganzen Schweiz, wie sie durch das am 1. Januar 1933 in Kraft getretene ßundesgesetz über den Motorfahrzeug- und Fahrradverkehr eingeführt worden ist, werde die ersehnte Ordnung auf der Strasse und damit eine Herabsetzung der Zahl der Unfälle bringen. Leider sind wir darin enttäuscht worden, obwohl das Gesetz und die Vollziehungsverordnung alle Grundregeln für die Abwicklung des Verkehxs und die Vorschriften über die Betriebssicherheit der Fahrzeuge enthalten. Würden diese Regeln und Vorschriften von allen Strassenbenützern beachtet und eingehalten, so würden die Unfälle auf die geringe Zahl zurückgehen, die Zufall und menschliche Unzulänglichkeit unvermeidbar machen. Es ist Aufgabe der Behörden, alles zu veranlassen, was uns diesem Ziel entgegenführen kann. Art. 25 des zitierten Gesetzes lautet: «Der Führer muss sein Fahrzeug ständig beherrschen und die Geschwindigkeit den gegebenen Strassen- und Verkehrsverhältnissen anpassen. Er hat namentlich in Ortschaften, bei Bahnübergängen und auch sonst überall da, wo das Fahrzeug Anlass zu Verkehrsstörung, Belästigung des Publikums, Erschrecken des Viehs oder Unfällen bieten könnte, den Lauf zu massigen oder nötigenfalls anzuhalten. Beim Kreuzen und Ueberholen hat er einen angemessenen Abstand einzuhalten. Jedes Motorfahrzeug, dessen Konstruktion eine Geschwindigkeit von mehr als zwanzig Kilometern in der Stunde zulässt, muss mit einem Geschwindigkeitsanzeiger versehen sein. Für schwere Motorwagen setzt der Bundesrat Höchstgeschwindigkeiten durch Verordnung fest. Für andere Motorfahrzeuge kann er durch Verordnung Vorschriften über die Höchstgeschwindigkeit erlassen.» grau und starrt ihn an —. Sagt noch: «Dreimal wird es dich treffen, ehe du fällst. — Wenn eine zu dir spricht, die nicht mehr sprechen kann —. Wenn alles, was dir letzter Sinn im Leben war, sich verkehrt —. Wenn der da —» und sie weist mit vorgestrecktem Finger auf das Porträt —, «wenn du den zum dritten Male siehst.» Zu dumm! Was das nur wollte, jetzt! Narrenromantik aus dem Lande, das damals noch voll von Romantik war. Durch die Luft fegte Utenhovens Hand, als schöbe er den Spuk damit von sich. Und als er sah, wie Simon Marane, erschreckt durch die Heftigkeit der Bewegung, den Blick fragend zu ihm hob, sagte er: «Hunger habe ich plötzlich — gegessen habe ich heute wohl überhaupt noch nichts —.» Und lächelte gequält, griff in einem Ausgleiten seiner Geste nach dem Teller mit den Pirogen, zog sich eine von den Pasteten her. Aber die Bissen quollen ihm, wie er dann ass. Einmal und unvermittelt sagte der Doktor Marane: «Sie sollten reisen — weit weg: nach Sizilien —» Und Utenhoven: «— ja ich möchte reisen —. Wenn alles das erst so weit ist, dass man mich hier nicht braucht — die Sache mit Fred Rave —» Wieder war es still zwischen den beiden. Anlässlich der Behandlung der Motion Nietlispach hat sich der Vorsteher des eidgenössischen Justiz- und Polizeidepartements zur Sache u. a. wie folgt geäussert: «Die seinerzeit durch das Konkordat festgesetzten Höchstgeschwindigkeiten haben damals nicht befriedigt. "Soweit unsere bisherigen Beobachtungen in der verhältniämässig kurzen Zeit von 2 Jahren reichen, können wir ihre Wiedereinführung heute noch nicht empfehlen. Die Verkehrsverhältnisse auf der Strasse, Breite der Strasse, Unterbau, Sicht, gerade Strecken, Kurven, Verkehrsdichte, angrenzende Bebauung, Innei-ort, Ausserort, Gewandtheit des Führers, seine persönliche Verfassung, Art, Grosse und Stärke des Fahrzeugs, Wirksamkeit der Bremsen, Beleuchtung, Witterung: alle diese Elemente sind, entscheidend für die zulässige Geschwindigkeit. Ein Teil davon verändert sich beim Fahren von Moment zu Moment. Wie soll da mit einer starren Vorschrift das Richtige getroffen werden können? Es würde sich das schon Dagewesene wiederholen, nämlich: dass der Führer in gefährlichen Augenblicken nicht sein ganzes Augenmerk auf die seine Geschwindigkeit bestimmenden Verkehrs Verhältnisse lenkt, sondern den Geschwindigkeitsanzeiger kontrolliert, dass er innerhalb der zulässigen Höchstgeschwindigkeit unter den gegebenen Umständen viel zu rasch fährt, dass er auf offener, gerader, freier Strecke trotz grosser Fahrtüchtigkeit in seiner natürlichen Fahrweise gehemmt wird und deshalb auf längern Fahrten zur Erreichung einer gewissen Durchschnittsgeschwindigkeit da, wo er heute langsam fährt, zu übersetztem Tempo innerhalb der vorgeschriebenen Höchstgeschwindigkeit angetrieben wird, dass die Verkehrspolizei wieder nur mit der Stoppuhr arbeitet und das wirklich yerkehrsgefährdende Verhalten schlimmster Fahrer übersieht, kurz, dass wir wieder wie zu den Zeiten des Konkordates einen unnatürlichen und deshalb unbefriedigenden Strassenverkehr hervorrufen. Wir glauben mit dem Motionär, dass die Aufhebung der zahlenmässigen Höchstgeschwindigkeit durch das neue Automobilgesetz die psychologische Wirkung hatte, dass allgemein schneller, in vielen Fällen zu rasch gefahren wird. Aber wir glauben nicht daran, dass durch die Wiedereinführung von Höchstgeschwindigkeiten die Zahl der Unfälle erheblich herabgesetzt werden kann. Mit Massnahmen, die in ihrer Auswirkung unnatürlich sind, können wir auf dem Gebiete der Verkehrsregelung kaum zum Ziele kommen. Das ist auch der Grund, weswegen das Justiz- und Polizeidepartement den bequemen Weg, dem Bundesrat die Einführung von Höchstgeschwindigkeiten vorzuschlagen, bis heute nicht gegangen ist und weswegen der Bundesrat gewillt ist, ihm zu folgen und zuerst alle andern Massnahmen auszuschöpfen. Selbstverständlich muss aber etwas geschehen, um die drohende Verschlechterung der Verkehrssicherheit wirksam zu bekämpfen. Es ist davon auszugehen, dass die Aufhebung der Höchstgeschwindigkeiten psychologisch zwei nachteilige Wirkungen ausgelöst hat, nämlich bei vielen Fahrern die Meinung, dass sie nun beliebig schnell fahren dürfen, und bei einzelnen Polizeiorganen, dass sie sich nicht mehr um die Fahrgeschwindigkeit der Automobilisten und Motorradfahrer zu kümmern brauchen. Beides ist natürlich ganz falsch und widerspricht dem Sinn und Geist von Art. 25 des Gesetzes. Auf eine bessere Befolgung des Art. 25, der bisher viel zu wenig beachtet worden ist, mit aller Energie hinzuarbeiten, das ist unsere erste Pflicht. gilt es einzusetzen. » INSERTIONS-PREIS: Die achtgespaltene 2 mm hohe Grundzeile oder deren Raum 45 Rp. Grössere Inserate nach Spezlaltarif. Inseratensehlnss 4 Tage vor Erscheinen der Nummern Hier Von draussen, aus der Tiefe des langgestreckten Raumes, drang jetzt der' Laut von langsam ankommenden Schritten herein. Dann stand der grosse Kellner in der Wölbung des Rundbogens, sah trübe prüfend durch das Dunkel über den Tisch mit den beiden in schweigendes Sinnen eingesponnenen Männern hin. An den Lichtschalter griff er, drehte an. Die künstlichen Kerzen an den Messingarmen glühten auf, gössen gedämpftes Licht über die Wände mit den bunten, fremdartigen Vögeln der Tapete. Den Vorhang Hess er vor das Fenster gleiten. Sah nach der kleinen runden Flasche, hob sie aus dem Kühler. Sie war nahezu leer. .Er goss den Rest in Utenhovens Glas und sah ihn fragend an. Der nickte nur; ja, er mochte noch eine bringen — Der Grosse war schon im Begriff zu gehen, als eine auftastende Geste Utenhovens ihn verweilen Hess. Der sagte, und es war, als triebe ihn ein jäher Drang, davon zu sprechen: «— Russland — nicht wahr, in Russland haben sie doch auch Zigeuner —?» Der Mann hob ohne Eile seinen matten Blick. Nicht eine Spur von Staunen, von Verwunderung über die seltsam fernliegende Frage stand in seinen Augen: Wir berichten heute über: Eine Fehlspekulation. Grosser Preis von Nizza. Die moderne Karosserie beelnflusst die Kühlung. Krisenfestigkeit des Luftverkehrs. Rentabilität der Reichsautobahnen. Bilder: Seite 6. Die Unfallursachen liegen also nicht in einer mangelhaften Gesetzgebung, sondern im unvorsichtigen, ungeschickten oder rücksichtslosen Verhalten vieler Strassenbenützer. Und zwar aller Kategorien von Strassenbenützern, wenn es sich auch nicht bei allen gleich verhängnisvoll auswirkt. Dementsprechend muss eingeschritten werden: bei allen zusammen mit Erziehung, nötigenfalls beim Führer von Fahrzeugen und beim Radfahrer dazu mit Bestrafung, beim Motorfahrzeugführer darüber hinaus mit dem Entzug des Führerausweises. I. Erziehung der Sirassenbenützer. Einzelne Kantone haben den Verkehrsunterricht in der Schule bereits eingeführt. Wir empfehlen den andern angelegentlich,- dies nachzuahmen und in allen Schulen, auch auf dem Lande, den Verkehrsunterricht obligatorisch zu erklären. Die heutige Generation der Erwachsenen ist zu einer Zeit aufgewachsen, als noch sehr wenige Motorfahrzeuge im Verkehr standen und die Strasse noch fast gänzlich dem Fussgänger gehörte. Wer heute in einer verkehrsreichen Gegend wohnt, mag sich allmählich an die veränderten Verhältnisse gewöhnen, die andern haben es indessen viel schwerer, sich umzustellen. Die heranwachsende Jugend sollte schon im Elternhaus und muss unbedingt in der Schule mit den Verkehrsverhältnissen auf der Strasse vertraut gemacht werden. Wir empfehlen den Erziehungsdirektoren, im Einvernehmen mit den Organen der Verkehrspolizei den Lehrplan aufzustellen und die Beschaffung einheitlichen Unterrichtsmaterials gemeinsam zu prüfen, damit solches auch den kleineren Kantonen zur Verfügung kann. gestellt werden Fortsetzung' Seite 10. «Zigeuner — ja —die hat es viele in Russland gegeben —. Und wir haben sie Musik machen und haben sie tanzen lassen —» Joos Utenhoven lag ein wenig vorgeneigt über den Tisch: «— und ihre Weiber — sagen die in Russland auch so aus der Hand die Zukunft —?» Der Grosse nickte: «Ja — wo* tun sie das nicht —» «Und glauben Sie daran?» Er sah ins Licht. Klein und wie totes Blei waren jetzt seine Augen: «Wer weiss es, Herr —? Da ist ein Mensch, der mehr sieht als die anderen, und der hat ein Gesicht, das er in Worten offenbart. Aber man darf nicht an den Worten kleben: man denkt sich die Erfillung sonst vielleicht ganz anders, als sie später sich gestaltet. Der Sinn ist alles, Herr —» Joos Utenhoven nickte hastig. Seine Finger tupften in Unruhe ein paar Pirogenkrümel vom Tischtuche auf, schnellten sie wieder fort. Ein Wort nur klang vor ihm: der Sinn — der Sinn — Der andere stand Sekunden unbewegt und sagte dann erinnernd und im Gleichklange des Hinreihens von Worten: «Im Kaiserlichen Jachtklub an der Morskaja haben wir einmal spät nachts eine Truppe tanzen lassen — von drüben aus der •9