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E_1935_Zeitung_Nr.068

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18 AUTOMOBIL-REVUE

18 AUTOMOBIL-REVUE 1935 - N° 68 wichtiges Kapitel. Jeder kann dies tagtäglich an sich selbst und seinen Mitmenschen feststellen. Schon das körperliche und geistige Erbe, das den Menschen in die Wiege mitgegeben wird, ist von Individuum zu Individuum verschieden. Das Temperament ist mehr oder weniger lebhaft. — Die seelischen Reaktionen können aber unter Aufbietung einer genügenden Dosis Willen kontrolliert und durch die Denkkraft reguliert werden, wobei allerdings Kranke, vor allem Epileptische, ausgenommen sind, da sich bei ihnen Krisen einstellen, ohne dass sie irgend etwas dagegen unternehmen können. Das Kind ist von Natur aus spontan in allem, was es unternimmt, d. h. es handelt ohne Ueberlegung, indem es seinen seelischen Reflexen freien Lauf lässt. Kein Wille lenkt dieselben; es-wechselt vom Lachen zum Weinen, strampelt mit Armen und Beinen, springt, unbekümmert jeder Gefahr dem Ball auf der Strasse nach. Unter dem Einfluss der gesammelten -Erfahrungen, der erhaltenen Ratschläge und der vielen augenfälligen Erlebnisse beginnt das intelligente Kind nach und nach zu überlegen und erkennt immer mehr, dass sich besser handeln lässt, wenn es sich selbst nach Massgabe seines Verstandes kontrolliert. — Leider gibt es aber sogar unter den Automobilfahrern noch Leute, die einer richtigen Ueberlegung unfähig sind, trotzdem diese doch normalerweise nur den Bruchteil einer Sekunde beanspruchen. Sportliches Training, rhythmische Gymnastik und eine vernünftige Körperkultur sind ausserordentlich wertvolle Hilfsmittel, um sich Selbstbeherrschung anzueignen. Wie alles im Leben, lässt sich aber auch diese nicht ohne eine gewisse Entbehrung und Ueberwindung erzielen und verlangt guten Willen, Ausdauer und eine positive Lebenseinstellung. — Selbstredend wird derjenige, der bereits als Knabe sein Kinderauto, seinen Schlitten oder Wagen gelenkt hat, später vielleicht Rad fuhr, schwamm, Fussball spielte, sich für das Turnen begeisterte, oder vielleicht gar ein Motorrad führte, das Lenken eines Autos viel schneller «los» haben. Wer aber auch als älteres Kind seine Zeit mit Puppenspielen verbrachte, sich nach und nach zu einem Bücherwurm entwickelte, vor der frischen Luft und dem Wasser Furcht empfand und bis zum Alter von 30 oder 40 Jahren irgendwelcher sportlichen Betätigung abhold war, wird schwerlich noch ein ausgezeichneter Fahrer werden. Lebhafte Temperamente, die ihre Impulse durch einen steten Willen gut zu zügeln verstehen, besitzen im allgemeinen die besten geistigen Eigenschaften, um einen Wagen zu führen. Vor allem aber müssen sie sich in acht nehmen: Es gibt bei ihnen Stunden oder Tage, in denen die Beherrschung der Nerven viel schwerer fällt als gewöhnlich, und es ist selbstverständlich, dass gerade dann der Wille wacher sein muss denn je. Nerven sind hervorragende Diener, aber ausserordentlich schlechte Herren; sie leisten vorzügliche Dienste, solange sie unter der Kontrolle und nach den Befehlen ihrer Herren arbeiten. Dieser Herr ist im Menschen das Gehirn. Sollten unglücklicherweise die Nerven die Oberhand über das Gehirn davontragen und die Betätigung von Bremsen, Schalthebel und Kupplungspedal übernehmen —dann ist ein Unglück nicht zu vermeiden. Wie bereits gesagt, besteht die Kunst des Fahrens in erster Linie darin, sich in jedem Augenblick vollständig auf die Verkehrsverhältnisse konzentrieren zu können. Dieses Können basiert zu einem grossen Teil auf gewissen moralischen Eigenschaften, nämlich dem Verantwortungsgefühl. Geschicklichkeit und sichere Urteilskraft bedeuten für den Fahrer noch nicht alles, was er zum einwandfreien Lenken braucht. Erst wenn er sich bewusst ist, dass er sich selbst, seinen Mitfahrern und den übrigen Strassenbenützern gegenüber eine grosse Verantwortung hat, besitzt er die Eignung, ein vollwertiger Fahrer zu werden. Am Lenkrad ein Automobil durch Stadt und Land zu führen, kann für die Mitmenschen ebenso gefährlich werden wie die Bedienung einer Kanone oder eines Maschinengewehrs. Sein eigenes Tempo immer durchdrücken zu wollen, bedeutet nichts anderes, als jeden Augenblick Gefahr zu laufen, einen Mitmenschen zu verletzen oder zu töten. In einer Kurve oder auf einer geraden, aber zu schmalen Strasse überholen, heisst mit dem Leben der Personen spielen, die am Strassenrand entgegenkommen. So wenig man mit Feuerwaffen oder Dynamit spielen soll, so wenig darf die Verantwortung am Lenkrad leicht genommen werden. Die Beherrschung der Nerven ist zu einem grossen Teil ein Problem der geistigen Erziehung. Zum andern Teil aber spielt auch die richtige Funktion des Körpers eine ebenso grosse Rolle. Nur wenn die Verdauung ungestört vor sich geht, wenn Herz, Muskeln und Gehirn ein reines, kräftiges Blut zugeführt erhalten, kann der Körper seine Aufgabe in richtiger Weise erfüllen. Auch in Vor ein paar Jahren war ich mit meiner Frau an der französischen Riviera zu einem Erholungsaufenthalt. Um dies besonders zu betonen, hatte ich den Wagen nicht mitgenommen, da ich ja zu Hause tagtäglich fahren muss und weil ich einmal wirklich still und ruhig am gleichen Ort bleiben wollte. Nach 8 Tagen war mir die abgelegene Ortschaft doch etwas zu ruhig geworden, und wir beschlossen, anstatt des täglichen Meerbades uns das 30 km entfernte Hyeres anzusehen. Als Beförderungsmittel standen uns ein reliquienhaftes Muster aus den Erstlingszeiten des französischen Bahnbaues zur Verfügung, sowie der in Frankreich so verbreitete PLM-Omnibus. — Kurz entschlossen wählten wir den letztern. Seine Beliebtheit ersahen wir aus der grossartigen Frequenz: den 36 places assises entsprachen etwa 50 Passagiere. Es war-ein geschlossener Wagen, mit etwas kleinen Fenstern, der Hygiene des Automobilisten gilt das Wort der Olympioniker: Ein gesunder Geist kann nur in einem gesunden Körper wohnen. Es gibt unter den Fettleibigen sehr gute Fahrer, wie auch solche unter den Mageren zu finden sind. Unter den «Vollblütern» hat es solche, die das Lenkrad sicher führen, ebenso wie unter den Blutarmen. Auch ob der Mensch gross oder klein ist, ist von keiner Bedeutung. Was aber wichtig ist, ist der Gesamt - Gesundheitszustand, der nur dann erhalten bleiben kann, wenn der Automobilist gewisse Fehler vermeidet. Eine gesteigerte Nervosität bedeutet für den Fahrer, wie bereits gesagt, einen grossen Nachteil; darum heisst es alles vermeiden, was irgendwie die Nervosität vergrössern könnte. Die stärksten Reizmittel sind Alkohol, Kaffee, Tee und bis zu einem gewissen Grade auch der Tabak. Schon früher haben wir darauf hingewiesen — und wir können es einfach nicht genug wiederholen — dass der Alkohol der schlimmste Feind des Menschen ist. Je nach der eingenommenen Menge ruft er entweder eine Ueberreizung der Nerven hervor, oder was noch viel gefährlicher ist, er macht den Fahrer gleichgültig. Kaffee und Tee, in allzu grossen Mengen genossen, beeinträchtigen die Kontrolle der Nerven durch das Gehirn und können sich in zittrigen, hastigen und ungenauen Bewegungen äussern. — Vielleicht werden' Sie mir antworten: Wenn aber der Fahrer keine grossen Mahlzeiten einnehmen soll, wenn er auf Wein, Kaffee und Tee verzichten muss, so hat er doch keine Möglichkeit, seine Kräfte zu ersetzen und der Müdigkeit Herr zu werden? Die Antwort ist einfach: Es gibt viele durstlöschende Getränke, die vortrefflich stimulieren, ohne irgendwelche nachträgliche Folgen riach sich zu ziehen. Nehmen wir zum Beispiel ein Glas Milch mit Vichy, ein Milchkaffee mit Biscuits. Erwähnen wir hier speziell Ovomaltine, ein besonders glücklich zusammengestelltes Nährmittel, das mit Wasser oder Milch leicht zubereitet werden kann. Wenn man sich auf diese unschädlichen Getränke konzentriert — besonders bei heissem Wetter —, dann hat man die Gewähr, dass weder die Nerven überreizt, überspannt, noch dass die Bewegungen eckig, zackig und unbestimmt werden. Der Ersatz der verbrauchten Kräfte erfolgt dann auf die denkbar beste Weise. Meine Herren Fahrer, meine Kollegen, ich habe Ihre Aufmerksamkeit sehr lange in Anspruch genommen; glauben Sie mir, es geschah in erster Linie in Ihrem Interesse... Und auch etwas in meinem eigenen. Mein Beruf bringt es mit sich, dass ich Tag für Tag durch Stadt und Land fahren muss. Ich würde mich glücklich schätzen, wenn ich auf meinen Reisen ausschliesslich verantwortungsbewussten Fahrern begegnen würde. Wenn die Lektüre der « Automobil-Revue » einige undisziplinierte Fahrer oder einige solche, denen ständig das « Rennfieber » in den Fingerspitzen zuckt, zur Vernunft bringen könnte, so ist der Zweck dieser Abhandlung voll und ganz erreicht. 11dkm die s&q,. AutamaUCfhaukheit (Seekrankheit beim Automobilfahren.) Dr. med. A. Leemann, Bern von denen etwa die Hälfte hätten geöffnet werden können, wenn der Mechanismus funktioniert hätte. Los ging die Fahrt, auf einer löcherreichen, noch nicht asphaltierten Strasse, hinauf, hinunter, links um eine Kurve mit Schuss, dass der Wagen fast umzukippen drohte, dann wieder rechts um einen Felskopf, alles in einem Tempo, als ob der Führer auf einen Grand-Prix hin trainierte. Bremsen, Gas geben, wieder bremsen, man hatte das Gefühl, mit einem Expresslift im zehnten Stockwerk anzukommen, und das unter einer Menge schwatzender, gestikulierender und zigarettenrauchender Fahrgäste in schlechter Luft, durchsetzt von knoblauch- und zwiebelhaltigem € ä la Proveneale > Parfum. Die Landschaft, bestehend aus dem sehr blauen Meer, dem ebenfalls sehr blauen Himmel und einer sehr schönen und ungetrübten Mai-Rivierasonne fesselte mich zuerst völlig. Die Aussicht wechselte as trinkt er? Wer bei anstrengender Arbeit oder gefährlichem Sport tüchtig, gelassen, aufmerksam bleiben will, hütet sich in gleicher Weise vor nervenzerrüttenden Erregungsmitteln wie vor leeren Genussmitteln. - Eine Tasse Ovomaltine zu Frühstück oder Zwischenmahlzeit ist von allen Getränken das nährwertreichste. Eine Tasse ^schützt vor den Gefahren der Erschöpfung! FT. 3.60 die Büchse zu 500 gr. Fr. 2.— die Büchse zu 250 gr. Dr. A. WANDER A.-G., BERN alle Augenblicke. Meine Frau war begeistert. Ich schloss mich ihrem Lob an, aufrichtig, aber leicht gereizt. Wir hielten an. Zwei Fahrgäste stiegen aus, sechs neue kamen herein. Wir eroberten Sitzplätze in der hintersten Reihe, hatten uns kaum gesetzt, und schon knarrte der erste Gang im Wechsel: Gas — los! — Der Wagen war ungemein weich gefedert Ich konstatierte diese Eigenschaft, zusammen mit einem unangenehmen Würgen in meinem Hals, und verglich die Federung, sehr zu ihrem Nachteil, mit derjenigen meines Wagens zu Hause, in welchem ich entschieden lieber gefahren wäre, und dann noch selbst am Steuer; ich sehnte mich geradezu nach meinem Lenkrad. « Warum sagst du nichts? » fragte meine Frau. Richtig, seit einiger Zeit, eigentlich seit dem letzten Halt, hatte ich keine Lust mehr zum Reden. Ich beteuerte, dass mich die Aussicht auf das Meer fessle. Weiter ging die Fahrt, bergauf, bergab, links 'rum, rechts 'rum, weich gefedert, machte unser Sitz bei jeder Bodenunebenheit mehrmalige und ausgiebige Schwankungen. Ich öffnete den Kragen meines Polohemdes. Am Hals fühlte ich kalten Schweiss. Und eine Menge Speichel hatte ich im Mund, viel mehr als sonst! Wenn nur das verwünschte Schwanken einmal aufhörte, dachte ich. Neben mir zertrat einer eine schwarze, halbzerkaute Zigarette auf dem Boden. Richtig, ich hatte ja auch Zigaretten bei mir. Ich nahm eine hervor, sah sie genau an und versorgte sie wieder ins Etui. Das Rauchen interessierte mich merkwürdigerweise durchaus nicht. Meine Frau schaute mir argwöhnisch zu. « Du bist bleich, ganz grün, » ermunterte sie mich. Ich würgte etwas hinunter. Was, wusste ich selbst nicht genau. « Es geht noch 20 Minuten bis Hyeres, » flüsterte ich, und fügte dann hinzu. « Aber in höchstens 5 Minuten werden ich den grössten Fisch füttern können. > « Um Gottes Willen, > stammelte meine Frau, « bist du seekrank? > < Nein, der Autobus schwankt... > Dann musste ich wieder schlucken. — Ich überlegte. Ueber mir an der Decke war die Leine, die die Glocke bediente beim Führer vorn. Nur ja beizeiten läuten, dass ich noch den Ausgang neben dem Chauffeursitz erreiche, dachte ich. Dieses unangenehme Gefühl von kaltem Schweiss auf der Stirn! Die Leute, die mich anglotzten, waren mir höchst gleichgültig. Nur 'raus aus dem Kasten, war mein einziger Gedanke. Ich hob schon den Arm, nun musste ich läuten, — da, ein Knall, laut wie ein Schuss. « Voila un pneu qui a errreve! > sagte der Zigarettenraucher neben t mir. Der Chauffeur brachte den schleudernden Wagen endlich zum Stehen. Der erste, der den Wagen verliess, war ich, mit Richtung Olivenbaumgruppe rechts vorn Das war das erste und bisher einzige Mal, dass ich automobilkrank wurde. Andern geht es weniger gut als mir, denn genau wie es Leute gibt, die das Fahren auf Schiffen nicht vertragen, so finden wir auch einen bestimmten Prozentsatz von Opfern, die das Automobilfahren mit Uebelkeit und Erbrechen büssen müssen. Arme Teufel! Denn gibt es etwas Schöneres, als in einem Wagen durch einen taufrischen Sommermorgen zu fahren oder an einem Herbsttag durch die leicht dunstige Ebene auf einen erhöhten Aussichtspunkt in die Sonne zu gelangen ? Bedauernswert sind solche Leute, denn viel Freuden und Schönheiten bleiben ihnen entzogen, in denen die meisten andern ihre grösste Erholung und Entspannung finden. Die «Automobilkrankheit» ist eine in Parallele mit der Seekrankheit zu setzende Affektion, die durch die schwankenden Bewegungen des Motorfahrzeuges ausgelöst wird. Und zwar kann sowohl das ruckartige Anziehen des Wagens, wie brüskes Bremsen, vergleichbar dem sogenannten Stampfen eines Schiffes, wie auch das « Heraushängen » der Wagenkarrosserie in den Kurven, was dem « Rollen » der Schiffe entspricht, die Erkrankung verursachen. Am raschesten tritt sie ein, d. h. die Störung des Allgemeinzustandes wird am stärksten und unangenehmsten empfunden, wenn beide Bewegungen kombiniert auftreten, wie bei einem Schiff, das « schlingert ». Am geeignetsten in dieser Hinsicht sind Strassen mit vielen Kurven, in stark coupiertem Gelände. Sowohl in bezug auf die Schwere der Erkrankung als auch auf den Grad der Schwankungen als auslösendes Moment ergeben sich bei den Befallenen individuelle Verschiedenheiten, die einer gewissen Disposition entsprechen, d. h. nicht alle Leute, die zur Automobilkrankheit neigen, erkranken im gleichen Automobil gleich rasch oder gleich schwer. Die Ursache der Erkrankung ist wohl hauptsächlich in einer Störung der Funktion des Zentralnervensystems, insbesondere des Gehirns, zu suchen. Allerdings spielen sicher auch rein psychische Momente eine Rolle. Für viele mag schon die ungewohnte Form der Fortbewegungsweise, das rasche Vorbeieilen der Umgebung und die schnelle und ununterbrochene Folge der Gesichtseindrücke als psychische Störung des Gewohnten eine auslösende Ursache sein. Auch die Emotionen einer besondern Abreise mag bei einzelnen eine Rolle spielen, wie auch schon die Angst vor der Erkrankung allein eine ausgesprochene Disposition schaffen mag. Bei andern wieder kann einzig dem starken oder ungewohnten Schwanken des Wagens die Schuld an der Erkrankung zugemessen werden. Die Betreffenden verlieren dadurch die gewohnte und erlernte Kontrolle über gewisse Gleichgewichtsstellungen des Körpers und des Gehirns. Damit, d. h. mit den subjektiv empfundenen Gleichgewichts-

N«68 - 1935 AUTOMOBIL-REVUE 19 Störungen und mit der Beeinträchtigung des Raumsinnes tritt beim dazu Disponierten Schwindel auf. Es zeigt sich ein unbestimmbares Unbehagen. Ausser dem Schwmdelgefühl spürt man einen unangenehmen Druck im Kopf und eine Leere im Magen. Auf eine noch so geistreiche Unterhaltung wird plötzlich wenig Wert gelegt, die Gespräche werden einsilbig, man nimmt weder aktiv noch passiv daran teil. Die Temperatur im Wagen scheint plötzlich hoch, und doch kann man sich im gleichen Moment eines fröstelnden Gefühles nicht erwehren. Der Kopfdruck wird stärker, der Schwindel und die Mattigkeit heftiger. Der Bekämpfungswille erlahmt, auf der Stirn tritt kalter Schweiss aus. Der Speichelfluss im Mund nimmt zu und bald setzt explosives Erbrechen ein, das zugleich eine völlige Apathie mit sich bringt. Der einzige Wunsch und das erste Bestreben geht nur dahin, aus dem Wagen zu kommen, und nie, nie mehr Automobil zu fahren. Anderweitige Erkrankungen, besonders Magen- und Darmstörungen, aber auch Bleichsucht und Blutarmut können das Auftreten der Automobilkrankeit beschleunigen oder erleichtern. Es besteht kein Zweifel, dass nervöse Leute, mit einem etwas labilen Nervensystem und der dadurch bedingten neuropathischen Krankheitsbereitschaft viel stärker zur Erkrankung neigen als völlig gesunde. Auch übermässiger Alkohol- oder Nikotingenuss und deren Folgezustände scheinen in ausgesprochener Weise zur Automobilkrankheit zu disponieren. Leute vorgeschrittenen Alters mit einem weniger reaktionsfähigen Zentralnervensystem, und Kleinkinder, bei denen der Raumsinn noch nicht richtig ausgebildet ist und die Erfassung äusserer Sinneseindrücke durch das noch nicht normal rasch arbeitende Gehirn langsamer verläuft, scheinen viel weniger befallen zu werden. Die Prophylaxe der Automobilkrankheit muss sich in erster Linie mit der Vermeidung der schädlichen Ursachen befassen, d.h. mit der Verminderung der Schwankungen des Wagens. Die Technik hat in dieser Beziehung schon viel erreicht, und sie arbeitet immer noch an der Verbesserung des Fahrkomforts. Stossdämpfer, die das Schaukeln des Wagens vermindern, und Stabilisatoren, d.h. Torsionsstangen, die das « Minaushängen » des Wagens in den Kurven vermeiden, sind hier von grosser Bedeutung. Ausser der Eliminierung dieser mehr mechanischen Ursachen spielt die Hygiene in Bekleidung und Ernährung eine Rolle. Bequeme, nicht engende oder schnürende Kleider sind eine Vorbedingung zur Vermeidung der Krankheit Aber auch Massigkeit in Speise und Trank muss beobachtet werden. Wenig Fett und nicht zu viel Flüssigkeit gemessen, Alkohol besonders! Auch für eine regelmässige Verdauungstätigkeit muss man unbedingt besorgt sein. Was die Behandlung der Automobilkrankheit anbelangt, so ist dieselbe gewöhnlich schon eingeleitet im Moment, da das Auto verlassen wird und der Erkrankte wieder festen Boden unter den Füssen spurt. Die Erholung kommt rasch, besonders wenn der Magen einmal leer ist und der Appetit sich wieder einstellt. Frische Luft und Ruhe vervollständigen die Anforderungen der Heilung. Merkwürdigerweise kommt es vor, dass Leute, die regelmässig automobilkrank wurden, diese unangenehme Eigenschaft verlieren, sobald sie selbst den Wagen lenken. Es scheint sich in diesen Fällen, abgesehen von den geringeren Schwankungen der Vordersitze, um eine Störung auf vorwiegend psychischer Grundlage zu handeln; denn sobald der Betreffende durch das Fahren genügend abgelenkt wird, um nicht mehr an seine Krankheit zu denken, und wenn er keine Zeit hat, um davor Angst zu haben, fällt er der Erkrankung auch nicht mehr zum Opfer. Auch für genügende Frischluftzufuhr ist bei jedem Fall von Automobilkrankheit zu sorgen, denn für nervöse Passagiere mit empfindlicher Nase kann auch der Geruch von Ab ? gasen im Wagen, ohne dass dabei Kohlenoxyd im Spiel zu sein braucht, den Eintritt der Erkrankung befördern. Es ist eine Tatsache, dass Individuen mit ausgesprochener Disposition zu Uebelkeit beim Autofahren, sehr oft im offenen Wagen nicht oder doch weniger bald und weniger stark erkranken als in einem geschlossenen Automobil. Durch häufiges und regelmässiges Fahren kann auch bei vielen Disponierten eine Gewöhnung eintreten und mit der Zeit die Neigung zur Erkrankung verloren werden. Zum Schluss möchte ich, allfälligen Betroffenen zum Trost, erinnern an die neuern Heilmittel gegen Seekrankheit (Vasano, Peremesin), die auch bei Eisenbahn- und Automobilkrankheit in den weitaus meisten Fällen rasch und sicher helfen, und die das Automobilfahren auch für diejenigen zum Genuss machen, die bisher nur mit Hemmungen oder höchst gemischten Gefühlen der Möglichkeit oder Notwendigkeit einer Automobilfahrt entgegensahen. In der ohrenärztlichen Praxis haben wir immer wieder Gelegenheit, festzustellen, dass die gesetzlichen Bestimmungen betreffend Erteilung der Führerbewilligung für Motorfahrzeuge noch sehr lückenhaft sind, oder dass, wo solche bestehen, für deren sinngemässe Ausführung keine zuständigen Organe vorhanden sind. Es tritt dies besonders sinnfällig in Erscheinung, wenn ein relativ leicht Schwerhöriger als solcher bald vom Experten erkannt und zum Spezialarzt geschickt wird. Dieser kann auf Grund der geltenden Bestimmungen das Befähigungsattest nicht ausstellen, so dass die Führerbewilligung nicht erteilt werden kann, obschon mit dieser einen Ausnahme sonst alle Voraussetzungen dazu erfüllt wären. Da drängt sich doch unwillkürlich die Frage auf, wie es denn mit jenen Kandidaten steht, die wohl über ein gutes Gehör verfügen, auch die Sehprüfung bestehen, aber nebenbei mit sehr viel schwerer wiegenden, nur durch den Arzt erkennbaren Mängeln behaftet sind. Die Frage stellen heisst auch, sie dahingehend beantworten, dass hier schwere Irrtümer unterlaufen müssen, solange nicht eine ärztliche Ueberwachung dieser Prüfungen ermöglicht wird. Es sei in diesem Zusammenhange nur angedeutet, welche Bedeutung ausser den Anomalien des Sehvermögens, des Gehörs und des Tastsinnes auch solchen des Geistes zukommt (Anlage zu "epileptischen Anfällen, zu Geisteskrankheiten). Schwer Herzkranke (Gefahr des plötzlichen Todes) sind ebenso auszuschliessen, wie alle jene, bei denen sich Störungen der Koordination des muskulären Bewegungsapparates, der Oberflächen- 'und Tiefensensibilität, des Gleichgewichtsorganes und des Organes der Beschleunigungswahrnehmung vorfinden. Wenn wir damit die Wichtigkeit des Gehöres etwas eingeschränkt haben — die Prüfungsorgane sind neuerdings manchenorts, wohl in Uebereinstimmung mit der Bekämpfung der akustischen Signale, etwas nachsichtiger geworden — so wäre es doch weit gefehlt, den Tauben als Motorfahrzeuglenker zuzulassen. Dass die Wahrnehmung eines von hinten gegebenen Signales, Warnungszurufe oder Gefahr verkündende Geräusche inneroder ausserhalb des Wagens eine grosse Rolle spielt, ist ja ohne weiteres klar; aber die Mindestanforderungen an das Gehör sollen entsprechend der Bedeutung desselben für den Fahrer nicht zu hoch angesetzt und stets das Gehör in der Gesamtheit aller übrigen Sinnes- und Geistesqualitäten beurteilt werden. Ein Vorschlag zu einer gesetzlichen Regelung über die Anforderungen an das Gehör des Motorfahrzeuglenkers ist seinerzeit (Oktober 1933) von Herrn Dr. K. Ulrich, Zürich, in diesem Blatte veröffentlicht worden. Bei der Aktualität dieses Fragenkomplexes halten wir es für angezeigt, seine Schlussfolgerungen hier nochmals wiederzugeben. In ihnen ist der Autor den Ansprüchen des Gehörgeschädigten in weitestgehendem, noch zu verantwortendem Masse gerecht geworden: a) Es sollen 3 Kategorien von Fahrern unterschieden •werden: Berufsfahrer 1. Kategorie: Führer von Cars alpins, Motorautobussen etc. Ihre Hörweite soll beidseits mindestens 5 m Flüstersprache betragen. Berufsfahrer 2. Kategorie: Taxichauffeure, Privatchauffeure, Führer von Last- und Lieferungswagen. Für solche Führer ist eine leicht- bis mittelgradige Schwerhörigkeit noch zuzulassen. Minimale Hörweite auf dem besseren Ohr 2 m Flüstersprache und mehr als 6 m Umgangssprache, auf dem schlechteren Ohr mindestens 1—0,5 m Flüstersiprache und 6 m Umgangssprache. 3. Kategorie: Nicht beruf smässige Fahrer (Gelegenheitsfahrer). Für sie kann eine relativ wesentliche Schwerhörigkeit akzeptiert werden. Das Minimum der unbeanstandeten Hörweite ist 6 m Konversationssprache auf jedem Ohr (bei Verschluss des andern). Bei einer Hörweite von 6 m Konversationssprache bloss beim Hören mit beiden Ohren gleichzeitig soll die Probe von Esch über die Wahrnehmung von Signalen angestellt (und natürlich auch bestanden) werden. (Hier würden sich die .besseren Konditionen des Mittelohrschwerhörigen gegenüber dem Labyrinthschwerhörigen manifestieren.) Sinkt die Hörweite auf einem Ohr gegen *2 m Konversationssprache, so muss das bessere die entsprechende Mebrdistanz über 6 m Konversationssprache aufweisen. Eine Hörweite von gegen 0,5 m Konversationssprache auf einem Ohr gilt praktisch als Taubheit (weil damit das binaurale Hören auf nützliche Distanz aufhört). In diesem Falle gelten die Bestimmungen für Einohrige. Einohrige sollen mindestens 5 m Flüstersprache " "Wahrnehmen (als Kompensation für das fehlende eine Erscheinung, die sehr viel und speziell an den strengen Selbstfahrer herantritt. Diese zu beheben und vor allem zu erleichtern habe ich mir zur Aufgabe gemacht.. Eine mehrjährige Erfahrung in diesem Fach und ein längeres Studium dieser Fragen ist das Resultat der von ersten Äerzten begutachteten MASSANGABEN: Von Dr. med. Herbert Mauerhof er, Bern. A: Umfang Ober dem Batich B: Umfang des Bauches C: Umfang unter dem Bauch HYS PA -Leibbinde Em auf alles bedachter und wirklich in alle Details ausgeklügelter Schnitt mit verstellbarem Verschluss und die Verwendung von nur ganz erstklassigem Schweizermaterial galt als Grundsatz auch für dieses letzte Erzeugnis meiner vielbekannten HYSPA-Fabrikate. £. GERBER, Spezialgeschäft (üt KctpetfatmenpPlege Maison HYSPA e% und Qdkm LIEFERUNG gegen Nachnahme oder Voreinzahlung auf Postcheck-Eonto m 912S Bärenplatz 9, BERN Richtungshören). Der Einohrige soll nur Fahrzeuge mit Steuerung auf der dem gesunden Ohr entsprechenden Seite führen. b) Revisionen sollen in einem (noch zu bestimm inenden) Turnus für alle Führer stattfinden. c) Die Untersuchung geschieht durch eine beamtete ärztliche Stelle (z. B. Poliklinik), die in bestimmten Fällen die Revisionsfrist beliebig verkürzen kann. Was die Revisionsuntersuchungen anbelangt, möchten wir vorschlagen, es sei überhaupt die ganze Fahrprüfung in bestimmten Abständen (etwa alle 5 Jahre) zu wiederholen. Auf diese Weise hätte man Gewähr, dass Fahrer ausgeschlossen werden, die durch eine Erkrankung in einer für das Fahren wichtigen Eigenschaft dauernd geschädigt worden sind. Ohrerkrankungen und GehörpHege. Der Autofahrer ist im allgemeinen nicht mehr als jeder andere Mensch Erkrankungen des Ohres ausgesetzt. Relativ selten sind die Fälle, wo durch Fahren im offenen Wagen Kälteschäden im Bereich des äusseren Ohres verursacht werden, sei es in Form von rheu- 'matischen bzw. neuralgischen Schmerzen in der Gegend des Ohres und der betreffenden Kopfhälfte oder gar Erfrierungen der Ohrmuschel. Bei Lastwagenführern, die besonders stark Lärm ausgesetzt sind, ist mit einer langsamen Gehörsverschlechterung zu rechnen. Auch auf die Gefahr von Kohlenoxydvergiftungen und daraus resultierende Schädigungen des inneren Ohres muss hingewiesen werden. Die Vergiftungsgefahr in der Garage (bei laufendem Motor) ist zur Genüge bekannt; weniger häufig wird daran gedacht, dass auch bei kleinen Undichtigkeiten im Motor die im Wagen befindlichen Personen gefährdet sind, um so mehr, als dabei oft kein Geruch wahrgenommen werden kann. Die Gesundheitspflege des Ohres besteht in erster Linie in Verhütung von Schädigungen aller Art, z. B. Vermeidung von starkem Lärm, von übermässigem Nikottn- und Alkoholgenuss usw. Machen sich Störungen bemerkbar, wie Schmerzen, Ohrensausen, Abnahme des Gehörs, oder sind gar durch frühere Erkrankungen entstandene beibende Veränderungen vorhanden, so ist eine frühzeitige fachärztliche Behandlung und Ueberwachung angezeigt. Zu den am häufigsten vorkommenden Störungen gehört plötzlich auftretende Schwerhörigkeit, verbunden mit Ohrsausen, evtl. leichten Schmerzen oder gar Schwindel. Meist ist die Ursache davon ein Ohrschmalzpfropfen, welcher mittelst Ausspritzen durch den Ohrenarzt entfernt werden kann, womit alle Beschwerden sogleich behoben sind. Ist aber die Schwerhörigkeit durch einen Katarrh im Verbindungskanal zwischen Mittelohr und Rachen bedingt, so erfordert sie eine wesentlich andere und gewöhnlich auch längere Behandlung durch den Ohrenarzt. Eine Störung kann ferner hervorgerufen werden durch das tiefe Eindringen eines Fremdkörpers in den äusseren Gehörgang, z. B. eines Insektes, eines Wattepfropfens oder dergl. Ist das Ohrensausen ganz besonders stark und plötzlich aufgetreten und sind etwa auch stärkere Schwindelanfälle damit verbunden, so ist mit einer Entzündung des Gehörnervs oder vielleicht mit einer Blutung ins innere Ohr zu rechnen. Stehen wiederum die Schmerzen im Vopdergrund, so haben wir es wohl in den meisten Fällen mit einer akuten Mittelohrentzündung zu tun. Es folgt daraus die Warnung an alle Fahrer, niemals auch bei nur andeutungsweisem Auftreten von Schwindel ein Auto zu steuern, weil eine plötzliche Verschlimmerung des Schwindels mit grösster Wahrscheinlichkeit ein Unglück im Gefolge hat. Eine weitere grosse Gruppe von Ohrerkrankungen sind die chronischen Eiterungen im Mittelohr, die infolge des schleichenden Einsetzens von eitrigem Ohrausfluss, langsamer Gehörsabnahme mit leichten Schmerzen im und um das Ohr von den Betroffenen allzu oft mit unverantwortlicher Gleichgültigkeit hingenomen werden. Diese Fälle sind besonders gefährdet durch das mögliche Auftreten einer plötzlichen lebensbedrohenden Komplikation und gehören unter allen Umständen in die Obhut des Ohrenarztes. Von dieser Gruppe unterscheidet sich jene ebenso grosse der progressiven Schwerhörigkeiten, in welcher wiederum 2 Hauptformen beschrieben werden: die Innenohr- oder Nervenschwerhörigkeit und die Otosklerose oder Schwerhörigkeit bedingt durch Verknöcherungen im Bereich der Gehörsknöchelchen. Diese Gruppe gewinnt für den Autofahrer besonders dadurch an Bedeutung, weil die Schwerhörigkeit sich bald langsamer, bald rascher verschlimmert, wodurch ein Fahrer mit der Zeit in eine Kategorie von Schwerhörigkeit kommen kann, die den Entzug der Fahrbewilligung bedingt. Wenn die Aussichten auch gering sind, bei dieser Art Schwerhörigkeit durch Behandlung den Erkrankungsprozess in seinem Lauf aufzuhalten, so ist anderseits doch hervorzuheben, dass es Fälle gibt, in denen die eine oder andere Behandlungsart Erfolge zeitigt