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E_1935_Zeitung_Nr.070

E_1935_Zeitung_Nr.070

BERN, Freitag, 30. August 1935 Nummer 20 Rp. 31. Jahrgang - N° 70 ERSTE SCHWEIZERISCHE AUTOMOBIL-ZEITUNG Zentralblatt für die schweizerischen Automobil- und Verkehrsinteressen ABONNEMENTS-PREISE: Ausgabe A (ohne Versicherung) halbjährlich Fr. 5.-, jährlich Fr. Ausland mit Portozuschlag, wenn nicht postamtlich abonniert Ausgabe B (mit gew. Unfallversich.) vierteljährlich Fr. 7.50 Ausgabe C (mit Insassenversicherung) vierteljährlich Fr. 7.50 Automobilisten — wehrt Euch! Unter dem Titel « Heraus mit der Wahrheit » haben wir kürzlich auf die der « Litra », schweizerische Liga für rationelle Verkehrswirtschaft, zu Gevatter stehenden Verkehrspölitiker hingewiesen und dabei die Behauptung aufgestellt, dass es sich bei dieser Neuschöpfung um eine einseitige, nur die Bahninteressen schützende Organisation handle. Nachdem letztes Jahr aus dem nämlichen Milieu das inzwischen sang- und klanglos beerdigte «Sofortprogramm zur Sanierung 'des Verkehrs» den erstaunten Parlamentariern unter der Bundeshauskuppel auf das Pult gelegt wurde, erhofft man heute vermittelst einer neuen Eingabe an die eidg. Räte den steckengebliebenen Karren bis zur nächsten Weiche vorschieben zu können. Diese Liga für « rationelle» Verkehrswirtschaft würde sich besser den Namen : Liga für « mittelalterliche » Verkehrswirtschaft zulegen, denn der Inhalt ihrer neuen Kampfschrift « Zur Frage der Benzinzollerhöhung » ist nichts anderes als eine einzige Lobeshymne auf die Eisenbahnen und ein in Dantes Hölleschicken des gesamten Motorfarhrzeugverkehrs. Mit Striegel und Stahlbürste werden den Automobilisten im allgemeinen, dem T.C.S. und A.C.S. im besondern, nach allen Regeln der Kunst die Leviten gelösen. Als Landesverräter, Saboteure am wirtschaftlichen Aufbau, Zertrümmerer des Landeskredites und als verkehrspolitische Querulanten sollen die Besitzer von Personen- oder Lastwagen aufs Schaffot geführt werden — denn allein diese Kreise sind an der Finanzmisere unserer Bahnen und an dem aus dem Gleichgewicht gebrachten Finanzhaushalt der Eidgenossenschaft schuld ! Auf Tausender genau wird vorgerechnet, wieviel der Staat für das Motorfahrzeug leistet und wie viele Millionen dieses infolgedessen der gesamten Volkswirtschaft schuldet. Es gibt nur eine Rezept, um das Schweizervolk vor dem Untergang zu bewahren, nämlich die Verschrotung des gesamten motorisierten Fahrzeugparkes, denn es vermögen die Bundes- und Privatbahnen dem heutigen Verkehrsbedürfnis vollauf zu genügen! Wie hoch das geistige Niveau der «Litra»- Köche zu bewerten ist, und welch sonderbares Elixier in dieser neuen Eisenbahnerküche zusammengebraut wird, geht wohl am deutlichsten aus dem schönen Satz hervor : «Wer es sich aber leisten kann, Luxuswagen mit einem Benzinverbrauch von 27 Liter pro 100 km zu halten, der wird jedenfalls auch die sich aus der Zollerhöhung ergebende Mehrbelastung zu tragen vermögen, sonst benütze er eben die billigere Bahn.» 10— Erscheint jeden Dicnslan und Freitag Wöchentliche Beilage .Antler-Feierabend". Monatlich 1 mal „Gelbe Liste- REDAKTION u. ADMINISTRATION: Breitenrainstr. 97, Bern Telephon 28,222 - Postcheck IIL414 - Telegramm-Adresse: Autorevue, Bern Geschäftsstelle Zürich: Löwenstrasse 51, Telephon 39.743 Diese sonderbaren Erneuerer des- schweizerischen Verkehrswesens haben allem Anschein nach keine Ahnung davon, dass nur der kleinste Prozentsatz unseres Automobilbestandes sich aus hochpferdigen, benzinfressenden Typen rekrutiert, denn die bundesrätliche Benzinzollpolitik und • die Höhe der kantonalen Verkehrsabgaben haben schon längst dafür gesorgt, dass der Ausdehnung des motorisierten Strassenverkehrs kein allzu grosser Spielraum zur Verfügung steht. Wenn sich trotz diesen, bis an die Grenze der Tragbarkeit gehenden Belastungen, das Motorfahrzeug dennoch durchzusetzen vermochte, so geht daraus mit aller Deutlichkeit hervor, wie verfehlt die hohe Politik der Schiene in unserm Land gehandhabt wurde und wird. Keinen Dunst haben diese Verkehrsapostel ferner von den den Motorfahrzeugkonstruktionen zugrunde liegenden Tendenzen, nämlich Motoren herauszubringen, die bei einem minimalen Benzinverbrauch ein relativ hohes Maximum an Leistung abgeben. Wer mit solchen, den Tatsachen widersprechenden Argumenten in den Kampf ziehen will, täte besser, sich vorerst über die heutigen verkehrswirtschaftlichen Entwicklungsrichtungen etwas eingehender aufklären zu lassen. Wie lauter Hohn muss neben den in der- Kampfschrift "eWthärtefaerr Postulaten der Art. 2 def Litrastatuten anmuten, in welchem von einem angemessenen Verkehrsausgleich zwischen den Eisenbahnen und den übrigen Verkehrsmitteln die Rede ist, sowie von einer Anpassung unserer Verkehrswirtschaft an die sich ändernden wirtschaftlichen, technischen, hygienischen und sozialen Tatsachen und Notwendigkeiten ! Aber nicht dieser mittelalterliche Verkehrsgeist kann uns Automobilisten bedrängen, denn das Rad der Zeit lässt sich auch von den gerissensten Volksvertretern nicht um Jahrzehnte zurückdrehen, sondern dass neben alt Bundesrat Haab, aktive Politiker wie die Ständeräte Käser (Schaffhausen), De Weck (Fribourg), sowie Nationalrat Dr. H. Tschumi (Bern) der «Litra» ihre Unterstützung leihen, muss recht nachdenklich stimmen, wird doch damit der gesamte Fragenkomplex der Verkehrsteilung zwischen Schiene und Strasse wiederum auf das politische Geleise geschoben. Die grosse Mehrheit unseres Volkes, die am 5. Mai mit starker Entschiedenheit das Verkehrsteilungsgesetz bachab schickte, gebe sich darüber Rechenschaft, in welcher Art und Weise versucht wird, den klaren Volkswillen ins Gegenzu verdrehen. • (Forts. Seite 2.) Die kantonalen Aufwendungen für das Strassenwesen pro 1933 Die jährlich von der Vereinigung schweizerischer Strassenfachmänner veröffentlichte Zusammenstellung über den kantonalen Strasserihaushalt ist dieses Mal früher als gewöhnlich erschienen und kommt gerade im rechten Augenblick, da von verschiedenen Seiten wieder einmal versucht wird, den Straßenverkehr etwas anzuschwärzen. Die nachstehenden Gegenüberstellungen von Einnahmen und Ausgaben sprechen deutlich genug für sich selbst, ohne dass die Zahlen einen ausführlichen Kommentar benötigen würden. Freilich finden sich bei uns in einigen Wirtschaftskrisen und auch in Behörden und Parlamenten immer wieder Leute, welche diese Zahlen einfach nicht lesen oder verstehen wollen. Sie zeigen aber doch mit aller nur wünschenswerten Deutlichkeit, dass die Mötorfahrzeugbesitzer die grössere Hälfte der Aufwendungen in Form von direkten und indirekten (Benzinzoll) Abgaben übernehmen und damit die Allgemeinheit in bezug auf die Strassenkosten ganz wesentlich entlastet wird, Seit dem vorletzten Berichtsjahre (1932) hat sioh das Verhältnis für alle Kantone noch INSERTIONS-PREIS: Die. achtgespaltene 2 mm hohe Grundzeile oder deren Raum 45 Rp. Grössere Inserate nach Spezialtat-if» • • • Inseratenschluss 4 Tage vor Erscheinen der Nummern Schiene und Strasse. Stilfserjoch-Rennen. Grosser Deutscher Bergpreis. Bremgarten-Kaleidoskop. Das Anlassen des Motors. Ein Trugschluss der Gegner der Weltraumfahrt. Bilder: Seite 6. etwas gebessert, indem für 1933 die Ausgaben um rund eine Million Franken geringer waren, während die Einnahmen um etwas mehr als eine Million zunahmen. Im ganzen, genommen, sind die Hauptposten für Unterhalt, für Verbesserungen und für Neubauten prozentual die gleichen geblieben. Der Umstand, dass mehr als die Hälfte der Gesamtausgaben für Verbesserungen ausgegeben (ohne Rückvergütungen für geleistete Arbeiten und aus Materialerlös.) Beiträge von Gemeinden und Privaten Beiträge aus d. Bundeskasse Beiträge Beiträge ' an die *^ an die Einnahmen Netfoeinnahmen Total Kosten d#s Kosten von aus dem aus Verkehrs» 1933 Kantone Unterhaltes- Strassen- Bnndesbeiträge für 1933 sobliesslich Benzinzoll Ein- sowie von ver- Neubauten besserungen Benzinzoll Fr. Fr. Fr. Fr. Zürich . . . . . . — 460,185 8,364,142 Bern . . . . . . . ' 52,342 477,229 206,704 6,337,663 Luzern 126,964 — 1,744,333 Uri — — 160,000 393,775 Schwyz — v. 101,992 645,267 Obwalden. ..... — ' 2,315 197,696 Nidwaiden . . . . 7,780 15,240 167,732 Glarus — — 1,695 353,145 Zug . . . . . . . — 8,000 329,288 Fribourg 256,553 438,188 Solothurn 194,100 463,120 200,000 Baselstadt — — Baselland 27,3831 542,252 24,264 8,266 Schaffhausen . . . 6,281 9,783 Appenzell A.-Rh. . — — Appenzell I.-Rh.. . 704 3,769 St. Gallen 51,723 147*364 Graubünden. . . . 281,044 — Aargau 228,003 732,578 6,138 51,928 552,363 13,509 400,000 19,750 648,101 762,329 Wir berichten heute Fr. 1,113,877 1,437,153 348,925 196,823 243,766 142,521 86,804 193,336 146,915 398,039 337,130 357,695 243,112 97,231 153,150 40,278 664,096 852,940 727,648 434,429 719,714 1,000,086 477,574 342,920 165,140 über: Einnahmen aus Beiträgen und Verkehrsabgaben. Thurgau . . . . . 19,889 570,113 Tessin . . . . . . Vaud. . . . . . . 36,296 in Kolonne 1,474,624 853,098 2 inbegriffen Valais 53,061 1,312 Neuchätel — 25,931 Geneve.- 603,193 — Fr. 6,790,080 4,164,235 1,268,444 36,952 299,509 52,860 57,908 158,114 174,373 517,493 1,061,737 1,192,510 598,941 •282,859- 150,553 23,496 1,525,351 298,674 1,855,240 1,041,849 .1,403,727 3,751,520 420,338 ,824,072 1,840,209 1,610,273 2,256,167 1,738,479 1,436,952 404,420 303,703 74,385 2,440,462 1,985,021 3,556,978 2,066,280 4,034,361 5,624,454 1,600,386 1,338,131 3,370,871 Einschliesslich Benzinzoll Fr. 8,706,426 6,779,917 1,804,416 399,907 890,012 219,155 151,26* 336,477 327,661 1,370,995 2,033,494 1,742,139 1,375,326 407,892 336,488 71,611 2,497,424 1,916,171 3,826,421 2,394,991 2,954,136 4,551,972 1,899,606 1,171,371 3,330,426 2,278,878 6,327,093 3,055,047 10,921,302 29,791,044 52,374,364 51,487,598 F E U I L L E T O N Die Versuchung des Joos Utenhöven. Von Karl Rosner. (22. Fortsetzung.) Ganz plötzlich kam der alte Herr aus seiner Ferne wieder heim und schien sich suchend nach dem Faden des Gespräches zurückzutasten: «Ja — von Indizien haben wir uns unterhalten — und da möchte ich doch — wenn Ihre Zeit es also so erlaubt — noch etwas sagen — denn schliesslich schleift man sich am besten selbst in einer solchen Aussprache mit einem Partner —. Also: was spricht scheinbar am stärksten für die Schuld des Rave? Sein vor Ihnen verheimlichter Besuch — ich weiss, es waren mehrere Besuche —der Umstand, dass er allein bei der Toten angetroffen wurde — dass er den Wohnungsschlüssel, den er zweifellos besessen hatte, verschwinden lassen wollte. Dann noch die Waffe, durch die die Gestorbene zu Tode kam, und die, wie er auch zugibt, ihm gehörte — auf der zum Ueberflusse Fingerabdrucke seiner Hand erkennbar waren —. Vielleicht auch noch sein Versuch, sich zu erschiessen — Erdrückend, meint Herr Köpke, sagt auch der Schwieger —. Aber das alles — so bündig und geschlossen es auch auf den ersten Anschein wirken mag — kann ich in meinem Denkspiele hinwegwischen mit einem Strich. Denn all das kann auch sein, ohne dass es den Mord durch den Rave bewiese, und alles das lässt auch die Möglichkeit bestehen, dass seine Darstellung der Wahrheit nahe ist —. Verzeihen Sie: hören Sie zu —?» Joos Utenhöven straffte sich. Er nickte heftig. — ja — natürlich, ja er hörte zu. Wie harte Riemen lagen ihm die Muskeln um die Kiefer. Der Herr von Adriani neigte sich ein wenig vor — das Luftkissen unter ihm knirschte leise. An seinen Bügelfalten zupfte er, sprach dann mit müder, ein wenig dozierender Stimme weiter: «Noch einmal also: was spricht gegen ihn? Diese verheimlichten Besuche — was kann man daraus weiter schliessen, als dass er sich bewusst gewesen ist, dass Sie ihn abweisen würden, und dass er sich von Ihrer Frau allein mehr Erfolg versprach? Sein Alleinsein bei der Toten und der Wohnungsschlüssel ^-: Ja — ist der Schlüssel da nicht eher eine Entlastung? Hätte er diesen Schlüssel, dessen Besitz er erst so kopflos-dumm geleugnet hat, den er verschwinden lassen wollte, nicht gehabt — wer hätte ihm dann öffnen können? Doch nur die noch lebendige Frau — und damit wäre es doch unumstösslich klar gewesen, dass sie noch lebte, als er kam — und tot, als das Fräulein, Ihre Sekretärin, dann erschien —. So also sagt der Schlüssel klar: die Möglichkeit, dass sie schon tot war, als er kam, ist nicht erschüttert —» «— und die Pistole —?!» Utenhöven stiess die Frage vor. Ja — die Pistole — und warum soll es nicht wahr sein, was er sagt, dass ihm die Frau die Waffe an dem Tage vor ihrem Tode abgenommen hat —? Die Zeugin Charlotte Peterenz — Ihr Dienstmädchen — sagt doch ganz deutlich aus, dass sie am Tage vor dem Unglück lautes erregtes Sprechen zwischen der Frau und Rave vernommen hätte. Die Waffe blieb also vielleicht tatsächlich damals bei der Frau, und warum soll nicht dann ein anderer, der vor dem Rave dagewesen ist, sie gefunden, an sich genommen — und die Frau damit erschossen haben? Der Rave sagt, dass er die Waffe bei der Toten liegen gesehen und in der ersten Angst, dass man sie als sein Eigentum erkennen werde, an sich genommen habe —» Er hielt nun wieder ein, die Faltenstirne trübe sinnend hochgezogen. Als keine Antwort kam, sagte er noch: «— möglich — möglich, dass es sich so verhalten hat —. So — oder irgendwie derart — mit den Indizien, wie wir sie kennen, kann man hier jede Volte schlagen —» Und wiederum nach einer Pause, während jetzt sein Blick verhangen wissend auf Utenhöven lag und seine Stimme bis zum Flüstern niedersank: «Keiner ist sicher vor Indizien — ja, ja — Sie schütteln Ihren Kopf — keiner: auch ich nicht — auch nicht Sie —» Joos Utenhovens Hand lag um die Tischplatte gekrampft — er wollte sprechen, öffnete die Lippen, dass seine Zähne bleckten — schloss sie wieder —. Ein rauher Laut nur war ihm aus der Kehle vorgebrochen. «Sie lachen —», sagte Herr von Adriani, und seine weinerliche Stimme hatte einen Flor von Trauer und Gekränktheit —, «warum? Lassen Sie mich doch diesen Fall so drehen, das er blinkt —. Nehmen wir an, es wäre irgendeiner — nein! — nehmen wir doch ruhig an, ich wäre in der Zeit, die zwischen Ihrem Weggang aus Ihrer Wohnung