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E_1935_Zeitung_Nr.069

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BERN, Dienstag, 27. August 1935 Nummer 20 Rp. 31.Jahrgang - N» 69 ERSTE SCHWEIZERISCHE AUTOMOBIL-ZEITUNG Zentralblatt für die schweizerischen Automobil- und Verkehrsinteressen ABONNEMENTS-PREISE: ! A (ohne Versicherung) halbjährlich Fr. 5.-, jährlich Fr. 10.— Ausland mit Portozuschlag, wenn nicht postamtlich abonniert Ausgabe B (mit gew. Unfallversich.) vierteljährlich Fr. 7.50 Ausgabe C (mit Insassenversicherung) vierteljährlich Fr. 7.50 Der II. Grosse Preis der Schweiz Rund 40 000 Personen verfolgen trotz regnerischen Wetters mit grösstem Interesse das abwechslungsvolle und temporeiche Rennen. — Ein eindrucksvoller Doppelsieg von Mercedes-Benz durch Caracciola und Fagioli. — Die Auto-Union mit Rosemeyer und Varzi auf den Ehrenplätzen. Neue Rekorde für Gesamt- und Rundenzeit Nach dem glänzenden Verlauf der Rennen vom Samstagnachmittag und Sonntagmorgen wurde das Rennen um den Grossen Preis der Schweiz noch mit um so höherer Spannung erwartet, Wohl noch nie hat die Bundesstadt einen nur annähernd so grossen Zustrom auswärtiger Besucher zu verzeichnen gehabt. Schon eine Stunde vor Rennbeginn glichen ihre Hauptverkehrsadern Pariser oder New-Yorker Avenuen. Drei, vier Reihen breit wälzen sich unabsehbare Autokolonnen dem Bremgarten zu. Obschon in den frühen Nachmittagsstunden noch die Sonne schien, diesmal also nicht die Befürchtung, verregnet zu werden, dazu Arilass gab, war die Tribüne schon eine halbe Stunde vor Rennbeginn bis zum letzten Platz besetzt. Um Viertel nach Eins werden die Wagen auf ihre Startplätze geschoben. Auch der. Bugatti von Earl Howe ist dabei, womit das Gerücht, der Engländer starte wegen des Unfalles nicht, Lügen gestraft ist. Wie bei den beiden vorderen Rennen, waren für die Startaufstellung die Trainingszeiten gebend. mass- Die Startreihenfolge. Stuck Caracciola Varzi (Auto-Union) (Mercedes-Benz) (Auto-Union) Rosemeyer Fagioli (Auto-Union) (Mercedes-Benz-) Dreyfus Nuvolari Lang , (Alfa. Romeo) (Alfa Romeo) (Mercedes-Benz) Chirori von Brauchitsch (Alfa Romeo) (Mercedes-Benz) Etancelin Earl Howe Farina (Maserati) (Bugatti) (Maserati) Brian Lewis Hartmann (Maserati) (Maserati) Barbieri Balestrero Sommer (Alfa Romeo) (Maserati) (Alfa Romeo) Erscheint jeden Dienstag und Freitag •Wöchentliche Beilage „Aütler-Feierabend". Monatlich 1 mal' „Gelbe Liste" REDAKTION u. ADMINISTRATION: Breltenrainstr. 97, Bern Telephon 28.222 - Postcheck, III414 - Telegramm-Adresse: Autorevue, Bern Geschäftsstelle Zürich: Löwenstrasse 51, Telephon 39.743 in blauem Dress, die sportgebräunten Gesichter, und hinter all dem der frischgrüne Bremgartenwald. Es herrscht eine wirkliche Fest- und Feiertagsstimmung. In hellblauem Overall tänzelt Chiron noch vor den Boxen herum, Rosemeyer erscheint in Resedagrün. Wie er lässig-elegant zu seinem Wagen schlendert, als möchte er eine kleine Verdauungsspazierfahrt machen, und wie er im Wagen Platz nimmt, könnte man ihn von weitem für eine zartgliedrige Frau halten. Dabei fehlen nur noch wenige Minuten und die Fahrer begeben sich in einen Kampf auf Leben und Tod. Soeben ist der Wagen mit der roten Flagge von seiner Eröffnungsrunde zurückgekehrt. Wie am Schnürchen gezogen geht alles an seinen Platz. Um einen einwandfreien Start zu ermöglichen, stellt sich Rennleiter Huber vor dem Feld auf und gibt den Fahrern die vereinbarten Vorbereitungszeichen, was ein Wagen nach dem dem andern mit dem Aufbrüllen des Motors beantwortet Wie immer, vergeht die letzte Minute vor dem Start mit Blitzesschnelle. Kaum beobachtet man, dass Nr. 26, Balestrero, Anlassschwierigkeiten hat und seinen Wagen immer wieder vor- und rückwärts schieben lässt. Dann saust die Startflagge nieder, und wie aus dem Rohr geschossen krachen die Ungeheuer los. 10, 6, 4, 12, so viel lässt sich knapp erkennen, dann ist die Spitze verschwunden. 10 ist Caracciola, 6 Varzi, 4 Stuck und 12 Fagioli. Auch der Maserati Balestreros hat sich überreden lassen. Dafür hat Howe einen Fehlstart gemacht und geht als Letzter auf die Reise. Während das Brummen fern im Westen langsam abebnet, steigt die Spannung im t- • 4 Ein prächtiges Bild, die in der Sonne silbern schimmernden Fischleiber der Auto- schicksalsschwere erste Runde für sich ent- Publikum auf Siedehitze. Wer wird die Union- und Mercedes-Benz-Wagen, die knallroten schlanken Renner der italienischen oder gar der junge Rosemeyer? Soviele Nascheiden? Caracciola, Stuck, Varzi, Nuvolari Alfa Romeo-Fahrer, der lichtblaue Alfa von men, soviele Möglichkeiten. Dann, bevor man Sommer, die schneeweiss gekleideten deutschen Mechaniker, das Auto-Union-Personal I In 2 Minuten 50 Sekunden mit einem seinen Ohren traut, heult es im Osten heran. Stundendurchschnitt von 154 km/St, hat Caracciola die Runde, an sich gerissen, ein Ergebnis, das selbst den Trainingsbesuchern den Atem verschlägt. Erst 6% Sekunden später, eine relative Ewigkeit, fegt Varzi vorbei, und hinter diesem, wieder mit einigen Sekunden Abstand, sein Stallgefährte Stuck auf Auto- Union. Höllisch ist das Tempo, das die drei vorlegen. Der Streckenrekord von Momberger ist auf ersten Anhieb zerpulvert. 12, 2, Fagioli auf Mercedes und Rosemeyer auf Auto-Union, preschen als nächste vorüber. Nuvolari, wieder 300 m zurück, erscheint als Sechster, dicht gefolgt von Lang auf Mercedes-Benz. Pause. Dreyfus und Brauchitschj Chiron und Farina und, schon als ausgesprochene Nachzügler, Hartmann, Sommer, Barbieri, Lewis, Howe und schliesslich Balestrero. In der ersten Runde war Caracciola dem Zweiten 6^ Sekunden voraus, in der zweiten sind es schon 9 Sekunden geworden. Den Zweiten macht aber schon diesmal Stuck, der Varzi überholt hat. Bis zum Siebenten ist die Reihenfolge sonst gleich geblieben. Dafür hat sich Brauchitsch vor Dreyfus gesetzt, dem nun seinerseits Chiron auf den Fersen folgt. 'Hartmann und Sommer werden sichtlich abgehängt, schon eine Minute trennt sie vom Leader. Barbieri geht für eine Minute an die Boxe, der letzte, Balestrero, zieht nach \V\ Minuten vorbei. Vier weitere Sekunden Vorsprung, 13 im ganzen, hat Caracciola in der dritten Runde, die er mit nochmals neuer Rekordzeit von 2 Minuten v!8,4 Sekunden durchsaust. Wenn das so weitergeht! Stuck, Varzi, Fagioli, Rosemeyer folgen sich als zusammenhängende Gruppe. Nuvolari liegt in unveränderter Position, auch Lang und Brauchitsch liegen gleich, aber Chiron hat sich Sommer geholt und sucht nun an der Spitzengruppe Anschluss. In diesem Zeitpunkt wird der erste Unfall gemeldet: Etancelin ist in der ersten Runde bei der Eymatt an die Sandsäcke gefahren, zum Glück ohne sich ernstlich zu verletzen, gab aber auf. In seiner vierten Runde ist Caracoiola bereits im Begriff, den Schlussmann des Feldes zu überholen. 16 Sekunden vergehen, bis Stuck erscheint. Varzi ist vom dritten auf den fünften Platz zurückgefallen. Nuvolari hat sich zwar behauptet, aber auch nicht vorgearbeitet.; Dafür sitzt jetzt Brauchitsch vor Lang. Was nach Farina folgt, erfährt keine grosse Beachtung mehr. Hartmann hat wegen Bruch seines dritten Getriebeganges vor der Kiesgrube die Kurve verfehlt, die Strassenböschung gerammt und unverletzt, aufgegeben. Stand des Rennens nach der 5. Runde: 1. Caracciola (Mercedes-Benz) 14:11,3 2. Stuck (Auto-Union) 14:27,8 INSERTIONS-PREIS: Die achtgespaltene 2 mm hohe Grundzeile oder deren Raum 45 Rp. Grössere Inserate nach Spezialtarif. Inscratenscliluss 4 Tane vor Erscheinen dei Nummern Der Sieger des Kleinwagenrennens, R. Seaman, lässt sich als echter englischer Insulaner auch nach seinem Sieg, für •welchen er vom Publikum sehr gefeiert wird, nicht aus der Ruhe bringen. 3. Fagioli (Mercedes-Benz) 14:28,4 4. Rosemeyer (Auto-Union) 14:28,9 5. Varzi (Auto-Union) 14:45,7 Nicht umsonst hatte Varzi Terrain verloren. In seiner 5. Runde fährt er zur Boxe; um in lYi Minute die Bremsen regulieren zu lassen. Nuvolari hat nun schon 41 Sekunden Abstand vom Ersten, doch sonst bleibt sich alles bis und mit Farina gleich. In der sechsten Runde wechseln Stuck und Fagioli Platz, desgleichen Chiron und Lang in der siebenten Runde. — Caracciola hält jetzt einen gleichmässigen Vorsprung von 16—18 Sekunden ein, auch in der achten passiert nichts Besonderes, ausser dass Lewis ebenfalls wegen Sturz in der Eymatt aufgibt. In der neunten Runde fahren Howe und gleich darauf Dreyfus zur Box. Kaum angehalten, sind sie wieder*weg. Doch wo bleibt Chiron? Chiron bleibt aus. Inzwischen wird von Rosemeyer ein neuer Rundenrekord gemeldet. Rosemeyer hat die siebente Runde in 2 Minuten 47,1 Sekunden gefahren, Durchschnitt von 156,84 km/St, entspricht. Stand des Rennens nach der 10. Runde: was einem 1. Caracciola (Mercedes-Benz) 28:08,2 2. Stuck (Auto-Union) 28:28,7 3. Fagioli (Mercedes-Benz) 28:29,5 4. Rosemeyer (Auto-Union) 28:30,8 5. v. Brauchitsch (Mercedes-Benz) 29:22,2 Stuck liegt hier wieder an zweiter Stelle und Brauchitsch hat soeben Nuvolari hinter sich gebracht. Mit Schrecken erkennt man aber, wie bei der Vorbeifahrt des Knäuels Stuck, Fagioli, Rosemeyer ein Pneustück zur Seite fliegt. Von welchem Wagen? In der elften Runde fehlt Stuck. Wirklich fährt er auch gleich darauf zur Box, wechselt in 45 Sekunden die Räder. Der Positionswechsel in der Dreier-Gruppe hat Caracciola nun Die Siegerehrung. Während die deutsche Flagge am Siegesmast hochgeht und die deutsche Nationalhymne wuchtig in die Weite hallt, ist R. Caracciola. der Sieger des Grossen Preises, Gegenstand einer begeisterten Kundgebung und muss einem Massen ansturm von Photographen standhalten. Hinter dem im Sitz seines siegreichen Mercedes-Benz stehenden Fahrers erkennen wir Herrn Direktor Schippert, Vorstandsmitglied der Mercedes-B'enz-Werke und Präsident der internationalen Automobilhandelskammer; auf der rechten Seite des Fahrzeuges steht Korpsführer Hiihnlein, der Führer des deutschen Motorfahrzeug-Sportwesens. Das Lächeln des Siegers. Hier sehen wir Rudi Caracciola, vom Lorbeer bekränzt, glückstrahlend nach. seinem eindrucksvollen und erossartigen Siege,