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E_1935_Zeitung_Nr.075

E_1935_Zeitung_Nr.075

BERN, Dienstag, 17. September 1935 Nummer 20 Rp. 31. Jahrgang - N« 75 ERSTE SCHWEIZERISCHE AUTOMOBIL-ZEITUNG Zentralblatt für die schweizerischen Automobil- und Verkehrsinteressen ABONNEMENTS-PREISE: Ausgabe A (ohne Versicherung) halbjährlich Fr. 5.—, Jährlich Fr. 10.— Ausland mit Portozuschlag, wenn nicht postamtlieh abonniert Ausgabe B (mit gew. Unfallversich.) vierteljährlich Fr. 7.50 • Ausgabe C (mit Insassenversicheruns) vierteljährlich Fr. 7.50 Erscheint jeden Dienstag und Freitag Wöchentliche Beilage .Autler-Felerabend". Monatlich 1 mal „Gelbe UsU" REDAKTION u. ADMINISTRATION: Breitenrainstr. 97, Bern Telephon 28.222 - Postcheck III414 - Telegramm-Adresse: Autorevue, Bern Geschäftsstelle Zürich: Löwenstrasse 51, Telephon 39.743 INSERTIONS-PREIS: Die achtgespaltene 2 mm hohe Grundzeile oder deren Raum 45 Rp. Grössere Inserate nach Spezialtarif. Inseratenschluss 4 Tage vor Eneheinen der Nummern Aus der Mappe des Technikers «Lärm und Gestank». In den Anfangsiahren waren es hauptsächlich zwei Dinge, die dem Automobil das Leben erschwerten: sein Lärm und sein Gestank. Mit dem blinden Eifer und dem Hass von Fanatikern verwiesen die damaligen Automobilgegner auf die Folgen, die eine weitere Verbreitung der Motorfahrzeuge ihrer Meinung nach notgedrungen haben müsste und malten Schreckbilder einer Zukunft an die Wand, auf denen die ganze Welt in Giftwolken und Gerassel unterging. Das Automobil hat seither fast alle seine ursprünglichen Untugenden abgelegt. Obschon es sich in einem Umfang durchgesetzt hat, den wohl selbst seine Widersacher nie für möglich gehalten hätten, ist sein Anteil am Gesamtverkehrslärm ganz bestimmt viel kleiner als der Lärm, den die eisenbereiften Pferdefuhrwerke und die Pferdehufe der guten alten Zeit auf dem damals in grösseren Ortschaften üblichen Kopfsteinpflaster verursachten. Indem das Auto die modernen glatten Strassenbeläge mit sich brachte, trug es bestimmt auch vieles zur Hebung der Volkshygiene bei, so dass die eventuellen, vielfach übertriebenen Schädigungen durch Abgase zum grossen Teil einen Ausgleich erfuhren. Trotzdem sind der «Lärm und Gestank» Die Versuchung des Joos Utenhoven. Von Karl Rosner. (27. Fortsetzung.) Vor einer schlanken Marmorsäule stand Joos Utenhoven, drehte an einer Bronze, die ihm in einer veränderten Stellung den kühnen Schwung ihrer Linien, die Glanzlichter ihrer edlen Patina besser zu zeigen schien: Herkules im Kampf mit dem Nemeischen Löwen: •— eines von meinen Lieblingsstücken, von dem ich mich früher auch niemals trennen wollte —» «— früher —», das Wort stand einsam, still und schwer im Raum zwischen den beiden Männern, zwischen dem sehnig hager gewordenen, zerquälten und dem schmalen, zerbrechlich dürren, der, wie es schien, aus seinem abseitigen Aktenkram hervorgekommen war, um Kunst, zu sehen. Es blieb auch, wie sie weiterschritten und Utenhoven seinem Gaste dabei noch dies und jenes Werk erklärte. Einmal, vor dem Porträt eines Gewappneten, das dem Giovanni Dosso aus Ferrara zugeschrieben war, stand Herr von Adriani zögernd stm, Ein Stäubchen störte ihn auf beliebte Kampfargumente der Autogegner geblieben. Statt, wie es Morgenstern dem « nervösen Menschen auf der Wiese » rät, in « andere Paradiese wegzugehen », möchten diese Leute gleichzeitig die Annehmlichkeiten der Grossstadt ohne ihre Unannehmlichkeiten haben, die Grossstadt mit der erbaulichen Stille eines Friedhofes und der reinen Luft von Alpweiden. Dass sich das eine mit dem andern nicht ohne weiteres kombinieren lässt, geht über ihren beschränkten Horizont Wäre das Urteilsvermögen dieser Kritiker nicht so eng begrenzt, so würden sie erkennen, dass die Technik von sich aus seit jeher mit einem Aufwand, der sie in Erstaunen versetzen könnte, an der Beseitigung der hier in Frage stehenden Untugenden arbeitete. Gerade die Technik hat ja ein eigenes grosses Interesse an der Beseitigung von Lärm und Gestank, bedeutet doch beides Energieverschwendung. Durch ungemein genaue und sorgfältige Bearbeitungsverfahren hat man es dazu gebracht, dass bei modernen Wagen auch das geringste Klapper-, Knack- und Klopfgeräusch unterbleibt. Von den Explosionen des « Explosionsmotors » ist kaum mehr ein leises Brummen am Auspuffrohr übriggeblieben. Das ursprüngliche Geheul und Gekreisch der Getriebe ist auch in den übersetzten Getriebestufen so gut wie vollständig verschwunden. Was die Verpestung der Atmosphäre durch Abgase betrifft, ist zu sagen, dass wohl jedes Hauskamin, jede Lokomotive, jede Fabrikesse mindestens soviel Kohlenoxyd von sich geben wie viele Automobile miteinander. Wem es nur auf den Duft ankommt ,dem sei in Erinnerung gerufen, dass er sich wohl noch nie darum gekümmert hat, wie sein eigener Knaster oder andere seiner parfümösen Emanationen der Mitwelt zusagen. Doch gibt es eben Leute, die ihre Nase besonders in alles hineinstecken müssen. Wenn trotz aller Anstrengungen und Erfolge der Technik die Ruhe des Motorverkehrs lange Zeit noch zu wünschen übrig liess und vielfach auch heute noch zu wünschen übrig lässt, so war und ist daran nicht die Technik selbst, sondern mangelndes Verkehrsverständnis schuld. Bis vor wenig Jahren galt es in fast allen Ländern als. Sünde, vor Strassenkreuzungen oder Strassenbiegungen nicht Signal zu geben. Sei es, indem man dem Fahrer die Betätigung der Hupe in solchen Fällen ausdrücklich vorschrieb, sei es, indem man ihn bestrafte, wenn es sich herausstellte, dass er vor einem Unfall die Hupe nicht bedient hatte, gab man Anlass zu einer Lärmsymphonie, die meistens nicht nur ganz überflüssig, sondern viel gefährlicher war als gar nichts. Dem Pariser Polizeipräfekten Chiappe kommt als unvergängliches Verdienst zu, "vor ungefähr fünf Jahren zum erstenmal dem Hupenlärm den Krieg erklärt zu haben. Von 9 Uhr abends bis 8 Uhr morgens wurde in der französischen Hauptstadt die Abgabe von Hupensignalen ganz einfach verboten. Und siehe da, es ging nicht nur ebenfalls, es ging sogar viel besser, Millionen von Hupenschreien unterblieben mit einem Schlag. Statt dass jeder Fahrer sich mit Gelärm durch den Verkehr durchpflügte, musste er nun in vermehrtem Mass seine geräuschlosen Augen brauchen. Und indem man nachts in vermehrtem Masse die Scheinwerfer als Warnsignale zu Ehren zog, zeigte es sich, dass die Entlastung der Atmosphäre von Luftschwingungen nicht nur den geplagten Grossstadtbewohnern, sondern auch den Fahrern selbst zugute kam. Nach und nach hat das Pariser Beispiel in allen Ländern Schule gemacht. Bei uns war als grosser Fortschritt zu verzeichnen, dass das neue Bundesgesetz über den Verkehr mit Motorfahrzeugen und Fahrrädern statt des früheren allgemeinen Signalabgabezwanges das Verbot der Signalabgabe in allen nicht technisch notwendigen Fällen vorsah. Durch seinem Aermel — er nahm es fort — hob dann den schweren Blick: «Wie man sich doch auch dabei näherkommt —», meinte er sachte. Und dann nach einem kurzen Schweigen: «— ja — und das wollte ich vorhin schon sagen, als noch dieses reizende junge Mädchen —. Also von meinem .genealogischen Fimmel' habe ich Ihnen doch gesprochen, wie Sie mir da letzthin das Vergnügen Ihres Besuches machten — sehen Sie: ich hätte im voraus sagen können, dass ich Ihr Herz — Ihre Vorliebe bei den grossen Italienern der Renaissance finden würde, des frühen Barock —. Franzosen? — ach, was wollten Sie mit den sentimental verspielten, süsslich aufgeputzten Herren: Boucher, Pater, Greuze — ? Mit den gehaltenen, korrekten grossen Repräsentanten aus England ? Die Holländer ? War nicht auch Ihrem Vorfahren, dem Admiral, das brave saubere Holland schon zu eng? — Nichts ist ohne Belang! Und eben hier, bei den Gewaltigsten auf dem weiten Gebiete unserer Kunst musste es ankern — das abenteuerliche Herz des Kampffliegers und Freikorpsführers — des Abkommen von Michiel Adriaanszoon van Utenhoven —. Ist es nicht so —?» Joos Utenhoven suchte nach einem fragenden Lächeln. Beengt, beklommen fühlte er sich bei diesen seltsamen und gewundenen die Initiative automobilistischer Verbände wurden in den letzten Monaten in verschiedenen Schweizerstädten neue besondere Antilärmkampagnen geführt, die wiederum die Unterdrückung des vermeidbaren Hupenlärms zum Hauptzweck hatten. London hat zu Beginn dieses Jahres « Silent Zones », d. h. geräuschlose Zonen eingeführt, in denen überhaupt jede Signalabgabe verboten ist. Am radikalsten aber ist Mussolini vorgegangen, der für ganz Rom, Neapel, Mailand und Turin Tag und Nacht die Abgabe von Hupensignalen verbot. Ueberall hat es sich bisher gezeigt, dass durch die neuen Massnahmen die Unfallgefahr nicht erhöht, sondern eher vermindert wurde. Die Tendenz zum Abstieg der Unfallziffer wird bestimmt noch deutlicher werden, sobald die neue. Ordnung einmal Gewohnheit geworden ist. Vielleicht bringt uns die Funktechnik noch Geräte, mit denen zwei Fahrer sich um die Ecke « anpeilen » und geräuschlos warnen können. Entsprechende Vorversuche sind in Deutschland schon in Gang. Vielleicht lassen sich noch andere Strahlungserscheinungen einmal verkehrssichernd ausnützen. Auf alle Fälle ist schon heute als sicher anzunehmen, dass man einmal mit mitleidigem Lächeln auf die Zeiten zurückblicken wird, in denen noch die Hupe die Strasse regierte, und erst recht wird es dann absurd erscheinen, dass es einmal Leute gab, die dem Automobil lediglich deshalb die Daseinsberechtigung absprechen zu können glaubten, weil es « Lärm und Gestank > erzeuge. Aus unserem Leserkreis Die Einführung des polizeilichen Verkehrsunterrichtes in der Schule. Von einem Verkehrspolizisten, der durch seinen Dienst in einer fliegenden Verkehrspatrouille den Strassenverkehr aus nächster Nähe und Anschauung kennt, erhalten wir die nachstehenden Ausführunzen, die eine weitere Publizität verdienen: Beim Lesen der Zeitungsmeldungen über Verkehrsunfälle und bei der Durchsicht der Statistiken über die Zahl der Unfälle im Strassenverkehr ist der Leser — sofern nicht selber Motorfahrzeugführer — sofort bereit, mit mehr oder weniger gehässigen Worten über die Fahrzeuglenker loszuziehen. Für ihn steht fest, dass unbeherrschte Fahrweise, zu schnelles Fahren, ungenügende Rücksichtnahme auf andere Strassenbenützer, mit einem Wort, der Fahrzeugführer, für die stete Zunahme der Strassenver- Reden. Er hatte wieder das misstrauende Empfinden, das alles sei zweideutig und mit dunklen Absichten gesprochen und steuere auf irgendwelche unsichtigen Ziele zu. Er sagte endlich, da der Herr von Adriani noch immer schwieg und ihn mit seinen ausgeblassten Augen hielt: «— ja — etwas mag an all dem sein — jedenfalls geben mir die grossen Italiener mehr als etwa —» «Tatmenschen —!» meinte jetzt der Doktor Adriani weinerlich und leise — «Menschen, die Blut und die noch ursprüngliche Leidenschaften in sich tragen — die die Liebe kennen und den Hass, die glühend heiss sind oder tödlich kalt —» Ein Drang, dieses Gespräch von sich zu schütteln, war in Utenhoven. Mit zwei, drei Schritten setzte er sich ab von seinem Gaste, stand jetzt vor dem Madonnentorso des Ghiberti — Warm und durchhaucht von einem zarten Leben atmete der Marmor vor dem Hintergrund aus rotem Samt. «— die soll auf ihrem Grabe stehen —», sagte er. Und dieser Graue, der wieder zu ihm getreten war und, still geworden, lange aus den matten Augen auf das Bildwerk gestarrt hatte: «— gewiss — ich weiss: Sie haben sie geliebt — nur so, aus Ihrer grossen liebe ist das alles zu verstehen —», Wir berichten heute über: Querschnitt. Zollerhöhung und eidg. Neuwahlen von 1935. Die Autocamionale von Genua in das Po-Tal. Luftphotographie. « Hirtenknaben Justiz ». Ein Sportwagen mit Dieselmotor. Die «Charakteristik» des Einspritzyorganges beim Fahrzeugdieselmotor. Bilder: Seite 8. kehrsunfälle einzig verantwortlich ist. Wiedereinführung der Höchstgeschwindigkeiten, schwierigere Fahrprüfungen, polizeilich strengere Massnahmen, Entzug der Führerausweise werden — ob zu recht oder unrecht sei hier nicht untersucht — verlangt. Von der weitaus zahlreichsten Kategorie der Strassenbenützer, den Fussgängern und deren sehr oft äusserst undiszipliniertem Verhalten im Strassenverkehr, ist in der Tagespresse im Zusammenhang mit den Verkehrsunfällen höchstens in den Polizeiberichten etwas zu lesen. Dem gegenüber steht fest, dass ungefähr 50% aller Verkehrsunfälle im Stadtverkehr auf Unvorsichtigkeit von Fussgängern zurückzuführen sind. Wenn der Fahrzeugführer einen Unfall verursacht, wird er zur Anzeige gebracht und gerichtlich bestraft. Anders ist es bei den Fussgängern. Hier fehlen die gesetzlichen Grundlagen, die zu einer Verurteilung notwendig sind. Das MGF schreibt dem Fussgänger allerdings in Art. 35 vor, dass er die Fahrbahn vorsichtig zu überschreiten habe. Wenn er sich jedoch einer Widerhandlung gegen diesen Artikel schuldig macht, d.h. wenn er z.B. die Fahrbahn unvorsichtig überquert und dadurch einen Verkehrsunfall verursacht, kann er strafrechtlich nicht zur Verantwortung gezogen werden, da dieser Artikel nicht unter Strafsanktion steht. Man muss sich allerdings fragen, zu was der Gesetzgeber diesen Artikel aufstellte, wenn Zuwiderhandelnde nicht bestraft werden können. Viele Fussgänger benehmen sich aus lauter Unkenntnis der Verkehrsvorschriften auf der Strasse unkorrekt. Der Motorfahrzeugführer muss sich an einer Prüfung theoretisch und praktisch darüber ausweisen, dass In seinen Knien fühlte Utenhoven plötzlich eine leise Schwäche — Er blickte immer noch geradeaus auf den Marmor des Lorenzo Ghiberti und sah doch nur ein leise zitterndes Verschwimmen von zart belebten Formen — «— nur so, aus Ihrer grossen Liebe ist das alles zu verstehen —.» Das klang und schwang vor seinem Ohr. Hatte-das einer neben ihm gesagt —? Sah einer ihm in seine Brust —? Der Graue neben ihm ? Er wandte seinen Blick ihm zu, traf in die, matten Augen, die ernst, tot wie altes Blei und wartend — wartend auf ihm lagen — —• rang, wie er ihn so sah, im gleichen Herzschlag unvermittelt wieder mit der Frage: — ich kenne ihn ja doch! — woher? — so wie er jetzt hier steht, habe ich ihn doch schon gesehen — wo nur ? — wo ? — fuhr haschend hoch mit seiner Hand, fühlte, gleich einer anflutenden Welle, Erkenntnis, Licht und Wissen greifbar nahe — und spürte sie im selben Augenblick wieder ins Nichts verbranden und versinken — Er fand es nicht —. Vorbei — Gewaltsam riss er sich zusammen: Was wollte der von ihm?! Und zugleich fühlte er, wie seine Anwandlung von Schwäche wieder schwand, wusste er, dass er sie noch einmal niederringen