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E_1935_Zeitung_Nr.075

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10 AUTOMOBIL-REVUE

10 AUTOMOBIL-REVUE 1935 - No 75 lastungsänderungen nur wenig aus, diese Motoren sind ausgesprochen stabil. Ausschlaggebend für die Verschiedenheit ist in den meisten Fällen die Fördercharakteristik der Einspritzpumpe. Bei jeder Einspritzpumpe nimmt zwar, absolut betrachtet, die geförderte Brennstoffmenge zu, wenn die Tourenzahl ansteigt. Betrachtet man aber die Förderleistung pro Pumpenhub, so lassen sich bedeutungsvolle Unterschiede erkennen. Bei gewissen Pumpensystemen bewirkt eine Tourenzahlsteigerung gleichzeitig auch eine Erhöhung des volumetrischen Pumpengrades. Eine solche Pumpe fördert also verhältnismässig, d. h. pro Pumpenhub, mehr Brennstoff, wenn sie schnell, als wenn sie langsam läuft. Die Pumpe hat eine « steigende Fördercharakteristik ». Bei andern Pumpen dagegen nimmt bei zunehmender Antriebstourenzahl die geförderte Menge verhältnismässig, also wiederum pro Pumpenhub betrachtet, ab. Man spricht in diesem Fall von einer Pumpe mit abfallender Fördercharakteristik. Vom Anstieg oder Abfall der Fördercharakteristik hängt es nun ab, ob der Lauf des Motors labil oder stabil ist. Ist der Motor mit einer Pumpe versehen, die eine steigende Fördercharakteristik aufweist, so erhält er bei höherer Tourenzahl verhältnismässig zu viel, bei niedriger Tourenzahl verhältnismässig zu wenig Brennstoff. Er wird entweder also durchzubrennen oder abzustehen versuchen, wenn nicht der Fahrer oder ein Regulator dem entgegenwirken. Ein Motor dagegen, dessen Pumpe eine abfallende Fördercharakteristik aufweist, erhält bei Zunahme der Tourenzahl verhältnismässig weniger und bei Abnahme der Tourenzahl verhältnismässig mehr Brennstoff. Er regelt seine Drehzahl innert gewisser Grenzen von selbst. Eine Möglichkeit, um ein Einspritzsystem mit ansteigender Fördercharakteristik in ein solches mit geradlinig verlaufender oder abfallender Fördercharakteristik umzuwandeln, ist die, dass man auf der Druckseite der Pumpen Ueberdruckventile oder feine Oeffnungen vorsieht, durch welche ein Teil des geförderten Brennstoffes wieder auf die Ansaugseiten der Pumpen zurückströmen kann. Bei einer anderen Anordnung ist das Regelorgan der Einspritzpumpe nicht mehr direkt mit dem Bedienungspedal des Wagenlenkers verbunden, sondern an einem Kolben eines Servozylinders angeschlossen, der seinerseits mit dem Luftsaugrohr des Motors in AUSTIN und sind unverwüstlich. Mitfahrt zum Pariser Salon Bewährter Herrenfahrer sucht für seinen Wagen zwei oder drei Mitfahrer gegen massig. Spesenzuschuss. Fachkund. Führung durch den Salon. Zuschriften unt. Chiffre 15081 an die Automobil-Revue, Bern. 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Nimmt die Motorendrehzahl durch Abnahme der Belastung zu, so nimmt auch' der Unterdruck zu und bewirkt über den Servokolben oder die Servomembran eine Verminderung der Pumpenförderleistung. Sinkt die Drehzahl und deshalb auch der Unterdruck, so stellt der Servoapparat die Pumpe wieder auf etwas höhere Förderleistung ein. Schliesst der Fahrer die Klappe, indem er das Pedal ganz loslässt, so hat der rasch ansteigende Unterdruck ein Abstellen der Pumpenleistung zur Folge, bis im Bereich der Leerlauftourenzahl wieder ein Ausgleich stattfindet. -s. Terfan Diverses Billig zu verkaufen Frage 9494. Schlauchdichtungsmittel «Autosan». Welcher Leser, ist in der Lage, mir über die Wirkung des Schlauchdichtungsmittels «Autosan» aus eigener Praxis Erfahrungen mitzuteilen? Ist die Dichtungswirkung zuverlässig und trocknet das Präparat mit der Zeit nicht ein? A. R. B. Frage 9525. Soll man beim Bremsen auskuppeln? Wie kann ein Wagen rascher und sicherer zum Stillstand gebracht werden, indem man nur bremst und erst kurz vor dem endgültigen Anhalten auskuppelt, oder indem man schon von Anfang an auch das Kupplungspedal niederdrückt? M. S. in Z. Antwort: Der Kürzeste Bremsweg ist durch die Reibungsverhältnisse zwischen Rad und Fahrbahn bedingt. Wenn bei hohen Geschwindigkeiten scharf gebremst wird, haben zwar die Bremsen auch die Rotationsenergie der umlaufenden Triebe werks- und Motorteile zu vernichten. Die Reibung zwischen Fahrbahn und Rad wird hierfür jedoch nicht in Anspruch genommen, sondern die Rotationsenergie wird schon in den Bremsen selbst vernichtet. Allerdings wird die vom Fahrer auf den Bremshebel auszuübende Kraft dann entsprechend der zu vernichtenden Rotationsenergie grösser und der Verschleiss der Bremsen ebenfalls entsprechend höher sein. Wenn hingegen die Bremsen nicht in Ordnung (z. B. verölt) sind, ist das Nichtauskuppeln falsch, denn dann sind von den Bremsen zunächst die umlaufenden Massen abzubremsen, und nur der Rest der von den Bremsbacken ausgeübten Kraft bleibt für das Abbremsen des Wagens zur Verfügung, so dass die Bodenreibung nicht voll für die Verzögerung des Wagens ausgenutzt werden kann. Man tut also gut, bei Schnellbremsung immer aus-' zukuppeln. Anders dagen beim. Bremsen mit normale* Verzögerung". Hier wirkt der Motor durch Die Firma Amalgamated Carburetters Limited, Birmingham (Grossbritannien), Inhaberin der Schweizer Patente Nr. 149 517 vom 14. Dezember 1929, betr.: « Vergaser für Verbrennungskraftmaschinen », und Nr. 150080 vom 16. Oktober 1929, betr.: « Karburator für Verbrennungskraftmaschinen >, wünscht zwecks Ausübung dieser Patente in der Schweiz mit Interessenten in Verbindung zu treten. 69300 Offerten sind zu richten an Fritz Isler, Patentanwaltsbureau, Zürich I, Usteristrasse 5. Neuer Laufkranen Splcher £. 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Bern, Dienstag, 17. Sept. 1935 III. Blatt der „Automobil-Revue" No. 75 TJlwichatküste ~ Wläxcheatecfiaik Von Walther Allerhand.' Langsam "gleitet, wie ein Filmband, die kaukasische Küste an unserer «Armenia» vorbei. Tagelang, nächtelang, manchmal näher, manchmal in die Ferne gerückt. Im Kielwasser des Schiffes zucken opalisierende Quallen, Delphine schnellen hinter dem Schiff aus der Flut, die rote Fahne auf Bug nnd Heck knattert im Wind. Das Deck des Schiffes aber gleicht der Palette eines Malers. Ein buntes Gewimmel, ein dumpfes Gemurmel, unheimliche Gestalten, verwegene Trachten, primitive Urlaute wie aus Kindheitstagen der Menschheit: die Völker Kaukasiens. Armenier, in jedem Zug tmd jeder Bewegung mit der Verschlagenheit ihres Stammes gekennzeichnet, Georgier, die das Heiter-Hoheitsvolle ihrer grossen Vergangenheit bewahrt haben, wild verwilderte Tscherkessen und viel zigeunerhaft dunkles Volk, unheimlich rasch und verblüffend .in seinen Bewegungen, und schläfrig träumerisches Asiatenblut Ein toller Völkerjahrmarkt, lagern sie, Bündel und hölzerne Koffer als Kissen, unter der sengenden Sonne, unter den kalten Sternen, essen, schlafen, schlafen, essen. Singen manchmal alte, georgische Freiheitslieder in das Knattern der roten Fahne auf Bug und Heck. Liegen lang gestreckt auf den harten Planken des Decks, oder nachts zusammengehäufelt, Schutz suchend vor dem heulenden Wind, hinter den Rettungsbooten. Manchmal richtet einer der Fremden sein Opernglas auf den Küstensaum, der bald fern und verlockend wie eine Fata Morgana, bald in plastisch greifbarer Nähe vorüberschaukelt. Eine Landschaft, die zur Andacht zwingt. Nicht mehr die Jauchzende Bewunderung, mit der man die Krim begrüsste. Die Schönheit wich der Erhabenheit, der Liebreiz hat der Grosse Platz gemacht, in der Krim das Frohe, Freudige, hier die andachtsvolle Stille gross^r, harmonischer Linien, ewig rauschendes Meer, ewig schweigende Berge. Wieder der prangende Reichtum der Erde, aber von ganz anderer Art: das Verspielte, Duftige, Bunte, Kindliche, Sinnliche südlicher Flora ist nicht mehr, sondern der schwere Reichtum, die zähe Kraft unverbrauchter Erde. Der schmeichelnd weibhafte Zug der Krim ist der männlich wuchtigen, masslos kraftvollen Landschaft Kaukasiens gewichen. Nicht mehr das heitere Beieinandersiedeln, die freundliche Nachbarlichkeit von Städtchen zu Städtchen, einsam und gross ist die Küste Kaukasiens, der Strand der Argonauten, stundenlang säumen unberührte Wiesen und nie betretene, waldüberladene Berge die Küste, Bergzug hinter Bergzug, einer den andern überragend, und alle gleich schwarz von der Schwere der Wälder, eine phantastische Kulissenlandschaft Selten ein einsames Haus aus braunen Stämmen, eine unberührte, verzauberte Küste, zu einsam, zu schwer und zu fernab für den Menschen. Dann und wann in dieser Einsamkeit, leuchtend mit goldenen Kuppeln, das verfallende Kloster einstiger Athosmönche. lichkeit, in Russland von einem Amerikanismus zu sprechen, und das ist die Besonderheit, die der russische Neuaufbau vor anderen Werken dieser Art hat: dass er unmittelbar zum Gefühl spricht, weil er eine gefühlsmässige Schöpfung darstellt. Man sieht ihm das Masslose, Unverhältnismässige, Unkaufmännische an, man fühlt, in diesen Werken kalter Technik die Wärme menschlicher Begeisterung, an dieser Nüchternheit den Rausch überschäumender Seelen, in sachlichen Eisenbetonbau die Fieberphantasie des Dosto- Und nur da und dort, besonders wo ein jewskijhirnes. Ich bin nicht Fachmann, aber Schienenstrang die Wald- und Bergwildnis ich kann gerne glauben, dass diese Maschinen Kaukasiens überschneidend die Niederungen aus Frankreich, Amerika, England in Russland gar nicht am Platze sind, dass man sie am Kaspischen Meer mit dem Schwarzen Meer verbindet, hat eine grössere Stadt sich kaufte, wie das British Museum die Altertümer Athens, als Schauobjekt, dass diese entwickelt, frisst wie ein schwärendes Geschwür an dieser reinen Landschaft Maschinen für die Phantasie des noch naturbenachbarten Volkes eine viel grössere Rolle In solchen Städten legt die «Armenia» an. spielen als für dessen Volkswirtschaft. Vielleicht wäre Russland schon viel weiter, wenn Da ist eines Abends Noworossijsk. Und nicht die langsam anwellenden kaukasischen Berge in der Ferne waren es, die mir die alten Berechnung und weniger vom Schwärmeri- sein technisches Schaffen mehr von kühler Bylinenhelden in den Sinn riefen, die sich schen-, Träumerischen, Phantastischen be- rühmten, sie könnten den Erdball aus den Achsen heben, wenn sie nur den richtigen Stützpunkt fänden. Nein, Noworossijsk selbst, die Stadt gab mir diese Erinnerung, diese Stadt ohne Vergangenheit, aber voll Zukunft, diese versteinerte Manifestation masslosen Aufbauwillens, dieses in magischer Lichtflut erstrählende Denkmal neurussischer Gigantomanie. Gewiss, auch Amerika liebt Zahlen und Superlative, auch Amerika setzt seinen Ehrgeiz darein, das höchste Haus, die längste Brücke, Walther Allerhands ausgezeichnetem Buche «Russland aus der Nähe» entnehmen wir mit freundlicher Erlaubnis des Verlages Julius Kittls Nachfolger, Mähr.-Ostrau, das nachfolgende Kapitel. die breiteste Strasse und das schnellste Schiff zu haben. Aber die Zahlen sind berechnet und die Superlative tragen Money und der Ehrgeiz ist rentabel, es sind sehr kaufmännische Grossen, all diese Rekorde der Neuen Welt. Die russische Gigantomanie, dieses Gefühl wird man nicht los, ist nicht krämerhaft bei aller Grosse, nicht kaufmännisch, ist unberechnet und unberechenbar, das ist etwas Triebhaftes, das ist die weite, unbändige rus- Die Sonne sinkt, die Blätter fallen. Schon lichtet sich der Strauch. Und durch des Waldes düstre Hallen Schleicht dumpfer Todeshauch. Ein Hirte zieht mit seiner Habe Dem Stoppelfeld entlang. — Ein Vöglein spendet letzte Gabe: Scheu leisen Liederklang. In eines Windspiels Wirbelkreise Ein buntes Blatt entflieht. — In meinem Herzen klinget leise Aus ferner Zeit ein Lied. ZC&dst Von Peter Bratschi.' Traktor, aber Ehrfurcht ist kein Mittel gegen den Rost Zwischen den heutigen russischen Arbeiter und seine Maschine drängt sich noch ein gut Stück Mythologie und Phantastik, ein ganz eigentümlich idealistisches Verhältnis zum Materiellen und erst allmählich wächst in den technischen Schulen von Moskau, im technologischen Abendkurs im Gemeinschaftshaus ein Geschlecht heran, das allgemach ein sachliches Technik findet. Verhältnis zur Hier ist Technik noch ein schönes Märchen und die Maschine ein imponierendes Fabeltier. Deshalb wissen ausländische Fachleute über die russische Industrialisierung so JL Ich habe manch frohe Stunde gezählt; Ich habe geliebt — und mich gequält. Ich habe geackert; ich habe gesät. —i Der Wind hat meine Spur verweht. Ich habe gehofft; ich habe geglaubt. — Die Felder stehn kahl, die Bäume entlaubt. —> Sei ruhig mein Herz! Ich hab's ja gewusst: Das Leben ist Wandel, ist Weinen und Lust. Mit freundlicher Erlaubnis des Verlages entnehmen wir diese Gedichte dem Bändchen «Fahrt», das wir an anderer Stelle dieser Nummer besprochen haben. siehe Natur, die wilde Phantastik eines Steppenvolkes, ein Sich-Berauschen am Schaffen und an Geschaffenem, abseits allem Verstandesmässigen, hohnlachend jeder Berechnung. «Ueberspannt, unzweckmässig, unrationell» sagen die Fachleute. Sie müssen es wissen, ich kann es mir denken, ich weiss es nicht. Und auch der kleine Junge weiss es nicht, der mich in Noworossijsk zu dem gigantischen Getreideelevator schleppt. Er weiss nur — und ist fürchterlich stolz darauf — dass es der grösste Getreideelevator der Welt ist und dass es «unser» ist. «Unser Getreideelevator!» Das spricht er mit einer Inbrunst, wie ein Junge bei uns etwa sagt: «Mein Teddybär 1» Das verbietet uns, trotz scheinbarer Aehn- stimmt wäre. Bacchanale in Eisenbeton kosten Geld und Zeit. Und sind ganz unamerikanisch, sind ganz russisch. Einmal kommt sicher die Zeit, da wird Russland in den viel zu grossen Anzug hineinwachsen, langsam wird es den Wolkenkratzer der Industrie in Charkow ausfüllen, allgemach wird es lernen, wie man es macht, aus den Maschinen herauszuholen, was herauszuholen ist Aber der russische Bauer, der gestern noch sein Pferdchen umhalste, ihm die Nüstern küsste, sein Leid klagte, ist nicht am nächsten Tag ein fertiger Traiktorenführer, der mit der gleichen Liebe, mit der er das Pferdchen gestriegelt, nun mit Putzwolle die Kolbenstange blank hält. Er hat eine phantastische Bewunderung .und Ehrfurcht vor diesem wenig Günstiges zu berichten. Und desahlb wirken diese technischen Errungenschaften, die in jedem andern Lande gefühlsmässig kalt lassen, hier in Russland auf den Beschauer packend und einprägsam. Diese Eisenkonstruktionen sind Ausdruck einer Weltanschauung, hier hat das Seelische das Sachliche geformt So auch hier in Noworossijsk, das eine ganz moderne Stadt ist, scheinbar ganz sachlich, ganz rechtwinklig, breit, hygienisch, sauber, funkelnagelneu wie aus dem Ei gepellt — und doch magisch und verwirrend in seiner Wirkung, seiner Einheitlichkeit und Grosse. Wie man anderwärts ein Haus baut und ein zweites und so die Stadt natürlichem, jahrzehntelangem Wachstum überlässt so hat man hier, ergriffen von der Gigantomanie, eine ganze Stadt erbaut Rom baute man nicht an einem Tag; aber Noworossijsk, aber Dnjeprogress, aber Stalingrad, aber Charkow. In Städten, denen man Zeit zum Wachstum, Hess, lagern die Stile dieser Zeiten nebeneinander, hier, in Noworossijsk, ist alles wie aus einem Guss, alles wie vom gleichen Tage, alles aus dem gleichen, ins überströmende gerichteten Geist geboren, Riesenfassade neben Riesenfassade, strasseniang, in eine blendende Fülle von Licht getaucht, ein Arbeiterklubhaus auf riesenhaft dimensioniertem Platz, ein Bau wie das Opernhaus einer Weltstadt. Bestimmt sehr unwirtschaftlich und überflüssig, aber ein faustischer Plan, eine echte Bylinentat. Lang schon "hat unser Schiff den mächtigen Hafen, in dem zwanzig Ozeandampfer zugleich vor Anker gehen können, verlassen, noch immer liegt der mitternächtige Himmel taghaft erhellt über Noworossijsk. Menschenstadt — Niemandsland. So liegt es nebeneinander. in Kaukasien. Wieder die unberührte Märchenküste in der Ferne, wieder der Bann und die Stille unermesslicher Wälder. Wieder Berge und Triften am Meer. Einmal, bei Morgengrauen, Tuapsee, wo die Bahn vom Land hinter den Bergen, von Armawir, herüberkommt. Hölzerne Häuser, ganz in Wiese und Wald, merkwürdig schroff gehügeltes Vorgebirge und dahinter der mächtige Zug der kaukasischen Berge. Kurz vor Sotschi die Klimascheide. Seltsam jäh wandelt sich das Bild der unberührten Küste. Der schwere, kaum betretene, nie gerodete Urwald zieht sich auf die Berge zurück. Der Ufersaum aber wandelt sich aus Wald- und Wiesenland zur Palmenküste, das zarte Grün der Teeplantagen deckt die Hügel Abchasiens, aus tropischen Gärten wachsen die Riesenpaläste neuer Erholungsheime. Und eines Mittags ist auch Gagry erreicht, das seine weissen Villen über die steilen Laubwaldhänge streut WesfuM hat das JCatnei einen 2Cackex, Die Antwort der Koralle, der wir diese Zeilen entnehmen, auf diese immerhin nicht alltägliche Frage lautet: Wahrscheinlich, weil es ein richtiges Kamel ist Sonst würde es sich diesen für Wüstenreisende allzu bequemen Sattel abschaffen. Aber Scherz beiseite : der Höcker auf dem Rücken des Kamels muss einen für das Leben dieses Tieres wichtigen Zweck erfüllen. Es sei denn, dass der Mensch diesen Höcker auf dem Rücken des Kamels «herangezüchtet» hat. Aehnlich wie er Hunderassen und Hundekarikaturen züchtet Es wäre denkbar, dass die Wüstensöhne irgend einmal entdeckt haben, wieviel angenehmer es sich auf dem Rücken eines behöckerten Kamels reitet. Diese Erkenntnis könnte zu einer Bevorzugung solcher Kamele geführt haben, und schliesslich zu ihrer planmässigen Zucht Eine Theorie, aber auch nicht mehr. Sie lässt sich leicht widerlegen: auch wilde Kamele haben den « bequemen > Höcker, und ausserdem brauchen ihn die Kamele dringend. Aber wozu? Fragen wir uns erst mal, woraus der Höcker überhaupt besteht. Und da ist zunächst einmal festzustellen, dass das Kamel eine völlig gerade Wirbelsäule hat Ein t Buckel» ist der Höcker also nicht Er besteht nur aus ganz normalem Fettgewebe. Fett aber — das wissen wir schon — ist beim gesunden Körper ein Notgroschen, den er sich für schlechte Zeiten oder für Krankheitsfälle zurücklegt Das Kamel ist ein Pflanzenfresser. Pflanzen sind in der Wüste selten. Dass es als Wüstentier infolgedessen oft schlechte Zeiten durchmacht, ist also nicht weiter verwunderlich. Es schleppt deshalb seine Nahrung einfach «auf Vorrat» mit herum. Als Vorrat in Form von Speicher- Fett. Geht es dem Kamel gut, dann setzt es tüchtig Fett an. Der Höcker wird prall* und gross und nimmt mindestens ein Viertel des Rückens ein. Die Tatsache, dass der Höcker des Kamels in der Regenzeit am schnellsten wächst, hat zu der oft gehörten Laienansicht geführt das Kamel speichere in seinem Höcker... Wasser auf. In Wirklichkeit findet das Kamel während der Regenwochen nur reichliches Futter, so dass es seinen Vorratsspeicher dann schneller auffüllen kann. Der Zweck des Höckers wäre damit, erklärt. Nicht aber die Frage, warum es.gerade ein «Höcker» sein muss. Das Fett könnte auch gleichmässig über den ganzen Körper verteilt sein. Aber denken wir doch einmal an die Trägheit, Unbeweglichkeit und Gleichgültigkeit fetter Haustiere ! Das Fett ist ihnen überall zur Last Für das wildlebende Tier wäre diese Unbeweglichkeit eine grosse Gefahr. Besonders für das Kamel. Sein Fettvorrat ist deshalb so gespeichert, dass dem Tier seine Schlankheit, Zähigkeit und Beweglichkeit voll erhalten bleiben. Er ist dort angebracht, wo das Kamel ihn bei seinen weiten Wüstenwanderungen am bequemsten zu tragen vermag: auf dem Rücken. Weshalb also hat das Kamel einen Höcker? Nicht weil es einen grossen Fettvorrat braucht, sondern weil es trotz des erforderlichen grossen Fettvorrates äusserst beweglich bleiben muss. THURG. ELEKTRO-FACH-AUFTEILUNG UCHTWOCHE 19.JEPT.BI5 6.OKT.1955 ^l«^isn^PE.N^g