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E_1935_Zeitung_Nr.074

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BERN, Freitag, 13. September 1935 Gelbe Liste Nummer 20 Rp. 31. Jahrgang - N° 74 ERSTE SCHWEIZERISCHE AUTOMOBIL-ZEITUNG Zentralblatt für die schweizerischen Automobil- und Verkehrsinteressen ABONNEMENTS-PREISE: AOtgaJbe A (ohne Versicherung) halbjahrlich Fr. 5.-, jährlich Fr. Ausland mit Portozuschlag, wenn nicht postamtlich abonniert : Ausgabe B (mit gew. Unfallversich.) vierteljährlich Fr. 7.50 Atisgabe C (mit Insassenversicherung) vierteljährlich Fr. 7.50 Lasst Zahlen sprechen! Als am Schlüsse der Junisession der eidgenössischen Räte schüchtern vom hohen Bundesrat Aufschluss über, den Stand der Vorarheiten für das Finanzprogramm II verlangt wurde, hüllte sich unsere oberste Landesbefiörde in eisiges Schweigen. Sobald jedoch National- und Ständeräte in ihren heimatlichen Penaten anlangten, erfuhr am 25. Juni der Zollansatz auf Benzin in diktatorischer Art und Weise eine Erhöhung von 20 auf 28, derjenige auf Rohöl eine solche von 3 auf 16 Franken. In der Folge ist nicht nur dieser erneute Beutezug auf die Taschen der motorisierten Brennstoffkonsumenten von den direkt Betroffenen mit aller Entschiedenheit zurückgewiesen worden, sondern es hat die bundesrätliche Taktik im ganzen Lande herum etwelches Kopfschütteln verursacht. Zwar hat Bundespräsident Minger anlässlich seiner 1. Augustrede auf dem Berner Münsterplatz die Bemerkung fallen lassen: Nach den Zeitungsberichten zu schliessen, herrsche im Lande wegen der Benzin- und Zuckerzollerhöhung eine böse Stimmung; tatsächlich aber bemerke man im Volk von all dieser Aufregung nichts! - Mit diesem Ausspruch hat der oberste Regierungschef der Eidgenossenschaft allerdings der allgemein im Gesamtbundesrat herrschenden Auffassung 'über "dessen «weitsichtige» Finanzpolitik Ausdruck verliehen, dagegen aber kaum Zeugnis von enger Verbundenheit zwischen oberster Landesbehörde und dem Schweizervolk abgelegt. Sollte Bundesrat Minger vor allem die Ansicht der Bauernsame dieser Ausführung zugrundegelegt haben, so verwundert seine Stellungnahme in keiner Weise, ist doch Prof. Laur seit jeher als eifriger Befürworter einer den Automobilismus vernichtenden Benzinzollbelastung aufgetreten. Wir erlauben jedoch, in aller Bescheidenheit- darauf hinzuweisen, dass Ende September 1934 unser Land 125 249 Motorfahrzeuge zählte, deren Besitzer, ohne Berücksichtigung der Tausende in der Automobilwirtschaft Beschäftigten, doch sicherlich auch noch zum Schweizervolk gezählt zu werden verdienen. Keineswegs ist es speziell das Vorgehen des Bundesrates bei der Zollerhöhung, das kritisiert wird, sondern in erster Linie die nicht zu verleugnende Tatsache, dass der heutige Bruttozollansatz von Fr. 32.20 nicht weniger als 322 % des Benzinwarenwertes ausmacht. Es heisst, die Diskussion auf ein F E U I L L E T O N Die Versuchung des Joos Utenhoven. Von Karl Rosner. (26. Fortsetzung.) Blicklos, mit hastig schlagenden Lidern, sah er an ihr vorbei ins Weite. Ganz heftig fühlte er das Schlagen seines Herzens. Und irgendwo war es ihm jetzt, als hätte er es doch in all der Zeit geahnt, gewusst, dass zwischen dem und ihm trotz allem noch etwas zur Auseinandersetzung kommen musste *— dass er ihn noch einmal sehen werde — Jetzt war er da — Noch immer stand das Fräulein Lissy Erler vor dem schmalen, hellen Viereck der halboffenen Tür. «— Doktor Marane draussen — ?» Sie war voll Eifer: nein, der wäre doch heute im Kupferstichkabinett und wollte sehen, ob er nicht einen Stich zu dem kleinen Veronese fände — Da nickte er, sagte: «—ja — richtig — ja, er hat es mir gesagt —.» Wollte schon nach dem Drehknopfe der Schreibtischlampe greifen: «— also, ich lasse bitten —.» Und dann, da sie sich an der Tür kaum herumgewendet hatte, widerrufend: «— nein — sagen Sie, ich käme — nur einen Augenblick möge der Herr sich noch gedulden. Und zeigen Sie ihm doch Jnzwischen —» Erscheint jeden Dienstag und Freitno Wöchentliche Beilage .Autler-Felerahend". Monatlich 1 mal ..Gelbe Uste'- REDAKTION u. ADMINISTRATION: Brettenralnstr. 97, Bern Telephon 28.222 - Postcheck III .414.. • Telegramm-Adressef Autorevue, Bern Geschäftsstelle 7.0rieh: Löwenstrasse 51, Telephon 39.743 Nebengeleise schieben, wenn der Chef des eidg. Finanzdepartementes in seiner unlängst am Schweiz. Bankiertag gehaltenen Rede behauptet, es werde dem Bundesrat als Todsünde angekreidet, vor der Beschlussfassung über die Zollerhöhung nicht die verschiedenen Interessengruppen orientiert oder zum mindesten konsultiert zu haben. Auch wir wissen, dass ohne neue Einnahmequellen der Bund seine Aufgaben nicht erfüllen kann, dass aber die Erhöhung der fikalischen Durchschnittsbelastung pro Motorfahrzeug von 384 Fr. im Jahre 1927 auf 422,70 Fr. rund vier Jahre später bis auf 775 Fr. vor der Benzinzollerhöhung grössere Einnahmen erschliesse, möchten wir sehr bezweifeln. Stellt man dieser Belastung beispielsweise das Jammergeschrei des « Eisenbahners » wegendem Zuckerzoll: « Wir tragen die Opfer, denn wir sind uns gewöhnt, grosse Opfer zu bringen » gegenüber, so fragt man unwillkürlich nach der Berechtigung solcher Phrasen. Doch es war noch stets so, geht es den Bahnen nicht gerade gut, so wird in irgendeiner Form eine Attacke gegen das Motorfahrzeug geritten. An allem muss dieses schuld sein, genau so, wie es in manchen Ländern zu Zeiten wirtschaftlicher oder politischer Krisen heisst: «Haut den Juden —..der Jud ist schuld». Während wir im Kampf gegen die neue Zollmassnahme vornehmlich den Standpunkt des motorisierten Leichtverkehrs verteidigt haben, versucht der Verband Schweiz. Motorlastwagenbesitzer in seiner kürzlich erfolgten Eingabe an die Bundesversammlung, vor allem die Interessen des motorisierten Schwerverkehrs zu wahren. Mit gründlichen statistischen Erhebungen demonstriert die « Aspa » unserer eidgenössischen Behörde vor, wie sich die Zollmassnahme in einigen Berufszweigen prohibitiv auswirkt, und zwar gerade in Kreisen, welche man vermutlich mit der Zollbelastung in letzter Linie treffen wollte. Auszugsweise seien die hauptsächlichsten Argumente dieser Eingabe im nachstehenden wiedergegeben, geht doch daraus mit aller ^Deutlichkeit hervor, mit welch ungerechten 'Mitteln ein grosser Teil unseres Volkes nach allen Regeln der Kunst ausgepresst wird: 1. Das statistische Ergebnis. Auf Grund einer Umfrage bei allen grössern Wageninhabern der Schweiz mit 6 und mehr Wagen ergeben sich die Verbrauchszablen für das Jahr 1934 gemäss Tabelle I: Jetzt war sie wieder fort. Die Lampe auf dem Schreibtisch drehte er an, die Lichterkrone an der Decke — beinahe schmerzhaft fiel die jähe Helle auf ihn herein. Um seinen Schreibtisch wollte er herum. Da stand nun wieder diese kleine Staffelei mit dem verhängten Bilde — dem «Inquisitor» des Greco —. Das hatte der Doktor Marane wiederum zurechtgestellt, damit man es dem alten Sir Joshua gleich, zeigen könne, wenn er käme. Ein wenig rückte Utenhoven die Staffelei mit ihrem grün verdeckten Bilde, um besser durch zu können. Dannn war er vor dem kleinen Wandschrank, ' öffnete, sah in den Spiegel, der da in die Innenseite der Tür eingelassen war. Die wüst zerrissenen, zermürbten Züge eines alternden Indianers blickten ihm entgegen. Verboten elend sah er aus — gelb, übermüdet und verfallen. Ueber die Stirne, über beide Wangen strich er sich mehrmals kräftig knetend hin. Ah — das- tat gut — das trieb das Blut vor, gab frischere Farbe. An seinem Schreibtisch war er wieder, und aus dem Seitenfache, in dem er das Rauchzeug und die Schnäpse für gelegentliche Gäste und Geschäftsfreunde verschlossen hielt, holte er den Henessy vor, goss ein und kippte. Sah ärgerlich, wie seine Hand .mit „ 1 Benzinkonsum ' | l l % I " 2 Bcriifoweig » Z £ = _ e I I Rohölkonsum 1. Lebensmittelbranche 22 46 343 710 15 623 7 472 2. Transportünternehmungeh 28 75 8 789 300 28190 10 52^ 3. Kant. u. städtische Betriebe 5 1 16 201250 40 250 12 578 4. Diverse Berufe 7 14 257 000 36 714 18 358 Total 62 151». 1591260 25 665 10 538 1 wovon 6 Kantone und 13 Städte mit Einschluss der städt. Omnibusbetriebe. 1 ohne die Personenwagen der Taxihalter. * nur Lastwagen und Autocars. Es geht daraus hervor, dass sich per Wagen ein mittlerer Verbrauch von Benzin = 5 096 kg Rohöl = 10 538 kg ergibt. • Unter Abzrij. der 821 per Ende 1934 von der eidgenössischen Postverwaltung. ausgewiesenen Fahrzeuge für den. Regiebetrieb und die Bedürfnisse der Telephon- und Telegraphenverwaltung, d». sich «des verbilligten Militärbenzins bedienen und somit \in-der• *ön der Zollverwaltung ausgewiesenen Einfuhr^nenge nicht inbegriffen sind, verbleiben Ende September 1934 an Motorlastwagen und Autocars im Privatbetrieb 19 494 Nutzfahrzeuge. Da das in Tabelle I enthaltene Durchschnittsergebnis für den Brennstoffverbrauch den verschiedenartigsten Betriebsverhältnissen entspringt, darf es als mittlerer Verbrauch -.dfeser gesamten Wagenkategorie angesprochen werden. Demzufolge ergibt sich hieraus für die crewerblichen Motorfahrzeuge unter Abzug der 791 Rohölfahrzeuge ein Verbrauch von: 19 494 —• 791 *= 18 703 X 5 096 = rund 95 310 000 kg Benzin. Bei einer Gesamteinfuhr im Jahre 1934 = 218,547,100 kg macht dies somit für diese Fahrzeuge allein schon 43,6% aus, wozu noch der Konsum der industriellen Traktoren hinzuzuzählen bleibt. Da der Rohölimport von 8,327,400 kg sehr wahrscheinlich restlos durch die Nutzfahrzeuge verbraucht worden ist, resultiert demnach, dass die Hälfte des gesamten Brennstoffverbrauchs durch Handel und Industrie konsumiert worden ist, was die ganz beträchtliche Belastung derselben durch die Zollerhöhung illustriert. 2. Die wirtschaftliche Seite. Wenn gelegentlich geltend gemacht wird, das Automobil sei als Luxusgegenstand zu betrachten dem erhobenen Glase ein wenig pulste — und goss noch einmal ein — So —. Und dann, hart entschlossen, hatte er die Tür offen, Hess sie hinter sich zugleiten und war mit wenigen Schritten mitten in dem Saale, in dem neben dem Fräulein Lissy Erler vor einem dem Moroni zugeschriebenen heroisch aufgefassten Bilde eines venezianischen Granden das graue, dürftige Herrchen, den Hut, Handschuhe und ein altmodisches Stöckchen mit Elfenbeinkrücke in Händen, stand und sich jetzt zu ihm wandte. Ein Ausdruck von Ueberraschung trat auf Utenhovens Züge, und beinahe eine Schwebung zu lebhaft klang ihm die eigene Stimme: «— ach! — Sie sind es, Herr Doktor — verzeihen Sie, ich hatte den Namen nicht genau verstanden —» Zugleich aber empfand er wieder, und schärfer noch als damals, da er ihn zum ersten Male gesehen hatte, und als später in der Erinnerung doch immer wieder, die aufdrängende Mahnung: woher nur kenne ich dieses tausendjährige, in Skepsis und in Ueberlegenheiten überzüchtete Gesicht ? — wo nur habe ich den — oder doch einen, der ihm wie ein Bruder gleicht, gesehen ? Der alte Herr hob ihm langsam die dürre Hand entgegen. Die brüchig-weinerliche Stimme, die beinahe um Entschuldigung zu bitten schien, dass sie zu reden wagte, bestätigte bescheiden: «Ja — ich —, wenn ich Sie nicht störe —> IN SERTIONS -PREIS: Die achtgespaltene 2 mm hohe Grundzeit oder deren Raum 45 Rp. Grössere Inserate nach Spezialtarif. Inseratensehlnss 4 Tane vor Erscheinen der Nummern !i I • Ü < * > a a 1. Lebensmittel- 3 kg kg kg branche 79 1292 5 384 388 68157 4168 2. Transportunternehmungen * 69 698' 4 209 220 61003 6030 3. Kant. u. städtische Betriebe 19 1 613 3 483 400 183 337 5682 4. Div. Berufe 44 533 2 904 500 66 011 5499 Total 211 3136 3 15 981508 75 742 5096 Wir berichten heute über: Veränderungen im schweizer. Automobilimport. Rückblick auf Monza. Neue internat. Verkehrssignale. Die transkontinentale Strasse von London nach Istambul. Schwungradanlaßvorrichtungen für Dieselmotoren. Motorfahrzeug-Aussenhandel. Wolken-Segelflug. Bilder: Seite 8. und dementsprechend fiskalisch zu belasten, so trifftdie« sicherlich für die Kategorie der gewerblichen. Fahrzeuge nicht zu. Für diese bedeutet der Mehrzoll eine Erhöhung der Geschäftsunkosten und damit eine Steigerung der Warenpreise. a) LebensmitteL # Geht schon aus Tabelle I der überwiegend jrrossa Anteil der Lebensmittelbranche an dem grössten Wagenbestand mit insgesamt 1292 + 46 = 1338 Wagen hervor, oder ein Durchschnitt von 17 Waj?en; pro Betrieb, so zeigt es sich weiter, dass sich darunter Firmen befinden, die über ganz respektable Wagenzahlen verfügen. Unsere Statistische'' Erbebung gibt Aufschluss über deren Brennstoffkonsüm und seien als Beispiel folgende Zahlen aufgeführt: Mehrbeiast. Benzinkonsum durch! Zollerhöhung brutto 1 Firma mit .80 Wagen 170000 kg Fr. ,15 640 1 » » 76 ' » 346 000 » »31832 1 » » 63 » 200 000 » > 18 400 1 » > 55 » 250 000 » » 23 000 1 » » 45 • 140 000 » > 12 880 Für die Wagen der Lebensmittelbranche allein resultiert somit aus der Zollsteigerung eine Mehrbelastung von: Wagen Brennstoffkonsum neuer Zoll- Zollmehrzuschlag belastung 1292 5 384 388 kg Benzin Fr. 9.20 Fr. 495 364 46 343 710 kg Rohöl Fr. 14.95 Fr. 51386 Zollmehrbelastung total Fr. 546 750 Es darf als selbstverständlich betrachtet werden, dass diese gewaltige Mehrbelastung der Betriebskosten durch entsprechende Zuschläge auf die Le-> bensmittelpreise wieder herausgewirtschaftet werden muss, wobei zu berücksichtigen ist, dass in gewissen. Branchen des Lebensmittelhandels die Transportkosten bis zu 50% des Warenwertes ausmachen. In derartigen Betrieben wirkt sich daher eine Zollsteigerung um Fr. 9.20 oder «40%. für Benzin und Fr. 14.95 oder 433,3% für Rohöl geradezu katastrophal aus. Es darf daher nicht wundern, wenn nach I einer allgemein konstatierten Senkung der Lebens^ Und dann, mit einem matten und verhau-; gehen Blick über die Bilder und die Plastiken an Wänden und auf Postamenten ringsumher: «Ich sagte schon dem verehrten Fräulein — Sie hatten mir ja doch erlaubt, mir einmal Ihre Schätze anzusehen — und da ich nun auf meinem Abendgange gerade hier vorüberkam, so möchte ich, rein privat — ja, rein privat — wenn Sie gestatten —» Joos Utenhoven nickte heftig und nahm zugleich dem Doktor Adriani Hut und Stock aus den Händen, legte sie auf eine mit einer alten Kasel aus grünem Seidensamt bedeckte Truhe: «Sehr gerne — ja, natürlich —. Sie interessieren sich für alte Kunst?» «Interessieren — ja — von Fall zu Fall, wenn man so sagen darf —. Denn — nicht wahr? — unsereiner läuft doch im Grunde eben seinen eingefahrenen Trott — und; alles andere, was das Leben einem sonst so in die Hände spielt, ist Ornament an diesem Alltag und gewissermassen eine schöne Arabeske — ein Geschenk —. Ist es nicht so?» Er schwieg — er- wollte keine Antwort, sagte dann: «Ja — das verehrte Fräulein war ja auch bereits so gütig, mir allerlei zu zeigen —» Joos Utenhoven meinte, um etwas zu sagen: «Und was Sie bisher sahen, hat Ihnen gefallen ?» «—gefallen ? — ach —», das dünne Stimmchen klagte: « — sehen Sie, wie ich ja schon sagte, ich bin nur Dilettant, ein Werturteil