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E_1935_Zeitung_Nr.076

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BERN, Freitag, 20. September 1935 Nummer 20 Rp. 31. Jahrgang - N« 76 ERSTE SCHWEIZERISCHE AUTOMOBIL-ZEITUNG Zentralblatt für die schweizerischen Automobil- und Verkehrsinteressen ABONNEMENTS-PREISE: Aasgabe A (ohne Versicherung) halbjährlich Fr. 5.—, jährlich Fr. IQ- Ausland mit Portozuschlag, wenn nicht postamtlich abonniert Ausgabe B (mit gew. Unfallversich.) vierteljährlich Fr. 7.50 Ausgabe C (mit Insassenversicherung) vierteljährlich Fr. 7.50 Durch Verkehrserziehung zur Verkehrssicherheit Die unaufhaltsame Entwicklung des Motorfahrzeuges hat dem modernen Strassenverkehr zu Stadt und Land ein vollkommen neues Aussehen verliehen. Tempo, Kraft und Masse beherrschen die Strasse. Dieser Umstellung muss sich der Mensch notgedrungen anpassen, will er nicht an Leib und Gut zu Schaden kommen. Besonders im Großstadtverkehr musste in den letzten Jahren mancher wohl oder übel etwas lernen, wovon seine Grossväter noch keine Ahnung hatten, nämlich das richtige Verhalten auf der Strasse im Strudel des Verkehrs. Mit dem Aufkommen des Motorfahrzeuges sah sich der Staat notgedrungen gezwungen, der Verkehrssicherheit die notwendige Aufmerksamkeit zu schenken. In allen Kulturstaaten brachte man deshalb vor allem dem Problem der Verkehrserziehung grösste Beachtung entgegen; man versucht an Hand statistischer Erfassung des Verkehrs, der Verkehrsunfälle und deren Ursachen, Vorkehren zu treffen, welche eine möglichst hohe Verkehrssicherheit anstrebten. Als modernste Aufklärung auf diesem Gebiete ist die in vielen in- und ausländischen Städten angewandte Methode der Verkehrswoche zu bezeichnen, wie sie z. B. bei uns bereits in Zürich, Winterthur und Luzern zur Durchführung gelangte und vom 21. bis 28. September a. c. in der Bundeshauptstadt angewendet werden soll. Um Unfälle im Strassenverkehr nach Möglichkeit auf ein relatives Minimum beschränken zu können, müssen sich die zu treffenden Massnahmen auf Fahrbahn, Fahrzeug, Fahrzeugführer, Verkehrsregelung und Verkehrsdisziplin erstrecken. Bezüglich der ersten drei Faktoren setzen wir als bekannt voraus, dass für die Verkehrssicherheit ausser dem Zustand der Strasse, speziell unter Berücksichtigung der stetig steigenden Geschwindigkerten der Motorfahrzeuge, auch deren Anlage von grosser Wichtigkeit ist, dass die Fahrzeuge mit den gesetzlich vorgeschriebenen Ausrüstungen versehen sein sollen, und dass nur solche Personen Fahrzeuge lenken und bedienen dürfen, die den nach Fahrzeugart verschieden hohen Anforderungen sowohl physisch als auch geistig gewachsen sind. Die wichtigste Voraussetzung für die Sicherheit des Verkehrs aber ist eine klare und einfache, möglichst bestimmte Kodifizierung der Verkehrsregeln. Gerade in unserem kleinen Lande, in wel- F E U I L L E T O N Die Versuchung des Joos Utenhoven. von Karl Rosner. (28. Fortsetzung.) «— gewiss: Beweise —», sagte er, «wo sind Beweise? Aber auch auf dem Felde hat man doch so vieles schon erlebt —.» Er schwieg, er sah nun wieder schmerzlich und bekümmert auf seine alten hageren Hände — setzte einmal zum Sprechen an — und hielt doch wieder ein — «Problema —!» stiess er dann mit einem Seufzen vor: «— ach, man wird dieser Dinge müde — wird geschwätzig — redet am Ende mehr, als man wohl reden sollte —. Aber gerade wenn man sich sieht versteht — und wenn es sich so fügt, dass man so rein als Mensch zum Menschen sich gegenübersitzt —, und ich verstehe Sie — ja — ich verstehe Sie, Joos Utenhoven —» Für Augenblicke sass er still hob dann den abgesunkenen Kopf und liess die Worte seines Monologes vor sich hin weiter in die Stille rinnen: «Problema, sagte ich —. Ein Beispiel — ein fiktiver Fall, wenn Sie so wollen —: Also da spielt in irgendeiner Sache eine Waffe mit Erscheint jeden Dienstag und Freitag Wöchentliche Beilage .Autler-Felerabend". Monatlich 1 mal „Gelbe Liste" REDAKTION u. ADMINISTRATION: Breitenrainstp. 97, Bern Telephon 28.222 - Postcheck III414 - Telegramm-Adresse: Autorevue, Bern Geschäftsstelle Zürich: Löwenstrasse 51, Telephon 39.743 chem relativ kurze Strecken oft durch mehrere kantonale Hoheitsgebiete führen und speziell, weil einzelne Kantone und sogar Gemeinden zu gern eigene Spezialitäten hegen und pflegen möchten, muss mit allem Nachdruck auf gleichmässige Anwendung der Verkehrsregeln tendiert werden. Oertliche Abweichungen sollen und dürfen nur in engstem Rahmen erfolgen. Nur dann können sich alle getroffenen Massnahmen im Sinne einer möglichst grossen Verkehrssicherheit auswirken, wenn alle Wegbenützer jederzeit strengste Verkehrsdisziplin ihre Rolle — die Waffe, durch die eine ihr Leben lassen musste —. Sagen wir — ein Dolch —. Bei dem, den man bei der Toten antrifft und der in den Verdacht des Mordes gerät, wird dieser "Dolch gefunden — der Mann muss zugeben, dass das Ding ihm gehört, will sich, wie er sich in der Enge fühlt, sogar selbst damit aus der Welt schaffen. Ein Dritter, der zugegen ist, ein Arzt, ringt ihm die Waffe ab. — Bis daher alles gut. Das Ding wird unter aller Vorsicht konserviert und untersucht: Fingerabdrucke — nun, das kennt man ja —. Aber — du lieber Gott! — was läuft da auf diesem brünierten Stahl nicht alles durcheinander und zusammen: die Spur des armen Narren — die Hand der toten Frau, die ihm das Ding nach seiner Aussage am Tage vorher abnahm und die sich, wie er annimmt, damit selbst getötet hat — der Arzt —. Ja — und noch eine vierte Hand —die von späteren Papillarkurven zum Teid überschnitten ist und die genaue so liegt, als hätte auch sie um die Waffe gegriffen —» Joos Utenhovens Kehle würgte —. Bleich, unbewegt sass er, die Hände um die Armgriffe des Sessels, und starrte ohne Lidschlag in das Licht. Klein, spitze schwarze Punkte waren die Pupillen seiner Augen. «Wer ist die vierte Hand ?» fragte die weinerliche Stimme. «Wenn ich beweisen kann, wem sie gehört, verändert sich das Bild — diese nicht beherrscht und ihnen nicht nachgelebt wird, haben die gesetzlichen Bestimmungen und die hiemit verbundenen Strafsanktionen nur akademischen Wert. Wie wichtig ist es doch, zu wissen, zu welchen Vorsichtsmassnahmen, zu welchem Verhalten der andere Strassenbenützer verpflichtet ist, um sich auf diese Weise selbst wirksam vor Unfällen zu schützen! Behördliches Eingreifen als erzieherische Massnahme, sei es durch Verzeigen oder Strafe, hebt die Verkehrssicherheit kaum, führt sogar eher das Gegenteil des Gewünschten herbei, denn man sucht heute ja so gern einen Sündenbock, an dem sich Verdrossenheit und Unmut abreagieren lassen. Wirksame Abhilfe wird nur geschaffen, wenn jeder Strassenbenützer die Verkehrsvorschriften kennt und sie freiwillig, aus eigenem Antrieb und Verantwortungsgefühl berücksichtigt und so seinen guten Willen zeigt, durch korrektes Verhalten zur Vermeidung von Unfällen beizutragen. Vor allem aber gilt es, den sogenannten dann habe ich für eine Möglichkeit, die mir bisher nur auf dem Wege rein psychologischer Erwägungen beachtenswert erschien, vielleicht den handfesten und sinnlich wahrnehmbaren Hinweis — Da war vor ein, zwei Wochen einer bei mir in der Arbeitszelle, in der ich noch ein paar von diesen Akten überprüfen muss. Ich habe ihm die Glasplatten von Aufnahmen gezeigt, die man in seinem Hause machte. Auf diesen Glasplatten habe ich dann, als er von mir fortgegangen war, die vierte Hand gefunden —» Er schwieg — er sagte: «Bin ich damit weiter? Und halte ich damit den Täter? Nach der Logik dieses Indiziums: vielleicht — vielleicht auch nicht. Nicht sicherer, dass er es war — als dass der andere es tat —, oder dass sich die Frau selbst um das Leben brachte —. Und sicher eines nur: dass es bisher noch völlig unsichtig erscheint, wann und zu welchem Zweck diese vierte Hand mit ihren halb verwischten Spuren den Dolch — nun ja, den Dolch, so nannten wir die Waffe ja —.umgriffen hielt —.» Sein Blick erhob sich zu Utenhoven, seine farblosen und dünnen Lippen klafften auf, als wollte er noch etwas sagen — aber das sank ins Nichts zurück — Jetzt war es wieder still zwischen den beiden — INSERTIONS-PREIS: Die achtgespaltene 1 mm hohe Grundzeile oder deren Raum 45 Rp. Grössere Inserate nach Spezialtaril. Inserntenschluss i Tage vor Erscheinen der Nummern Wir berichten heute Querschnitt. Der Grosse Preis von Spanien. Amerikas Autoproduktion. Moderne Karosserie und Kühlung. Berner Flugwoche. Politik und Benzinzoll. üben. Diese Verkehrswochen bezwecken Warnungen und 3915 zogen noch mündliche Verwarnungen zu. Auch in Düsseldorf hat eine zehn- denn auch, in der gesamten Bevölkerung ein starkes gegenseitiges Verantwortungsgefühl stündige Verkehrskontrolle nicht weniger als zu wecken, sie hierin im rastlosen Getriebe 12,400 Verwarnungen gezeitigt: an erster Stelle, der Praxis zu schulen. mit 4200, wiederum die Velofahrer, dann die Fussgänger mit 3900, die Fuhrwerke mit 1000 und, Es ist namentlich in der Schweiz keine erst in letzter Linie die Motorfahrzeuge mit 800 leichte Aufgabe, mit den zur Verfügung stehenden Rechtsmitteln Ordnung in den Stras- Verwarnungen. In der Kategorie * der gebührenpflichtigen Verwarnungen liegen mit 1200 eben- « Sinn für die Strasse » falls die Radfahrer an erster Stelle, gefolgt von. senverkehr zu bringen, genügt doch schon zu wecken, in erster Linie bei den älteren den 800 Motorfahrzeugführern und den 400 Fussgängern, von denen doch nur ein richtiges Ueber- die höflichste Bemerkung, den für Fussgänger bestimmten Streifen benützen zu Genüge, dass sich die Jugend, wobei der queren der Strasse verfolgt wird. In der badi-. Semestern, zeigen doch die Erfahrungen zur wollen, um den Protest des demokratischen Verkehrsunterricht in der Schule sicher viel sehen Landeshauptstadt wurden im Monat Juli Schweizerbürgers, als -des die Steuern entrichtenden und sich deshalb auf der Strasse nen Strassenverkehr gewöhnt hat. warnt. Italien verzeichnet während -des I, Seme- a. c. 932 Automobilisten, 3003 Radfahrer, 129 beiträgt, schon weitgehendst an den moder- Fuhrleute und 17 Fussgänger gebührenpflichtig ver- nach freiem Ermessen bewegenden Fussgängers auszulösen. Schonungsvoll müssen essanterweise die stark verbreitete Ansicht, der unfälle: 7046 (38%) Motorfahrzeuge, 4324 (23%) ; Diese Verkehrserziehungswochen haben intersters 1934 folgende Statistik über die Verkehrs- sämtliche Strassenbenützer überzeugt werden, dass bessere Ordnung im Verkehr, d. h. grösste Zahl von Verkehrsunfällen, eindeutig re- Verschiedene und 189 (1%) Trams zusammen Automobilist sei der undisziplinierteste aller Fussgänger, 3277 (17%) Radfahrer, 2321 (12%) Strassenbenützer, verschulde er doch die weitaus Motorradfahrer, 858 (5%) Fuhrwerke, 772 (4%) eine höhere Verkehrssicherheit, nur dann zu vidiert, denn es zeigen die bisherigen Erhebungen, dass z. B. in Luzern vom 5.—11. August a. c. Während beinahe in allen kontinentalen Staa- 18,787 Verkehrsunfälle. erzielen ist, wenn der Velofahrer auf den Automobilisten, der Fussgänger auf den Motorradfahrer, der Fuhrmann auf spielende hatten keinen Rückstrahler, 68 defekte Bremsen kehrsunfälle auf absteigender Linie begriffen sind 742 Radfahrer zu verwarnen waren, 581 Velos ten die durch das Motorfahrzeug verursachten Very und 65 keine Glocke, während nur 299 Motorfahrzeugführer wegen -Uebertretung der Verkehrsvor- der Schweiz im I. Halbjahr 1935), tendiert in den' Kinder, oder einfach jeder auf den andern (vergleiche auch «Die Strassenverkehrsunfälle in grösstmöglichste Rücksicht nimmt, wovon schriften angehalten und nicht weniger als 4000mal Vereinigten Staaten von Amerika die Unfallkurve übrigens auch die an die Schiene gebundenen Tramführer nicht auszunehmen sind. musste. Auch in Zürich und Winterthur hat die der durch Verkehrsunfälle Getöteten rund 34,000, seine Majestät, der Fussgänger,- ermahnt werden nach aufwärts. Im Jahre 1934 betrug die Zahl letztere Kategorie der Strassenbenützer am Strassenverkehr soll auf diese Weise, wie was ungefähr der heutigen Wohnbevölkerung von schlechtesten abgeschnitten; in der Limmatstadt der stadtbernische Polizeidirektor Müller La Chaux-de-Fonds entsprechen dürfte. Die zogen 1225 derselben die Aufmerksamkeit der schwersten Unfälle ereignen sich merkwürdigerweise auf den grossen Automobilstrassen, und kürzlich ausführte, im Grunde nichts anderes sein, als stetes Geben und Entgegenneh- sich; die holde Weiblichkeit stellte übrigens ein zwar grösstenteils am Tage bei gutem Wetter. Bei Strassenpolizei wegen falschen -Verhaltens auf men von Höflichkeit und Anstand. Der Hobel wird allerdings noch verschiedentlich einer Gesamtbevölkerung von über 122 Mill. darf ansehnliches Kontingent von Verkehrssündern. der grossen amerikanischen Verkehrsdichte und Nicht weniger als 948 Radfahrer glaubten, Art. 29 des M. F. G. (Katzenauge) gelte nur für die c andern». Aehnliche Erhebungen im Ausland haben fährlichkeit irgendeines Verkehrsmittels allerdings man obige Zahl in ihrer Bedeutung für die Ge- und teilweise mit starkem Druck angesetzt werden müssen, bis dass sich die gute Erziehung des Menschen auch, oder besser vor ten Teil sind es die wilden Radler dieser Zunft, lichen Autobahnen sich ereignenden Unfälle ist gezeigt, dass auch dort die Radfahrer, zum gröss- nicht überschätzen. Bezüglich der auf den eigent- sich, trotz allen Belehrungen, durch eine, nicht zu allem, im korrekten Benehmen auf der zu berücksichtigen, dass die ausserordentlich leichte verantwortende Disziplinlosigkeit auszeichnen. In Bauart der amerikanischen Wagen, welche, da Strasse dokumentiert, denn allzulang wurden die Zügel nur locker gehandhabt. 4627 radfahrende Verkehrssünder fest und anlässren Motoren ausgerüstet sind, eine erhebliche Berlin z. B. stellte man an einem einzigen Tage der Brennstoff billig ist, zudem mit sehr schwelich einer kürzlich durchgeführten umfassenden Rolle spielt. Amerika beweist dadurch, dass das Als weiteres Ziel hat sich die öffentliche Kontrolle des Radfahrerverkehrs in der Reichshauptstadt wurden 904 Velos beschlagnahmt, 2356 günstige Leistungsgewichtsverhältnis, das Stekkenpferd der Konstrukteure, zweifellos auch seine Verkehrserziehung vorgenommen, die Strassenbenützer zur Einhaltung der verschiedetung der Verkehrsvorschriften zu verantworten. zeugen. Um die meist über 100 km/St, betragende Radfahrer hatten "sieh wegen schwerer Uebertre- Schattenseiten hat, vor allem bei Gebrauchsfahrnen Verkehrsregeln zu bringen, denn solange 3633 Velofahrer erhielten gebührenpflichtige Ver- Geschwindigkeitsgrenze dieser Fahrzeuge auszu- über: Allein das ferne Stimmengewirr, gedämpfter Hupenruf Räderrasseln standen als Hall des draussen hinhastenden Lebens hinter dem dumpf lastenden Schweigen. Versunken, dürftig schmal und so, als ob er trübe dämmernd vor sich hin in die Leere träumte, sass Herr von Adriani — — bis Utenhoven, wie erwachend, diesen Bann mit einem Ruck durchstiess, sich rührte — In seinem Hirn kreisten, wirbelten wirr, alle Ruhe und Besonnenheit zerschlagend, fiebernd und flatternd sich verknäulend ein paar Gedankenfetzen: — nichts will das alles sagen — nichts! Das Schwein —! In eine Falle hat er mich gelockt — will mich jetzt überrumpeln —. Aber ich gebe mich ihm nicht — ich lasse diesen Rave nicht —. Den Kopf hob er zu ihm hinüber, warf ihn in den Nacken, und seine immer noch verkrampften Lippen wollten sich aus ihren Klammern lösen — öffnen — Aber da fuhr die dürre äderige Altershand des Adriani, der die aufbrechende Erschütterung des anderen einen Herzschlag lang missverstand, beinahe angstvoll abwehrend empor, stand für Sekunden steil und schneidend zwischen ihnen wie eine Wand —: »— nein — reden Sie jetzt nicht —, ich will nicht, dass Sie sprechen —!» Aber Joos Utenhoven schüttelte den Kopf,